NVL COPD, 2. Auflage – Teilpublikation

1 Definition und Epidemiologie

1.1 Definitionen

Die Inhalte dieses Kapitels beruhen auf einer Adaptation nationaler und internationaler Leitlinien 28829, 28825, 28828, 30153, 30154 sowie den Aussagen des DMP COPD. 30161

1.1.1 Definition der COPD

Die COPD (englisch: Chronic Obstructive Pulmonary Disease) ist eine chronische, in der Regel progrediente Atemwegs- und Lungenerkrankung, die durch eine nach Gabe von Bronchodilatatoren nicht vollständig reversible Atemwegsobstruktion gekennzeichnet ist. Sie geht einher mit einer chronisch obstruktiven Bronchitis und/oder einem Lungenemphysem.

Eine chronische Bronchitis ist durch dauerhaften Husten, in der Regel mit Auswurf über mindestens ein Jahr charakterisiert. Eine chronische obstruktive Bronchitis ist zusätzlich durch eine permanente Atemwegsobstruktion mit oder ohne Lungenüberblähung gekennzeichnet. Das Lungenemphysem ist charakterisiert durch eine Abnahme der Gasaustauschfläche der Lunge. Ausmaß der Obstruktion, Lungenüberblähung und Gasaustauschstörung können unabhängig voneinander variieren.

1.1.2 Definition der Exazerbation

Die Exazerbation der COPD ist definiert als eine akute, über mindestens 2 Tage anhaltende Verschlechterung der respiratorischen Symptome mit der Notwendigkeit einer Intensivierung der COPD-Therapie 28828. Der Exazerbation liegen eine entzündlich bedingte vermehrte Bronchokonstriktion und/oder Schleimproduktion mit Überblähung zugrunde. Klinisch kann sich diese durch eine Zunahme der Dyspnoe, des Hustens, des Sputumvolumens und/oder der Sputumpurulenz darstellen. 28828

 Informationen Vertiefende Informationen Exazerbationen: Differentialdiagnosen und Schweregrad

Eine Verschlechterung der respiratorischen Symptome kann auch andere Ursachen haben, die differentialdiagnostisch auszuschließen sind:

  • eine Pneumonie;
  • ein Pneumothorax;
  • linksventrikuläres Versagen/ein Lungenödem;
  • Herzrhythmusstörungen, z. B. neu aufgetretenes Vorhofflimmern;
  • Rechtsherzinsuffizienz;
  • eine Lungenembolie;
  • Lungenkrebs;
  • eine Obstruktion der oberen Atemwege;
  • ein Pleuraerguss;
  • wiederkehrende Aspirationen. 28829

Die Global Initiative for Chronic Obstructive Lung Disease (GOLD)-Klassifizierung des Schweregrades der Exazerbation 28825 basiert auf der Inanspruchnahme des Gesundheitswesens durch den Patienten beziehungsweise die Patientin (so genannte "Health Care Utilization = HCU") und wird durch die aktuelle S2k-Leitlinie COPD 28828 wie folgt interpretiert:

Tabelle 2: Schweregrad der Exazerbation (modifiziert nach 28828)

Schweregrad der Exazerbation

Definition

Leichte Exazerbationen

Werden nur mit zusätzlichen Gaben von kurz wirksamen Bronchodilatatoren von Patient*innen selbst behandelt und oft dem Behandelnden nicht berichtet.

Mittelschwere Exazerbationen

Der behandelnde Arzt oder die behandelnde Ärztin verordnet darüber hinaus ein systemisches Glucocortikosteroid und/oder ein Antibiotikum.

Schwere Exazerbationen

Eine intensivierte, ggf. stationäre Behandlung erfolgt.1

Sehr schwere Exazerbationen

 

Ereignisse, bei denen eine intensivierte Therapie auf einer Intensivstation oder einer Intermediate Care Unit als erforderlich angesehen wird.

1 Diese Klassifikation wird auch in pharmakologischen Studien angewendet. Es wird dabei in Kauf genommen, dass die Hospitalisationsrate in den europäischen Ländern um das Zehnfache variiert. 28828

Die Leitliniengruppe der NVL COPD möchte explizit auf die Einteilung der Exazerbation in 4 Schweregrade hinweisen. Dies ist eine Besonderheit in Deutschland – üblicherweise werden Exazerbationen im klinischen Setting als auch in der internationalen Forschung in 3 Schweregrade aufgeteilt.

Allgemeine Kriterien für die Einweisung in ein Krankenhaus finden sich im Kapitel 7 Versorgungskoordination.

1.1.3 Verlauf der Erkrankung

Der Krankheitsverlauf der COPD ist durch eine progrediente Verschlechterung der Lungenfunktion und eine zunehmende Beeinträchtigung des Befindens gekennzeichnet, insbesondere auch hervorgerufen durch rezidivierende Exazerbationen. 3247

1.1.4 Asthma-COPD-Overlap (ACO)

Die NICE-Leitlinie (National Institute for Health and Care Excellence: eine Einrichtung des Department of Health in Großbritannien) 30153 definiert mögliche asthmatische Merkmale bzw. Merkmale, die bei Patient*innen mit COPD auf eine Steroidreaktivität hindeuten können, als eine vorherige sichere Diagnose von Asthma oder Atopie, eine höhere Eosinophilenzahl im Blut (siehe auch Empfehlung 5-2), eine erhebliche Variation der FEV1 über die Zeit (mindestens 400 ml) oder eine erhebliche Variation des maximal exspiratorischen Flusses (mindestens 20%) im Verlauf des Tages. 30153

 Evidenzbeschreibung Evidenzbeschreibung

In einer für die Nationale VersorgungsLeitlinie Asthma 30515 durchgeführten systematischen Recherche wurde eine systematische Übersichtsarbeit 25044 identifiziert, die die Prävalenz des Asthma-COPD-Overlap (ACO) bei COPD-Patient*innen auf Basis von 13 Beobachtungsstudien auf 27% (95% KI 0,16; 0,38) schätzt. Patient*innen mit ACO waren im Vergleich zu Patient*innen mit COPD jünger 25044.

Eine selektiv eingebrachte Studie aus dem deutschen Versorgungskontext analysierte anhand von bundesweiten Abrechnungsdaten, wie viele Patient*innen im vertragsärztlichen Bereich überlappende Diagnosen für Asthma und COPD aufwiesen. 30856 Da bisher kein ICD-10-Code für ein Asthma-COPD-Overlap existiert, wurden diejenigen als ACO-Patient*innen definiert, bei denen Diagnosen sowohl von Asthma als auch von COPD in jeweils 2 Quartalen des Jahres (2017) codiert wurden. Es zeigte sich bei Patient*innen > 40 Jahren eine Diagnoseprävalenz von ACO von 1,5% in der Gesamtstudienpopulation (Frauen: 1,57%, Männer: 1,42%). Zudem stieg die Diagnoseprävalenz – unabhängig vom Geschlecht – mit zunehmendem Alter an (40-44-Jährige: 0,4%, 80-84-Jährige: 2,4%). 30856

Die aktuelle GOLD-Leitlinie 30154 bezieht sich explizit nicht mehr auf die Überlappung von Asthma und COPD (ACO). Sie betonen, dass Asthma und COPD unterschiedliche Erkrankungen sind, obwohl sie einige gemeinsame Eigenschaften und klinische Merkmale aufweisen können. 30154

 Tabelle Tabelle 3: Abgrenzung von Asthma und COPD anhand charakteristischer Merkmale

30515

Typische Merkmale

Asthma

COPD

Alter bei Erstdiagnose

häufig: Kindheit, Jugend

meist nicht vor der 6. Lebensdekade

Tabakrauchen

kein direkter Kausalzusammenhang; Verschlechterung durch Tabakrauch möglich

typisch

Hauptbeschwerden

anfallartig auftretende Atemnot

Atemnot bei Belastung

Verlauf

variabel, episodisch

meist progredient

Allergie

häufig

kein direkter Kausalzusammenhang

Atemwegsobstruktion

variabel, reversibel, oft aktuell nicht vorhanden

immer nachweisbar

FeNO (Fraktion des exhalierten Stickstoffmonoxids)

oft erhöht

normal bis niedrig

Eosinophilenzahl im Blut

häufig erhöht

meist normal

Reversibilität der Obstruktion

diagnostisches Kriterium, oft voll reversibel

nie voll reversibel

Bronchiale Hyperreagibilität

meist vorhanden

selten

Ansprechen der Obstruktion auf Corticosteroide

regelhaft vorhanden

selten

1.2 Epidemiologie

Die Aussagen dieses Abschnitts beruhen auf einer gezielten Suche nach epidemiologischen Daten aus dem deutschen Versorgungskontext. Berücksichtigt wurden dabei die Ergebnisse großer bevölkerungsbezogener Studien und Auswertungen von Versorgungsdaten.

Die Querschnittstudie GEDA 2014/2015-EHIS 29242 des Robert Koch-Instituts basiert auf selbstberichteten Angaben zu chronischer Bronchitis, chronisch obstruktiver Lungenerkrankung und Lungenemphysem von 22 702 Befragten einer repräsentativen erwachsenen Stichprobe mit ständigem Wohnsitz in Deutschland und errechnet eine 12-Monats-Prävalenz der bekannten COPD von 5,8%. Die 12-Monats-Prävalenzen von Frauen (5,8%, 95% KI 5,2; 6,4) und Männern (5,7%, 95% KI 5,2; 6,3) insgesamt befinden sich hierbei auf einem ähnlichen Niveau und steigen bei beiden Geschlechtern mit dem Alter deutlich an. Geschlechtsabhängige Unterschiede zeigten sich, wenn die Daten für verschiedene Altersstufen ausgewertet wurden. In der Gruppe der 45-64-Jährigen ergab sich bei den Frauen eine 12-Monats-Prävalenz von 5,1% (95% KI 4,3; 5,9) und bei den Männern von 6,3% (95% KI 5,4; 7,4). Bei den über 65-Jährigen erhöhte sich die 12-Monatsprävalenz bei den Frauen auf 11,0% (95% KI 9,5; 12,7) und bei den Männern auf 12,5% (95% KI 10,9; 14,3). In der Gruppe der 30-44-Jährigen hingegen scheinen mehr Frauen als Männer erkrankt zu sein (12-Monats-Prävalenz Frauen: 3,4% (95% KI 2,7; 4,4) und Männer 2,0% (95% KI 1,4; 2,9)). 29242

Auswertungen des Zi (Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung in Deutschland) von bundesweiten vertragsärztlichen Abrechnungsdaten (GKV-Versicherte; Alter ≥ 40 Jahre) zeigen eine Zunahme der Diagnoseprävalenz. Zwischen 2009 und 2017 sei die geschlechts- und altersstandardisierte COPD-Diagnoseprävalenz konstant von 5,1% im Jahr 2009 bis auf 6,4% im Jahr 2016 gestiegen, im Folgejahr bis 2017 dann gleichbleibend. Dies entspräche einer relativen Zunahme von 25%. Sowohl bei Frauen als auch bei Männern ist eine Zunahme zu beobachten, wobei die Diagnoseprävalenz über alle Altersjahre hinweg bei Männern höher war, als bei Frauen (z. B. im Jahr 2017: 7,4 % vs. 5,8 %). Auch in dieser Publikation zeigten sich geschlechtsabhängige relative Unterschiede mit zunehmendem Alter der eingeschlossenen Population (z. B. im Jahr 2017, Altersgruppe 85-89-Jährige: Diagnoseprävalenz Männer: 14,3 %, Frauen: 9,7 %) 29774.

NVL COPD, 2. Auflage, 2021. Version 1

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