NVL Asthma, 4. Auflage – Kurzfassung

2 Diagnostik und Monitoring

Allgemeines

 Algorithmus  Abbildung 1: Algorithmus für die Diagnostik des Asthmas

[Hintergrund und Evidenz]
(zum Vergrößern Abbildung bitte anklicken)

Abbildung 1: Algorithmus für die Diagnostik des Asthmas

Anamnese und Symptome

Empfehlungen/Statements

Empfehlungsgrad

2-1 [Hintergrund und Evidenz]

Bei Verdacht auf ein Asthma soll eine ausführliche Anamnese unter Berücksichtigung der in Tabelle 2 genannten Symptome, auslösenden Faktoren, Komorbiditäten und Risikofaktoren erhoben werden.

Starke Empfehlung

 Tabelle Tabelle 2: Asthmaspezifische Anamnese

[Hintergrund und Evidenz]

Symptome
(mit Häufigkeit, Variabilität und Intensität)

  • Wiederholtes Auftreten anfallartiger, oftmals nächtlicher Atemnot;
  • pfeifende Atemgeräusche ("Giemen");
  • Brustenge;
  • Husten mit und ohne Auswurf.

Auslösefaktoren

  • Atemwegsreize (z. B. Exposition gegenüber Allergenen, thermischen und chemischen Reizen, Rauch und Staub, pathologischer gastro-ösophagealer Reflux, rezidivierende und chronische Entzündungen im Hals-Nasen-Ohren-Bereich);
  • Tages- und Jahreszeit (z. B. Tag-/Nachtrhythmus, Allergenexposition);
  • Aufenthaltsort und Tätigkeit (z. B. Arbeitsplatz, Hobbys);
  • körperliche Belastung;
  • Atemwegsinfektionen;
  • Medikamente (z. B. NSAR, ASS, Betarezeptorenblocker);
  • emotionale Belastungsfaktoren;
  • aktive und passive Tabakexposition.

Risikofaktoren

  • Vorhandensein anderer Erkrankungen des atopischen Formenkreises (z. B. Ekzem, Rhinitis);
  • positive Familienanamnese (Allergie, Asthma);
  • psychosoziale Faktoren.

Komorbiditäten

  • Erkrankungen der oberen Atemwege;
  • pathologischer gastro-ösophagealer Reflux;
  • Adipositas;
  • Rhinitis und Sinusitis;
  • dysfunktionale Atmung;
  • COPD;
  • psychische Erkrankungen.

Objektive Messungen zur Sicherung der Diagnose

Empfehlungen/Statements

Empfehlungsgrad

2-2 [Hintergrund und Evidenz]

Um die Diagnose eines Asthmas zu erhärten, soll eine variable, (partiell) reversible Atemwegsobstruktion durch eine Lungenfunktionsprüfung, typischerweise durch Spirometrie, nachgewiesen werden.

Starke Empfehlung

2-3 [Hintergrund und Evidenz]

Die Spirometrie mit Darstellung der vollständigen Fluss-Volumen-(FV)-Kurve soll die Basis der Funktionsdiagnostik sein. Da das Verfahren mitarbeitsabhängig ist, sollen ggf. zusätzlich weniger mitarbeitsabhängige Methoden herangezogen werden (z. B. Bodyplethysmographie).

Starke Empfehlung

2-4 [Hintergrund und Evidenz]

Bei der Spirometrie sollen die besten Werte aus mindestens drei reproduzierbaren Fluss-Volumen-Kurven verwendet werden.

Starke Empfehlung

2-5 [Hintergrund und Evidenz]

Bei Patienten mit nachgewiesener Atemwegsobstruktion soll zur Bestätigung der Diagnose zunächst ein Reversibilitätstest mit kurzwirkenden Beta-2-Sympathomimetika (SABA) durchgeführt werden.

Starke Empfehlung

2-6 [Hintergrund und Evidenz]

Zusätzlich kann ein Reversibilitätstest mit einem rasch wirksamen Anticholinergikum durchgeführt werden.

Offene Empfehlung

2-7 [Hintergrund und Evidenz]

Bei Patienten mit begründetem Verdacht auf ein Asthma kann zur Sicherung der Diagnose zeitlich begrenzt ein Therapieansprechen auf inhalative Corticosteroide (ICS) oder orale Corticosteroide (OCS) geprüft werden.

Offene Empfehlung

2-8 [Hintergrund und Evidenz]

Sofern die Lungenfunktion nicht eingeschränkt ist, aber die Anamnese für ein Asthma spricht, sollte die Diagnose durch den Nachweis einer unspezifischen bronchialen Hyperreagibilität erhärtet werden.

Abgeschwächte Empfehlung

2-9 [Hintergrund und Evidenz]

Die Diagnose des Asthmas soll nicht ausschließlich durch Anwendung der Peak-Flow-Messung (PEF) gestellt werden.

Starke Negativ-Empfehlung

2-10 [Hintergrund und Evidenz]

Der diagnostische Zusatznutzen von FeNO in der Primärdiagnostik ist Gegenstand aktueller Forschung. Konfirmatorische Studien liegen noch nicht vor. Das Vorliegen von hohen FeNO-Werten erhöht die Wahrscheinlichkeit für die Diagnose Asthma und für das Ansprechen auf ICS. Ein niedriger FeNO-Wert schließt die Diagnose Asthma nicht aus.

Statement

Weiterführende Diagnostik

Empfehlungen/Statements

Empfehlungsgrad

2-11 [Hintergrund und Evidenz]

Bei fehlendem Ansprechen auf die Therapie, häufigen Bronchialinfekten, Lungeninfiltraten oder bei schwerem Asthma sollte aus differentialdiagnostischen Gründen eine ergänzende Labordiagnostik erfolgen.

Abgeschwächte Empfehlung

Allergiediagnostik

Empfehlungen/Statements

Empfehlungsgrad

2-12 [Hintergrund und Evidenz]

Bei Patienten mit Verdacht auf allergisches Asthma (siehe Empfehlung 2-1) soll eine allergologische Stufendiagnostik durchgeführt werden.

Diese besteht aus:

1. vertiefender Allergieanamnese einschließlich Berufsanamnese (ggf. Fragebogen);

2. Nachweis der allergenspezifischen, Immunglobulin E (IgE) vermittelten Sensibilisierung mittels:

  • Prick-Hauttest und/oder
  • Bestimmung des spezifischen IgE;
  • ggf. allergenspezifischen Organprovokationstests.

Starke Empfehlung

Überprüfung der Diagnose

Empfehlungen/Statements

Empfehlungsgrad

2-13 [Hintergrund und Evidenz]

Im Zweifel soll die Diagnose Asthma überprüft bzw. in Frage gestellt werden, insbesondere:

  • bei unzureichender Kontrolle trotz leitliniengerechter Therapie oder
  • nach einem mehrmonatigen Auslassversuch unter Berücksichtigung saisonaler Triggerfaktoren.

Starke Empfehlung

Asthma-COPD-Overlap

 Tabelle  Tabelle 5: Abgrenzung von Asthma und COPD (modifiziert nach [12])

Typische Merkmale

Asthma

COPD

Alter bei Erstdiagnose

häufig: Kindheit, Jugend

meist nicht vor der 6. Lebensdekade

Tabakrauchen

kein direkter Kausalzusammenhang; Verschlechterung durch Tabakrauch möglich

typisch

Hauptbeschwerden

anfallartig auftretende Atemnot

Atemnot bei Belastung

Verlauf

variabel, episodisch

meist progredient

Allergie

häufig

kein direkter Kausalzusammenhang

Atemwegsobstruktion

variabel, reversibel, oft aktuell nicht vorhanden

immer nachweisbar

FeNO

oft erhöht

normal bis niedrig

Bluteosinophilie

häufig erhöht

meist normal

Reversibilität der Obstruktion

oft voll reversibel

nie voll reversibel

Bronchiale Hyperreagibilität

meist vorhanden

selten

Ansprechen der Obstruktion auf Corticosteroide

regelhaft vorhanden

selten

Klassifikation des Asthmas: Asthmakontrolle

Empfehlungen/Statements

Empfehlungsgrad

2-14 [Hintergrund und Evidenz]

Als Grundlage der Therapie(-anpassung) ist die Beurteilung der Asthmakontrolle maßgeblich. Sie beruht auf klinisch leicht zu erfassenden Parametern.

Es werden drei Grade der Asthmakontrolle definiert:

  • kontrolliertes Asthma;
  • teilweise kontrolliertes Asthma;
  • unkontrolliertes Asthma.

(siehe Abbildung 2 und Abbildung 3)

Statement

2-15 [Hintergrund und Evidenz]

Der Grad der Asthmakontrolle soll in regelmäßigen Abständen überprüft werden, um festzustellen, ob die Therapieziele erreicht werden und eine Anpassung der Therapie (Intensivierung/Reduktion) indiziert ist.

Starke Empfehlung

 Algorithmus  Abbildung 2: Grade der Asthmakontrolle | Erwachsene (modifiziert nach [9] und [12])

 [Hintergrund und Evidenz]

Grade der Asthmakontrolle | Erwachsene

Gut kontrolliert

Teilweise kontrolliert

Unkontrolliert

Symptomkontrolle

Hatte der Patient in den letzten 4 Wochen:

□  Häufiger als zweimal in der Woche tagsüber Symptome.

□  Nächtliches Erwachen durch Asthma.

□  Gebrauch von Bedarfsmedikation für Symptome1,2 häufiger als zweimal in der Woche.

□  Aktivitätseinschränkung durch Asthma.

Kein Kriterium erfüllt

1-2 Kriterien erfüllt

3-4 Kriterien erfüllt

Beurteilung des Risikos für eine zukünftige Verschlechterung des Asthmas

Erhebung von:

- Lungenfunktion (Vorliegen einer Atemwegsobstruktion)

- Anzahl stattgehabter Exazerbationen (keine / ≥1x im Jahr / in der aktuellen Woche)

1 Ausgeschlossen ist Bedarfsmedikation, die vor sportlicher Aktivität angewandt wurde (siehe Empfehlung 5-3)

2 Dieses Kriterium ist nicht bei Patienten in Stufe 2 anwendbar, die ausschließlich die Fixkombination (ICS niedrigdosiert + Formoterol) bedarfsorientiert anwenden: Es gilt als erfüllt, wenn die Fixkombination häufiger als viermal pro Woche angewandt wird oder die empfohlene Tageshöchstdosis des Formoterol überschritten wird.

 Algorithmus  Abbildung 3: Grade der Asthmakontrolle | Kinder und Jugendliche(modifiziert nach [9] und [12])

[Hintergrund und Evidenz]

Grade der Asthmakontrolle | Kinder und Jugendliche

Gut kontrolliert

Teilweise kontrolliert

Unkontrolliert

Symptomkontrolle

Hatte der Patient in den letzten 4 Wochen:

□  Symptome tagsüber.

□  Nächtliches Erwachen durch Asthma.

□  Gebrauch von Bedarfsmedikation1.

□  Aktivitätseinschränkung durch Asthma.

Kein Kriterium erfüllt

1-2 Kriterien erfüllt

3-4 Kriterien erfüllt

Beurteilung des Risikos für eine zukünftige Verschlechterung des Asthmas

Erhebung von:

- Lungenfunktion (Vorliegen einer Atemwegsobstruktion)

- Anzahl stattgehabter Exazerbationen (keine / ≥1x im Jahr / in der aktuellen Woche)

1 Bei Patienten ab 12 Jahren, die in Stufe 2 ausschließlich die Fixkombination (ICS niedrigdosiert und Formoterol) bedarfsweise anwenden, ist das Kriterium nicht anwendbar: Bei gut kontrolliertem Asthma wird die Fixkombination nicht häufiger als zweimal pro Woche angewandt.

Monitoring

Empfehlungen/Statements

Empfehlungsgrad

2-16 [Hintergrund und Evidenz]

Bei jeder Verlaufskontrolle sollen folgende Parameter erhoben werden:

  • Asthmasymptome tagsüber;
  • Asthmasymptome bei körperlicher Belastung;
  • nächtliches Erwachen aufgrund von Symptomen;
  • Häufigkeit des Einsatzes von Bedarfsmedikation;
  • Einschränkungen der Aktivitäten des Alltags;
  • Therapieadhärenz;
  • Inhalationstechnik;
  • Häufigkeit des Auftretens und Auslöser von Exazerbationen;
  • Wirksamkeit und Verträglichkeit der medikamentösen Therapie.

Starke Empfehlung

2-17 [Hintergrund und Evidenz]

Bei Patienten mit Asthma, die eine Unterweisung in ein geeignetes Gerät erhalten haben, kann die PEF-Messung für das Monitoring und zur Verbesserung der Selbsteinschätzung empfohlen werden.

Offene Empfehlung

2-18 [Hintergrund und Evidenz]

Das Monitoring mittels repetitiver FeNO-Messung kann bei Patienten mit häufigen Exazerbationen eingesetzt werden, um durch Therapieanpassung weitere Exazerbationen zu reduzieren.

Offene Empfehlung

NVL Asthma, 4. Auflage, 2020. Version 1 – Kurzfassung
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