3 Diagnostik bei Verdacht auf chronische Herzinsuffizienz (Stand 2009)

NVL Chronische Herzinsuffizienz

2. Auflage, 2017. Version 3 – Druckversion (PDF ) | Kapitelübersicht | weitere Informationen

Die häufigsten Symptome, die auf eine chronische Herzinsuffizienz hinweisen, sind Luftnot, Müdigkeit (Erschöpfung/Leistungsminderung) und Flüssigkeitsretention. Patienten, die sich mit diesen Symptomen beim Arzt vorstellen, sind jedoch oft übergewichtig, rauchen oder leiden unter Erkrankungen wie Bluthochdruck, KHK oder Diabetes mellitus (siehe Kapitel 1 Definition und Epidemiologie). Angesichts der vielen Erkrankungen, die ebenfalls Luftnot, Müdigkeit und Flüssigkeitsretention verursachen können, besteht die schwierige Aufgabe bei der Diagnostik der Herzinsuffizienz darin, diese – mit möglichst geringem Aufwand – von anderen möglichen Ursachen für die Symptomatik (z. B. Adipositas, COPD, Depression) abzugrenzen [71]; [27]. Bei der Diagnostik der Herzinsuffizienz bestehen potentielle Nahtstellen zwischen der ambulanten hausärztlichen Versorgung, der ambulanten fachärztlichen Versorgung und ggf. dem stationären Sektor.

Ausschlaggebend für die zuverlässige Diagnose einer Herzinsuffizienz ist neben dem Vorliegen der typischen Symptome und/oder klinischen Zeichen, die Bestätigung einer systolischen oder diastolischen Funktionsstörung des linken Ventrikels oder einer anderen strukturellen Herzerkrankung, z. B. eines Mitralvitiums. Nachdem die Diagnose gestellt wurde, sind für die anschließenden Therapieentscheidungen unter Umständen weitere diagnostische Schritte notwendig.

Im Zuge der Therapiekontrolle und bei Änderungen des klinischen Status können weitere diagnostische Maßnahmen indiziert sein. Das empfohlene Vorgehen stellt Abbildung 5 vereinfachend dar.

Abbildung 5: Klinischer Algorithmus zur Diagnostik der chronischen Herzinsuffizienz
(zum Vergrößern Abbildung bitte anklicken)

Abbildung 5 Klinischer Algorithmus zur Diagnostik der chronischen Herzinsuffizienz

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3.1 Symptome, klinische Zeichen und Basisdiagnostik

Empfehlungen/Statements

Empfehlungsgrad

3-1

Bei Patienten mit den typischen Symptomen einer Herzinsuffizienz wie Dyspnoe, Müdigkeit, reduzierte physische Belastbarkeit und/oder Flüssigkeitsretention soll differentialdiagnostisch an eine zugrunde liegende Herzinsuffizienz gedacht werden.

"soll": Empfehlungsgrad A; starke Empfehlung

3-2

Bei Patienten mit Verdacht auf Herzinsuffizienz soll dieser Verdacht zunächst durch eine gründliche Anamnese und klinische Untersuchung weiter erhärtet oder entkräftet werden.

"soll": Empfehlungsgrad A; starke Empfehlung

Die Symptome und klinischen Zeichen der chronischen Herzinsuffizienz sind nicht ausreichend spezifisch, um eine zuverlässige Diagnose zu stellen [20]. Durch die empfohlenen Untersuchungen in der Basisdiagnostik kann aber der Verdacht auf eine Herzinsuffizienz weiter erhärtet oder entkräftet werden. Die Wahrscheinlichkeit für das Vorliegen einer Herzinsuffizienz steigt, wenn mehrere klinische Zeichen auftreten [20].

Die Evidenz zur diagnostischen Wertigkeit einzelner Symptome und der klinischen Zeichen wird insgesamt als unzureichend und teilweise inkonsistent bezeichnet [20]. Meist stammen quantitative Angaben zu Sensitivität und Spezifität aus kleinen Studien an Hochrisikopatienten und sind deshalb kaum auf die hausärztliche Versorgung übertragbar [20]. Eingeschränkt wird die Aussagekraft entsprechender Studien zudem durch eine geringe Untersucherübereinstimmung bei einigen klinischen Zeichen (z. B. beim dritten Herzton) [20]. Aufgrund der unzureichenden Evidenzlage basieren die Empfehlungen in den berücksichtigten Leitlinien zur Basisdiagnostik überwiegend auf Expertenkonsens.

Die drei häufigsten Symptome bei einer chronischen Herzinsuffizienz sind laut Expertenmeinungen in den Leitlinien übereinstimmend Dyspnoe, Müdigkeit (Erschöpfung/Leistungsminderung) und Flüssigkeitsretention [20]; [27]; [72]; seltener sind trockener Husten oder andere Symptome (siehe Tabelle 10). Die Schwere der Symptome sagt jedoch nichts über die Einschränkung der linksventrikulären Funktion aus [20].

Tabelle 10: Symptome der Herzinsuffizienz [20]

Symptom

Bemerkung

Dyspnoe

als Belastungsdyspnoe bei unterschiedlich schwerer Belastung (siehe NYHA-Klassifikation), als Ruhedyspnoe, als Orthopnoe, als paroxysmale nächtliche Dyspnoe (PND)

Leistungsminderung/ Müdigkeit

inadäquate Erschöpfung nach Belastungen, allgemeine Schwäche, Lethargie, reduzierte physische Belastbarkeit

Flüssigkeitsretention

  • periphere Ödeme in abhängigen Körperpartien (Knöchel, Unterschenkel, bei bettlägerigen Patienten auch sakral) – ausgeprägt als Anasarka
  • Pleuraerguss, Aszites, Gewichtszunahme

Trockener Husten

  • insbesondere nächtlich
  • häufig als Asthma, Bronchitis oder ACE-Hemmer-induzierter Husten missdeutet!

Andere

  • Nykturie
  • Schwindelanfälle, Palpitationen, Synkopen unter Umständen Hinweis für intermittierende oder permanente Herzrhythmusstörungen
  • Übelkeit, Völlegefühl, abdominelle Beschwerden, Meteorismus, Obstipation
  • ZNS: Gedächtnisstörungen, bei älteren Patienten insbesondere unklare Verwirrtheitszustände
  • Inappetenz und Gewichtsabnahme bei kardialer Kachexie

Die zuverlässigsten klinischen Zeichen bei Herzinsuffizienz sind ein erhöhter Jugularvenendruck, ein verlagerter Herzspitzenstoß (HSS) sowie ein vorhandener dritter Herzton. Weniger zuverlässige Zeichen sind pulmonale Rasselgeräusche, die nach Husten persistieren oder Tachykardien über 90-100/Min (siehe Tabelle 11).

Tabelle 11: Wichtige klinische Zeichen bei Herzinsuffizienz [20]

Klinisches Zeichen

Bemerkung

Erhöhter Jugularvenendruck (oder positiver hepatojugulärer Reflux)

  • fehlt häufig (insbesondere unter Therapie), wenn vorhanden, hoch prädiktiv – aber: relativ schlechte Untersucherübereinstimmung
  • am besten zu beurteilen bei 45° Oberkörperhochlagerung und leicht rekliniertem Kopf

Verlagerter Herzspitzenstoß (HSS)

Hoch spezifisch, fehlt jedoch häufig, Voraussetzung ist linksventrikuläre Dilatation

Vorhandener dritter Herzton

Hoch spezifisch, aber wenig sensitiv, schlechte Untersucherübereinstimmung

Pulmonale Rasselgeräusche, die nach Husten persistieren

Mäßig sensitiv, schlechte Untersucherübereinstimmung, eher als Hinweis für Akuität des Geschehens

Tachykardie > 90-100/Min.

Abhängigkeit vom Behandlungsstatus: fehlt unter Betarezeptorenblockertherapie

Periphere Ödeme

Geringe Spezifität und Vorhersagewahrscheinlichkeit, Fehlen unter adäquater Diuretikatherapie

Hepatomegalie

Geringe Spezifität und Vorhersagewahrscheinlichkeit

Andere: Tachypnoe > 20/Min., irregulärer Puls

Unspezifisch

 

Empfehlungen/Statements

Empfehlungsgrad

3-3

Bei der Anamnese sollen bestimmte Vorerkrankungen, Expositionen, seltene Erkrankungen und eine familiäre Disposition berücksichtigt werden, welche die Entstehung einer Herzinsuffizienz verursachen können. Zusätzlich sollen Hinweise auf wichtige Differentialdiagnosen und weitere Erkrankungen erfragt werden (z. B. COPD, Depression).

"soll": Empfehlungsgrad A; starke Empfehlung

Bestimmte Begleiterkrankungen, Expositionen, seltene Erkrankungen und familiäre Dispositionen können das Vorliegen einer chronischen Herzinsuffizienz wahrscheinlicher machen (siehe Tabelle 12).

Tabelle 12: Beispiele wichtiger Aspekte in der Anamnese, die an eine chronische Herzinsuffizienz denken lassen sollen [20]

Häufige
Begleiterkrankungen

Expositionen

Beispiele für seltene Ursachen

Familienanamnese

  • Hypertonie
  • Diabetes mellitus
  • KHK
  • Herzklappenfehler
  • periphere AVK, zerebrovaskuläre Erkrankungen
  • Niereninsuffizienz
  • COPD
  • schlafbezogene Atemstörungen
  • Alkohol- oder Drogenabusus
  • Strahlentherapie im Brustkorbbereich
  • zurückliegende Chemotherapie mit Anthrazyklinen (z. B. Doxorubicin)
  • zurückliegende antivirale Therapie mit Zidovudin
  • bestimmte Infektionskrankheiten
  • Kollagenosen
  • Hyperthyreose/
    Hypothyreose
  • Phäochromozytom
  • Hämochromatose
  • akutes rheumatisches Fieber
  • Disposition für Arteriosklerose
  • Verwandte mit Kardiomyopathie
  • Fälle von plötzlichem Herztod
  • Reizleitungsstörungen
  • Muskeldystrophien

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Empfehlungen/Statements

Empfehlungsgrad

3-4

Bei weiter bestehendem Verdacht auf Herzinsuffizienz soll eine Abklärung durch eine Basisdiagnostik und nachfolgend eine Echokardiographie erfolgen.

"soll": Empfehlungsgrad A; starke Empfehlung

3-5

Die initiale Basisdiagnostik sollte folgende Laborwerte umfassen:

  • Blutbild;
  • Serumelektrolyte (Na, K);
  • Serumkreatinin;
  • Nüchternblutzucker;
  • Leberenzyme;
  • Urinstatus.

sollte

3-6

Die apparative Basisdiagnostik bei Patienten mit Verdacht auf Herzinsuffizienz soll ein EKG (12 Ableitungen) umfassen.

"soll": Empfehlungsgrad A; starke Empfehlung

Ein EKG (12 Ableitungen) soll bei Verdacht auf Herzinsuffizienz durchgeführt werden, weil bei herzinsuffizienten Patienten häufig pathologische Veränderungen im EKG vorliegen [20]; [33]; [27]. Bei einem komplett unauffälligen EKG ist die Diagnose Herzinsuffizienz zwar unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich [20].

Ein auffälliges EKG kann dagegen die Ursache der Herzinsuffizienz kenntlich machen (z. B. abgelaufener Myokardinfarkt, Myokardhypertrophie) [33]. Durch ein EKG können vor allem Hypertrophiezeichen, Leitungsstörungen und Rhythmusstörungen diagnostiziert werden [20]; [33]. Veränderungen im EKG, die häufig bei Herzinsuffizienz auftreten, sind [20]:

  • Rhythmusstörungen (Bradykardie/Tachykardie/Extrasystolie/Vorhofflimmern);
  • Erregungsleitungsstörungen (Schenkelblock, AV-Blockierungen);
  • Herzhypertrophie oder Schädigungszeichen (Sokolow-Index, Q-Zacken, ST-T-Alterationen);
  • Infarktzeichen.

Zur diagnostischen Wertigkeit der empfohlenen Labordiagnostik liegen gegenwärtig keinerlei belastbare Evidenzen vor [20]. Die Erhebung von Laborparametern dient auch der Beurteilung von Begleiterkrankungen [33]. Neben den empfohlenen obligatorischen Laborparametern, kann bei bestimmten Indikationen die Erhebung weiterer Laborparameter wertvoll sein (siehe Tabelle 13).

Tabelle 13: Indikationsabhängige weitere Laborparameter bei Herzinsuffizienzverdacht [33]

Indikation

Weitere Laborparameter

Bei vorhandenen Ödemen

  • Gesamt-Eiweiß +/- Albumin im Serum
  • Harnstoff
  • ggf. Kreatinin Clearance

Bei Vorhofflimmern oder V. a. Schilddrüsenerkrankung oder bei Patienten > 65 Jahre

  • TSH, (FT3), (FT4) (Hyperthyreose als kausale Ursache für Vorhofflimmern ausschließen)

Bei KHK

  • Nüchtern-Blutfette (Kontrolle von Risikofaktoren)

Bei V. a. akute Ischämiereaktion/Myokardinfarkt

  • Herzenzyme/Troponin T-Test

 

Empfehlungen/Statements

Empfehlungsgrad

3-7

Im ambulanten Bereich sollte die Bestimmung der Plasmakonzentration der natriuretischen Peptide BNP und NT-proBNP nicht generell empfohlen werden.

sollte

Hinsichtlich der diagnostischen Wertigkeit der natriuretischen Peptide (BNP und NT-proBNP) zur Herzinsuffizienzdiagnostik gibt es eine Vielzahl an Studien, systematischen Übersichtsarbeiten und HTA*-Berichten [74]; [75]; [76]; [77]; [78]; [79]; [80]; [81]; [82]; [83]; [84]. Die Auswertung der berücksichtigten Leitlinien machte aber deutlich, dass Interpretationsspielräume bestehen, inwiefern die Bestimmung von natriuretischen Peptiden in der primärärztlichen Herzinsuffizienzdiagnostik von Wert ist. Während für die akutstationäre Versorgung einer unklaren akuten Dyspnoe der Nutzen einer BNP- und NT-proBNP-Bestimmung zum Ausschluss einer Herzinsuffizienz als belegt gilt [71]; [78]; [85], bestehen maßgebliche Zweifel hinsichtlich des diagnostischen Zusatznutzens für den primärärztlichen Bereich in Deutschland [20]. Es wurden keine Studien vorgelegt, die den Effekt der BNP/NT-proBNP-Bestimmung im primärärztlichen Setting auf Endpunkte wie Mortalität, Zeitaufwand oder Kosten untersuchen. Die vorliegende Empfehlung folgt damit der entsprechenden Nutzenbewertung der Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM) und weicht von den Empfehlungen der Leitlinien des Scottish Intercollegiate Guidelines Network (SIGN) und der Canadian Cardiovascular Society (CCS) sowie der European Society of Cardiology ab (ESC). Ein entscheidender Punkt bei der Nutzenbewertung von BNP und NT-proBNP ist das Fehlen einheitlicher und zuverlässiger Schwellenwerte zum Ausschluss einer Herzinsuffizienz oder zur Erhärtung des Verdachts. Dies ist jedoch besonders notwendig, weil BNP und NT-proBNP-Spiegel durch mehrere Faktoren (Alter, Geschlecht, Begleitmedikation, Komorbiditäten) beeinflusst werden [20]; [33].

Aufgrund der unzureichenden Evidenzlage wird der Einsatz von natriuretischen Peptiden zum Therapiemanagement oder zur Risikostratifizierung nicht empfohlen [33]; [86] (zur Evidenzlage siehe auch Kapitel 8 Verlaufskontrolle).

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3.2 Echokardiographie

Empfehlungen/Statements

Empfehlungsgrad

3-8

Bei allen Patienten, bei denen nach der Basisdiagnostik der Verdacht auf Herzinsuffizienz weiterhin besteht, soll eine zweidimensionale transthorakale Echokardiographie mit Doppler durchgeführt werden. Sie dient der Objektivierung und Quantifizierung der kardialen Dysfunktion und Pathologie sowie der Diagnostik zur Ätiologie.

"soll": Empfehlungsgrad A; starke Empfehlung

3-9

Die echokardiographische Untersuchung sollte folgende Aspekte beinhalten:

  • Beurteilung der linksventrikulären systolischen Funktion inklusive möglicher regionaler Wandbewegungsstörungen;
  • Beurteilung der diastolischen Funktion;
  • Bestimmung der linksventrikulären Wandstärke;
  • dopplergestützte Untersuchung auf signifikante Vitien;
  • nach Möglichkeit Schätzung des pulmonalarteriellen Drucks;
  • Nachweis oder Ausschluss intrakardialer Thromben.

sollte

3-10

Befunde und/oder Arztbriefe zu den Ergebnissen der Echokardiographie sollen neben den technischen Angaben eine klare Interpretation der Messwerte beinhalten.

"soll": Empfehlungsgrad A; starke Empfehlung

Die Empfehlungen zur Echokardiographie basieren ebenfalls auf Expertenkonsens, da auch für diese Methode keine hinreichenden Ergebnisse aus diagnostischen Studien vorliegen [20]. Dennoch ist die Echokardiographie in allen berücksichtigten Leitlinien die zentrale Methode, um den durch die Basisdiagnostik erhärteten Verdacht auf Herzinsuffizienz zu bestätigen. Die Vorteile der Echokardiographie gegenüber anderen Verfahren sind, dass sie nicht invasiv ist, keine Strahlenbelastung verursacht und relativ breit verfügbar ist [20]. Die Echokardiographie kann außerdem entscheidende Erkenntnisse für die Therapieplanung liefern (z. B. Ursachen der Herzinsuffizienz, Art der linksventrikulären Dysfunktion) [33]. Sowohl die systolische als auch die diastolische linksventrikuläre Dysfunktion können durch eine Echokardiographie bestätigt werden [33]. Weitere Aspekte, die mittels Echokardiographie untersucht werden können, sind die Myokarddicke, Klappenvitien, der systolische pulmonalarterielle Druck sowie Pleura- und Perikardergüsse [33].

Die Echokardiographie hat auch einige Nachteile. So ist die Untersucherübereinstimmung stark von der Erfahrung des Untersuchers abhängig, insbesondere bei der exakten Quantifizierung der Ejektionsfraktion [20]. Zudem ist diese Methode bei einigen (ca. 10%) Patienten (z. B. bei chronischen Lungenerkrankungen, akutem Myokardinfarkt oder Mitralinsuffizienz) nur eingeschränkt beurteilbar [20].

Die Interpretation der echokardiographischen Messwerte durch den ausführenden Arzt wird empfohlen, um wichtige Informationsverluste an der Nahtstelle zwischen hausärztlichem und fachärztlichem Bereich zu vermeiden [87].

In mehreren Positionspapieren haben die relevanten deutschen Fachgesellschaften und Berufsgruppen echokardiographische Qualitätsstandards festgelegt [88]; [89]; [90].

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3.3 Weitere diagnostische Maßnahmen

Empfehlungen/Statements

Empfehlungsgrad

3-11

Die Bestimmung der natriuretischen Peptide BNP und NT-proBNP kann im akutstationären Bereich bei Patienten mit dem Leitsymptom Dyspnoe, die nicht mit einer spezifischen Herzinsuffizienzmedikation (z. B. ACE-Hemmer, AT1-Rezeptorenblocker) vorbehandelt sind, zum Ausschluss einer Herzinsuffizienz eingesetzt werden.

Empfehlungsfeil "kann"

Die diagnostische Wertigkeit von BNP und NT-proBNP wurde bei Notaufnahmepatienten mit unklarer Dyspnoe in mehreren Studien untersucht [91]; [92]; [93]; [94]; [95]; [96]; [86]; [97]. Für diese Patientengruppe liegen zum Nutzen einer BNP bzw. NT-proBNP-Bestimmung hinsichtlich der Zeit bis zur Entlassung und zu Behandlungskosten außerdem mehrere RCTs vor [85]; [98]; [99]. Auf das hier adressierte Patientenkollektiv (akute Dekompensation einer bekannten chronischen Herzinsuffizienz) sind diese Daten allerdings nur begrenzt übertragbar. In den zitierten RCTs hatten nur etwa 38% [99] bzw. 18% [98] der untersuchten Patienten eine zuvor bekannte Herzinsuffizienz. Eine Bestimmung von BNP und NT-proBNP sollte deshalb bei Patienten mit bekannter chronischer Herzinsuffizienz nicht obligatorisch erfolgen. Sie kann jedoch weiterführen, wenn die Diagnose einer akut dekompensierten Herzinsuffizienz nach der Basisdiagnostik unklar bleibt.

Da die Serumspiegel von BNP und NT-proBNP durch mehrere Faktoren (Alter, Geschlecht, Begleitmedikation, Komorbidität) beeinflusst werden können, dürfen die ermittelten Werte nicht isoliert interpretiert werden, sondern ausschließlich im Kontext mit anderen klinischen Untersuchungsergebnissen [100]; [86]; [64].

Empfehlungen/Statements

Empfehlungsgrad

3-12

Bei allen Patienten mit Symptomen und klinischen Zeichen einer Herzinsuffizienz sowie einer nachgewiesenen systolischen und/oder diastolischen Dysfunktion, sollen nach Diagnosestellung in Abhängigkeit vom klinischen Gesamtzustand des Patienten und sich daraus ergebenden Konsequenzen folgende Aspekte abgeklärt werden:

  • verursachende Erkrankungen (beispielsweise Myokardischämie), um ggf. eine kausale Therapie einzuleiten;
  • Prognosefaktoren, um die Prognose einzuschätzen;
  • wesentliche Begleiterkrankungen, die ein spezifisches Vorgehen in der Versorgung der Herzinsuffizienz erfordern;
  • Folgen für andere Organe (z. B. Niereninsuffizienz).

"soll": Empfehlungsgrad A; starke Empfehlung

3-13

Bei Patienten mit unklarer Ätiologie sollten weiterführende diagnostische Maßnahmen in Kooperation mit einem Kardiologen erwogen werden.

sollte

3-14

Bei Patienten mit chronischer Herzinsuffizienz sollten weiterführende, insbesondere aufwändige und invasive diagnostische Maßnahmen von Hausarzt und Kardiologen gemeinschaftlich geplant werden.

sollte

3-15

Patienten mit chronischer Herzinsuffizienz sollen über weiterführende diagnostische Maßnahmen (siehe Tabelle 14), über weitere Therapieoptionen und die möglichen Konsequenzen der Maßnahmen (z. B. operative Konsequenzen) aufgeklärt werden und diese mittragen.

"soll": Empfehlungsgrad A; starke Empfehlung

3-16

Bei herzinsuffizienten Patienten, mit nach Basisdiagnostik und Echokardiographie unklarer Ätiologie der Herzinsuffizienz, für die sich aus einer Herzkatheteruntersuchung therapeutische Konsequenzen ergeben können, soll eine Herzkatheteruntersuchung durchgeführt werden.

Bei Verdacht auf Myokardischämie soll entsprechend den Empfehlungen der NVL KHK vorgegangen werden.

"soll": Empfehlungsgrad A; starke Empfehlung

Die Prognose der Patienten wird bei chronischer Herzinsuffizienz von zahlreichen Faktoren beeinflusst (siehe Kapitel 5.2 Berücksichtigung prognostisch relevanter Faktoren). Bei der individuellen Therapieplanung muss außerdem eine Vielzahl von Aspekten, wie Begleiterkrankungen (siehe Kapitel 11 Komorbidität) oder Endorganschäden, berücksichtigt werden. Insbesondere sollten die Möglichkeiten einer kausalen Therapie geprüft werden, um eine Chronifizierung der Herzinsuffizienz ggf. zu verhindern (siehe Kapitel 5.3 Kausale Therapie).

Tabelle 14 gibt einen Überblick über mögliche Indikationen für weiterführende diagnostische Maßnahmen bei chronischer Herzinsuffizienz.

Tabelle 14: Weiterführende spezifische Diagnostik bei gesicherter Herzinsuffizienz [20]

Diagnostik

Mögliche Indikationsbereiche bei chronischer Herzinsuffizienz

Ambulantes
Rhythmusmonitoring

(z. B. Langzeit-EKG) herzinsuffiziente Patienten mit V. a. symptomatische Herzrhythmusstörungen zur ggf. weitergehenden spezifischen Therapie

Belastungstests
(u. a. Spiroergometrie)

  • Diagnostik belastungsprovozierter Herzrhythmusstörungen, ggf. Blutdruckeinstellung, ggf. Ischämiediagnostik
  • Festlegung eines individuellen körperlichen Trainingsprogramms
  • Prognoseabschätzung

Atemstoßtest oder Spirometrie

  • Abgrenzung extrakardialer Dyspnoeursachen

Spezielle
Laboruntersuchungen

  • z. B. Auto-Antikörperdiagnostik bei V. a. Kollagenose/Vaskulitis
  • Katecholamine im Sammelurin bei V. a. Phäochromozytom
  • Eisen und Ferritin im Serum bei Anämie oder V. a. Hämochromatose

Endomyokardbiopsien

bei Patienten mit bestimmten infiltrativen oder entzündlichen Kardiomyopathien, für die sich aus einer Endomyokardbiopsie therapeutische Konsequenzen ergeben können

Bildgebende Verfahren

Die kardiale Kernspintomographie (cMRT) ermöglicht eine genaue und reproduzierbare Bestimmung des kardialen Volumens, der Wanddicke, der linksventrikulären Masse, eines verdickten Perikards, die Darstellung eines entzündlichen Ödems und eine Quantifizierung von myokardialen Nekrosen, Perfusion und Funktion. Derzeit sollte eine cMRT bei Patienten durchgeführt werden, bei denen andere bildgebende Verfahren keine ausreichende Diagnose erzielt haben. Die cMRT kann Herzmuskelgewebe, das sich nach Revaskularisation wieder erholen kann, von zusammenhängenden Bindegewebearealen, also Fibrosen oder Narben unterscheiden [101].

Nuklearmedizinische Verfahren stellen keine Routinediagnostik bei herzinsuffizienten Patienten dar, sondern sind speziellen Fragestellungen im Rahmen der Diagnostik bei der koronaren Herzkrankheit vorbehalten.

Eine Röntgen-Thorax-Aufnahme kann zur Abklärung von Pleuraerguss, pulmonaler Stauung, Kardiomegalie oder differentialdiagnostischen Fragen dienen. Zur Beurteilung der Herzgröße (Kardiomegalie: Herz-Thorax-Quotient > 0,50) hat der Röntgenthorax nur einen orientierenden, deutlich niedrigeren Stellenwert als die Echokardiographie [20]; [33]. Auch ist die Aussagekraft einer Röntgenthoraxaufnahme bei adipösen Patienten und Frauen eingeschränkt [20]. Ein unauffälliger Befund beim Röntgenthorax schließt in keinem Fall eine Herzinsuffizienz aus [33]; [27].

Empfehlungen/Statements

Empfehlungsgrad

3-17

Bei Patienten mit nachgewiesener chronischer Herzinsuffizienz soll der aktuelle funktionelle Status initial und im Verlauf mit Hilfe der NYHA-Klassifikation bestimmt werden.

"soll": Empfehlungsgrad A; starke Empfehlung

Die NYHA-Klassifikation geht auf Empfehlungen der New York Heart Association zurück und ist heute das etablierteste Klassifikationssystem bei chronischer Herzinsuffizienz (siehe Kapitel 1.5.1 Die NYHA-Klassifikation). Die Orientierung an der NYHA-Klassifikation ist für eine evidenzbasierte Versorgung erforderlich, weil dieses System in klinischen Studien zur Herzinsuffizienz überwiegend als Grundlage für die Beschreibung der Zielpopulation verwendet wird. Auch die Empfehlungen dieser Leitlinien orientieren sich deshalb überwiegend an der NYHA-Klassifikation.


* HTA – Health Technology Assessment – bezeichnet eine Methode zur systematischen und transparenten Bewertung medizinischer Verfahren und Technologien unter medizinischen, ökonomischen, sozialen und ethischen Aspekten mit dem Ziel, die dazu gehörigen Entscheidungsprozesse mit wissenschaftlichen Erkenntnissen zu unterstützen [73].

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zuletzt verändert: 23.04.2018 11:18