9 Asthma in der Schwangerschaft

NVL Asthma, 4. Auflage, 2020. Version 1

9.1  Schwangerschaftsplanung

Empfehlungen/Statements

Empfehlungsgrad

9-1

Primärversorger sollen Patientinnen im gebärfähigen Alter präkonzeptionell über die Wichtigkeit einer guten Asthmakontrolle bei Eintritt in die Schwangerschaft beraten.

"soll": Empfehlungsgrad A; starke Empfehlung

Die Empfehlung basiert auf einem Expertenkonsens. Während der Schwangerschaft treten verschiedene physiologische Veränderungen ein, die den Verlauf des Asthmas beeinflussen können. Aus Sicht der Leitliniengruppe ist es vorteilhaft, wenn Patientinnen präkonzeptionell stabil medikamentös eingestellt sind. Daher empfiehlt die Leitliniengruppe das Thema Schwangerschaft mit allen Patientinnen mit Asthma im gebärfähigen Alter zu besprechen und die Wichtigkeit einer guten Asthmakontrolle bei Eintritt in die Schwangerschaft und während des Schwangerschaftsverlaufes zu erläutern. Primärversorger bezeichnet an dieser Stelle Fachärzte für Allgemeinmedizin, hausärztlich tätige Internisten, Pneumologen oder Gynäkologen.

Zur Unterstützung können nicht-medikamentöse Maßnahmen, darunter insbesondere Schulungen, angeboten werden, um das Selbstmanagement der Patientinnen gezielt zu fördern (siehe Kapitel 6 Nicht-medikamentöse Therapie).

Bei Patientinnen mit Asthma in der Schwangerschaft beobachtet die Leitliniengruppe eine zunehmende Sorge vor einer Allergieentwicklung bei den Kindern. Sie hält es nicht für hilfreich, besondere Diäten einzuhalten und verweist auf die sich in Überarbeitung befindende S3-Leitlinie Allergieprävention (www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/061-016.html) [19].

Zur Unterstützung der Aufklärung und Beratung der Patienten wurde das Patientenblatt "Asthma: Kinderwunsch, Schwangerschaft und Geburt" entwickelt (siehe Patientenblätter bzw. abrufbar unter www.asthma.versorgungsleitlinien.de)

9.2  Therapie in der Schwangerschaft

Empfehlungen/Statements

Empfehlungsgrad

9-2

Frauen mit Asthma sollen zu Beginn einer Schwangerschaft über die Bedeutung und Sicherheit der während der Schwangerschaft fortzuführenden medikamentösen Therapie mit dem Ziel einer guten Asthmakontrolle beraten werden.

"soll": Empfehlungsgrad A; starke Empfehlung

9-3

Frauen in der Schwangerschaft mit unzureichender Asthmakontrolle sollen vom Pneumologen und Gynäkologen gemeinsam in enger Abstimmung betreut werden.

"soll": Empfehlungsgrad A; starke Empfehlung

Die Empfehlungen basieren auf einem Expertenkonsens. Aus der klinischen Erfahrung ist bekannt, dass die medikamentöse Therapie, die zum Erhalt der Asthmakontrolle notwendig wäre, häufig von den Patientinnen oder Ärzten aus Angst vor unerwünschten Wirkungen reduziert oder abgesetzt wird. Die Reduktion bzw. das Absetzen der Medikation birgt das Risiko der Verschlechterung der Asthmakontrolle. Die daraus resultierende Gefahr für den Schwangerschaftsverlauf wird als schwerwiegender eingeschätzt, als die, die von den potentiellen unerwünschten Wirkungen der Medikamente ausgeht.

Verschlechtert sich die Asthmakontrolle während der Schwangerschaft oder ist sie unzureichend, empfiehlt die Leitliniengruppe eine gemeinsame Betreuung der Patientinnen durch Gynäkologen und Pneumologen. Das ermöglicht eine intensive Aufklärung und Betreuung der Patientinnen und dadurch die Reduktion ihrer Ängste.

Zur Risikoeinschätzung der medikamentösen Therapie des Asthmas (siehe Abbildung 4) in der Schwangerschaft wird auf das Pharmakovigilanz- und Beratungszentrum für Embryonaltoxikologie der Charité-Universitätsmedizin Berlin www.embryotox.de verwiesen. Hier werden neben Studiendaten auch Pharmakovigilanzdaten analysiert.

Ein Cochrane-Review fasst randomisierte kontrollierte Studien zu folgenden medikamentösen und nicht-medikamentösen Interventionen bei Patientinnen mit Asthma in der Schwangerschaft zusammen [261]: ICS in verschiedenen Versorgungssituationen und mit verschiedenen Vergleichsinterventionen, FeNO-basiertes Management, durch Pharmazeuten geleitete multidisziplinäre Versorgung, Progressive Muskelrelaxation [261].

In drei eingeschlossenen Primärstudien wurde die Anwendung von ICS als Zusatz zur Standardtherapie im Vergleich zur Standardtherapie allein untersucht. Der Endpunkt Risiko für Exazerbationen wurde lediglich in zwei Studien betrachtet, die aufgrund der Heterogenität nicht gepoolt wurden. In beiden Studien ergab sich kein signifikanter Unterschied zwischen den Behandlungsgruppen. In einer weiteren Studie ergaben sich keine signifikanten Unterschiede für die Endpunkte Spontanabort oder Frühgeburt. [261]

Eine Primärstudie untersuchte den Einfluss eines FeNO-basierten Managements des Asthmas im Vergleich zur Routineversorgung. Patientinnen, deren Therapieanpassung FeNO-basiert erfolgte, hatten ein geringeres Risiko für Exazerbationen als die Vergleichsgruppe (28/111 (25,2%) vs. 45/109 (41,3%) RR 0,61 (95% KI 0,41; 0,90)). In beiden Gruppen gab es jeweils eine Totgeburt. Das Risiko für Frühgeburten oder geringes Geburtsgewicht unterschied sich nicht signifikant im Vergleich der Gruppen. [261]

9.3  Asthma und Geburt

Empfehlungen/Statements

Empfehlungsgrad

9-4

Asthma ist keine primäre Indikation für eine Sectio und soll nicht als Begründung für diese herangezogen werden.

soll nicht

Diese Empfehlung basiert auf einem Expertenkonsens. Die Leitliniengruppe sieht im klinischen Alltag häufig, dass bei Patientinnen mit Asthma die Indikation zu einer primären Sectio gestellt wird. Als Ursache wird die Angst vor Asthmaanfällen während der Geburt vermutet. Aus Sicht der Leitliniengruppe ist diese Angst jedoch unbegründet. Einen Schutz vor Asthmaanfällen bietet neben der während der Geburt angewandten Langzeittherapie auch die endogene Cortisolproduktion. Darüber hinaus beschreibt die S3-Leitlinie Allergieprävention, dass es Hinweise gibt, dass eine Sectio das zukünftige Risiko für Allergien bei den Kindern erhöhen kann [19].

Für weitere Informationen wird auf folgende Leitlinien verwiesen:

9.4  Asthma und Stillen

Zur Risikoeinschätzung der medikamentösen Therapie des Asthmas (siehe Abbildung 4) in der Stillzeit wird auf das Pharmakovigilanz- und Beratungszentrum für Embryonaltoxikologie der Charité-Universitätsmedizin Berlin www.embryotox.de verwiesen. Die Leitliniengruppe befürwortet das Stillen im Sinne der Allergieprävention und verweist dazu auf die Empfehlungen der S3-Leitline Allergieprävention (www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/061-016.html) [19].

9.5  Asthmaanfall in der Schwangerschaft

Empfehlungen/Statements

Empfehlungsgrad

9-5

Bei Patientinnen in der Schwangerschaft mit einem Asthmaanfall soll eine Sauerstoffbehandlung frühzeitig eingeleitet werden (Zielsättigung: > 95%) und eine Überwachung des Feten erfolgen.

"soll": Empfehlungsgrad A; starke Empfehlung

Diese Empfehlung beruht auf einem Expertenkonsens und wird erfahrungsbasiert begründet. Ein Asthmaanfall in der Schwangerschaft stellt ein Risiko für Mutter und Kind dar. Die verminderte Sauerstoffkonzentration hat dabei eine besondere Bedeutung, weshalb es sinnvoll ist, dass Patientinnen in der Schwangerschaft auch bei leichteren Asthmaanfällen zeitnah einen Arzt aufsuchen. Die Gabe von Sauerstoff ist aus Sicht der Leitliniengruppe bereits indiziert, bevor die Sauerstoffsättigung auf unter 92% gesunken ist. Die ausreichende Versorgung des Ungeborenen soll sichergestellt werden. Bezüglich einzelner medikamentöser Maßnahmen (siehe Kapitel 7 Asthmaanfall bei Erwachsenen) wird auch hier auf www.embryotox.de verwiesen. Die Indikationen zur stationären Einweisung sind in Empfehlung 13-11 im Kapitel 13.4 Einweisung in ein Krankenhaus lokalisiert.

Im Cochrane-Review von Bain et al. [261] wurden Primärstudien zu inhaliertem Magnesiumsulfat und intravenösem Theophyllin für die Therapie des akuten Asthmaanfalls zusammengefasst:

Die Kombination aus Magnesiumsulfat und Salbutamol reduzierte im Vergleich zu Salbutamol allein bei einem akuten Asthmaanfall die Häufigkeit von erneuten Asthmaanfällen bis zur Geburt (0,4 (SD 0,57) vs. 3,2 (SD 0,98); MD -2,80 (95% KI -3,21; -2,39); n = 60, 1 Studie). Unerwünschte Effekte wurden als Endpunkt nicht untersucht. Die eingeschlossene Primärstudie wies in fünf der sechs Kategorien des Risk-of-Bias-Tools ein unklares Verzerrungsrisiko auf. [261]

Die intravenöse Applikation von Theophyllin und Methylprednisolon erbrachte bei 65 Patientinnen im Vergleich zu Methylprednisolon i.v. keine signifikanten Unterschiede für die Endpunkte Abbruch der Intervention wegen unerwünschten Wirkungen oder Dauer der Hospitalisierung. Die Endpunkte Exazerbationen oder Inanspruchnahme einer Notaufnahme wurden nicht untersucht. In keiner der beiden Gruppen wurden Totgeburten, neonatale Todesfälle oder Frühgeburten berichtet. Die eingeschlossene Primärstudie wies Limitationen hinsichtlich der Randomisierung und Verblindung auf. [261]


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zuletzt verändert: 07.09.2020 09:34