NVL Chronische Herzinsuffizienz, 3. Auflage – Kurzfassung

9 Akute Dekompensation

Abbildung 7: Algorithmus bei Verdacht auf akute Herzinsuffizienz
(zum Vergrößern Abbildung bitte anklicken)

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 Tabelle Tabelle 24: Mögliche Ursachen und auslösende Faktoren einer akuten Herzinsuffizienz

Kardiale Ursachen

Komorbiditäten

Patientenverhalten

Arzneimittelwirkungen

  • Ischämie; Myokardinfarkt
  • Arrhythmie
  • Hypertensive Entgleisung
  • Klappenerkrankungen
  • Myokarditis
  • Perikardtamponade
  • Niereninsuffizienz
  • Infektionen
  • Anämien
  • Lungenembolie
  • Schilddrüsendysfunktion
  • Nichtadhärenz gegenüber medikamentösen und nicht-medikamentösen Therapieempfehlungen
  • Substanzmissbrauch (Alkohol, Stimulanzien)
  • Medikamente, die eine Niereninsuffizienz auslösen und verstärken können (z. B. NSAR, COX-2-Hemmer)
  • negativ inotrope Substanzen (z. B. Diltiazem, Verapamil)
  • beeinträchtigte Absorption bei intestinalem Schleimhautödem

Erstversorgung bei akuter Dekompensation

 Tabelle Tabelle 25: Prästationär detektierbare Symptome und klinische Zeichen der dekompensierten Herzinsuffizienz

Symptome und klinische Zeichen

Stauung

periphere Ödeme, Pleuraerguss, Aszites

Dyspnoe, Orthopnoe, Rasselgeräusche, Tachypnoe, Zyanose

erhöhter Jugularvenendruck/Jugularvenenstauung, hepatojugulärer Reflux

Hypoperfusion

kalte Extremitäten, marmorierte Haut, Zyanose

geringe Urinausscheidung

Bewusstseinsstörung (Verwirrung, Schwindel, Schläfrigkeit)

Ventrikulärer Füllungsgalopp (dritter Herzton), Vorhofgalopp (vierter Herzton)

Tachykardie, Arrhythmie

 Tabelle Tabelle 26: Klinische Profile von Patienten mit akut dekompensierter Herzinsuffizienz

 

 

Stauung

warm-trocken

warm-feucht

Hypoperfusion

kalt-trocken

kalt-feucht

Empfehlungen/Statements

Empfehlungsgrad

9-1 [Hintergrund und Evidenz]

Patienten mit Symptomen und/oder klinischen Zeichen einer akuten Herzin­suffizienz (siehe Tabelle 25) sollen unverzüglich stationär eingewiesen werden, sofern keine palliative Situation vorliegt.

Starke Empfehlung

9-2 [Hintergrund und Evidenz]

Patienten mit akut dekompensierter Herzinsuffizienz und Zeichen der Volumenbelastung sollen initial Schleifendiuretika erhalten.

Starke Empfehlung

9-3 [Hintergrund und Evidenz]

Bei Patienten mit akut dekompensierter Herzinsuffizienz und Zeichen der Volumenbelastung sollten Schleifendiuretika bevorzugt intravenös verabreicht werden.

Abgeschwächte Empfehlung

9-4 [Hintergrund und Evidenz]

Bei Patienten mit akut dekompensierter Herzinsuffizienz und Ruhedyspnoe sowie erhöhtem Blutdruck können zu den Diuretika Vasodilatoren gegeben werden.

Offene Empfehlung

9-5 [Hintergrund und Evidenz]

Bei Patienten mit akut dekompensierter Herzinsuffizienz, bei denen schwere Dyspnoe mit Angst im Vordergrund steht, können niedrig dosierte Opiate eingesetzt werden.

Offene Empfehlung

9-6 [Hintergrund und Evidenz]

Bei Patienten mit akut dekompensierter Herzinsuffizienz und kardiogenem Schock können als Kurzzeittherapie bis zur Stabilisierung positiv inotrope Substanzen (bei Normotension) bzw. Vasopressoren (bei symptomatischer Hypotonie) erwogen werden.

Offene Empfehlung

9-7 [Hintergrund und Evidenz]

Patienten mit akuter Dekompensation und Hypoxämie (Sauerstoffsättigung < 90%) und/oder mit Ruhedyspnoe und/oder klinischen Zeichen einer Hypoxie sollen Sauerstoff erhalten.

Starke Empfehlung

9-8 [Hintergrund und Evidenz]

Wenn bei respiratorischer Insuffizienz durch Sauerstoffgabe keine Sauerstoffsättigung > 90% erzielt werden kann und/oder bei fortbestehender Tachypnoe sollte nicht-invasiv druckgesteuert beatmet werden.

Abgeschwächte Empfehlung

9-9 [Hintergrund und Evidenz]

Wenn bei respiratorischer Insuffizienz eine nicht-invasive Beatmung nicht ausreicht oder kontraindiziert ist (z. B. komatöse Patienten), soll invasiv beatmet werden.

Starke Empfehlung

Stationäre Versorgung bei akuter Dekompensation

Empfehlungen/Statements

Empfehlungsgrad

9-10 [Hintergrund und Evidenz]

Bei Verdacht auf eine akut dekompensierte Herzinsuffizienz soll die stationäre Basisdiagnostik folgende Parameter umfassen:

  • körperliche Untersuchung: Hautkolorit, Auskultation von Herz und Lunge, Ödeme, Einflussstauung;
  • Vitalzeichen: Atemfrequenz, Sauerstoffsättigung, Blutdruck, Puls, Temperatur;
  • 12-Kanal-EKG;
  • Echokardiographie;
  • ggf. weitere bildgebende Verfahren;
  • Laborwerte: Blutgasanalyse (inkl. Laktat, Blutzucker), BNP oder NT-proBNP, Blutbild, Serumkreatinin und -harnstoff, Elektrolyte, Troponin, ggf. TSH, CRP.

Starke Empfehlung

9-11 [Hintergrund und Evidenz]

Wurde bei Patienten mit akut dekompensierter Herzinsuffizienz eine spezifische Ursache der Dekompensation festgestellt, soll diese umgehend behandelt werden.

Starke Empfehlung

9-12 [Hintergrund und Evidenz]

Die Indikation für Kurzzeitunterstützungssysteme sollte multidisziplinär gestellt werden. Die Fortführung sollte in Kooperation mit einem spezialisierten überregionalen Herzinsuffizienzzentrum erfolgen.

Abgeschwächte Empfehlung

9-13 [Hintergrund und Evidenz]

Herzfrequenz, Blutdruck, Atemfrequenz und Sauerstoffsättigung sollen bei Patienten mit akut dekompensierter Herzinsuffizienz bis zur Stabilisierung mehrmals am Tag kontrolliert werden.

Starke Empfehlung

9-14 [Hintergrund und Evidenz]

Invasives hämodynamisches Monitoring mittels Pulmonalarterienkatheter sollte bei Patienten mit akut dekompensierter Herzinsuffizienz nicht routinemäßig eingesetzt werden.

Abgeschwächte Negativ-Empfehlung

9-15 [Hintergrund und Evidenz]

Patienten mit akut dekompensierter Herzinsuffizienz sollten mindestens täglich auf Zeichen und Symptome der Volumenbelastung untersucht werden. Ihr Körpergewicht sowie die Flüssigkeitsbilanz (Ein- und Ausfuhr, ggf. mit Blasenkatheter) sollten ebenfalls mindestens täglich kontrolliert werden.

Abgeschwächte Empfehlung

9-16 [Hintergrund und Evidenz]

Nierenfunktion (Serum-Harnstoff, Serumkreatinin) und Serumelektrolyte (Na, K) sollten bei Patienten mit akut dekompensierter Herzinsuffizienz und i. v. Therapie oder nach Beginn einer RAAS-hemmenden Therapie häufig (ggf. täglich) kontrolliert werden.

Abgeschwächte Empfehlung

Übergang in den ambulanten Sektor nach akuter Dekompensation

Empfehlungen/Statements

Empfehlungsgrad

9-17 [Hintergrund und Evidenz]

Neben der Rekompensation des Patienten mit akut dekompensierter Herzinsuffizienz sollte die stationäre Aufnahme genutzt werden,

  • um zu prüfen, ob die medikamentöse und nicht-medikamentöse Dauertherapie leitliniengerecht erfolgt und sie ggf. anzupassen;
  • um die Indikation invasiver Therapiemaßnahmen zu prüfen und ggf. einzuleiten;
  • um Komorbiditäten zu evaluieren und ihre Behandlung einzuleiten bzw. zu optimieren;
  • um durch edukative Maßnahmen die Therapieadhärenz des Patienten zu verbessern.

Abgeschwächte Empfehlung

9-18 [Hintergrund und Evidenz]

Nach einer akut dekompensierten Herzinsuffizienz sollten vor der Entlassung aus einer stationären Behandlung folgende klinische Kriterien erfüllt sein:

  • hämodynamische Stabilität; Normovolämie; kein Bedarf an intravenösen Vasodilatatoren oder positiv inotropen Substanzen für mindestens 24 Stunden;
  • Wechsel zu oralen Diuretika ist erfolgt und Medikationsregime mindestens 24 Stunden stabil;
  • individuell bestmögliche Mobilisierung.

Abgeschwächte Empfehlung

NVL Chronische Herzinsuffizienz, 3. Auflage, 2019. Version 3 – Kurzfassung
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