3 Therapie

S3-Leitlinie/NVL Unipolare Depression

2. Auflage, 2015. Version 5 – Druckversion (PDF ) | Kapitelübersicht | weitere Informationen

3.1 Behandlungsziele und Einbezug von Patienten und Angehörigen

3.1.1 Aufklärung, allgemeine Behandlungsziele und Wahl der Behandlungsalternative

Am Beginn der Behandlung von Patienten mit depressiven Störungen steht ein Aufklärungsgespräch. Dessen Ziel ist es, realistische Hoffnung zu vermitteln und Patienten zu entlasten. Verständliche Informationen dienen dazu zu erklären, dass es für die Behandlung der bestehenden Erkrankungsepisode bewährte und wirksame therapeutische Möglichkeiten gibt. Eine Aufklärung kann schwierig sein, da depressiv negativistisches Denken und eine depressive Denkhemmung einem solchen Bemühen zuwiderlaufen. Wichtig ist dann, dem Patienten zu vermitteln, dass es sich bei einer Depression um eine Krankheit handelt und ein zentrales Kennzeichen dieser Erkrankung das Gefühl darstellt, sich in einem unveränderlichen Zustand zu befinden (Verlust der Zeitperspektive).

Als allgemeine Behandlungsziele gelten für Patienten mit depressiven Störungen [223], [280], [281], [282], [283], [284], [285], [286], [287], [288], [289]:

  • die Symptome der depressiven Störung zu vermindern und letztlich eine vollständige Remission zu erreichen;
  • die Mortalität, insbesondere durch Suizid zu verringern;
  • die berufliche und psychosoziale Leistungsfähigkeit und Teilhabe wiederherzustellen;
  • das seelische Gleichgewicht wieder zu erreichen sowie
  • die Wahrscheinlichkeit für einen direkten Rückfall oder eine spätere Wiedererkrankung zu reduzieren.

Während in Therapiestudien zumeist Verbesserungen auf Depressivitätsskalen das entscheidende Remissionskriterium sind, sind für Patienten auch andere Aspekte von großer Bedeutung [289]. Über die Abwesenheit depressiver Symptome hinaus sind insbesondere eine allgemeine bejahende Lebenseinstellung (z. B. Optimismus, Vitalität, Selbstbewusstsein, Lebenswillen), die Rückkehr zum herkömmlichen psychosozialen Funktionsniveau, verbesserte Bewältigung von Alltagsstress und -verpflichtungen oder auch eine verbesserte Beziehungsqualität zu engen Bezugspersonen als weitere spezifische Therapieziele bedeutsam. Üblicherweise werden dabei die individuellen Ziele des Patienten erfragt und partizipativ vereinbart.

Die Behandlung einer depressiven Störung ist auf die Linderung der depressiven Symptome ausgerichtet, ggf. einschließlich der Bearbeitung vorhandener, die Störung unterhaltender psychischer Mechanismen und Verarbeitungen. Die Wahl der geeigneten Behandlungsalternative richtet sich nach klinischen Faktoren, wie der Symptomschwere und dem Erkrankungsverlauf sowie der Patientenpräferenz. Grundsätzlich gibt es vier primäre Behandlungsstrategien:

Weitere Therapieverfahren, z. B. Elektrokonvulsionstherapie, Lichttherapie oder Wachtherapie, Sport- und Bewegungstherapie ergänzen die Behandlungsmöglichkeiten. Weitere Verfahren (z. B. Ergotherapie, Künstlerische Therapien) werden in der Behandlung ebenfalls eingesetzt.

3.1.2 Behandlungsphasen und phasenspezifische Behandlungsziele

Bei einer leichten depressiven Episode kann mit dem Beginn der Behandlung abgewartet werden, wenn die Patienten eine Behandlung ablehnen oder man davon ausgehen kann, dass die depressive Symptomatik sich ohne Therapie zurückbildet ("watchful waiting" – "aktiv-abwartende Begleitung"). Jedoch sollte üblicherweise innerhalb der nächsten beiden Wochen eine erneute Überprüfung der Symptomatik erfolgen [241]. Dieses Vorgehen bietet sich nicht an für Patienten, die eine komplexere primäre Behandlungsstrategie wünschen und bei denen eine entsprechende Indikation besteht [241]. Das "watchful waiting" kann mit allgemeinen psychoedukativen Ansätzen – beispielsweise Aufklärung bezüglich des Schlaf-Wach-Rhythmus oder der Tagesstrukturierung – verbunden werden.

Gespräche im Sinne einer psychiatrisch-psychotherapeutischen bzw. psychosomatischen Grundversorgung sind im Rahmen des aktiv-abwartenden Begleitens indiziert. Darüber hinaus können niederschwellige psychosoziale Interventionen (siehe Kapitel 3.3), wie beispielsweise Bibliotherapie (Unterstützung durch Selbsthilfe- bzw. Selbstmanagement-Bücher) und andere Maßnahmen des Selbstmanagements (z. B. spezifische e-Health-Anwendungen, die empirisch gut belegt sind) zum Einsatz kommen7.

Die Behandlung einer Depression, insbesondere wenn es sich um eine rezidivierende Depression handelt, lässt sich in drei Phasen aufgliedern: die Akuttherapie, die Erhaltungstherapie und die Langzeit- bzw. Rezidivprophylaxe ([214]; siehe Abbildung 6). Tritt während der akuten Episode eine Besserung des Zustandes des Patienten mit einer mindestens 50-%igen Abnahme depressiver Symptomatik ein (erfasst mittels Selbst- oder Fremdbeurteilungsverfahren), wird dies, wie es sich in den letzten Jahren als Konsens etabliert hat, als ein Ansprechen auf die Behandlung angesehen ("Response"; [214], [286]; vgl. Tabelle 10). Zur Abschätzung der Symptomverbesserung bietet sich der Einsatz von klinischen Skalen an (z. B. BDI, PHQ-D, HADS zur Selbst- bzw. HDRS, BRMS und MADRS zur Fremdeinschätzung; vgl. Kapitel 2.5 "Stufenplan der Diagnostik" und zu den jeweiligen Cut-off-Werten Anhang 1 "Cut-off-Werte bei Fragebogenverfahren").

Abbildung 6: Erkrankungsphasen und Behandlungsabschnitte (nach [214])
(zum Vergrößern Abbildung bitte anklicken)

Abbildung 6

Die vollständige Wiederherstellung des ursprünglichen Funktionszustandes oder eines weitgehend symptomfreien Zustands durch die Akuttherapie bezeichnet man als Remission. Tritt während der Erhaltungstherapie die depressive Symptomatik erneut auf, spricht man von einem Rückfall ("Relapse"). Bleibt der Patient in der Erhaltungsphase (vier- bis neun Monate; siehe Abbildung 6) symptomfrei, spricht man von vollständiger Genesung. Ein Wiederauftreten einer erneuten depressiven Episode nach der Genesung wird als Rezidiv bzw. Wiedererkrankung bezeichnet [214].

Tabelle 10: Definition von Symptomveränderungen

Ansprechen
("Response")

Reduzierung der depressiven Symptomatik in einschlägigen Skalen (z. B. BDI, PHQ-D, HDRS) um 50 % des Ausgangswertes zu Behandlungsbeginn.

Remission

Vollständige Wiederherstellung des ursprünglichen Funktionszustandes oder ein weitgehend symptomfreier Zustand nach der Akuttherapie.

Rückfall ("Relapse")

Wiederauftreten einer depressiven Episode während der Erhaltungstherapie.

Vollständige Genesung

Symptomfreie Zeit für ca. 6 Monate nach Remission.

Rezidiv

Wiederauftreten einer depressiven Episode nach vollständiger Genesung.

Übliches Hauptkriterium der Wirksamkeit der Behandlung und für die Entscheidung über das weitere therapeutische Vorgehen ist in den meisten Studien und Leitlinien der Grad der Symptomreduktion des Patienten bzw. die Remission [222], [241], [290]. Vier Stufen des Therapieerfolgs werden unterschieden ([291]; vgl. Tabelle 11).

Tabelle 11: Einstufung des Therapieerfolgs

Symptomreduktion

< 20 %

=

kein Effekt bzw. Wirkung

Symptomreduktion

20-50 %

=

minimaler Effekt bzw. geringe Wirkung

Symptomreduktion

> 50 %

=

Teilremission

Symptomreduktion

= 100 %

=

Vollständige Remission*

* Eine Symptomreduktion um 100 % ist bezogen auf das Unterschreiten des Cut-off-Werts für eine Depression des jeweiligen Testverfahrens zu verstehen.

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3.1.2.1 Akuttherapie

Das Ziel der Akuttherapie ist, den Leidensdruck des Patienten zu lindern, die Symptome der gegenwärtigen depressiven Episode zu behandeln und die möglichst weitgehende Remission der depressiven Episode zu erreichen sowie die berufliche und psychosoziale Leistungsfähigkeit und Teilhabe wiederherzustellen. Diese Behandlungsphase erstreckt sich in der Regel über sechs bis zwölf Wochen vom Beginn der Behandlung bis zu dem Zeitpunkt, zu dem die Depressionssymptome nicht mehr vorhanden oder zumindest stark zurückgegangen sind und die psychosoziale Funktionsfähigkeit wiederhergestellt ist. Zudem ist es in der Akuttherapie ein wesentliches Ziel, die mit Depression verbundene Mortalität zu vermeiden.

3.1.2.2 Erhaltungstherapie

Eine vorzeitige Behandlungsbeendigung nach einer akuten depressiven Episode ist mit einer hohen Rückfallgefahr verbunden, selbst wenn eine vollständige Symptomremission erreicht wurde [292]. In dieser Therapiephase sind die depressiven Symptome zwar weitgehend abgeklungen, die eigentliche Krankheitsepisode ist aber noch nicht vollständig überwunden. Entsprechend ist das Ziel der Erhaltungstherapie durch Weiterführung der medikamentösen und/oder psychotherapeutischen Behandlung den noch instabilen Zustand der Patienten so weit zu stabilisieren, dass ein Rückfall vermieden werden kann. Durch eine Erhaltungstherapie kann das Rückfallrisiko um 70 % gesenkt werden [292].

Zur Reduktion des Rückfallrisikos ist es daher sinnvoll, bei alleiniger medikamentöser Therapie (nach Remission in der Akutphase) eine psychopharmakologische Erhaltungstherapie über einen Folgezeitraum von i.d.R. vier bis neun Monaten [221], [222], [241] mit der gleichen Dosis, die zur Remission geführt hat, anzuschließen. Erst am Ende der Erhaltungstherapiephase ist eine schrittweise Dosisreduktion sinnvoll ([221], [222], [241], [293]; vgl. Kapitel 3.4.5 "Erhaltungstherapie" und Kapitel 3.4.6 "Rezidivprophylaxe").

Umfasste die Akuttherapie ausschließlich Psychotherapie, ist die Weiterführung der psychotherapeutischen Akutbehandlung über einen Zeitraum von acht bis zwölf Monaten nach Ende der eigentlichen Therapie in Form niedrigerer Sitzungsfrequenz [53], [294], d. h. mit größeren Intervallen zwischen den Therapiesitzungen, sinnvoll (vgl. Kapitel 3.5 "Psychotherapie"). Im Falle einer kombinierten Akutbehandlung sollte die medikamentöse Behandlung ebenfalls in gleicher Dosis fortgesetzt werden. Eine Fortführung der Psychotherapie erscheint, zumindest für den Zeitraum der Erhaltungstherapie, ebenfalls als sinnvoll, wenn sie sich in der Akutphase als wirksam erwiesen hat.

Bei rezidivierenden Depressionsformen kann bei Vorliegen von Komorbidität und/oder zusätzlichen psychosozialen oder lebensgeschichtlich bedeutsamen Belastungsfaktoren auch eine Fortsetzung einer höherfrequenten Psychotherapie sinnvoll sein.

3.1.2.3 Rezidivprophylaxe

Depressionen zählen zu den Erkrankungen, die immer wieder auftreten können. Vor allem in der ersten Zeit nach einer überstandenen depressiven Episode ist das Risiko einer Wiedererkrankung (Rezidiv) hoch (vgl. Kapitel 1.4 "Verlauf und Prognose"). Einer der Hauptrisikofaktoren für erneute depressive Episoden sind Restsymptome, die nach dem Ende einer depressiven Episode weiter andauern und das Auftreten einer erneuten depressiven Episode vorhersagen können [295], [296]. Daher ist unter bestimmten Voraussetzungen im Anschluss an die Erhaltungstherapie eine weitere Behandlung erforderlich. Dieser Behandlungsabschnitt wird als Rezidivprophylaxe bezeichnet und hat das Ziel, das Auftreten einer erneuten Krankheitsepisode langfristig zu verhindern. Eine Rezidivprophylaxe ist nicht für alle Patienten erforderlich, sondern nur für jene, die ein erhöhtes Risiko für ein Wiederauftreten der Depression aufweisen und/oder bei denen lebensgeschichtlich erworbene ungünstige, die Störung unterhaltende Einflussfaktoren und verminderte Bewältigungsressourcen vorliegen, die zur Auslösung weiterer Krisen oder zur Chronifizierung beitragen können.

Insbesondere diejenigen Patienten mit mehreren zurückliegenden depressiven Episoden (rezidivierende Depression), einer chronischen depressiven Störung und/oder Patienten, die während dieser Episoden starke funktionelle Einschränkungen erlebten, bedürfen einer längerfristigen Weiterführung der Behandlung [241], [292].

Eine medikamentöse Behandlung in dieser Therapiephase erfolgt bei Patienten, die zwei oder mehr depressive Episoden in der jüngsten Vergangenheit aufwiesen und dabei bedeutsame funktionelle Einschränkungen hatten, sinnvollerweise mindestens zwei Jahre lang mit der gleichen Dosis, die sich in der Akutbehandlung als effektiv erwiesen hat ([241], [292], [297]; vgl. Kapitel 3.4 "Pharmakotherapie").

Hinsichtlich einer psychotherapeutischen Langzeitbehandlung zeigen Studien, dass hierdurch eine Stabilisierung der in der Akutphase erzielten Behandlungseffekte und eine höhere Nachhaltigkeit erreicht werden kann (z. B. [297], [298]). Eine zusätzliche psychotherapeutische Rezidivprophylaxe kann v. a. nützlich sein, wenn:

  • der Aufbau von Bewältigungsfertigkeiten indiziert ist;
  • langfristige psychosoziale Belastungen vorliegen;
  • die Remission einer vorher chronifizierten (> 2 Jahre) depressiven Störung vorliegt;
  • Patienten für eine bestimmte Zeit frei von Medikation sein müssen;
  • über die depressive Episode hinaus Störungen im Bereich der Beziehungen, der Selbst- oder der Gefühlsregulation vorliegen.

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3.1.3 Einbezug von Patienten und Angehörigen

3.1.3.1 Aufklärung und Mitarbeit

Unerlässlich für die Genesung und auch zur Vorbeugung einer Wiedererkrankung ist die Mitarbeit des Patienten. Ihre Sicherstellung vor und im Verlauf jeder Behandlung sollte gewährleistet sein. Die Grundlage dafür ist die Schaffung eines stabilen therapeutischen Bündnisses, in dem empathisch auf den Patienten eingegangen und Verständnis für die Beschwerden gezeigt wird. Hinderliche Aspekte, wie die Angst vor oder dem Erleben von Nebenwirkungen, die Wirklatenz bei pharmakologischen und v. a. psychotherapeutischen Maßnahmen und depressionsspezifische Schwierigkeiten ("keine Energie zur Therapie", Resignation) können bei vielen Patienten zu Widerständen gegen die Behandlung führen, so dass Therapieabbrüche bei der Behandlung von Depressionen nicht selten sind. Nicht zu unterschätzen ist auch die Schwierigkeit vieler Patienten zu akzeptieren, dass zur Vermeidung von Rückfällen oder Wiedererkrankungen für eine gewisse Zeit die Fortführung der erfolgreichen Behandlungsmaßnahmen auch nach dem Abklingen der depressiven Symptomatik notwendig ist. All diesem kann in den therapeutischen Gesprächen durch aktives Ansprechen konstruktiv begegnet werden.

Zur Sicherstellung einer guten Kooperation des Patienten während der sich über Monate und manchmal Jahre erstreckenden Behandlung tragen sowohl eine aktive Gestaltung der Therapeut-Patient-Beziehung als auch gezielte Informationen und regelmäßige Aufklärungsgespräche wesentlich bei. Patienten gewinnen durch die Vermittlung eines adäquaten Krankheitsmodells, Psychoedukation über die Depression, die intensive Aufklärung über die vorgeschlagenen Behandlungsmaßnahmen, das Thematisieren der Behandlungsdauer und den aktiven Einbezug in die medizinische Entscheidungsfindung ein verbessertes Verständnis ihrer Krankheit [299], [300]. Hierbei ist es wichtig, auf Verständlichkeit und Klarheit der Informationen zu achten. Eine professionell durchgeführte Aufklärung entspricht auch den Vorgaben, welche das Patientenrechtegesetz von 2013 gemacht hat (§§ 630 a BGB).

Empfehlung/Statement

Empfehlungsgrad

3-1

Im Gespräch mit Patienten und Angehörigen soll eine verständliche Sprache verwendet werden. Soweit Fachausdrücke verwendet werden, sollen diese erklärt werden.

LoE IV: Expertenkonsens

A

Im Rahmen des Aufklärungsgespräches, z. B. am Beginn einer antidepressiven Pharmakotherapie, kann die Erklärung biologischer Aspekte von Depressionen hilfreich sein. Eine solche Erläuterung entlastet Patienten unter Umständen von Schuldgefühlen und kann das Gefühl persönlichen Versagens relativieren. Auch die eingehende Aufklärung über die Wirkweise und Nebenwirkungen der Antidepressiva ("Botenstoffe im Gehirn") sowie ihr fehlendes Abhängigkeitspotential kann helfen, dass Vorbehalte und Befürchtungen der betroffenen Patienten oder ihrer Angehörigen über das suchterzeugende und die Persönlichkeit verändernde Potential von Antidepressiva ausgeräumt werden. Darüber hinaus sollten Patienten informiert werden, dass bei einer medikamentösen Behandlung mit einer Wirklatenz zu rechnen ist und Nebenwirkungen besonders am Anfang der Behandlung auftreten können. Häufige Nebenwirkungen der Medikamente sollten immer direkt und mit Hinweis auf ihre meist vorübergehende Natur, sowie mit einer Gewichtung hinsichtlich der erwarteten Wirkung beruhigend angesprochen werden. Des Weiteren sollte ein Aufklärungsgespräch thematisieren, mit welchen realistischen Zeitdauern bei depressiven Episoden und ihrer Behandlung zu rechnen ist. Auch die Notwendigkeit der Fortführung der Antidepressivatherapie für weitere vier bis neun Monate nach dem Abklingen der depressiven Symptomatik soll angesprochen werden.

Wenn eine Psychotherapie oder eine psychosoziale Maßnahme (z. B. Ergotherapie, Soziotherapie) indiziert sind, sollte erwogen werden, Patienten vorab im Gespräch auf die eigenen Ressourcen und Möglichkeiten der Beeinflussung des Therapieerfolgs, aber auch auf mögliche Auswirkungen einer Psychotherapie, wie z. B. Veränderungen im sozialen Umfeld durch die neu erworbenen sozialen Fertigkeiten, hinzuweisen. Auch soll ein Hinweis erwogen werden, dass bis zum Ansprechen auf die Psychotherapie ein längerer Zeitraum vergehen kann. Weiterhin soll vermittelt werden, dass eine Fortführung der Psychotherapie auch nach dem Abklingen der depressiven Episode sinnvoll ist, um die in der Therapie erarbeiteten Einsichten und Fertigkeiten zu festigen und zu stabilisieren. Zusätzlich kann zu den vereinbarten Therapien auch der Besuch einer Selbsthilfegruppe bzw. einer Angehörigengruppe hilfreich sein [301]. Die Einbeziehung von Angehörigen und die Zusammenarbeit mit Angehörigengruppierungen hat ebenfalls positive Effekte [301].

Empfehlung/Statement

Empfehlungsgrad

3-2

Patienten und Angehörige sollen über Selbsthilfe- und Angehörigengruppen informiert und, wenn angebracht, zur Teilnahme ermuntert werden.

LoE IV: Expertenkonsens basierend auf Referenzleitlinie [301]

A

3.1.3.2 Evidenzbasierte Patienteninformation

Idealerweise erfolgt die Patienten- und, soweit angebracht, die Angehörigenaufklärung nicht nur während des ärztlich-therapeutischen Gesprächs, sondern auch in schriftlicher Form. Entsprechende, allgemein verständliche und gleichzeitig evidenzbasierte Patienteninformationen bzw. medizinische Entscheidungshilfen liegen vor (z. B. in [302], [303], [304], [305] oder [240]: dort auch in Englisch, Französisch, Italienisch, Spanisch und Türkisch; vgl. auch [306]: dort auch in Russisch und Polnisch). Eine evidenzbasierte Patienteninformation ist die Voraussetzung dafür, dass sich Patienten auf der Grundlage des darin widergespiegelten Wissens an der therapeutischen Entscheidungsfindung während des ärztlichen und/oder psychotherapeutischen Gesprächs beteiligen können ([307], vgl. Kapitel 3.1.3.3 "Partizipative Entscheidungsfindung").

Wesentliche Inhalte einer Patienteninformation sind:

  • Aufklärung über das Krankheitsbild einer Depression einschließlich Merkmalen, an denen Betroffene ihre Erkrankung erkennen können (bereits durch die Einordnung einer depressiven Störung als schwere Erkrankung kann ein Patient deutliche Unterstützung und Entlastung erfahren);
  • Aufklärung über die Ursachen und die biopsychosoziale Eingebundenheit einer depressiven Störung nach dem Vulnerabilitäts-Stress-Modell;
  • Aufklärung über die Behandlungsoptionen mit ihren jeweiligen Vor- und Nachteilen (Pharmakotherapie, Psychotherapie, Kombinationstherapie, nichtmedikamentöse somatische Therapien) und den Behandlungsablauf, Wirklatenzen und mögliche Nebenwirkungen der Behandlung, Thematisierung der Behandlungsdauer und aktiver Einbezug des Patienten in die Entscheidungsfindung und
  • Aufklärung über die Prognose einer depressiven Störung.

Medizinische Entscheidungshilfen (sog. Decision Aids) beinhalten standardisierte Informationen, eine verständliche Darstellung von Behandlungsmöglichkeiten und der jeweiligen Vor- und Nachteile sowie Wahrscheinlichkeiten für einen Behandlungserfolg [305], [308], [309]. Zudem werden Werte und Präferenzen auf Seiten der Patienten im Rahmen der Entscheidungsfindung berücksichtigt und integriert. Entscheidungshilfen können dem Patienten text-, video- oder webbasiert dargeboten werden. Es können drei Kategorien unterschieden werden:

  1. Entscheidungshilfen, die in Konsultationen verwendet werden;
  2. Entscheidungshilfen, die primär außerhalb von Konsultationen verwendet werden;
  3. Entscheidungshilfen, die interaktive Technologien (z. B Web-basiert) verwenden.

Im Internet verfügbare Entscheidungshilfen, die öffentlich zugänglich sind, finden sich auf der Seite des Hamburger Netzes psychische Gesundheit (www.psychenet.de) oder der Seite des Faktencheck Depression (www.faktencheck-depression.de).

Empfehlung/Statement

Empfehlungsgrad

3-3_mod_2015

Depressive Patienten sollen über Symptomatik, Verlauf und Behandlung der Depression aufgeklärt werden. Dabei können zur Unterstützung evidenzbasierte Patienteninformationen oder Entscheidungshilfen, beides auf der Grundlage dieser Leitlinie, eingesetzt werden. Wenn es angebracht ist und die Patienten einverstanden sind, gilt dies auch für deren Angehörige.

LoE Ib: Metaanalyse [309]8, Referenzleitlinien [240], [301]

A

In der Regel ist es sinnvoll und wünschenswert, die Angehörigen an depressiven Störungen erkrankter Patienten in die Behandlung einzubeziehen und sie in einem ersten Schritt über die Krankheit zu informieren. Dabei sind die Rechtsvorschriften in Zusammenhang mit der Schweigepflicht zu beachten [310].

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3.1.3.3 Partizipative Entscheidungsfindung

Patienten mit depressiven Störungen wollen über ihre Erkrankung und die Behandlungsmöglichkeiten möglichst gut informiert werden und sich bei der behandlungsbezogenen Entscheidung beteiligen [307]. Eine gemeinsame Entscheidungsfindung trägt zu höherem Wissen und realistischeren Erwartungen über den Erkrankungsverlauf und zu höherer Patientenzufriedenheit bei. Bei der Partizipativen Entscheidungsfindung (Englisch: Shared Decision Making) wird ein gleichberechtigtes Zusammenarbeiten von Arzt bzw. Psychotherapeut und Patient angestrebt.

Das Vorgehen bei der Partizipativen Entscheidungsfindung lässt sich durch folgenden beispielhaften Ablauf beschreiben (siehe Tabelle 12). Zunächst erfolgt die Beschreibung und Erklärung der depressiven Störung (Schritt 1: Beschreibung der Erkrankung), woran sich die Mitteilung anschließt, dass eine Behandlungsentscheidung ansteht. Die Rollen von Arzt/Psychotherapeut und Patient bei der Partizipativen Entscheidungsfindung werden durch das Angebot der Zusammenarbeit und die prinzipielle Gleichberechtigung beider Partner ("Equipoise" = "Gleichgewicht oder Gleichwertigkeit") bestimmt [311]. Einerseits bezieht sich die Gleichwertigkeit auf unterschiedliche, je nach Indikation gleichwertige Behandlungsmöglichkeiten, die verfügbar sind (z. B. Psychotherapie oder Pharmakotherapie bei einer mittelgradigen depressiven Episode). Andererseits ist mit "Equipoise" auch das Gleichgewicht von Arzt bzw. Psychotherapeut und Patient im Einfluss auf die medizinische Entscheidungsfindung gemeint [312] (Schritt 2: Gleichwertigkeit der Optionen betonen ("Equipoise")).

Anschließend werden im Gespräch die Vor- und die Nachteile der möglichen Entscheidungsoptionen erläutert und vor dem Hintergrund der Lebenssituation des Patienten gegeneinander abgewogen (Schritt 3: Behandlungsmöglichkeiten und Risiken beschreiben). Dann wird erfragt, inwiefern das Besprochene verstanden wurde und welche Erwartungen oder Befürchtungen zu den Behandlungsoptionen auf Patientenseite bestehen (Schritt 4: Explorieren von Verständnis, Gedanken, Befürchtungen). Dieser Austausch umfasst zusätzlich zu Informationen über Depressionen und deren Verlauf auch Aspekte des Lebensumfeldes des Patienten, seine Werte, Bedürfnisse und Emotionen (Schritt 5: Erwartungen auf Seiten des Patienten erfassen). Beim Vorgehen der Partizipativen Entscheidungsfindung werden die medizinisch-psychologischen und evidenzbasierten Erkenntnisse auf der einen Seite mit den Patientenfragen und Patientenbedürfnissen auf der anderen Seite in Verbindung gebracht. Dabei werden Fachdetails, wie z. B. Ansprechraten, Wirkprofile, Wirklatenz, in laienverständlicher Sprache erörtert. Die Kernfrage, welche die beste Behandlung für den jeweiligen Patienten ist, wird anhand mehrerer individueller Fragen und Entscheidungskriterien erörtert. Patienten selbst fragen z. B. häufig, wie schnell die Wirkung eintrifft oder wie bereit sie sind, eventuelle Nebenwirkungen in Kauf zu nehmen, oder auch wie viel Zeit und Aktivität für eine Therapie aufgewendet werden muss.

Danach werden die unterschiedlichen Präferenzen von Patient und Behandler ermittelt und ein Abwägen der Behandlungsalternativen erfolgt, bevor eine Entscheidung getroffen wird (Schritt 6: Entscheidung besprechen, treffen oder aufschieben). Schließlich wird gemeinsam ein Plan zur Umsetzung der gewählten Behandlung beschlossen (Schritt 7: Folgevereinbarung treffen). Tabelle 12 gibt die einzelnen Schritte der Partizipativen Entscheidungsfindung wieder. Die Reihenfolge ist dabei nicht zwingend; es kommt lediglich darauf an, dass die Schritte berücksichtigt werden.

Tabelle 12: Schritte der Partizipativen Entscheidungsfindung (nach [313], [314])

Schritt 1

Aufklärung über Diagnose, Verlauf und Prognose der Erkrankung sowie Angebot einer Partizipativen Entscheidungsfindung

Schritt 2

Gleichwertigkeit der möglichen Behandlungsoptionen betonen ("Equipoise")

Schritt 3

Behandlungsmöglichkeiten und Vor- sowie Nachteile beschreiben

Schritt 4

Explorieren von Verständnis, Gedanken und Befürchtungen des Patienten

Schritt 5

Erwartungen und unterschiedliche Entscheidungspräferenzen erfassen

Schritt 6

Entscheidung besprechen, treffen oder aufschieben

Schritt 7

Folgevereinbarung treffen

Die Partizipative Entscheidungsfindung eignet sich vor allem, wenn mehrere Therapieoptionen zur Wahl stehen, wenn die Konsequenzen der Entscheidung bedeutsam für Patienten sind oder wenn Patienten sich Beteiligung ausdrücklich wünschen [315]. Das Vorgehen bei der Partizipativen Entscheidungsfindung erfordert die Bereitschaft und Einwilligung von Patienten. Daher kann eine Beteiligung an der Entscheidung in Situationen, in denen Patienten aufgrund des Schwere ihrer Erkrankung, z. B. sehr schwere Depression, wahnhafte Depression, Krisen- oder Notfallsituationen, in ihrer Einwilligungsfähigkeit eingeschränkt sind oder sich durch eine Beteiligung überfordert fühlen [315], [316], weniger sinnvoll sein.

Positive Effekte partizipativer Entscheidungsfindung auf affektive und kognitive Endpunkte konnten konsistent gezeigt werden, während die Auswirkungen auf klinische und gesundheitsökonomische Endpunkte gegenwärtig noch nicht klar sind [315], [317].

Empfehlung/Statement

Empfehlungsgrad

3-4

Über die gesetzlich vorgeschriebene Aufklärungspflicht hinaus sollte mit dem Patienten im Rahmen einer partizipativen Entscheidungsfindung über mögliche Behandlungsstrategien und die damit verbundenen erwünschten Wirkungen und möglichen Risiken gesprochen und entschieden werden.

LoE Ib: Metaanalysen [315], [317]

B

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3.1.3.4 Psychoedukation von Patienten und Angehörigen

Psychoedukation ist eine in der klinischen Praxis sehr häufig angewandte, aber wissenschaftlich kaum beforschte Maßnahme in der Behandlung depressiver Störungen. Nach der klassischen Definition von Goldman und Quinn (1988) [318] bezeichnet der Begriff der Psychoedukation "jede Schulung einer Person mit einer psychischen Störung, die dem Ziel der Behandlung und Rehabilitation dient". Diese Definition und vor allem die Beschränkung auf reine Informationsvermittlung blieben jedoch nicht unwidersprochen. Die meisten Arbeiten der vergangenen Jahre betonen den Aspekt der Akzeptanz und Bewältigung der Krankheit und ihrer Folgen. Die Arbeitsgruppe, aus der 2007 die Deutsche Gesellschaft für Psychoedukation hervorging, versteht unter Psychoedukation "systematische didaktisch-psychotherapeutische Interventionen..., die dazu geeignet sind, Patienten und ihre Angehörigen über die Krankheit und ihre Behandlung zu informieren, das Krankheitsverständnis und den selbstverantwortlichen Umgang mit der Krankheit zu fördern und sie bei der Krankheitsbewältigung zu unterstützen. Im Rahmen einer Psychotherapie bezeichnet Psychoedukation denjenigen Bestandteil der Behandlung, bei dem die aktive Informationsvermittlung, der Austausch von Informationen unter den Betroffenen und die Behandlung allgemeiner Krankheitsaspekte im Vordergrund stehen." ([319], S. 3). In der Praxis umfassen psychoedukative Interventionen ein breites Spektrum, von der reinen Information (Mitteilung der Diagnose mit Information über die Erkrankung, Informationsbroschüren und Büchern) bis hin zu zeitlich aufwändigen Hilfen bei der Krankheitsbewältigung. Die Grenze zur Psychotherapie ist dabei fließend.

Ziel der Psychoedukation ist insbesondere die Motivation und Initiierung von Veränderungen im Verhalten und den Einstellungen von Betroffenen und ihren Angehörigen. In der Behandlung depressiver Patienten (stationär und ambulant) gehören psychoedukative Maßnahmen für Betroffen mittlerweile zum Standardrepertoire, während für Angehörige deutlich seltener solche Angebote vorgehalten werden [320]. Bei den meisten Konzepten zur Psychoedukation stehen die Informationsvermittlung über das Krankheitsbild, mögliche Auslöser und Behandlungsmöglichkeiten, eine verbesserte Krankheitsbewältigung und die Entstigmatisierung der Erkrankungen und der Betroffenen im Vordergrund [321], [322], [323], [324]. Hierdurch soll eine höhere Akzeptanz, eine aktivere Patientenmitarbeit und eine verbesserte Selbstkontrolle und Kompetenz erreicht werden.

Die meisten Studien zu Psychoedukation bei affektiven Störungen bezogen sich auf Patienten mit einer bipolaren Störung [325], [326], [327], [328], [329], [330] und kamen zum Ergebnis, dass psychoedukative Maßnahmen sich positiv auf Wissen und Krankheitsbewältigung auswirken. Studien, die sich auf depressive Störungen bezogen, kamen zu ähnlich positiven Effekten. So konnte gezeigt werden, dass sowohl Wissen und Einstellungen gegenüber der Erkrankung Depression als auch die Medikamentenadhärenz verbessert werden konnten [331], [332], [333]. Außerdem zeigten psychoedukative Maßnahmen Verbesserungen im Umgang mit der Erkrankung, dem Erkrankungsverlauf und dem Behandlungserfolg [334], [335], [336].

Studien konnten auch positive Effekte psychoedukativer Maßnahmen auf die Familie und Angehörige zeigen ([337], [338], [339] bei Kindern, Jugendlichen und ihren Familien). Im Rahmen einer neueren Studie in Deutschland zur Inanspruchnahme einer spezifischen psychoedukativen Maßnahme bei Angehörigen depressiver Patienten stellten Kronmüller et al. (2006) [320] fest, dass Patienten aus der Teilnehmergruppe ein günstigeres Krankheitskonzept und mehr Wissen über ihre Erkrankung hatten, allerdings fühlten sich Patienten, deren Angehörige an der Gruppe teilnahmen, aber auch stärker von diesen kritisiert und nahmen weniger soziale Unterstützung im Alltag wahr. Die Autoren schließen hieraus eine Notwendigkeit zu differenziellen familienorientierten Behandlungsangeboten (vgl. auch [340], [341]). Insgesamt kann die Psychoedukation von Patienten und Angehörigen als eine sinnvolle und vielversprechende Methode angesehen werden, um eine aktivere Krankheitsbewältigung und Patientenmitarbeit zu fördern, und auf diesem Weg den Behandlungsprozess und den Krankheitsverlauf günstig zu beeinflussen. Eine systematische Übersichtsarbeit [342] kommt schließlich zu dem Ergebnis, dass ein gesteigertes Wissen über Depression und deren Behandlung mit einer günstigeren Depressionsprognose sowie einer Reduktion der psychosozialen Belastung von Angehörigen verbunden ist.

Empfehlung/Statement

Empfehlungsgrad

3-5

Psychoedukative Angebote für Betroffene und Angehörige sollten zur Verbesserung des Informationsstands, der Akzeptanz und der Patientenmitarbeit im Rahmen einer Gesamtbehandlungsstrategie als sinnvolle Ergänzung angeboten werden.

LoE Ib: Metaanalyse [342] und RCTs [331], [334]

B

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3.2 Versorgungskoordination und Interaktion der Behandelnden

Das folgende Kapitel fokussiert auf die Behandlungsschwerpunkte und die Interaktion der an der Versorgung depressiver Patienten beteiligten Berufsgruppen sowie die unterschiedlichen Settings (ambulante, stationäre und rehabilitative Versorgung), in denen entsprechende Maßnahmen vorgehalten werden.

3.2.1 Akteure in der Versorgung

Die Behandlung von Patienten mit depressiven Erkrankungen erfordert, insbesondere aufgrund des intensiven Behandlungsbedarfs bei schweren und chronischen Formen sowie des hohen Risikos einer Chronifizierung, eine kontinuierliche und abgestimmte medizinische, psychotherapeutische und psychosoziale Versorgung. Obwohl in den letzten Jahren durch zahlreiche Aktivitäten (z. B. Awarenessprogramme, Leitlinien-Entwicklung, Fortbildungs- und Qualitätssicherungsprogramme, Entwicklung von Modellen Integrierter Versorgung) eine verbesserte Versorgung depressiver Patienten erreicht werden konnte, besteht sowohl in der Früherkennung, der Diagnostik und Behandlung als auch bezüglich der Kooperation zwischen verschiedenen Versorgungsebenen weiterer Optimierungsbedarf [240], [343], [344], [345], [346]. Dem Ansatz einer sinnvollen Kooperation steht das derzeit fraktionierte Versorgungssystem mit wenig vernetzten ambulanten, stationären und rehabilitativen Angeboten gegenüber [347]. So sind bei Diagnose und Behandlung depressiver Erkrankungen verschiedene Akteure beteiligt, die alle für eine evidenzbasierte Versorgung depressiver Erkrankungen notwendigen diagnostischen und therapeutischen Maßnahmen erbringen sollen. Als zentrale Akteure in der Versorgung für depressive Erkrankungen gelten v. a.

  • Hausärzte (Fachärzte für Allgemeinmedizin bzw. für Innere Medizin, praktische Ärzte, Diplom-Mediziner);
  • Fachärzte für Psychiatrie und Psychotherapie bzw. Nervenheilkunde;
  • Fachärzte für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie;
  • Ärzte mit Zusatzbezeichnung Psychotherapie und Psychoanalyse; Psychologische Psychotherapeuten;
  • weitere Leistungserbringer für psychosoziale Therapien (Ergotherapeuten, Sozialarbeiter und -pädagogen, Gesundheitsfachkräfte);
  • Universitätskliniken, Fachkrankenhäuser und Fachabteilungen in Allgemeinkrankenhäusern für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik bzw. Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, einschließlich zugeordneter Instituts- und Hochschulambulanzen und spezifische, z. B. gerontopsychiatrische Zentren;
  • Rehabilitationseinrichtungen (insbesondere psychosomatische Rehabilitationskliniken).

Von Bedeutung sind darüber hinaus weitere Fachärzte wie Arbeitsmediziner, Gynäkologen, Orthopäden, Urologen etc. sowie vielerorts Selbsthilfegruppen von Betroffenen bzw. von Angehörigen [347] und Einrichtungen für ambulantes betreutes Wohnen und Tagesstätten.

3.2.1.1 Hausärztliche Versorgung

Hausärzte haben bei der Versorgung depressiver Störungen eine zentrale Rolle inne. Hausärzte behandeln einen hohen Anteil von Patienten, die eine depressive Erkrankung aufweisen [158], [348]. Depressionen gehören zu den fünf häufigsten Krankheiten in der Hausarztpraxis [349]. Anhand des 2014 publizierten "Faktencheck Depression" der Bertelsmann Stiftung wurden regionale Unterschiede in der Diagnostik und Behandlung von Depression auf Grundlage von Versicherungsdaten von ca. 7,7 Millionen Versicherten von insgesamt 84 unterschiedlichen Krankenversicherungen der Betriebskrankenkassen (BKK) und Innungskrankenkassen (IKK) aus dem Stichjahr 2011 untersucht [158]. Dabei zeigte sich, dass der größte Anteil der Depressionsdiagnosen (59 %) ausschließlich von einem Hausarzt gestellt wird. Die zweitgrößte Gruppe bilden die Depressionsdiagnosen, die durch einen Hausarzt und einen fachspezifischen Arzt bzw. Psychotherapeuten gestellt wird (15 %). Allein über einen fachspezifischen Arzt bzw. Psychotherapeuten erfolgt eine Diagnosestellung bei 12 %. Dabei werden insbesondere nicht spezifizierte Depressionsdiagnosen (ICD-Codes F 32.8/ 32.9 oder F 33.8/33.9) ausschließlich von Hausärzten gestellt (78 %). Bei etwa der Hälfte aller spezifizierten Depressionsdiagnosen ist ein fachspezifischer Arzt bzw. Psychotherapeut an der Diagnosestellung beteiligt. Im ebenfalls 2014 publizierten "Versorgungsreport 2013/2014" des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) zeigte sich, dass 2010 etwa zwei Drittel, bei denen in der ambulanten Versorgung eine depressive Störung kodiert wurde, durch den Hausarzt versorgt wurden [350] (vgl. Tabelle 13). Die besondere Bedeutung des Hausarztes besteht darin, dass er sehr häufig als erstes Glied in der Versorgungskette depressiver Erkrankungen steht [12], [349]. Als langjährigem Begleiter von Patienten und dessen Angehörigen kommt ihm eine besondere Rolle beim Aufbau einer empathischen und vertrauensvollen Arzt-Patienten-Beziehung sowie der Entwicklung eines angemessenen Verständnisses der Krankheit, ihrer Symptome, ihrer Behandlung und ihrer Prognose für Patienten und Angehörige zu. Darüber hinaus kommt ihm eine wichtige Beratungsfunktion zu, inwieweit Fachärzte, Psychologische und Ärztliche Psychotherapeuten, Gesundheitsfachberufe und flankierende Dienste in die Behandlung einbezogen werden sollen. Eine enge Zusammenarbeit mit psychiatrischen, psychosomatischen und psychologischen Fachkollegen in der Versorgung bietet den Patienten eine umfassende Versorgung und gewährleistet zudem einen sicheren Zugang zu den Spezialisten bei Bedarf.

Die Versorgung der Patienten zwischen den unterschiedlichen Versorgungsbereichen zeigt sich nach oben genannten Kassendaten (Tabelle 13) inadäquat verteilt. Nach wie vor werden viele schwergradig erkrankte Patienten ausschließlich von Hausärzten und nicht von psychiatrisch-psychotherapeutischen Fachärzten versorgt. Hier könnte ggf. ein sog. Collaborative Care bzw. Stepped Care Ansatz [351], wie in Kapitel 3.2.4 dargestellt, beitragen, eine adäquatere Verteilung der Patienten zu erreichen.

Tabelle 13: Qualifikation der Behandelnden bei rein ambulant behandelten Patienten 2010 in % (nach [350])

Schweregrad

Versorgung durch HA

Versorgung durch FA

Versorgung durch HA und FA

Versorgung durch andere Fachärzte

F32.2/F32.3 Schwere depressive Episode mit/ohne psychotische Symptome

37,8

28,1

29,9

4,2

F32.1 mittelgradige depressive Episode

44,3

26,8

24,7

4,2

F32.0 leichte depressive Episode

54,8

18,7

12,2

14,3

F32.8/F32.9 sonstige oder nicht näher bezeichnete depressive Episode

75,4

4,9

4,9

13,6

Gesamt

64,1

13,2

11,8

10,8

HA=Hausärzte; FA=spezifische Fachärzte, d. h. Fachärzte für Psychiatrie, Psychologische Psychotherapeuten etc.

Hausärzte und auch andere Fachärzte bieten darüber hinaus niederschwellige Maßnahmen zur Versorgung depressiv kranker Menschen im Rahmen der so genannten Psychosomatischen Grundversorgung an [352]. Auch bei der Beratung und Durchführung von niederschwelligen psychosozialen Interventionen (wie z. B. "angeleitete Selbsthilfe", "Technologie-gestützte Interventionen" und einfachem "Case Management") können Hausärzte in Zukunft eine koordinierende Rolle einnehmen, um im Kontext von Multimorbidität einer weiteren Fragmentierung der Versorgung vorzubeugen [353]. Es liegen beispielsweise Belege für die Wirksamkeit von Problemlöseinterventionen, die durch Hausärzte durchgeführt wurden vor [354], [355]; eine aktuelle Netzwerkmetaanalyse liefert darüber hinaus Hinweise für die Wirksamkeit verschiedener niedrigdosierter psychotherapeutischer Interventionen in der primärärztlichen Versorgung depressiver Patienten [356]. Schließlich werden in Hausarztpraxen Praxismitarbeiter, insbesondere Medizinische Fachangestellte, Krankenschwestern ggf. mit Zusatzqualifikationen, wie z. B. Versorgungsassistentin in der Hausarztpraxis (VERAH) oder ähnliche, in die klinische Patientenversorgung unter Leitung des Arztes eingebunden [357], [358]. Erprobungen solcher Ansätze erfolgen seit 2013 auch für die hausärztliche Versorgung mit älteren depressiven Patienten, Studienergebnisse sind allerdings noch nicht veröffentlicht [359].

Die kumulative Evidenz für die Behandlung von Patienten mit Depressionen durch die hausärztliche Versorgungsebene zeigt, dass signifikante positive Effekte auf die Symptomentwicklung, die Versorgungsqualität und Kosten erreicht werden können; allerdings werden diese Effekte in der Versorgungsrealität nicht immer erreicht [360], [361], [362], [363], [364].

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3.2.1.2 Fachärztliche Versorgung

Die ambulante fachärztliche Versorgung depressiv erkrankter Patienten wird in Deutschland durch Fachärzte für Psychiatrie und Psychotherapie, für Psychiatrie, für Nervenheilkunde sowie durch Fachärzte für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie gewährleistet. Außerdem sind Ärzte mit den Zusatztiteln Psychotherapie und Psychoanalyse an der Behandlung der Patienten beteiligt. Die Facharztdichte variiert stark in Abhängigkeit von Regionen, Bevölkerungsdichte und alten bzw. neuen Bundesländern [80], [365], [366]. In Deutschland sind bezogen auf die Facharztbezeichnungen 1.982 an der vertragsärztlichen Versorgung teilnehmende Fachärzte für Psychiatrie und Psychotherapie, 2.417 Nervenärzte, 1.444 Neurologen, 2.574 Fachärzte für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie und 2.461 psychotherapeutisch tätige Ärzte niedergelassen (KBV-Statistik, Stichtag: 31.12.2013).

Das Spektrum der Behandlungsmaßnahmen reicht im Anschluss an die organische, psychopathologische und soziale Differenzialdiagnostik von der Krankheitsaufklärung (Psychoedukation), oft unter Einbezug der Angehörigen, der Durchführung bzw. Vermittlung psychoedukativer Gruppen, der Pharmakotherapie, der supportiven Gesprächsführung, der Zusammenarbeit mit Selbsthilfegruppen, der psychotherapeutischen Behandlung bis hin zur Differenzialindikation und Durchführung der Richtlinienpsychotherapie und zu gezielten sozialpsychiatrischen bzw. soziotherapeutischen Maßnahmen. Wegen der hohen Komorbidität chronischer psychischer Erkrankungen mit somatischen Erkrankungen, ist in der Regel eine enge Kooperation von Haus- und Fachärzten anzustreben.

Fachärzte für Psychiatrie und Psychotherapie bzw. für Nervenheilkunde behandeln mit dem gesamten Spektrum der Behandlungsmaßnahmen depressive Patienten aller Schweregrade. Darüber hinaus ist in der ambulanten Versorgung ihre Konsultation, insbesondere bei schweren, psychotischen oder mit akuter Suizidalität und fehlender Absprachefähigkeit verbundenen Depressionen oder komplizierenden Faktoren wie Pharmakotherapieunverträglichkeit oder Behandlungsresistenz, indiziert.

Bei Suizidalität ist die Zuweisung angezeigt, wenn in anderen therapeutischen Settings (z. B. Hausarzt, Ärztlicher oder Psychologischer Psychotherapeut) kein ausreichendes spezifisches Krisenmanagement möglich ist bzw. eine Klinikeinweisung abzuklären ist. Dies gilt auch für die breite und zunehmende gerontopsychiatrische Versorgung ambulanter und vor allem in Heimen lebender depressiver Patienten sowie analog für Patienten mit mentaler Behinderung. Auch die Behandlung von Patienten mit Komorbidität von Depressionen mit körperlichen Erkrankungen inkl. neurologisch erkrankter Patienten (Apoplexie, M. Parkinson, Epilepsie u.a.) gehört zu ihrer Versorgungsaufgabe.

Fachärzte für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie sind, über die psychotherapeutische Behandlung depressiver Patienten aller Schweregrade hinaus, insbesondere an der psychotherapeutischen Behandlung von Patienten mit Komorbidität von Depressionen und körperlichen Erkrankungen beteiligt. Bei der Frage nach der Indikation zu einer medikamentösen Rezidivprophylaxe ist in der Regel der Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie bzw. für Nervenheilkunde zur umfassenden Information des Patienten über die alternativen Behandlungsmöglichkeiten zu konsultieren.

Bei der Frage einer psychotherapeutischen Rezidivprophylaxe können Fachärzte für Psychiatrie und Psychotherapie bzw. für Nervenheilkunde, Fachärzte für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie sowie Ärztliche und Psychologische Psychotherapeuten konsultiert werden.

Patienten mit schweren chronischen Depressionen werden auch in psychiatrischen Institutsambulanzen mit einem komplexen Behandlungsangebot in einem multiprofessionellen Team behandelt.

3.2.1.3 Psychotherapeutische Versorgung durch Psychologische Psychotherapeuten

Die ambulante psychotherapeutische Versorgung von Erwachsenen mit psychischen Störungen erfolgt zu einem beträchtlichen Anteil durch Psychologische Psychotherapeuten, die an der kassenärztlichen Versorgung teilnehmen und von den Patienten nicht nur über den Hausarzt oder eine Einrichtung der stationären/teilstationären Versorgung, sondern auch eigeninitiativ und als erste Anlaufstelle aufgesucht werden. Zum Tätigkeitsspektrum gehören auch die Differenzialindikation und Durchführung der Richtlinienpsychotherapie. Die Beantragung einer Richtlinienpsychotherapie seitens Psychologischer Psychotherapeuten erfordert einen ärztlichen Konsiliarbericht der zu ggf. bestehenden Kontraindikationen zu einer Psychotherapie oder zu einer ggf. erforderlichen weiteren ärztlichen Behandlung Stellung nimmt. Die bestehende Psychotherapeutendichte weist, wie bei den Fachärzten, erhebliche regionale Schwankungen mit einem deutlichen West-Ost-Gefälle und einer hohen Psychotherapeutendichte in den Ballungsgebieten auf. Bei der psychotherapeutischen Behandlung solcher Depressionen, bei denen eine begleitende psychopharmakologische Behandlung indiziert ist, kooperieren sie mit einem Facharzt (i. d. R. für Psychiatrie und Psychotherapie bzw. Nervenheilkunde) bzw. bei Patienten mit Komorbidität von Depressionen und körperlichen Erkrankungen auch mit dem Hausarzt. In Deutschland nehmen ca. 15.669 Psychologische Psychotherapeuten an der vertragspsychotherapeutischen Versorgung teil (KBV-Statistik, Stichtag: 31.12.2013). Als Behandlungsverfahren gemäß Psychotherapie-Richtlinie werden von den Psychologischen Psychotherapeuten Behandlungen mit den Psychotherapieverfahren Verhaltenstherapie (48 %), tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie (35 %), tiefenpsychologisch fundierte und analytische Psychotherapie (5 %) und analytische Psychotherapie (12 %) angeboten (KBV-Statistik, Stichtag: 31.12.2011). Psychologische Psychotherapeuten bieten psychotherapeutische Behandlungen auch in psychotherapeutischen Ambulanzen, teilstationären, stationären und rehabilitativen Einrichtungen und Beratungsstellen an.

Die Behandlungsmaßnahmen umfassen neben einer psychopathologischen und psychotherapeutischen Differenzialdiagnostik, der Aufklärung über die Krankheit und ihre Behandlungsmöglichkeiten, der Klärung der Wünsche und Präferenzen der Patienten, vor allem die Anwendung wissenschaftlich anerkannter Psychotherapieverfahren und -methoden (gem. Psychotherapeutengesetz bzw. Psychotherapie-Richtlinie).

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3.2.1.4 Leistungserbringer weiterer therapeutischer Maßnahmen

Neben den biologischen und psychotherapeutischen Verfahren sind psychosoziale Therapien die dritte Säule einer modernen psychiatrischen Behandlung. Eine umfassende Darstellung dieser Maßnahmen und Empfehlungen sind der S3-Leitlinie "Psychosoziale Therapien bei schweren psychischen Erkrankungen" zu entnehmen (vgl. [155]). Zentrales Ziel psychosozialer Therapien ist die weitgehende Unabhängigkeit und Selbständigkeit und Teilhabe in Alltag und Beruf. Im stationären und teilstationären Bereich sind Berufsgruppen, wie z. B. Ergotherapeuten, Sozialarbeiter, Physiotherapeuten usw., integraler Bestandteil des interprofessionellen Teams. Im ambulanten Bereich bestehen verschiedene Möglichkeiten der Finanzierung, die an unterschiedlichen Stellen (z. B. in den Heilmittelrichtlinien) geregelt sind.

Ergotherapeuten kommen für depressive Patienten durch nicht genehmigungspflichtige Heilmittelverordnung seitens Haus- und Fachärzten zum Einsatz (Einzel- oder Gruppentherapie). Insbesondere die "psychisch-funktionelle Behandlung" dient der gezielten Therapie krankheitsbedingter Störungen der psychosozialen und sozioemotionalen Funktionen und der daraus resultierenden Fähigkeitsstörungen im Verhalten, in der zwischenmenschlichen Interaktion und Kommunikation, der Kognition sowie der Beweglichkeit und Geschicklichkeit. Im Regelfall können bis zu 40 Behandlungseinheiten verordnet werden.

Zu den psychosozialen Therapieverfahren zählt auch die Soziotherapie (vgl. Kapitel 3.6.6.2). Soziotherapie ist eine definierte ambulante Versorgungsleistung für Patienten mit schweren psychischen Störungen, die sie in die Lage versetzen soll, andere medizinische Behandlungen in Anspruch zu nehmen. Soziotherapie in diesem Zusammenhang umfasst Trainings- und Motivationsmethoden sowie Koordinierungsmaßnahmen und wird von vertraglich zugelassenen Personen erbracht (die Rahmenbedingungen der Verordnungsmöglichkeiten sind bei [367] beschrieben). Grundlage ist § 37a SGB V. Soziotherapie ist seit dem 1. Januar 2000 aufgrund einer individuellen medizinischen Notwendigkeit, die aus Diagnose, Schweregrad und Dauer der Erkrankung sowie den krankheitstypischen Fähigkeitsstörungen besteht, verordnungsfähig. Voraussetzungen sind eine positive Prognose bzw. Therapiefähigkeit und die Erfordernis, dadurch Klinikaufenthalte zu vermeiden, zu verkürzen oder zu ersetzen, falls diese nicht durchführbar sind. Durchgeführt wird diese Leistung von Sozialarbeitern/Sozialpädagogen oder Fachkrankenschwestern und Fachpflegern für Psychiatrie. Die Leistungserbringer müssen spezielle Anforderungen erfüllen und vertraglich zugelassen sein, um Soziotherapie gem. § 37a SGB V zulasten der GKV durchführen zu dürfen.

Häusliche Krankenpflege psychisch Kranker (HKP; früher ambulante psychiatrische Pflege (APP) genannt; vgl. Kapitel 3.6.6.3) ist seit Juli 2005 Bestandteil der Häuslichen Krankenpflege. Sie wurde mit der Neuregelung der Richtlinien zur Verordnung von Häuslicher Krankenpflege nach § 92 SGB V aufgenommen. Die Einzelheiten sind in einer Richtlinie des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) geregelt:

  • HKP kann nur bei Vorliegen einer schwereren Depression verordnet werden.
  • Die Diagnose muss nach den Richtlinien des G-BA fachärztlich gesichert, d. h. durch einen Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie bzw. Nervenheilkunde gestellt sein.
  • Die Dauer der Verordnung ist auf bis zu vier Monate begrenzt.

Ambulantes Betreutes Wohnen oder Tagesstätten für Menschen mit psychischen Erkrankungen sind weitere wichtige Säulen der (gemeinde)psychiatrischen Versorgung.

3.2.2 Stationäre Versorgung

Neben dem im internationalen Vergleich gut ausgebauten, ambulanten Versorgungssektor durch Praxen, Ambulanzen und Beratungsstellen verfügt die Bundesrepublik Deutschland auch über eine sehr gute stationäre Versorgung durch Krankenhäuser und Kliniken. Der stationäre Sektor teilt sich in drei Versorgungssubsysteme auf: die psychiatrisch-psychotherapeutische Krankenhausversorgung, die psychosomatisch-psychotherapeutische Krankenhausversorgung und die psychosomatische Rehabilitation [368].

Die stationäre psychiatrisch-psychotherapeutische Behandlung bzw. psychiatrisch-psychotherapeutisch-psychosomatische wird sowohl an Fachkrankenhäusern als auch an Universitätsabteilungen sowie Fachabteilungen in Allgemeinkrankenhäusern durchgeführt. Im Jahr 2013 gab es in Deutschland ca. 405 psychiatrische Fachabteilungen oder Fachkrankenhäuser mit insgesamt ca. 54.400 Betten [369]. Neben allgemeinpsychiatrisch-psychotherapeutisch orientierten Stationen mit störungsspezifischen Angeboten werden depressive Patienten auch auf spezialisierten Depressionsstationen behandelt. In psychiatrisch-psychotherapeutischen Fachkrankenhäusern machen Patienten mit Depression mit einem Anteil von 20-30 % heute nach den Suchtpatienten die zweitgrößte Patientengruppe des stationären Klientels aus [150], [361], [370], [371], [372].

Das multimodale Angebot psychiatrisch-psychotherapeutischer Stationen umfasst neben einer ärztlichen, psychologischen und pflegerischen Betreuung eine psychopharmakologisch-antidepressive Behandlung sowie regelhaft Einzel- und Gruppenpsychotherapie. Weitere Therapieverfahren, z. B. Elektrokonvulsionstherapie, Lichttherapie oder Wachtherapie, Sport- und Bewegungstherapie, ergänzen die Behandlungsmöglichkeiten. Weitere Verfahren (z. B. Ergotherapie, Künstlerische Therapien) werden in der Behandlung ebenfalls eingesetzt. Diese und die meisten für Depressionen spezialisierten Stationen [372] bieten darüber hinaus psychoedukative Programme an. Der Einbezug der Angehörigen in die Behandlung unter einer diagnostischen Perspektive bis zu Angeboten der Angehörigenarbeit ist ein weiterer wichtiger Bestandteil der Therapie. Rehabilitative Aspekte wie Belastungserprobungen, z. B. im Büro- oder Haushaltstraining innerhalb des Krankenhauses oder als Arbeitserprobungen außerhalb der Klinik, gehören zum Standardtherapieangebot der Kliniken. Umfangreiche Studien zur Qualitätssicherung (Prä-Post-Design) der stationären psychiatrisch-psychotherapeutischen Behandlung zeigten, dass die stationäre Behandlung akuter depressiver Episoden sehr erfolgreich ist, was sich u. a. in einer klinisch bedeutsamen Reduktion der depressiven Symptomatik zeigt [150], [361], [373], [374]. Das stationäre Behandlungsangebot wird im Sinne stationär-ambulanter Behandlungskontinuität durch das multimodale Behandlungsangebot der psychiatrisch-psychotherapeutischen Institutsambulanzen ergänzt.

Psychosomatisch-psychotherapeutische Behandlungen im Krankenhaus finden an eigenen Fachkrankenhäusern, an Abteilungen für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, in Allgemein- und zunehmend auch psychiatrisch-psychotherapeutischen bzw. psychosomatischen Krankenhäusern sowie an derart beide Disziplinen vorhaltenden Universitätsabteilungen statt. Im Jahr 2013 existierten in Deutschland ca. 220 Fachkrankenhäuser bzw. -abteilungen für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie bzw. Psychotherapeutische Medizin mit ca. 9.600 Betten [369]. Etwa die Hälfte der behandelten Patienten leidet unter häufig rezidivierenden bzw. chronischen, depressiven Störungen (ca. 50 % Hauptdiagnose, ca. 20 % Nebendiagnose depressive Erkrankung [375]). Das multimodale Angebot psychotherapeutischer Stationen umfasst neben regelhafter Einzel- und Gruppenpsychotherapie, Ergotherapie, ggf. begleitender antidepressiver Pharmakotherapie, vor allem auch komplementäre Verfahren (z. B. Künstlerische Therapien) sowie darüber hinausgehende störungsspezifische, psychoedukative Angebote. Ähnlich wie auf psychiatrisch-psychotherapeutischen Depressionsstationen spielen rehabilitative Aspekte eine wichtige Rolle. Für den Erfolg stationärer psychosomatisch-psychotherapeutischer Angebote gibt es Belege aus Untersuchungen mit gemischten Patientengruppen, die mehrheitlich (50-70 %) Diagnosen aus dem Spektrum der depressiven Erkrankungen aufweisen [374], [375], [376], [377].

In stationären Rehabilitationseinrichtungen (2012 ca. 230 Einrichtungen mit ca. 15.000 Betten) werden die Behandlungen vorrangig von den Rentenversicherungen getragen [378]. Patienten mit depressiven Störungen erhalten dort psychotherapeutische Angebote, insbesondere gruppenpsychotherapeutische Angebote, in einem deutlich geringerem Ausmaß, aber auch Einzelpsychotherapie. Psychotherapieferne Leistungen, z. B. Krankengymnastik, Sport- und Bewegungstherapie sowie andere Leistungen, wie Ergotherapie, Psychoedukation und klinische Sozialarbeit, werden in unterschiedlicher Intensität durchgeführt. Elemente, die als besonders relevant für die rehabilitative Behandlung eingeschätzt werden, sind u. a. die Diagnostik von Funktions-, Aktivitäts- und Teilhabestörungen, Maßnahmen zum Erhalt der Lebensqualität bei chronischer Erkrankung sowie die Abschätzung der Erwerbsprognose, die Abschätzung der Arbeitsfähigkeit und Hilfen zur beruflichen Förderung und Wiedereingliederung sowie auch die Psychotherapie chronifizierter Erkrankungen unter Langzeitperspektive. Zur Wirksamkeit der Behandlung im Bereich der Rehabilitation liegen Prä-Post-Studien vor. Ergebnisse einer Metaanalyse zahlreicher spezifischer Untersuchungen [379] ergeben für Patienten mit einer depressiven Störung bei Zugrundelegung störungsspezifischer Maße ebenfalls einen signifikanten Erfolg rehabilitativer Behandlungsmaßnahmen.

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3.2.3 Schnittstellen in der Behandlung

Folgende Indikationskriterien für unterschiedliche Stufen der Versorgung sind sinnvoll (adaptiert nach [380], vgl. auch [381]):

  • Bei leichten bis mittelschweren depressiven Störungen kann eine alleinige ambulante Behandlung, nach lege artis durchgeführter somatischer, psychopathologischer und psychologischer Diagnostik, von allen relevanten Behandlungsgruppen, d. h. Hausärzten oder Fachärzten für Psychiatrie und Psychotherapie sowie für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie oder Nervenärzte, Ärzten mit Zusatztitel Psychotherapie und Psychoanalyse oder Psychologischen Psychotherapeuten erfolgen. Bei hausärztlicher Behandlung ist nach spätestens sechs Wochen bei nicht ausreichender Besserung die Konsultation bei einem Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie bzw. Nervenarzt oder einem Ärztlichen bzw. Psychologischen Psychotherapeuten zu erwägen. Bei psychotherapeutischer Behandlung ist bei fehlender Besserung nach spätestens drei Monaten die Konsultation eines Facharztes für Psychiatrie und Psychotherapie bzw. Nervenarztes zu empfehlen.
  • Zusätzlich zur oben beschriebenen Problematik wird die Überweisung oder Mitbehandlung zum bzw. durch den Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie bzw. Nervenarzt empfohlen insbesondere bei:
  • Unklarer psychiatrischer Differentialdiagnostik;
  • Schwerer Symptomatik;
  • Therapieresistenz;
  • Problemen bei der Pharmakotherapie und/oder in einer Psychotherapie;
  • Interaktionsproblemen im Rahmen der Kombinationstherapie von Antidepressiva mit anderen Medikamenten;
  • Akuter Selbst- und Fremdgefährdung;
  • Psychotischen Symptomen oder depressivem Stupor;
  • Komorbidität einer depressiven Störung mit einer anderen schweren, psychischen Störung sowie mit anderen schweren körperlichen Erkrankungen;
  • Bei der Notwendigkeit zur Behandlung durch ein multiprofessionelles Team soll eine Überweisung zu einer psychiatrischen Institutsambulanz, wo komplexe Behandlungsprogramme vorgehalten werden, geprüft werden;
  • Zur ergänzenden psychodiagnostischen bzw. testpsychologischen Abklärung.
  • Psychologische Psychotherapeuten und Fachärzte für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie führen im Allgemeinen Richtlinienpsychotherapie durch. Eine Überweisung zu den Genannten wird außerdem empfohlen:
  • Zur psychotherapeutischen Mitbehandlung bei schwerer Symptomatik im Rahmen einer Kombinationstherapie;
  • Bei psychotherapeutisch zugänglicher Therapieresistenz;
  • Bei Komorbidität einer depressiven Störung mit einer anderen schweren psychischen Störung zur psychotherapeutischen (Mit-)behandlung;
  • Bei Problemen in einer Psychotherapie;
  • Bei einer psychotherapeutischen Behandlung bei Komorbidität von Depression und chronischen körperlichen Erkrankungen;
  • Zur ergänzenden psychodiagnostischen bzw. testpsychologischen Abklärung.
  • Fachärzte für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie sowie Ärztliche Psychotherapeuten können, wenn sie nicht ausschließlich Psychotherapie anbieten und bei entsprechender Qualifikation auch pharmakotherapeutisch konsultiert werden, insbesondere dann, wenn ohnedies eine Kombinationstherapie aus Pharmako- und Psychotherapie Anwendung findet.
  • Bei schweren und/oder chronifizierten Depressionen ist i. d. R. neben einer fachärztlichen Pharmakotherapie eine zusätzliche Psychotherapie (durch einen Facharzt oder Psychologischen oder Ärztlichen Psychotherapeuten) indiziert.
  • Eine Notfallindikation zur stationären psychiatrisch-psychotherapeutischen Behandlung besteht insbesondere bei Vorliegen einer akuten suizidalen Gefährdung oder Fremdgefährdung mit fehlender oder eingeschränkter Absprachefähigkeit sowie deutlichen psychotischen Symptomen.
  • Eine Indikation zur stationären psychiatrisch-psychotherapeutischen Behandlung besteht meist auch bei der Gefahr der depressionsbedingten Isolation und anderen schwerwiegenden psychosozialen Faktoren, bei den Therapieerfolg massiv behindernden äußeren Lebensumständen (z. B. durch Milieuänderung), bei Therapieresistenz gegenüber ambulanten Therapien und bei der starken Gefahr einer (weiteren) Chronifizierung sowie bei so schweren Krankheitsbildern, dass die ambulanten Therapiemöglichkeiten nicht ausreichen. Soll in derartigen Fällen vorrangig eine Psychotherapie angeboten werden, kann auch eine Indikation zur stationären psychosomatisch-psychotherapeutischen Behandlung bestehen.
  • Gemäß SGB IX ist eine Indikation für eine stationäre Rehabilitationsbehandlung v. a. dann gegeben, wenn die Therapieziele in der Festigung von Behandlungserfolgen, der Behandlung von Krankheitsfolgen, der Verbesserung des Umgangs mit der (chronischen bzw. chronifizierten) Erkrankung oder der Verbesserung oder Wiedererlangung der Erwerbsfähigkeit bestehen.
  • Eine Indikation für ambulante Ergotherapie nach den Heilmittelrichtlinien besteht insbesondere dann, wenn Maßnahmen zur Verbesserung oder zum Erhalt der eigenständigen Lebensführung und/oder der Grundarbeitsfähigkeiten (wie z. B. Antrieb, Motivation, Belastbarkeit, Ausdauer, Flexibilität und Selbständigkeit in der Tagesstrukturierung) angezeigt sind.
  • Eine Indikation für Soziotherapie oder für häusliche psychiatrische Krankenpflege liegt insbesondere bei schwerer Symptomatik mit deutlicher Funktions- und Teilhabestörung vor.

In diesem Zusammenhang sind auch Kriterien bedeutsam, die eine Entscheidung für eine Überweisung zur Konsiliar- bzw. Weiterbehandlung erleichtern und transparenter gestalten. Im Rahmen der Akut- und Erhaltungstherapie stellen sich neben Kooperationsfragen zwischen Haus-, Fachärzten, Ärztlichen und Psychologischen Psychotherapeuten sowie Fachkliniken auch Kooperationsfragen der ambulanten Einrichtungen mit Tageskliniken, Institutsambulanzen, stationären und ambulanten Rehabilitationseinrichtungen sowie Leistungserbringern im Bereich der psychosozialen Therapien, z. B. niedergelassenen Ergotherapeuten oder ambulanter Behandlungen unter Einschluss von Soziotherapie bzw. häuslicher psychiatrischer Pflege.

In Abbildung 7 ist der Diagnoseprozess mit den jeweiligen Schnittstellen und Kooperationsebenen schematisch dargestellt (vgl. Kapitel 2 "Diagnostik").

Abbildung 7: Diagnostischer Prozess depressiver Störungen
(zum Vergrößern Abbildung bitte anklicken)

Abbildung 7

Zur Abgrenzung der verschiedenen depressiven Störungen und ihres Schweregrades ist sowohl die aktuelle Symptomatik als auch der bisherige Verlauf bedeutsam. Hierbei ist eine behandlungsrelevante Diagnose depressiver Erkrankungen durch die direkte und vollständige Erfassung der Haupt- und Zusatzsymptome sowie Fragen zu Verlauf, Schwere und dem Vorliegen somatischer bzw. psychotischer Symptome möglich. Eine differenzialdiagnostische Abgrenzung ist insbesondere bzgl. einer bipolaren Störung, einer psychotischen Erkrankung, einer Suchterkrankung sowie einer demenziellen Erkrankung wichtig. Da viele andere Erkrankungen auch mit depressiven Symptomen verbunden sein können, ist daher bei entsprechendem Verdacht auch eine ausführliche Anamnese weiterer psychischer Störungen und somatischer Erkrankungen nach der Erhebung der gegenwärtigen depressiven Symptomatik notwendig.

Das zentrale Behandlungsziel ist die vollständige Symptomremission und Rückfallprophylaxe. Die hierzu geeignete Behandlungsplanung ist im Sinne einer partizipativen Entscheidungsfindung mit dem Patienten abzustimmen (vgl. Kapitel 3.1 "Behandlungsziele und Einbezug von Patienten und Angehörigen"). Im Anschluss an eine Akuttherapie sollte die Behandlung über vier bis neun Monate zur Stabilisierung des Behandlungserfolgs und Reduzierung des Rückfallrisikos beibehalten werden (Erhaltungstherapie) (siehe Abbildung 8). Bei Erstmanifestationen kann anschließend eine vorsichtige Reduktion der Therapieintensität erfolgen. Bei rezidivierenden Depressionen ist eine Langzeitrezidivprophylaxe entweder in Form einer singulären Pharmako- oder Psychotherapie oder als Kombinationsbehandlung aus medikamentöser und psychotherapeutischer Behandlung indiziert (Kapitel 3.4 "Pharmakotherapie" und Kapitel 3.5 "Psychotherapie" zu den nichtmedikamentösen somatischen Therapien siehe Kapitel 3.6 "Nichtmedikamentöse somatische Therapieverfahren"). Bei psychotherapeutischen Behandlungen, z. B. im Rahmen der Richtlinienpsychotherapie, wird eine Trennung von Akutbehandlung, Erhaltungstherapie und Langzeitrezidivprophylaxe nicht in ähnlicher Weise vorgenommen, da symptomlindernde und prophylaktische therapeutische Elemente stärker ineinander greifen.

Neben der Pharmakotherapie und der Psychotherapie stehen weitere Behandlungsmethoden zur Verfügung (vgl. Kapitel 3.3 und Kapitel 3.6).

Abbildung 8: Therapie depressiver Störungen
(zum Vergrößern Abbildung bitte anklicken)

Abbildung 8

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3.2.4 Komplexe Behandlungskonzepte

Komplexe Behandlungskonzepte basieren auf einer grundsätzlichen Gleichberechtigung, allerdings unterschiedlichen Spezialisierung aller an der Behandlung depressiver Patienten beteiligten Akteure. Hierbei orientieren sich die unterschiedlichen Akteure an wissenschaftlich fundierten und versorgungssystemspezifisch abgestimmten Algorithmen [382], [383], [384]. Solche komplexen Versorgungsformen, wie Case Management, Disease Management-Programme (DMP) oder Modelle Integrierter Versorgung (IV) zielen z. B. auf eine Optimierung des Krankheits- und Behandlungsverlaufs, eine Verringerung von Fehl-, Unter- oder Überversorgung sowie von Chronifizierung (vgl. [385]). Bei all diesen komplexen Behandlungsmodellen werden abgestimmte, leitlinienorientierte Diagnose- und Behandlungsprozesse als Grundlage angenommen.

Eine wichtige Rolle spielen hier sog. "gestufte" (Stepped Care) (z. B. [386], [387], [388]) bzw. "interdisziplinäre Versorgungsmodelle" (Collaborative Care) [278]. Bei Stepped Care (= gestufte Behandlung) beginnt die Behandlung von Patienten mit derjenigen Interventionsform, die leitliniengemäß adäquat ist und gleichzeitig die geringste Behandlungsintensität aufweist. Durch regelmäßiges Monitoring des Therapieverlaufs kann die Behandlung bei Nichtansprechen auf der nächst höheren Intensitätsstufe fortgesetzt werden [389]. Berücksichtigt werden unterschiedliche Intensitätsgrade und niedrigschwellige Interventionen, so dass der Zugang zu einer angemessenen Behandlung einerseits erleichtert und andererseits eine adäquate Zuweisung vorhandener Ressourcen erreicht werden kann [390]. Collaborative Care ist eine leitlinienbasierte Versorgungsform, die einem systematisch integrativen Ansatz folgt. Der Fokus liegt hier auf der verbesserten Vernetzung zwischen den an der Versorgung von depressiven Patienten beteiligten Akteuren (z. B. Hausarzt, Psychiater, Psychotherapeut, Krankenpflege etc.), um so Patienten eine leitlinienbasierte und bzgl. der Aufgaben verteilte und vernetzte Behandlung anzubieten [278]. Ein weiterer Schwerpunkt ist eine stärkere Patientenbeteiligung durch eine verbesserte Patientenaufklärung, Psychoedukation und Förderung des Selbstmanagements [391], [392]. Häufig werden Stepped Care Modelle in Collaborative Care Modelle integriert, um den Übergang zwischen verschiedenen Intensitätsstufen und damit eventuell wechselnden Behandelnden zu gewährleisten.

Sowohl für die Wirksamkeit als auch für die Effizienz von Stepped Care und Collaborative Care liegen belastbare Befunde vor [393], [394], [395], [396]. So konnte beispielsweise durch ein Stepped Collaborative Care Modell (bestehend aus Psychoedukation sowie vermehrten fachpsychiatrischen Konsultationen) im Vergleich zur Regelversorgung eine höhere Medikamenten-Compliance und eine größere Reduktion der Depressionssymptomatik erreicht werden [395]. Auch für ältere Patienten (> 65 Jahre) mit mittelgradiger bis schwerer Depression liegen positive Befunde für eine Intervention vor, bei der Patienten regelmäßig zuhause durch geschultes Personal bei der Versorgungskoordination, Medikamenteneinnahme und beim Selbstmanagement unterstützt wurden [397]. In einer Metaanalyse wurden außerdem positive Belege für die Rückkehr ins Arbeitsleben durch den Einsatz zusätzlicher arbeitsplatzbezogener Maßnahmen neben der klinischen Versorgung depressiver Patienten identifiziert [398]. Eine aktuelle Metaanalyse belegt ebenfalls die Effektivität von Collaborative Care [399]. Hier zeigte sich eine klinisch bedeutsame Verbesserung der depressiven Symptomatik durch den Einsatz komplexer Interventionen. Ein weiteres systematisches Review [400] kommt jedoch zu dem Schluss, dass aufgrund der limitierten Studienlage weitere Studien durchgeführt werden sollten, bevor eine breite Implementierung von Stepped bzw. Collaborative Care empfohlen werden könne. In einem Projekt des "Hamburger Netzes psychische Gesundheit (www.psychenet.de)" wurde in einer Kombination von Stepped und Collaborative Care eine leitliniengerechte gestufte Depressionsdiagnostik und -behandlung unter Einbezug innovativer niedrigschwelliger Interventionen gemeinsam mit Hausärzten, Psychotherapeuten und Psychiatern sowie Kliniken umgesetzt und systematisch evaluiert [278], [401].

Im deutschen Gesundheitswesen werden Modelle der sektorenübergreifenden Integrierten Versorgung seit 2000 als innovative Versorgungsprojekte vom Gesetzgeber ermöglicht [380]. Durch die Gesundheitsreform 2000 wurden für die Krankenkassen und die Leistungserbringer die Möglichkeiten erweitert, die Grenzen bisheriger bereichsspezifischer Strukturen zu überwinden. Hierzu ermöglichte es der neu eingeführte § 140a-d SGB V den Krankenkassen, Verträge mit Leistungserbringern für eine verschiedene Leistungssektoren übergreifende Versorgung der Versicherten abzuschließen. Die Integrierte Versorgung soll somatische, psychotherapeutische und sozialpsychiatrische Behandlungsmöglichkeiten verbinden und basiert auf evidenzbasierten, leitlinienorientierten Behandlungs- und Versorgungsalgorithmen. In Deutschland wurden bereits einige Verträge zur Integrierten Versorgung in der Behandlung depressiver Erkrankungen zwischen verschiedenen Akteuren (stationär, ambulant) und gesetzlichen Krankenkassen realisiert (vgl. [402], [403]). Eine weitere Aufwertung erfuhr die IV mit dem GKV-Wettbewerbsstärkungsgesetz von 2007. Doch während die Vertragsfreiheiten sukzessive ausgeweitet wurden, erlebte die IV auch Rückschläge mit weitreichenden Wirkungen: Z. B. setzte das Auslaufen der Anschubfinanzierung Anfang 2009 der dynamischen Ausbreitung von Selektivverträgen ein abruptes Ende.

Zukunftsweisend sind in diesem Zusammenhang die aktuellen Bestrebungen der Bundesregierung mit dem Versorgungsstärkungsgesetz, einen sog. "Innovationsfonds" zur Erprobung und Evaluation innovativer Versorgungsformen einzuführen sowie die mögliche Entwicklung eines Disease Management Programms Depression.

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3.3 Niederschwellige psychosoziale Interventionen

Insbesondere im englischsprachigen Raum sind in den letzten Jahren verstärkt Studien zur Wirksamkeit niederschwelliger psychosozialer Interventionen zur Behandlung von Depression durchgeführt worden. Mit niederschwelligen psychosozialen Interventionen sind zum einen verschiedene Formen der angeleiteten individuellen Selbsthilfe gemeint, zum anderen technologiebasierte Interventionen sowie deren Kombination. Mit angeleiteter Selbsthilfe (guided self-help) wird hier nicht, wie im deutschen Sprachraum üblich, eine Form von Austausch zwischen Betroffenen in Gruppengesprächen ohne Anleitung durch professionelle Mitarbeiter des Gesundheitssystems bezeichnet (Selbsthilfegruppen), sondern der Einsatz von Selbsthilfemanualen, die im deutschsprachigen Raum am ehesten mit Bibliotherapie zu übersetzen sind. Technologiegestützte psychosoziale Interventionen umfassen beispielsweise Telefon-gestützte Selbsthilfe [404] und Internet- [405] oder Computer-gestützte Interventionen [406]. Hausärzte können bei Beratung und Durchführung zu den niederschwelligen psychosozialen Interventionen (wie z. B. "angeleitete Selbsthilfe", "Technologiegestützte Interventionen" einfachem "Case Management") eine koordinierende Rolle einnehmen, um im Kontext von Multimorbidität einer weiteren Fragmentierung der Versorgung vorzubeugen [353].

In den Gremien der ärztlichen und psychotherapeutischen Selbstverwaltung werden die Fragen einer sog. Fernbehandlung derzeit sowohl inhaltlich, etwa im Hinblick auf die Differenzierung von Beratung und Therapie, als auch deren rechtliche Implikationen differenziert diskutiert. Unter Anderem schließen derzeit die Musterberufsordnungen für Ärzte [407] und für Psychologische Psychotherapeuten und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten [408] eine Diagnose oder Therapieentscheidung aus, wenn der Patient nicht vorher persönlich gesehen wurde. Aufgrund der zunehmenden internationalen Bedeutung dieser Interventionen und ersten in Deutschland durchgeführten vielversprechenden Modellstudien [278] sowie Anstrengungen zu baldigen gesetzlichen Regelungen durch den Gesetzgeber (Bundesministerium für Gesundheit) soll im Folgenden eine Übersicht über die bisher vorliegende Evidenz gegeben werden.

3.3.1 Angeleitete Selbsthilfe

Angeleitete Selbsthilfe ist mehr als das alleinige Aushändigen von Literatur (diese einfachere Alternative wird normalerweise als reine Selbsthilfe bezeichnet) und basiert meist auf Ansätzen der kognitiven Verhaltenstherapie. Der Kontakt mit einem Experten ist begrenzt, hat insbesondere einen unterstützenden Charakter und dient darüber hinaus der Verlaufs- und Ergebniskontrolle. Der Großteil der Literatur zu angeleiteter Selbsthilfe stammt aus den USA, aber auch in Deutschland ist mittlerweile entsprechendes Material verfügbar. Angeleitete Selbsthilfe unterliegt einigen offensichtlichen Einschränkungen, insbesondere beim Einsatz von schriftlichem Material, was eine gewisse Lese- und Sprachkompetenz voraussetzt. Andererseits kann angeleitete Selbsthilfe eine zugängliche und akzeptable Form der Therapie darstellen. Auch Behandelnde und Angehörige können durch die eingesetzten Materialien in das Verstehen der Erkrankung miteinbezogen werden.

Definition

Für den Zweck dieser Leitlinie ist angeleitete Selbsthilfe definiert als eine vom Patienten unter Anleitung seines Arztes oder Ärztlichen oder Psychologischen Psychotherapeuten selbst angewendete Intervention, die zur Behandlung von Depression entwickelt wurde. Sie nutzt Bücher oder anderer Selbsthilfe-Manuale, die von evidenzbasierten Interventionen abgeleitet und spezifisch für diesen Zweck entwickelt wurden. Ein Arzt oder Ärztlicher oder Psychologischer Psychotherapeut unterstützt den Einsatz dieses Materials durch Anleitung, Monitoring und Überprüfen des Ergebnisses der Intervention. In Studien beschränkt sich die Intervention in der Regel auf drei bis maximal sechs therapeutische Kontakte [409].

In der NICE Guideline [409] wurden 16 Studien identifiziert und eingeschlossen, die angeleitete Selbsthilfemaßnahmen untersuchten. Die eingeschlossenen Studien verwendeten verschiedene Interventionen, die nach der Art der erfolgten Unterstützung gruppiert worden sind. Sie wurden Patienten angeboten und entweder mit einer Warteliste oder "treatment-as-usual" verglichen. Folgende Interventionen wurden berücksichtigt: individuelle angeleitete Selbsthilfe mit häufiger Unterstützung durch Behandelnde bzw. Anleiter (10 bis 50 Minuten pro Sitzung), mit häufiger, aber in der Dauer minimaler Unterstützung (nicht mehr als 2 Stunden insgesamt), gruppenbasierte angeleitete Selbsthilfe bzw. Psychoedukation und Selbsthilfe mit Unterstützung per Mail. In zwei RCTs wurde individuelle angeleitete Selbsthilfe mit häufigem und langem Therapeutenkontakt mit Kontrollgruppen verglichen [410], [411]. Die Ergebnisse begünstigen individuelle angeleitete Selbsthilfe mit Unterstützung, allerdings sind die Ergebnisse nicht signifikant und die Konfidenzintervalle breit (Wartelistenkontrolle: BDI: SMD –0.28; 95% CI –1.08, 0.53 und TAU: BDI: SMD –0.27; 95% CI –0.88, 0.34). Es gibt jedoch klare Belege aus fünf RCTs, die einen großen Effekt von individueller angeleiteter Selbsthilfe mit regelmäßiger Unterstützung minimaler Länge auf die Reduktion der depressiven Symptomatik im Vergleich zu Wartekontrollgruppen zeigen (SMD –0.98; 95% CI –1.50, –0.47). Eine Studie berichtet ähnliche Ergebnisse für den Vergleich mit "treatment-as-usual" (TAU) (bei Behandlungsende: SMD –0.49; 95% CI –0.77, –0.21; 12 Monate nach Behandlungsende: SMD –0.42; 95% CI –0.70, –0.14). Zwei RCTs haben gruppenbasierte angeleitete Selbsthilfe untersucht, jedoch sind die Daten nicht ausreichend und die Konfidenzintervalle zu breit für eine eindeutige Schlussfolgerung. Drei RCTs haben die Effekte von angeleiteter Selbsthilfe mit Unterstützung per Email untersucht. Eine Studie berichtet BDI-Werte, die auf einen mittleren Effekt zu Behandlungsende hinweisen (SMD –0.57; 95% CI –1.02, –0.12). Sechs Monate nach Ende der Behandlung weisen zwei Studien auf einen kleinen Effekt hin (SMD –0.32; 95% CI –0.62, –0.02). Die Ergebnisse zu kürzeren Follow-up-Zeitpunkten (1 und 3 Monate) waren nicht signifikant und wiesen breite Konfidenzintervalle auf. Relevant erscheint zudem, dass die Population einer Studie zu ca. 50 % erst 15 Jahre alt war.

In einer Metaanalyse individueller Patientendaten aus 16 Studien von Bower et al. (2013) wurde ein positiver Effekt von niedrigschwelligen Interventionen (Selbsthilfebücher, Videoanleitungen, interaktive Interventionen basierend auf Informationsverarbeitungstechnologie mit max. 3 Stunden Therapeutenkontakt) gegenüber TAU in Bezug auf die Reduktion der depressiven Symptomatik berichtet (SMD −0.42; 95% CI −0.55 bis −0.29) [412]. Der Interventionseffekt konnte auch für die Gruppe von schwer depressiven Patienten belegt werden.

In einer Metaanalyse zur Wirksamkeit von "self-guided psychological interventions" ohne Therapeutenkontakt basierend auf sieben RCTs, in denen Patienten mit depressiven Symptomen oder einer gesicherten Depressionsdiagnose behandelt wurden, zeigte sich insgesamt ein statistisch signifikanter Effekt von d = 0.28 zugunsten von Selbsthilfeinterventionen ohne Therapeutenkontakt gegenüber Kontrollbedingungen, der auch beim Follow-up-Zeitpunkt 4 bis 12 Monate nach der Intervention fortbestand (d = 0.23) [413]. Hinweise für Publikationsbias wurden nicht identifiziert und die globale Qualität der Studien wurde als hoch bewertet.

In einem systematischen Review von sechs Studien (davon 3 Pilotstudien), in denen Patienten mit einer teilremittierten depressiver Episode behandelt wurden, wurde die Wirksamkeit von angeleiteter Selbsthilfe untersucht [414]. In Bezug auf eine Reduktion der depressiven Symptomatik haben 3 Studien positive Ergebnisse berichtet, in zwei Studien konnte kein Effekt im Vergleich zu TAU nachgewiesen werden. Die Interventionen wurden als positiv in Bezug auf gesteigertes Selbstmanagementverhalten und Selbstwirksamkeit bewertet. In Bezug auf das Funktionsniveau und die Kosten-Effektivität konnte keine eindeutige Bewertung abgeleitet werden.

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3.3.2 Technologiegestützte psychosoziale Interventionen

In den letzten Jahren kamen verstärkt Informationsverarbeitungstechnologien für die Vermittlung von psychosozialen Interventionen zum Einsatz. Einige Studien zeigen, dass Patienten computerbasierte Interventionen akzeptieren und sie in einem Ausmaß zu einer klinischen Verbesserung der Symptomatik führen, was dem Ausmaß von Face-to-Face-Therapien entspricht [415].

Bisher wurde insbesondere der Ansatz der kognitiven Verhaltenstherapie (KVT) für eine technologiebasierte Durchführung adaptiert. Computerbasierte kognitive Verhaltenstherapie (cKVT) bindet Patienten in ein strukturiertes Hilfeprogramm ein, dessen Inhalt einer durch einen Therapeuten durchgeführten traditionellen KVT ähnelt und auf einem vergleichbaren Konzept basiert. Der direkte Kontakt mit einem Therapeuten ist gewöhnlich reduziert auf eine Einführung in das Programm, ein kurzes Monitoring, das Zur-Verfügung-Stehen für weitere (telefonische bzw. elektronische) Konsultationen (guided cKVT) und Erinnerungs- und Verstärkungsrückmeldungen. Einzelne Programme wurden entwickelt, um explizit depressive Störungen zu behandeln, andere verfolgen einen transdiagnostischen oder auch störungsunspezifischen Ansatz und sind häufig explizit Teil eines gestuften Interventionsmodels. Die einzelnen Programme variieren deutlich in Bezug auf ihren Inhalt, Komplexität, Intensität und Einbindung des Therapeuten.

Definition

cKVT ist definiert als eine Form von KVT, die mithilfe eines Computers mit Zugriff entweder auf eine CD-ROM, eine DVD oder dem Internet vermittelt wird. Als Erweiterung dieses Spektrums können Mobile-basierte Interventionen betrachtet werden. Sie können als primäre Intervention mit minimalem Therapeutenkontakt oder als Augmentation zu einem Therapeuten-gestützten Programm eingesetzt werden, bei dem die cKVT die Arbeit des Therapeuten ergänzt.

In der NICE Guideline [409] wurden sieben RCTs, basierend auf Daten von insgesamt 1.676 Patienten, eingeschlossen. Es sind Daten zum Vergleich von cKVT mit traditioneller KVT, Gruppen-KVT, online Psychoedukation, Informationskontrolle, Diskussionskontrolle, Wartelistenkontrolle und TAU verfügbar. Die in den Studien eingeschlossenen Patienten litten hauptsächlich unter leicht bis mittelschweren Depressionen (BDI Range: 18-25). Circa die Hälfte erfüllte formale diagnostische Kriterien, wohingegen die andere Hälfte keine formale Diagnose erhielt. In Studien, die eine nicht-aktive Kontrollgruppe eingeschlossen haben, zeigte sich eine signifikant niedrigere depressive Symptomatik bei Behandlungsende zugunsten von cKVT, was einer kleinen bis mittleren Effektgröße entspricht (SMD –0.40; 95% CI –0.58, –0.22).

In Bezug auf die Effekte von cKVT zum Follow-up fiel die vorliegende Evidenz deutlich schwächer aus. Zwei Studien zeigten, dass cKVT im Vergleich mit aktiven Kontrollen zum Ein-Jahres-Follow-up-Zeitpunkt nur sehr kleine Effekte bezüglich der Reduktion der depressiven Symptomatik (gemessen mittels Selbstauskunft) hatte (SMD –0.02; 95% CI –0.22, 0.17); und das Ergebnis wurde nicht als klinisch bedeutsam beurteilt. Eine weitere Studie deutete darauf hin, dass cKVT bei depressiven und ängstlichen Patienten im Vergleich zu TAU einen signifikanten kleinen bis mittelgroßen Effekt auf die Reduktion der depressiven Symptomatik beim 3-Monats-Follow-up-Zeitpunkt (SMD –0.40; 95% CI –0.70, –0.11), einen signifikanten kleinen bis mittelgroßen Effekt auf die Reduktion zum 5-Monats-Follow-up-Zeitpunkt (SMD –0.42; 95% CI –0.73, –0.11) und einen mittleren Effekt zum 8-Monats-Follow-up-Zeitpunkt (SMD –0.56; 95% CI –0.85, –0.27) hat.

Wenn jedoch die gemischt ängstlich-depressiven und ängstlichen Populationen herausgenommen wurden, zeigten Subgruppenanalysen, dass keine ausreichende Evidenz für den Nachweis eines signifikanten Effekts zugunsten von cKVT vorlag (zu Therapieende: SDM –0.35; 95% CI –0.90, 0.19; nach 3 Monaten: SMD 0.10; 95% CI –0.45, 0.65 und nach 5 Monaten: SMD 0.39; 95% CI –0.21, 0.99). Wenn cKVT mit aktiven Kontrollen verglichen wurde (Psychoedukation und Gruppen-KVT), wurden keine klinisch bedeutsamen Unterschiede zwischen den Gruppen identifiziert.

In einer Metaanalyse von Andersson et al. [416] basierend auf 15 Studien zu Internet-basierter/computerisierter KVT zeigte sich insgesamt ein kleiner, aber signifikanter Effekt von cKVT gegenüber Kontrolle (TAU bzw. Wartegruppenkontrolle) in Bezug auf die depressive Symptomatik. Keine signifikanten Unterschiede konnten zwischen cKVT und anderen Psychotherapien nachgewiesen werden. Die Effekte bleiben auch für die Subgruppe der rein depressiven Stichproben bestehen.

In einer Metaanalyse von So et al. [417] wurden 16 Vergleiche von cKVT mit Kontrollbehandlungen ausgewertet. Dabei lag die gepoolte standardisierte Mittelwertsdifferenz für die depressive Symptomatik bei −0.48 (95% IC −0.63 bis −0.33). cKVT war mit höheren Drop-out-Raten verbunden als die Kontrollbedingungen. Es werden Hinweise auf einen Publikationsbias berichtet.

In einer Metaanalyse von Arnberg et al. [418] konnten sechs Studien identifiziert werden, in denen cKVT mit einer Warteliste bei depressiven Patienten untersucht wurde. Dabei zeigte sich ein signifikanter Effekt (SMD 0,83; 95% CI 0,59, 1,07) zugunsten von cKVT zu Ende der Behandlung.

In einer systematischen Übersichtsarbeit von Griffith et al. [419] wurden sechs Studien berücksichtigt, die positive Effekte von Internet-basierter KVT berichten. Fünf Studien haben cKVT mit Wartelisten, TAU oder Aufmerksamkeitsplacebo verglichen und kamen zu dem Ergebnis, dass cKVT mit günstigeren Ergebnissen zu Behandlungsende und zum Follow-up-Zeitpunkt (in 2 RCTs untersucht) verbunden ist. Die Effektstärken der einzelnen Studien, in denen Patienten mit klinisch bedeutsamen Depressionssymptomen behandelt wurden, lagen zwischen 0.42 und 0.65.

Auch in vier in Deutschland durchgeführten Studien zeigten sich Hinweise für die Wirksamkeit einer onlinegestützten Form der angeleiteten Selbsthilfe [420], [421], [422], [423].

Tabelle 14: Niederschwellige psychosoziale Interventionen

 

Studientyp

Ergebnisse

Angeleitete Selbsthilfe (AS)

Metaanalysen

AS mit viel Therapeutenkontakt = Warteliste

SMD –0.28; 95% CI –1.08, 0.53 [409]

AS mit viel Therapeutenkontakt = TAU

SMD –0.27; 95% CI –0.88, 0.34 [409]

AS mit regelmäßiger Unterstützung > Warteliste

SMD –0.98; 95% CI –1.50, –0.47 (Behandlungsende)

SMD –0.42; 95% CI –0.70, –0.14 (1-Jahres-Follow-up) [409]

AS > TAU

SMD −0.42; 95% CI −0.55, −0.29 [412]

AS > TAU

SMD 0.28; 95% CI 0.14, 0.42 [413]

Review

AS > TAU; AS = TAU (keine eindeutigen Effekte insgesamt) [414]

cKVT

Metaanalysen

cKVT > nicht aktive Kontrolle, cKVT = nicht aktive Kontrolle zum 1-Jahres Follow-up

SMD –0.40; 95% CI –0.58, –0.22 (Behandlungsende)

SMD –0.02; 95% CI –0.22, 0.17 (1-Jahres Follow-up) [409]

cKVT mit Unterstützung > TAU, Wartegruppe

SMD 0.61; 95% CI 0.45–0.77 [416]

cKVT ohne Unterstützung = TAU, Wartegruppe

SMD 0.25; 95% CI 0.14–0.35 [416]

cKVT > TAU, Wartegruppe

SMD −0.48; 95% IC −0.63 bis −0.33 [417]

höherer Dropout bei cKVT

Review

cKVT > Warteliste, TAU, Placebo

Effektstärken in den Studien zw. 0.42 und 0.65 [419]

3 RCTs (deutsch-sprachig)

cKVT > TAU

d=0.36 [420]

cKVT > TAU

d=0.64 [421]

cKVT ohne Unterstützung > Warteliste

d = 0.66 [422]

cKVT mit Email-Unterstützung > Warteliste

d=1.14 [422]

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3.4 Pharmakotherapie

3.4.1 Wirksamkeit und Wirkmechanismen

Für die Indikation zur Akutbehandlung einer depressiven Störung steht eine große Zahl von in Deutschland zugelassenen Medikamenten zur Verfügung, die je nach ihrer Strukturformel oder ihrem spezifischen Wirkmechanismus in verschiedene Klassen unterteilt werden. Die wichtigsten Substanzgruppen sind (vgl. Anhang 2 "Antidepressiva – Wirkstoffe gegliedert nach Wirkstoffgruppen mit Angaben zu Dosierung, Plasmaspiegel und Monitoring"):

  • Tri- (und tetrazyklische) Antidepressiva (TZA) bzw. nichtselektive Monoamin-Rückaufnahme-Inhibitoren (NSMRI);
  • Selektive Serotonin-Rückaufnahme-Inhibitoren (SSRI);
  • Monoaminoxidase (MAO)-Inhibitoren (MAOI);
  • Selektive Serotonin-/Noradrenalin-Rückaufnahme-Inhibitoren (SSNRI);
  • Alpha2-Rezeptor-Antagonisten;
  • Selektive Noradrenalin-Dopamin-Rückaufnahme-Inhibitoren (Bupropion);
  • Melatonin-Rezeptor-Agonisten (MT1/MT) und Serotonin 5-HT2C-Rezeptor-Antagonisten (Agomelatin).

Darüber hinaus gibt es nicht klassifizierte Antidepressiva (Trazodon), Lithiumsalze und Phytopharmaka (Johanniskraut), die in Anhang 3 "Weitere zur Behandlung der Depression eingesetzte Arzneimittel mit Angaben zu Dosierung, Plasmaspiegel und Monitoring" aufgelistet sind. Weitere Substanzen, wie Benzodiazepine und Antipsychotika, werden zur Behandlung bzw. in spezifischen Situationen eingesetzt, bei denen es sich nicht um Antidepressiva im eigentlichen Sinne handelt, die jedoch praktisch von Bedeutung sind (siehe Kapitel 3.4.9 "Einsatz anderer Substanzen").

Zur Wirksamkeit von Antidepressiva liegen sehr viele randomisierte und placebokontrollierte klinische Studien sowie Metaanalysen vor. Als Nachweis einer klinisch relevanten Wirksamkeit bei der akuten antidepressiven Behandlung wird in placebokontrollierten klinischen Studien eine mindestens 50-%ige Verbesserung anhand eingeführter Instrumente (z. B. auf der Hamilton Rating Scale of Depression) angesehen (z. B. [424], [425], [426]). In derartigen Therapiestudien mit einer Dauer von bis zu maximal zwölf Wochen beträgt die Responserate für Antidepressiva meist zwischen 50-60 %, bei Placeboresponseraten von ca. 25-35 % (z. B. [427], [428]). Die Placeboresponse variiert zwischen den verschiedenen Studien, sie scheint in neueren Studien zuzunehmen [429] und vom Schweregrad der Depression abzuhängen [430], [427], [431]; bei schweren Depressionen hingegen nimmt sie ab [287], [288], [432]. Zudem beziehen sich die Wirksamkeitsunterschiede im Vergleich zu Placebo zumeist auf eine höhere Rate an Respondern, während die Unterschiede in den Remissionsraten oder dem Rückgang des Summenscores in den Depressions-Ratingskalen häufig nicht signifikant sind [241]. In der Wahrnehmung der (Fach-) Öffentlichkeit wird die Wirksamkeit von Antidepressiva eher überschätzt, da Studien, in denen das Antidepressivum besser als Placebo abschnitt, sehr viel häufiger in Fachjournalen publiziert werden, als solche, in denen das Antidepressivum Placebo nicht überlegen war [433].

Es ist sowohl pharmakokinetisch als auch pharmakodynamisch von geschlechtsspezifischen Unterschieden auszugehen. Wie Kokras et al. (2011) [434] zeigen konnten, scheinen Frauen weniger Magensäure zu produzieren und haben auch einen langsameren Magentransit, was besonders bei Antidepressiva relevant ist, da diese bei tendenziell höherem pH-Wert besser resorbiert werden. Weiterhin beeinflusst der menstruelle Zyklus verschiedene gastrointestinale Funktionen und Östrogen selbst wirkt direkt auf die Säureproduktion und gastrointestinale Motilität ein. Des Weiteren haben Frauen andere Verteilungsvolumina (höherer Körperfettanteil), eine kleinere Leber, einen geringeren Leberblutfluss und eine geringere renale Filtrationsrate als Männer. Das alles bewirkt, dass Frauen generell höhere Plasmaspiegel an Antidepressiva aufweisen als Männer. Klinisch wird das allerdings bisher als irrelevant aufgefasst. Nur für TZA konnte eine Dosis-Wirkungs-Beziehung nachgewiesen werden. Bei SSRI und anderen neueren Antidepressiva scheint es eine solche Korrelation nicht zu geben. In einer umfangreichen Quelle zu geschlechtsspezifischen Unterschieden von Keers und Aitchison [435] wird in Bezug auf pharmakokinetische Unterschiede darauf hingewiesen, dass allein das Körpergewicht Unterschiede im Ansprechen bewirken kann: übergewichtige Frauen sprechen besser auf Antidepressiva (gegenüber Placebo) an als übergewichtige Männer. Eine Dosisadjustierung über das Gewicht ergab abnehmende Plasmaspiegel in mg/kg für: 1) normalgewichtige Frauen, 2) normalgewichtige Männer, 3) übergewichtige Frauen, 4) übergewichtige Männer. Für unterschiedliche Plasmaspiegel verschiedener Antidepressiva können viele Erklärungen herangezogen werden, letztlich aber sind die Mechanismen noch nicht vollständig geklärt. Sicher schein nur zu sein, dass es Dosis-Wirkungs-Beziehungen nur bei TZA gibt.

Zur Pharmakodynamik verweisen Keers und Aitchison [435] auf eine Evidenz, die vermuten lässt, dass es bedeutende Unterschiede im Neurotransmittersystem von Männern und Frauen gibt. Zusätzlich ließ sich zeigen, dass der schnelle (monatliche) Wechsel der vier Hormone Östrogen, Gestagen, LH und FSH das Depressionsrisiko steigert. Weiterhin beeinflusst Östrogen nicht nur die Produktion von Serotonin, sondern auch dessen Abbauwege. Daraus folgern die Autoren, dass Männer eher von TZA profitieren als junge Frauen und Frauen besser auf SSRI ansprechen, was den Mechanismen zwischen Östrogen und Serotonin entspräche.

Wesentliche Wirksamkeitsunterschiede von Antidepressiva bzw. verschiedenen Substanzklassen zwischen Frauen und Männern wurden in verschiedenen Studien, die diese Frage explizit adressiert haben, allerdings nicht gefunden. Zwar kam eine Metaanalyse [436] zum Ergebnis, dass das Trizyklikum Imipramin bei Männern eine höhere Wirksamkeit haben soll. Darüber hinaus zeigen einige Studien, dass junge Frauen von SSRI gegenüber Noradrenalin-Rückaufnahmehemmern stärker profitieren, während dieser Unterschied für Männer nicht gelten soll (z. B. [437], [438], [439], [440]). Andererseits sind die Ergebnisse bzgl. geschlechtsspezifischer Wirksamkeitsunterschiede von Antidepressiva insgesamt noch inkonsistent; es liegen auch zahlreiche Studien vor, die keinerlei Geschlechtsunterschiede fanden [441]. So wurden beispielsweise für Venlafaxin und Duloxetin [442] oder Bupropion [443] keine Wirksamkeitsunterschiede gefunden.

3.4.1.1 Wirksamkeit bei leichten Depressionen

Bei leichten Depressionen ist ein Unterschied zwischen Placebo und Antidepressiva statistisch nicht nachweisbar, so dass nur sehr wenige Patienten von einer Behandlung mit Antidepressiva profitieren dürften ("leicht" ist hierbei definiert als Ausgangswert von 15 oder weniger auf der HAM-D17 Skala und entspricht nicht der leicht ausgeprägten depressiven Störung nach ICD 10). Dieser Sachverhalt wird besonders deutlich bei den Ergebnissen der so genannten Star*D Studie, wo etwa 35 % der insgesamt 3.671 Patienten eine milde Depression hatten und so zu den ungewöhnlich niedrigen Responseraten der Studie beitrugen [444]. Zwei neuere Metaanalysen bestätigen, dass die Überlegenheit von Antidepressiva über Placebo in Abhängigkeit von der Schwere der Depression zu Behandlungsbeginn zunimmt und bei leichten Depressionen kein klinisch bedeutsames Ausmaß erreicht [431], [445]. Eine Auswertung nur von Studien mit Fluoxetin und Venlafaxin fand hingegen zwar keinen statistisch signifikanten Unterschied zwischen Patienten mit leichter und Patienten mit schwerer Depression, jedoch war die Schwelle zwischen leichter und schwerer Depression ("schwer" > 20 Punkte HAM-D) so niedrig gewählt, dass die Patienten mit eher leichter Depression auch in der Gruppe mit schwerer Depression möglicherweise den Unterschied zwischen den beiden Gruppen verwischen [446]. Tatsächlich war in dieser Analyse auch in der Gruppe mit "schwerer" Depression die Differenz zwischen Antidepressivum und Placebo in der Abnahme des HAM-D-Scores mit 2,78 Punkten (95% CI: 2,26-3,29) so gering, dass die von NICE als klinisch bedeutsam angesehene Schwelle von drei Punkten auf der HAM-D nicht erreicht wird [241]. Anzumerken ist hier, dass die Definition von drei Punkten als klinisch bedeutsame Differenz in der Revision der NICE nicht mehr aufgeführt wird. Auch für minore (unterschwellige) Depressionen, die nicht Gegenstand dieser Leitlinie sind, ließ sich in einer aktuellen Metaanalyse keine Überlegenheit von Antidepressiva über Placebo zeigen [447].

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3.4.1.2 Wirksamkeit bei mittelschweren bis schweren Depressionen

Bei mittelschweren bis schweren Depressionen ist hingegen der Wirkunterschied zwischen Antidepressiva und Placebo ausgeprägter, da bei den schwersten Formen bis zu 30 % der behandelten Patienten über die Placeborate hinaus von Antidepressiva profitieren. So ist mit Scores in der HDRS von > 24 der konsistenteste Unterschied zwischen dem Ansprechen auf Verum und Placebo verbunden, wobei diese Unterschiede in Richtung des aktiven Antidepressivums auch klinisch signifikant sind [448]. Erhebliche Unterschiede zwischen den Substanzklassen bestehen jedoch bezüglich Toxizität und bezüglich der Nebenwirkungen. Letzteres ist von erheblicher klinischer Relevanz, da mehr als die Hälfte der mit Antidepressiva behandelten Patienten über unerwünschte Nebenwirkungen klagt.

3.4.1.3 Wirkmechanismen

Über die Mechanismen, durch welche die Wirkung der Antidepressiva zustande kommt, besteht weiterhin Unklarheit. Daher ist es bis heute nicht möglich, verlässlich vorauszusagen, ob und wann ein bestimmter Patient auf ein bestimmtes Antidepressivum ansprechen wird. Es ist also nicht möglich, die Antidepressivabehandlung auf solche Patienten zu beschränken, die auch "tatsächlich" von der Behandlung profitieren. Insbesondere scheinen Antidepressiva in einer Untergruppe von Patienten einen Heilungsprozess anzustoßen, der ohne Medikamente nicht zustande kommen würde. Circa zwei Drittel der mit Antidepressiva behandelten Patienten respondieren. Allerdings zeigt sich bei ungefähr der Hälfte dieser Responder nur eine Partialresponse und keine wirkliche Remission [449].

3.4.1.4 Wirkungseintritt und Verlauf der Besserung

Detaillierte Untersuchungen haben gezeigt, dass die Unterschiede zwischen den verschiedenen Substanzklassen sowie zwischen den verschiedenen Substanzen und Placebo bezüglich des zeitlichen Verlaufs der Besserung marginal sind, also Antidepressiva nicht zu einer schnelleren Besserung als Placebo führen [450], [451]. Antidepressiva stoßen jedoch den Heilungsprozess bei wesentlich mehr Patienten an als Placebo (zusätzliche 10-30 % bei mittelschweren bis schweren Depressionen). Bei den Untersuchungen zum zeitlichen Verlauf wurde auch deutlich, dass bei adäquater Dosierung die Wirkung der Antidepressiva rasch einsetzt, d. h. bei 70 % aller gebesserten Patienten innerhalb der ersten beiden Wochen der Behandlung [451], [452], [453], [454], [455]. Beobachtet man hingegen in den ersten beiden Wochen der Behandlung keinerlei Zeichen einer Besserung, so sinkt die Wahrscheinlichkeit eines therapeutischen Ansprechens auf unter 15 %. Nach drei Wochen ohne Besserung liegt diese Wahrscheinlichkeit bereits unter 10 %. Spätestens nach vier Wochen sollte die Behandlung modifiziert werden (siehe Kapitel 3.4.7 "Maßnahmen bei Nichtansprechen"). Nur so kann eine unnötig lange und letztlich nicht zielführende Behandlung mit u. U. vielen unerwünschten Nebenwirkungen vermieden werden [453], [456], [457], [458], [459].

3.4.2 Substanzklassen

3.4.2.1 Tri- und tetrazyklische Antidepressiva (TZA)

Diese in den 1950er-Jahren eingeführten Antidepressiva (Anhang 2 "Antidepressiva – Wirkstoffe gegliedert nach Wirkstoffgruppen mit Angaben zu Dosierung, Plasmaspiegel und Monitoring") bewirken in unterschiedlichem Ausmaß eine Hemmung der Wiederaufnahme von Serotonin und Noradrenalin aus dem synaptischen Spalt. Hierdurch wird die zentrale serotonerge und noradrenerge Neurotransmission erhöht. TZA haben jedoch zusätzlich eine blockierende Wirkung auf eine Reihe von Rezeptoren, wie z. B. zentrale und periphere cholinerge, histaminerge oder Alpha1-adrenerge Rezeptoren. Diese zusätzlichen blockierenden Wirkungen erklären einen Großteil der Nebenwirkungen der TZA, wie z. B. die peripheren und zentralen anticholinergen sowie einen Teil der kardiovaskulären Nebenwirkungen [460].

Die Wirksamkeit aller Tri- und Tetrazyklika ist bei der Behandlung akuter depressiver Episoden ähnlich und anhand zahlreicher placebokontrollierter Studien und Metaanalysen belegt [360], [461], [462], [463], [464], [465], [466], [467]. Ein Cochrane-Review und Metaanalyse kam auch zu dem Ergebnis, dass TZA-Dosierungen unter der üblichen Standarddosis von 150 mg pro Tag (75 bis 100 mg pro Tag) gleich wirksam, aber besser verträglich als die Standarddosis sind [466].

Unerwünschte Wirkungen (siehe Anhang 4 "Antidepressivagruppen mit unerwünschten Arzneimittelwirkungen, Wechselwirkungen und Kontraindikation"): Die insbesondere bei älteren Patienten und bei Patienten mit kardialen Erkrankungen oder bei Überdosierungen mit TZA wichtigsten kardiovaskulären Nebenwirkungen sind orthostatische Hypotonie, Erregungsleitungsstörungen und Herzfrequenzanstieg [468], [469]. Die orthostatische Hypotonie wird erklärt durch die Blockade peripherer Alpha1-Rezeptoren und zentrale Mechanismen, wobei sekundäre Amine, wie z. B. Nortriptylin und Desipramin, mit vergleichsweise seltenerem Auftreten von hypotonen Reaktionen einhergehen [469], [470]. Kardiale Erregungsleitungsstörungen bzw. Herzrhythmusstörungen sind bedingt durch chinidinartige (Typ IA-) antiarrhythmische Eigenschaften der TZA, die zu einer elektrokardiographischen Verlängerung der PQ-, QRS- und QT-Intervalle führen. Dies begründet die Notwendigkeit von EKG-Kontrollen vor und unter der Behandlung.

TZA mit starken serotoninagonistischen Eigenschaften (insbesondere Clomipramin) können in Kombination mit anderen Serotoninagonisten (siehe unten) ein Serotoninsyndrom auslösen. Bei Herzkreislauferkrankungen, Engwinkelglaukom, Prostatahypertophie, Pylorusstenose und anderen ausgeprägten intestinalen Stenosen, schwerer Obstipation, kognitiven Störungen, Krampfleiden oder Verwirrtheitszuständen/Delir werden TZA daher aufgrund ihres Nebenwirkungspotentials nicht empfohlen.

3.4.2.2 Selektive Serotonin-Rückaufnahme-Inhibitoren (SSRI)

Die Gruppe der selektiven Serotonin-Rückaufnahme-Inhibitoren (bzw. Hemmer) (SSRI) (Anhang 2 "Antidepressiva – Wirkstoffe gegliedert nach Wirkstoffgruppen mit Angaben zu Dosierung, Plasmaspiegel und Monitoring") erhöht die zentrale serotonerge Neurotransmission durch selektive Hemmung der Rückaufnahme von Serotonin aus dem synaptischen Spalt. Hieraus lassen sich die antidepressiven Wirkungen, aber auch die Nebenwirkungen erklären. Die Wirksamkeit der selektiven Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer (SSRI) bei der Behandlung akuter depressiver Episoden ist in vielen klinischen Studien gegenüber Placebo und in entsprechenden Metaanalysen nachgewiesen [360], [463], [464], [465], [471], [472], [473], [474], [475], [476], [477].

Unerwünschte Wirkungen (siehe auch Anhang 4 "Antidepressivagruppen mit unerwünschten Arzneimittelwirkungen, Wechselwirkungen und Kontraindikationen" mod. nach [478] und dort zitierten Quellen): Häufig treten u. a. Übelkeit, anfänglich auch Agitiertheit oder im späteren Behandlungsverlauf eine sexuelle Dysfunktion auf. Da SSRI auf andere Rezeptoren keine wesentliche blockierende Wirkung ausüben, weisen sie ein anderes Nebenwirkungsprofil auf als die TZA. Selten können SSRI und vermutlich andere stark serotonerge Antidepressiva durch Hemmung der Serotoninaufnahme in die Thrombozyten das Auftreten von Blutungen (gesichert insb. für gastrointestinale Blutungen) begünstigen [479], bei Kombination mit nichtsteroidalen Antirheumatika (inkl. niedrig-dosierter Acetylsalicylsäure), älteren Patienten oder einer Anamnese gastrointestinaler Blutungen erhöht sich das Risiko weiter [480], [481], [482], [483], [484], [485]. Es gibt Hinweise, dass SSRI (vermutlich dosisabhängig) zu einem erhöhten Verlust an Knochendichte und zu einem erhöhten Frakturrisiko führen können [486], [487], [488]. Insbesondere bei Kombination mehrerer serotoninagonistischer Substanzen (z. B. Kombination mit MAO-A-Hemmern oder Clomipramin) besteht die Gefahr der Entwicklung eines Serotoninsyndroms (Fieber, Schwitzen, gastrointestinale Beschwerden, Tremor, Rigidität, Myoklonien, Gefahr von epileptischen Anfällen, Hyperreflexie, Agitiertheit und in schweren Fällen Verhaltens- und Bewusstseinsänderungen). Dosisabhängig besteht bei Citalopram, Escitalopram und Fluoxetin das Risiko für eine Verlängerung der QTc-Zeit [489], so dass bei Behandlungen mit Dosierungen oberhalb der Standarddosis potentiell das Risiko tödlicher Torsade de Pointe-Arrhythmien besteht und EKG-Kontrollen unverzichtbar sind.

Die SSRI Fluoxetin und Paroxetin sind Inhibitoren des Cytochrom P450 (CYP)-Isoenzyms CYP2D6, Fluvoxamin ist Inhibitor von CYP1A2 und CYP2C199. Daher ist bei Kombination dieser SSRI mit Medikamenten, die Substrate der genannten CYPs sind, mit pharmakokinetischen Wechselwirkungen zu rechnen (siehe jeweilige Fachinformationen und Tabelle im Anhang 5 "Substrate (nur Antidepressiva) der Cytochrom P450-Isoenzyme"). Bei Tamoxifen ist diese Wechselwirkung besonders zu beachten. Als sogenannte "Pro Drug" wird Tamoxifen erst durch das Cytochrom P450-2D6 (CYP2D6) in seine wirksame Form umgewandelt, so dass Tamoxifen bei gleichzeitiger Gabe eines CYP2D6-hemmenden SSRIs seine Wirksamkeit einbüßt mit resultierender erhöhter Gefahr eines Brustkrebsrezidivs [490]. Citalopram, Escitalopram und Sertralin haben ein vergleichsweise geringes pharmakokinetisches Interaktionspotential. Fluoxetin unterscheidet sich von den anderen SSRI durch eine (längere) Halbwertszeit von mehreren Tagen bzw. Wochen (Norfluoxetin, aktiver Metabolit), die bei Schwierigkeiten in der Therapieakzeptanz gelegentlich von Vorteil sein kann, aber andererseits die flexible Steuerung der Therapie erschweren dürfte [472]. Gerade bei älteren Menschen ist auch auf Hyponatriämien zu achten, deren Auftreten durch entsprechende Komedikation, wie z. B. Diuretika, verstärkt werden kann.

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3.4.2.3 Monoaminoxidase (MAO)-Inhibitoren

Die akute antidepressive Wirksamkeit des reversiblen und selektiven MAO-A-Hemmers Moclobemid wurde anhand mehrerer klinischer Studien gegenüber Placebo belegt [491], [492], [493], [494], [495], [496]; für eine Übersicht von Metaanalysen: [497]. Es gibt Hinweise, dass der irreversible MAO-Hemmer Tranylcypromin eine besondere Wirksamkeit in der Behandlung von Depressionen, die auf andere Antidepressiva nicht ansprechen, besitzt [498], [499], [500].

Unerwünschte Wirkungen (siehe auch Tabelle im Anhang 4 "Antidepressivagruppen mit unerwünschten Arzneimittelwirkungen, Wechselwirkungen und Kontraindikation"): Moclobemid weist ein günstiges Nebenwirkungs-Profil auf. Dies betrifft insbesondere geringere anticholinerge (Mundtrockenheit) und orthostatische Reaktionen im Vergleich zu TZA und ein geringeres pharmakodynamisches Interaktionspotential im Vergleich zu Tranylcypromin ([501]). Der irreversible MAO-Hemmer Tranylcypromin ist in der Handhabbarkeit schwieriger. Tranylcypromin erfordert eine konsequente tyraminarme Diät, weil bei deren Nichteinhaltung u. U. schwere Interaktionsreaktionen wie z. B. Bluthochdruckkrisen eintreten können. Er ist daher primär der fachpsychiatrischen Behandlung vorbehalten. Die Kombination von MAO-Hemmern mit Serotonin-Agonisten wie SSRI oder SSNRI oder dem TZA Clomipramin ist wegen der Gefahr eines Serotoninsyndroms laut Fachinformationen kontraindiziert. Bei Umstellung auf MAO-Hemmer sind entsprechende Sicherheitsabstände zu beachten (siehe entsprechende Fachinformationen).

3.4.2.4 Weitere Antidepressiva

Neben den genannten Wirkstoffklassen gibt es eine Reihe weiterer Antidepressiva – wie z. B. die selektiven Serotonin-Noradrenalin-Rückaufnahme-Hemmer (SSNRI) Venlafaxin und Duloxetin, den Alpha2-Rezeptor-Antagonist Mirtazapin, das Tetrazyklikum und 5HT2-Rezeptor-Antagonist Mianserin, den 5HT2-Rezeptor-Antagonisten und Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer Trazodon (Tabelle im Anhang 2 "Antidepressiva – Wirkstoffe gegliedert nach Wirkstoffgruppen mit Angaben zu Dosierung, Plasmaspiegel und Monitoring") –, die weitgehend selektiv die serotonerge und/oder noradrenerge Neurotransmission bei anderem Nebenwirkungsprofil verstärken. Bupropion ist ein weitgehend selektiver Hemmer der Noradrenalin- und Dopamin-Wiederaufnahme und Agomelatin ein Agonist an Melatonin-1- und -2-Rezeptoren sowie ein Antagonist an 5HT-2C-Rezeptoren, wenngleich bei Agomelatin nicht geklärt ist, ob der melatonerge Mechanismus zur antidepressiven Wirkung beiträgt.

Die akute antidepressive Wirksamkeit der selektiven Serotonin- und Noradrenalin-Rückaufnahme-Hemmer Venlafaxin [502], [503], [504], [505], [506], [507] und Duloxetin [508], [509], [510], des selektiven Noradrenalin- und Dopamin-Rückaufnahme-Hemmers Bupropion [511], [512], [513] sowie des Alpha2-Rezeptor-Antagonisten Mirtazapin [514], [515], [516], [517] ist anhand placebokontrollierter klinischer Studien gut belegt. Schließlich liegen für Bupropion placebokontrollierte Studien vor, die eine Wirksamkeit belegen [518], [519].

Zu den häufigsten Nebenwirkungen von Venlafaxin zählen insbesondere in der Anfangsphase Appetitlosigkeit, Übelkeit und sexuelle Funktionsstörungen, bei höheren Dosierungen innere Unruhe, Schlafstörungen und Blutdrucksteigerungen. Bei Duloxetin ist häufig mit Übelkeit, trockenem Mund, Obstipation und Schlaflosigkeit zu rechnen [520] (siehe auch Tabelle im Anhang 4 "Antidepressivagruppen mit unerwünschten Arzneimittelwirkungen, Wechselwirkungen und Kontraindikation"). Zu Absetzreaktionen wird auf den Abschnitt in 3.4.4.1 (Hinweise zur Auswahl des Antidepressivums) verwiesen.

Mirtazapin führt indirekt zu einer verstärkten Noradrenalin- und Serotonin-Freisetzung im synaptischen Spalt und zu einer verstärkten, über 5-HT1A-Rezeptoren vermittelten serotonergen Aktivität. Bei manchen Patienten erwünscht ist die sedierende Begleitwirkung von Mirtazapin, nachteilig jedoch die relativ häufige Gewichtszunahme.

Trazodon bewirkt neben einer Serotonin-Freisetzung auch eine verstärkte, über 5-HT1A-Rezeptoren vermittelte serotonerge Aktivität. Zu den häufigsten Nebenwirkungen zählen Sedierung, Schwindel, Mundtrockenheit und Unruhe.

Auch Mianserin, ein tetrazyklisches Antidepressivum, führt über die 5-HT1A-Rezeptoren zu einer stärkeren serotonergen Aktivität. Nebenwirkungen sind neben einer Sedierung Benommenheit und Gewichtszunahme [521], [522], [523]. Wegen des erhöhten Risikos von Agranulozytosen und der daher vom Hersteller für die ersten Behandlungsmonate empfohlenen wöchentlichen Blutbildkontrollen wird Mianserin nur noch selten eingesetzt.

Aufgrund der mangelnden Wirksamkeit von Reboxetin gegenüber Placebo ist diese Substanz allerdings nicht mehr für die klinische Praxis zu empfehlen (vgl. Abschlussbericht IQWiG zu Reboxetin [524] sowie [525]) und wird auch nicht mehr von den gesetzlichen Krankenkassen erstattet.

Bupropion kann im Rahmen seiner Noradrenalin- und Dopamin-verstärkenden Wirkung u. a. zu Schlafstörungen und Unruhe, Mundtrockenheit, Übelkeit, Kopfschmerzen und Obstipation führen [526].

Zu den häufigen unerwünschten Arzneimittelwirkungen von Agomelatin zählen Kopfschmerzen, Schwindel, Schläfrigkeit, Schlaflosigkeit, Übelkeit und Schwitzen. Zu den Gegenanzeigen gehören eingeschränkte Leberfunktion sowie eine gleichzeitige Anwendung von starken CYP1A2-Inhibitoren (z. B. Fluvoxamin, Ciprofloxacin). Bei allen Patienten sind Leberfunktionstests vor Beginn der Behandlung sowie nach etwa drei, sechs, 12 und 24 Wochen durchzuführen sowie danach, wenn klinisch indiziert. Nach Dosiserhöhung sollen die Transaminasenkontrollen erneut in derselben Häufigkeit durchgeführt werden. Bei einem Transaminasenanstieg über das Dreifache des oberen Normbereichs sollte Agomelatin abgesetzt werden [527], [528].

Tianeptin ist ein schon lange in anderen europäischen Ländern gebräuchliches, aber erst seit 2012 in Deutschland zugelassenes Antidepressivum. Tianeptin hat eine modulierende Wirkung auf glutaminerge NMDA-Rezeptoren. Wie SSRI, SNRI und TZA hat es einen Einfluss auf die Wiederaufnahme von Serotonin aus dem synaptischen Spalt, im Unterschied zu den genannten Antidepressivagruppen wird die Wiederaufnahme durch Tianeptin jedoch verstärkt, was zu einer Verringerung der intrasynaptischen Serotoninkonzentration führt (daher auch als auch als Serotonin-Wiederaufnahmeverstärker bezeichnet). Dennoch besteht eine ungefähr vergleichbare antidepressive Wirkung und Wirklatenz.

Dosisabhängig besteht bei Venlafaxin, Bupropion, Mianserin, Trazodon und Mirtazapin das Risiko einer QTc-Zeit-Verlängerung, so dass EKG-Kontrollen angeraten sind [489].

3.4.2.5 Lithium

Lithium ist der Prototyp des Stimmungsstabilisierers und zählt im engeren Sinne nicht zu den Antidepressiva. Drei Hauptmechanismen spielen bei der Wirkungsweise von Lithium eine bedeutende Rolle: a) Effekte auf die Neurotransmitterregulation (nach neueren Erkenntnissen im Sinne einer Stabilisierung der Balance zwischen Serotonin, Noradrenalin, Dopamin, Acetylcholin u. a.), b) Effekte auf die intrazelluläre Signaltransduktion (Adenylatzyklase, Inositol-Phosphat-Messenger-System, Arachnidonsäure-Kaskade, Glykogen-Synthetase-Kinase 3, Proteinkinasen, Protein-Phosphorilisation und G-Proteine) und c) Effekte auf die Genexpression. Stabil kommt Lithium nur als Salz vor (Lithiumcarbonat, Lithiumacetat u. a.). Es wird unverändert renal eliminiert.

In der Depressionsbehandlung sind die folgenden Wirkungen von Bedeutung:

  • Phasenprophylaxe unipolarer rezidivierender Depressionen;
  • akut-antidepressive Behandlung im Rahmen der Lithiumaugmentation;
  • akut-antidepressive Behandlung im Rahmen einer Lithium-Monotherapie;
  • antisuizidale Wirksamkeit.

Lithiumaugmentation bezeichnet die Addition von Lithium zu einem Antidepressivum, das trotz ausreichend langer Verabreichung in suffizienter Dosierung nicht wirksam war. Hierdurch kann häufig doch noch ein Ansprechen auf die Pharmakotherapie erzielt werden. Eine aktuelle Metaanalyse schloss zehn placebokontrollierte doppelblinde Studien ein und belegte die signifikante Überlegenheit einer Lithium- über eine Placeboaugmentation bei bislang auf eine Antidepressivamonotherapie resistenten Depressionen [529], [530]. Die Lithiumaugmentation nimmt einen zentralen Stellenwert in der Behandlung bislang therapieresistenter Depressionen ein.

Zahlreiche Studien (z. B. [531]), Übersichtsarbeiten und Metaanalysen [520], [532], [533], [534], [535] zeigen aber übereinstimmend einen deutlichen suizidalitätsreduzierenden Effekt, auch bei alleiniger Betrachtung unipolar depressiver Patienten [520], [534]. Eine spezielle Zulassung zur Vorbeugung von Suiziden oder Suizidversuchen hat Lithium aber nicht. Zahlreiche Studien, Übersichtsarbeiten und Metaanalysen belegen schließlich die Wirksamkeit von Lithium in der Rezidivprophylaxe (vgl. Kapitel 3.4.6 "Rezidivprophylaxe").

Die Lithiumbehandlung erfordert besondere Kenntnisse und die Beachtung besonderer Maßgaben bei Patienten und Ärzten [536]. Diese sind im Anhang 8 "Anwendungsempfehlungen: Lithiumtherapie" zusammengefasst.

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3.4.2.6 Phytotherapeutika

Bei der Behandlung depressiver Störungen mit Phytopharmaka spielen nur Johanniskrautextrakte (Hypericum perforatum) aufgrund ihrer häufigen Verordnung in Deutschland eine Rolle [478]. Sie werden häufig wegen ihrer vermeintlich geringeren Nebenwirkungen für die Behandlung leichter bis mittelschwerer Depressionen eingesetzt.

Die Wirksamkeit von Johanniskraut in der Therapie der Depression ist allerdings umstritten. Es gibt sowohl klinische Studien, die eine Wirksamkeit belegen [477], [537], [538], als auch solche, die keine Überlegenheit gegenüber Placebo zeigen [539], [540], [541], [542]. Eine Metaanalyse kommt zum Ergebnis, dass Johanniskrautextrakte bei der Behandlung von leichter und mittelgradiger depressiver Symptomatik wirksam sind. Für schwere oder chronisch verlaufende Depressionen sind keine Effekte belegt [543]. Hauptproblem ist, dass für diese pflanzlichen Präparationen erhebliche Standardisierungsprobleme mit stark schwankenden Dosen der möglicherweise bioaktiven Substanzen (u. a. Hyperforin und Hypericin) bestehen [544], [545]. So ist nicht hinreichend bekannt, welche Konstituenten des Johanniskrautextrakts bei welchen Konzentrationen über welchen Wirkungsmechanismus für die antidepressive Wirkung verantwortlich sind. Daher sollten nur Präparate zur Therapie einer leichten und mittelgradigen depressiven Symptomatik eingesetzt werden, für die eine klinische Wirksamkeit durch eigene Studien belegt ist.

Unerwünschte Wirkungen (siehe auch Tabelle im Anhang 4 "Antidepressivagruppen mit unerwünschten Arzneimittelwirkungen, Wechselwirkungen und Kontraindikationen"): Johanniskrautpräparate haben sich in den publizierten Studien als sehr gut verträglich erwiesen, obwohl die Ergebnisse der meist kleinen Studien für seltenere und evtl. auch schwerere Neben- oder Wechselwirkungen nur von sehr limitierter Aussagekraft sind [546]. Zur oft erwähnten Phototoxizität existieren nur vereinzelte Berichte. Von gesicherter klinischer Relevanz ist jedoch, dass Johanniskraut als Induktor von Isoenzymen des Cytochroms P450 zur Wirkungsbeeinträchtigung (inkl. oraler Kontrazeption) und ggf. bei Absetzen zur erhöhten Toxizität zahlreicher Wirkstoffe mit geringer therapeutischer Breite, wie z. B. Ciclosporin, Tacrolimus, Digoxin, Theophyllin, Antidepressiva (Amitriptylin, Nortriptylin), Antikoagulantien, Antikonvulsiva und mehreren HIV-wirksamen Medikamenten, führen kann [547], [548], [549], [550], [551] (vgl. Tabelle im Anhang 4 "Antidepressivagruppen mit unerwünschten Arzneimittelwirkungen, Wechselwirkungen und Kontraindikationen").

Wegen der Unsicherheiten über die richtige Dosierung, der variablen Zusammensetzung der Extrakte und insbesondere der möglichen schweren Wechselwirkungen mit anderen verschriebenen Medikamenten wird Johanniskraut nicht als chemischen Antidepressiva überlegen angesehen [263]. Da die Präparate aber von manchen Patienten als "natürliches Produkt” eher akzeptiert werden als chemisch definierte Antidepressiva, kann einer solchen Patientenpräferenz bei leichten bis mittelschweren Depressionen als erster Behandlungsversuch gefolgt werden. Es ist wichtig, Patienten, die Johanniskraut einnehmen möchten, über die unterschiedliche Wirkstärke der verfügbaren Zubereitungen und die sich daraus ergebenden Unsicherheiten der Dosierung zu informieren. Außerdem ist eine Aufklärung über mögliche schwere Wechselwirkungen von Johanniskraut mit anderen Medikamenten (einschließlich oraler Kontrazeptiva, Antikoagulantien und Antiepileptika) notwendig, ebenso eine ärztliche Betreuung von Patienten, die Johanniskraut einnehmen [552].

3.4.3 Vergleichende Wirksamkeit der Substanzklassen

Neben placebokontrollierten Studien zur Prüfung der Wirksamkeit finden sich auch Vergleichsstudien und Metaanalysen zum Wirksamkeitsvergleich zwischen verschiedenen Antidepressiva (z. B. [553]). Sichere Nachweise zur Überlegenheit eines Wirkstoffes oder einer Wirkstoffgruppe im ambulanten Bereich können jedoch aus den zahlreichen Vergleichsstudien zwischen Prüf- und Standardsubstanz, die meist nur die Nichtunterlegenheit prüften, nur mit Einschränkungen abgeleitet werden.

Zum Vergleich neuerer Antidepressiva miteinander liegen zwei sehr große, systematische Metaanalysen vor. Cipriani et al. [554] kommen zu dem Ergebnis, dass Mirtazapin, Escitalopram, Venlafaxin und Sertralin besonders wirksam sind, Mirtazapin und Venlafaxin aber Nachteile bei der Verträglichkeit haben, so dass die Autoren eine vorsichtige Empfehlung für Escitalopram und Sertralin aussprechen, sofern nicht patientenbezogene Gründe für andere Substanzen sprechen. Gartlehner et al. [555] hingegen kommen zu dem Ergebnis, das keine klinisch relevanten Unterschiede zwischen den untersuchten neueren Antidepressiva bestehen und daher kein spezifisches Antidepressivum empfohlen werden kann. Aufgrund dieser Uneinheitlichkeit der Datenlage und Interpretation verzichtet auch diese Leitlinie auf die generelle Empfehlung eines oder weniger spezifischer Antidepressiva, stellt aber im Folgenden weitere wichtige Erkenntnisse aus systematischen Vergleichsuntersuchungen dar.

In einer weiteren Metaanalyse wird die Wirksamkeit der SSRI mit anderen Antidepressiva (vornehmlich trizyklische Antidepressiva) im ambulanten Bereich verglichen. Eingeschlossen waren 98 randomisiert-kontrollierte Studien mit insgesamt 9.554 Patienten (5.044 unter SSRI und 4.510 unter anderen Antidepressiva). Dabei zeigte sich kein klinisch signifikanter Unterschied hinsichtlich der Wirksamkeit. Dies deckt sich mit den Ergebnissen der systematischen Analysen der NICE-Leitlinie [241]. In einer anderen großen Metaanalyse wurden 102 Studien mit insgesamt 10.706 Patienten eingeschlossen, in denen die antidepressive Wirksamkeit von SSRI und TZA verglichen wurde. Auch hier ergab sich für die Gesamtgruppe kein Wirksamkeitsunterschied, jedoch zeigte sich, dass TZA bei der Subgruppe der stationär behandelten depressiven Patienten signifikant wirksamer waren [553].

In einer Netzwerkmetaanalyse von Linde et al. (2015) [556] zur vergleichenden Wirksamkeit pharmakologischer Interventionen bei der Behandlung von Depression in der hausärztlichen Versorgung wurden keine klinisch relevanten Unterschiede zwischen verschiedenen Substanzklassen identifiziert, wobei die Wirksamkeit von SSRI und TZA gegenüber Placebo am besten untersucht ist.

Vergleichende klinische Studien ergaben ebenfalls keine klinisch bedeutsamen Wirksamkeitsunterschiede zwischen SSRI und TZA [463], [464], [465], [473], [477], [557], [558], [559], [560], [561], [562]. Bei der Einzelanalyse der verschiedenen trizyklischen Antidepressiva erwies sich jedoch die Substanz Amitriptylin als signifikant effektiver als die Gruppe der SSRI [553]. In vergleichenden Studien zwischen dem MAO-Hemmer Moclobemid und SSRI oder TZA konnten keine klinisch bedeutsamen Wirksamkeitsunterschiede gesichert werden [477], [491], [492], [494], [495], [496], [497].

Venlafaxin scheint im Vergleich zu TZA, Mirtazapin, Bupropion und Trazodon von ähnlicher antidepressiver Wirksamkeit zu sein, bei widersprüchlichen Ergebnissen zur Frage, ob Venlafaxin besser verträglich ist als TZA [503], [563], [564], [565], [566], [567], [568]. Im Vergleich zu SSRI sowie Agomelatin fanden große Metaanalysen eine statistisch bessere Wirksamkeit, aber schlechtere Verträglichkeit von Venlafaxin [567], [568], [569].

Mehrere Metaanalysen ergaben, dass Mirtazapin etwas wirksamer als SSRI und Venlafaxin ist [554], [570] und die Wirkung vermutlich etwas rascher eintritt [570], [571]. Vermutlich vor allem aufgrund seiner sedierenden und gewichtsfördernden Eigenschaften war Mirtazapin aber teilweise schlechter verträglich als SSRI [554], [570].

Große Metaanalysen zeigten wiederholt eine größere Wirksamkeit von Escitalopram gegenüber Citalopram bei mindestens gleich guter Verträglichkeit [554], [555], [572], wobei nicht alle Autoren diesem statistischen Unterschied auch eine klinische Bedeutung beimessen [555].

Die Unterschiede zwischen den verschiedenen Antidepressiva-Klassen hinsichtlich der unerwünschten Arzneimittelwirkungen sind allerdings bedeutsam. SSRI sind in der Regel besser verträglich und weniger toxisch als die älteren TZA [241]. Andererseits liegen zu den älteren Präparaten meist umfassendere Erfahrungen bezüglich seltener Nebenwirkungen und zur Höhe therapeutisch wirksamer Plasmaspiegel (Serumkonzentrationen) vor.

Die geringe Überdosierungssicherheit von TZA im Vergleich zu SSRI und anderen neueren Antidepressiva kann aber bei multimedizierten oder hirnorganisch bzw. kardial vorgeschädigten Patienten zu lebensbedrohlichen Nebenwirkungen führen (z. B. Delir, Herzrhythmusstörungen). Für Venlafaxin wird ebenfalls über eine geringere Überdosierungssicherheit im Vergleich zu SSRI berichtet [241]. Einige TZA (z. B. Amitriptylin, Doxepin), aber auch einige neuere Antidepressiva (z. B. Mirtazapin) haben sedierende Eigenschaften, was den Einsatz bei agitierten und schlafgestörten Patienten nahelegt. Ob bei Patienten mit agitierter Depression sedierende Antidepressiva und bei gehemmt depressiven Patienten eher aktivierende Antidepressiva tatsächlich Vorteile aufweisen, ist jedoch nicht belegt, so dass dieses Auswahlkriterium nur in Abhängigkeit von der individuellen Situation des Patienten inkl. seiner beruflichen Tätigkeit und seiner Präferenzen berücksichtigt werden kann [211].

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3.4.4 Therapiegrundsätze für die Akutbehandlung

Pharmakotherapie ist generell am erfolgversprechendsten, wenn sie auf einer vertrauensvollen Beziehung zwischen Patient und Behandelndem aufbaut bzw. wenn diese als wesentliches Behandlungsmoment angestrebt wird. Vertrauen zum Behandelnden ist auch für die Mitarbeit des Patienten von großer Bedeutung; dies gilt insbesondere auch für die erfolgreiche Kontrolle und Vermeidung etwaiger Medikamentennebenwirkungen. Pharmakotherapie ist von Beginn an eingebettet in ein entsprechendes Gesprächsangebot.

Prinzipiell kann jedes depressive Syndrom mit Antidepressiva behandelt werden. Aufgrund des ungünstigen Nutzen-Risiko-Verhältnisses sind Antidepressiva jedoch nicht generell in der Erstbehandlung bei leichten depressiven Episoden sinnvoll [241], da eine antidepressive Medikation einer Placebobedingung kaum überlegen ist [430], [431], [573]. Dies gilt auch für die in dieser Leitlinie nicht thematisierte sogenannte minore (unterschwellige) Depression, für die eine systematische Metaanalyse ebenfalls keine Überlegenheit von Antidepressiva über Placebo fand [447]. Eine aktuelle Metaanalyse basierend auf individuellen Patientendaten (Patienten mit der Diagnose einer Major Depression) konnte dagegen keine größere Wirksamkeit für Fluoxetin und Venlafaxin gegenüber Placebo mit zunehmender Schwere der Depression aufzeigen [446].

Insbesondere dann, wenn ein Patient mit leichter depressiver Episode eine aktive Behandlung ablehnt oder nach Ansicht des behandelnden Arztes oder Psychotherapeuten die Störung auch ohne Intervention abklingen wird, ist die so genannte aktiv-abwartende Begleitung ("watchful waiting") eine Alternative. Jedoch sollte üblicherweise innerhalb der nächsten beiden Wochen eine erneute Überprüfung der Symptomatik erfolgen ([241]; vgl. Kapitel 3.1.1 "Aufklärung, allgemeine Behandlungsziele und Wahl der Behandlungsalternative"). Als Behandlungsmöglichkeiten bei einer leichten depressiven Episode können zunächst supportive psychiatrisch-psychotherapeutisch-pschosomatische Gespräche im Rahmen einer Basisbehandlung, allgemeine Beratung (Counselling), psychoedukative Unterstützung, qualifizierte angeleitete Selbsthilfe z. B. durch Selbsthilfebücher oder Online-Programme (vgl. 3.3 "Niederschwellige psychosoziale Interventionen") sowie Problemlöseansätze (problem-solving) [354], [355], [356] zum Einsatz kommen, bevor eine Pharmakotherapie oder Richtlinienpsychotherapie begonnen wird. In der NICE Guideline werden für die Behandlung leichter depressiver Episoden in der primärärztlichen Versorgung neben einer aktiv-abwartenden Begleitung Schlaf- und Angst-Management, körperliches Training, angeleitete Selbsthilfe, computerbasierte KVT oder kurze psychotherapeutische Interventionen (beispielsweise Problemlösetherapie) empfohlen [409].

Besondere Umstände, die auch bei leichten depressiven Episoden den Einsatz von Antidepressiva nahelegen, sind z. B. das Fortbestehen von Symptomen nach anderen Interventionen, vorausgegangene depressive Episoden zumindest mittlerer Schwere und der ausdrückliche Wunsch des Patienten [241].

Empfehlung/Statement

Empfehlungsgrad

3-6_mod_2015

Bei einer leichten depressiven Episode kann, wenn anzunehmen ist, dass die Symptomatik auch ohne aktive Behandlung abklingt, im Sinne einer aktiv-abwartenden Begleitung zunächst von einer depressionsspezifischen Behandlung abgesehen werden.

LoE IV: Expertenkonsens basierend auf Referenzleitlinie [409]

0

3-7_mod_2015

Hält die Symptomatik einer leichten depressiven Episode nach einer Kontrolle nach spätestens 14 Tagen noch an oder hat sie sich verschlechtert, soll mit dem Patienten über eine Intensivierung der Behandlung gesprochen werden. Als Behandlungsmöglichkeiten stehen beispielsweise zur Verfügung:

  • Beratung (Counselling);
  • psychoedukativ-supportive Gespräche;
  • qualifizierte angeleitete Selbsthilfe z. B. Selbsthilfebücher/Online-Programme;
  • Problemlöseansätze (Problem-solving);
  • psychiatrisch-psychotherapeutische Basisbehandlung bzw. psychosomatische Grundversorgung.

LoE IV: Expertenkonsens basierend auf Referenzleitlinie [409]

0

3-8

Antidepressiva sollten nicht generell zur Erstbehandlung bei leichten depressiven Episoden eingesetzt werden, sondern allenfalls unter besonders kritischer Abwägung des Nutzen-Risiko-Verhältnisses.

LoE Ib: Metaanalysen [431], [445]

B

3-9_mod_2015

Für einen Einsatz von Antidepressiva bei einer leichten depressiven Episode können u. a. sprechen:

  • Wunsch/Präferenz des Patienten;
  • positive Erfahrung des Patienten mit gutem Ansprechen auf eine medikamentöse Therapie in der Vergangenheit;
  • Fortbestehen von Symptomen nach anderen Interventionen;
  • Episoden mittelgradiger oder schwerer Depression in der Vorgeschichte des Patienten.

Expertenkonsens

KKP

Eine Behandlung mit Antidepressiva ist insbesondere bei mittelgradigen und schweren depressiven Episoden indiziert. Dabei besitzen alle zugelassenen chemischen Antidepressiva bei ambulanter Anwendung eine vergleichbare antidepressive Wirksamkeit, unterscheiden sich aber bezüglich des Nebenwirkungs- und Interaktionsprofils (TZA und SSRI: [360], [462], [465], [473]; Moclobemid: [492], [574]; neuere AD: [575]).

Empfehlung/Statement

Empfehlungsgrad

3-10

Zur Behandlung einer akuten mittelgradigen depressiven Episode soll Patienten eine medikamentöse Therapie mit einem Antidepressivum angeboten werden.

LoE Ia: Metaanalysen [360], [462], [465], [473], [492], [574], [575]

A

Zur Kombinationstherapie von Antidepressiva und Psychotherapie liegen für spezifische Subgruppen hinreichende Studienbelege vor (vgl. [576]): Für schwere depressive Episoden [577], [578], chronisch depressive Patienten [579] und rezidivierende Depressionen [577], [580] sind statistisch signifikante additive Effekte einer Kombinationstherapie gegenüber einer alleinigen Pharmakotherapie (bei chronisch depressiven Patienten, bei schweren Episoden) und einer alleinigen Psychotherapie (bei schweren Episoden) nachgewiesen (siehe Empfehlungen in Kapitel 3.5.4 "Effektivität psychotherapeutischer Verfahren bei Dysthymie, Double Depression und chronischer Depression"). Bei Patienten mit einer leichten bis mittelgradigen depressiven Episode zeigen die Studien keine klaren Überlegenheitseffekte einer Kombinationsbehandlung [219], [220], [581], [582], [583], [584].

Empfehlung/Statement

Empfehlungsgrad

3-11

Bei akuten schweren depressiven Episoden soll eine Kombinationsbehandlung mit medikamentöser Therapie und Psychotherapie angeboten werden.

LoE Ia: Metaanalysen [576], [580] und RCTs [577], [578], [579]

A

Es liegen zahlreiche Studienbelege vor, dass Johanniskraut bei leichten oder mittelgradigen depressiven Episoden wirksam ist [543]. Allerdings bestehen Unsicherheiten bezüglich der angemessenen Dosierung und Schwankungen in der Beschaffenheit der natürlichen Zubereitungen; zudem kann Johanniskraut zu schweren Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten (einschließlich oraler Kontrazeptiva, Antikoagulantien, Immunsuppressiva, Zytostatika, Virostatika und Antiepileptika) führen.

Empfehlung/Statement

Empfehlungsgrad

3-12

Wenn bei leichten oder mittelgradigen depressiven Episoden eine Pharmakotherapie erwogen wird, kann bei Beachtung der spezifischen Nebenwirkungen und Interaktionen ein erster Therapieversuch auch mit Johanniskraut unternommen werden.

LoE IV: Expertenkonsens basierend auf einer Metaanalyse [543]

0

3-13

Patienten, die Johanniskraut einnehmen, sollten über die unterschiedliche Wirkstärke der verfügbaren Zubereitungen und die sich daraus ergebenden Unsicherheiten informiert werden. Sie sollten ebenfalls aufgeklärt werden über mögliche schwere Wechselwirkungen von Johanniskraut mit anderen Medikamenten (einschließlich oraler Kontrazeptiva, Antikoagulantien und Antiepileptika).

LoE IV: Expertenkonsens

B

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3.4.4.1 Hinweise zur Auswahl des Antidepressivums

In der Tabelle im Anhang 4 "Antidepressivagruppen mit unerwünschten Arzneimittelwirkungen, Wechselwirkungen und Kontraindikation" sind die wichtigsten Antidepressiva mit Dosierungsempfehlungen aufgelistet.

Tabelle 15: Auswahlkriterien für Antidepressiva

Verträglichkeit

  • Anderes Nebenwirkungsprofil von SSRI im Vergleich zu TZA, v. a. bei ambulanten Patienten und im Vergleich zu klassischen, älteren TZA [360], [447], [465], [474], [558], [561], [585], [586], [587], [588], [589], [590];
  • im stationären Bereich kaum Verträglichkeitsunterschiede zwischen TZA und SSRI [591];
  • qualitative Unterschiede im Nebenwirkungsprofil von TZA und SSRI (mehr gravierende Komplikationen unter TZA wie Delir, kardiale Blockbildungen/Rhythmusstörungen oder Harnverhalt);
  • bei der Verschreibung von Antidepressiva für weibliche Patienten sollte berücksichtigt werden, dass diese eine geringere Toleranz gegenüber Imipramin aufweisen [436].

Überdosierungssicherheit

  • Einnahme einer Wochenration von TZA kann bei suizidalen Patienten letal sein; im ambulanten Bereich daher nur Verschreibung kleiner Packungsgrößen.

Ansprechen in einer früheren Krankheitsepisode

  • Wirksamkeit und Verträglichkeit einer früheren Antidepressivagabe sollte in die erneute Indikationsstellung einbezogen werden [539], [586].

Handhabbarkeit

  • TZA verlangen eher eine individuelle Eintitrierung und Kontrolle als die SSRI oder neuere Antidepressiva (schrittweises Aufdosieren, Plasmaspiegel, EKG-Kontrollen);
  • schrittweises Aufdosieren ist auch bei SSRI und neueren Antidepressiva wie Venlafaxin und Mirtazapin sinnvoll.

Anwendungserfahrung

  • Individuelle Anwendungserfahrung des Arztes mit einzelnen Antidepressiva ist für die Wirkstoffauswahl bedeutsam [539], [586].

Möglichkeiten bei Nichtansprechen

  • Bei TZA, aber inzwischen auch für die meisten selektiven Antidepressiva (siehe Anhang 2) ist eine Serumspiegelbestimmung sinnvoll, da für diese ein therapeutischer Serumspiegelbereich etabliert ist. Für TZA ist eine Hochdosisbehandlung effektiv, da eine Dosis-Wirkungs-Beziehung besteht.

Komorbidität und Komedikation

Patientenpräferenzen

  • Patienten reagieren physisch und psychisch unterschiedlich hinsichtlich Wirkung und Nebenwirkung von Antidepressiva, weswegen die individuelle Gewichtung der unerwünschten Wirkungen bei der Stoffauswahl eine Rolle spielt (vgl. Kapitel 3.1.3.3 "Partizipative Entscheidungsfindung").

3.4.4.2 Therapiebeginn

Es hat sich bewährt, bei den meisten Antidepressiva mit der niedrigen, als "Anfangsdosis" bezeichneten Tagesdosis zu beginnen (siehe Anhang 2 "Antidepressiva – Wirkstoffe gegliedert nach Wirkstoffgruppen mit Angaben zu Dosierung, Plasmaspiegel und Monitoring"). Bei älteren Patienten ist es nur bei TZA sinnvoll, diese Anfangsdosis zu halbieren und ggf. langsam aufzudosieren. Insbesondere zu Beginn ist eine sorgfältige Überwachung bezüglich Nebenwirkungen und Wirkungen wichtig. Bessert sich der Zustand des Patienten bereits in der Aufdosierungsphase, sind weitere Erhöhungen nicht notwendig, ansonsten sollte aber die Standarddosierung (siehe Anhang 2) erreicht werden. Ab diesem Zeitpunkt sollte vier Wochen lang (bei älteren Patienten bis zu sechs Wochen) (Wirklatenz) das Eintreten einer Response abgewartet werden (vgl. Abbildung 10 in Anhang 7). Aus diesem Grund sollte die Aufdosierungsphase nicht länger sein, als es aufgrund der Verträglichkeit erforderlich ist (siehe nachstehende Abbildung 9).

Abbildung 9: Zeitlicher Ablauf des Beginns einer antidepressiven Pharmakotherapie
(zum Vergrößern Abbildung bitte anklicken)

Abbildung 9

Zur bewährten Routine zählt, Patienten, denen ein Antidepressivum verordnet wurde, vor Beginn der medikamentösen Therapie über mögliche Nebenwirkungen und die Wirklatenz zu informieren. Es hat sich bewährt, bereits bei Therapiebeginn mit dem Patienten einen Entscheidungstag (ca. vier Wochen nach Erreichen der Standarddosis) zu vereinbaren, an dem gemeinsam überprüft wird, ob unter der Medikation eine Verbesserung der Symptomatik (Response) eingetreten ist. Hierzu ist eine gute Dokumentation der Symptomatik bei Behandlungsbeginn erforderlich. Bei Response erfolgt die Weiterbehandlung bis zur Remission und der Übergang in die Erhaltungstherapie (siehe 3.4.5 Erhaltungstherapie), bei Non-Response eine Veränderung der Behandlungsstrategie (siehe 3.4.7 Maßnahmen bei Nichtansprechen).

Empfehlung/Statement

Empfehlungsgrad

3-14_NEU_2015

Zeitlicher Ablauf einer Antidepressiva-Behandlung

Ab Erreichen der Standarddosierung sollten vier Wochen (bei älteren Patienten: sechs Wochen) wegen der Wirklatenz abgewartet werden, bis gemeinsam mit dem Patienten beurteilt wird, ob eine Response vorliegt. Hierzu ist eine gute Dokumentation der Symptomatik bei Behandlungsbeginn erforderlich. Dieser Bewertungstag sollte bereits zu Beginn der Medikation mit dem Patienten vereinbart werden.

Bei vielen Antidepressiva sollte schrittweise bis zur Standarddosierung aufdosiert werden. Diese Aufdosierungsphase sollte so lange sein, wie es die Verträglichkeit erfordert, aber so kurz wie möglich, da diese Zeit nicht zur Wirklatenz hinzu gezählt werden kann. Während der Aufdosierungsphase und der Beobachtung der Wirklatenz sollte eine sorgfältige Überwachung möglicher Nebenwirkungen erfolgen.

Bei Response am Entscheidungstag sollte die Fortsetzung der Medikation bis zur Remission mit anschließendem Übergang in die Erhaltungstherapie erfolgen. Bei Non-Response sollte dem Patienten eine Veränderung der Behandlungsstrategie empfohlen werden.

Expertenkonsens

KKP

Zur Aufklärung gehört ferner, dass von Therapiebeginn an auch die Gesamt-Behandlungsdauer thematisiert wird, z. B. dass auch nach Abklingen der depressiven Symptomatik ein Antidepressivum zur Remissionsstabilisierung mindestens für ca. sechs Monate weiter eingenommen werden sollte. Wichtig ist auch, dass auf die Möglichkeit von Absetzerscheinungen bei raschem Absetzen eines Medikaments, einer Dosisreduzierung oder einer unregelmäßigen Einnahme hingewiesen wird. Diese Symptome sind in der Regel leicht und bilden sich spontan zurück, können im Einzelfall aber auch schwer sein, z. B. wenn eine Medikation abrupt abgesetzt wird [241].

Zur Patientenaufklärung gehört auch der Hinweis, dass – neben der Beeinträchtigung durch die Erkrankung selbst – die Gabe von Antidepressiva zu einer zusätzlichen Minderung von Fahrtauglichkeit, Arbeits- und Reaktionsfähigkeit (auch Arbeit an Maschinen und in großen Höhen) führen kann. Die Fahrtauglichkeit ist durch SSRI und Moclobemid jedoch nicht oder deutlich weniger beeinflusst als unter TZA.

Empfehlung/Statement

Empfehlungsgrad

3-15_mod_2015

In der Regel sollte die antidepressive Medikation mit der niedrigen, als "Anfangsdosis" bezeichneten Tagesdosis begonnen werden. Bei älteren Patienten ist es sinnvoll, bei Trizyklika diese Anfangsdosis zu halbieren und gegebenenfalls langsam aufzudosieren.

Expertenkonsens

KKP

3-16_mod_2015

Bei trizyklischen Antidepressiva sind deren anticholinerge und chinidinartige Nebenwirkungen zu beachten. Daher ist deren Gabe für Patienten mit kardiovaskulärer Erkrankung, Engwinkelglaukom, Prostatahypertophie, Pylorusstenose und anderen ausgeprägten intestinalen Stenosen, schwerer Obstipation, kognitiven Störungen, Krampfleiden oder Verwirrtheitszuständen/Delir mit einem erhöhten Risiko verbunden.

Expertenkonsens basierend auf Metaanalyse von RCTs [360] und Beobachtungsstudien [468], [469], [470]

KKP

3-17_mod_2015

Besonders zu Beginn der Therapie mit SSRI sollte auf

  • Hinweise auf ein Serotoninsyndrom (Verwirrtheit, Delir, Zittern/Frösteln, Schwitzen, Veränderungen des Blutdrucks, Myoklonus und Mydriasis);
  • Blutungsneigung, insbesondere bei gleichzeitiger Gabe von nichtsteroidalen Antirheumatika;
  • Hyponatriämie v. a. bei älteren Patienten (SIADH = vermehrte Produktion oder Wirkung des antidiuretischen Hormons ADH);
  • Diarrhöe;
  • Suizidgedanken;
  • eine erhebliche Zunahme von motorischer Unruhe und von Angst und Agitiertheit

geachtet werden. Die Patienten sollten auf die Möglichkeit solcher Symptome zu Beginn der medikamentösen Behandlung hingewiesen werden und bei deren Auftreten umgehend ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen.

LoE Ib: Metaanalyse von RCTs [477] Metaanalyse von Beobachtungsstudien [480] und RCTs [475], [476]

B

3-18_mod_2015

Eine intensive Aufklärung und engmaschige Betreuung (wöchentlich) sollte in den ersten vier Wochen erfolgen, um die Mitarbeit des Patienten zu fördern. Wichtige Inhalte des Aufklärungsgesprächs sind:

  • Bedenken gegenüber Antidepressiva (z. B. Sucht-, Toleranzentwicklung, Persönlichkeitsveränderungen) erkennen und besprechen;
  • biologische Wirkmechanismen erklären;
  • auf Wirklatenz und mögliche Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten hinweisen;
  • Nebenwirkungen erläutern;
  • Behandlungsdauer begründen.

Außerdem kann es dabei vorteilhaft sein, Angehörige und/oder Selbsthilfegruppen einzubeziehen.

Expertenkonsens

KKP

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3.4.4.3 Wirkungsprüfung und Therapiemonitoring

Ein regelmäßiges Monitoring der Behandlung zur Wirkungsprüfung ist besonders während der Akutbehandlung notwendig, z. B. um in Erfahrung zu bringen, ob der Patient auf die Behandlung anspricht, die Medikation einhält und der gewünschte therapeutische Effekt erreicht wird. Eventuelle Komplikationen und Nebenwirkungen können somit frühzeitig erkannt und eine Dosisanpassung oder der Wechsel der Strategie rechtzeitig eingeleitet werden.

Es hat sich bewährt, Patienten, die mit einer antidepressiven Medikation begonnen haben und bei denen kein erhöhtes Suizidrisiko besteht, in den ersten vier Behandlungswochen in der Regel wöchentlich zu sehen. Danach sind Einbestellungen in angemessenen Zeiträumen sinnvoll, beispielsweise in Intervallen von zwei bis vier Wochen während der ersten drei Monate und danach in längeren Intervallen, vorausgesetzt das Ansprechen ist gut. Spätestens nach vier Wochen sollte eine genauere Wirkungsprüfung und Symptomerfassung erfolgen, um über Beibehaltung bzw. Wechsel der Behandlungsstrategie zu entscheiden (siehe auch Kapitel 3.4.4.2 Therapiebeginn).

Hauptkriterium der Wirksamkeit der Behandlung und die Entscheidung über das weitere therapeutische Vorgehen ist der Grad der Symptomreduktion des Patienten [539], [594]. Ist nach einer angemessenen Behandlungsdauer keine Verbesserung erkennbar, sollte die Mitarbeit des Patienten geprüft werden. Für die meisten Antidepressiva (siehe Tabelle im Anhang 4 "Antidepressivagruppen mit unerwünschten Arzneimittelwirkungen, Wechselwirkungen und Kontraindikationen", hierzu liegen inzwischen etablierte Plasmaspiegelempfehlungen vor [221], [226], [241], [478], [595], vgl. Kapitel 3.4.7 "Maßnahmen bei Nichtansprechen"). Grundsätzlich angeraten sind Plasmaspiegelkontrollen bei Hochdosisbehandlung, Verträglichkeitsproblemen, multimedizierten oder komorbiden Patienten, Symptomverschlechterung bei dosisstabiler antidepressiver Medikation und Non-Respondern bzw. Compliance-Problemen (Zusammenhang zwischen dem Plasmaspiegel und der klinischen Wirkung der einzelnen Antidepressiva siehe Tabelle im Anhang 2 "Antidepressiva – Wirkstoffe gegliedert nach Wirkstoffgruppen mit Angaben zu Dosierung, Plasmaspiegel und Monitoring"). Bei Gabe von Lithium sind zudem die Elektrolyte (inkl. Calcium), Kreatinin- und Schilddrüsenwerte (TSH, T3, T4), die Kreatinin-Clearance sowie eine mögliche Strumaentwicklung zu beachten. Unter Mirtazapin und vielen Trizyklika sind auch Gewichtskontrollen wichtig. Das EEG kann für die Erkennung von Neurotoxizität hilfreich sein (insbesondere bei älteren Patienten und bei kombinierter Medikation).

Vor und unter der Behandlung mit Antidepressiva sind die Untersuchung des Blutbildes und der Leberwerte sinnvoll. Bei TZA und SSNRI ist eine Blutdruckmessung zu Behandlungsbeginn und im Therapieverlauf nötig. Wegen der chinidinartigen Effekte von TZA auf die Reizleitung mit der Gefahr von Blockbildungen und Arrhythmien und wegen des Risikos der QTc-Zeit-Verlängerung unter SSRI (insb. in höheren Dosierungen) sind vor Behandlungsbeginn, nach Aufdosierung und in Abhängigkeit von Dosierung und Risiko auch im Verlauf EKG-Kontrollen notwendig.

Es ist nicht auszuschließen, dass Antidepressiva (möglicherweise eher SSRI als andere) zu Beginn der Therapie das Risiko für Suizidgedanken und -versuche vor allem bei Jüngeren erhöhen. Jedem Patient, der mit Antidepressiva behandelt wird, sollte deshalb zu Beginn der Behandlung besondere Aufmerksamkeit gewidmet werden und Symptome, die auf ein erhöhtes Suizidrisiko hindeuten (wie z. B. erhöhte Angst, Agitiertheit oder impulsives Verhalten), beobachtet werden ([596], [597]; siehe auch Kapitel 3.10 "Management bei Suizidgefahr"). Wenn ein Patient unter Gabe von SSRI in der Frühphase der Behandlung vermehrte Agitiertheit entwickelt, ist es sinnvoll, ihn darüber aufzuklären und – falls der Patient dies wünscht – das Antidepressivum zu wechseln. Eine kurzzeitige überlappende Behandlung mit einem Benzodiazepin kann in solchen Fällen erwogen werden, die aber innerhalb von zwei Wochen überprüft werden sollte.

Empfehlung/Statement

Empfehlungsgrad

3-19_mod_2015

In den ersten 4 Behandlungswochen wird ein wöchentliches Monitoring, danach in Intervallen von 2-4 Wochen und nach 3 Monate in längeren Intervallen, empfohlen.

  • Spätestens nach 4 Wochen sollte eine genaue Wirkungsprüfung erfolgen und entschieden werden, ob ein Wechsel oder eine Ergänzung der Behandlungsstrategie indiziert ist oder nicht.
  • Ist keine Verbesserung erkennbar, sollten die Mitarbeit des Patienten und bei den dafür in Frage kommenden Medikamenten der Plasmaspiegel geprüft werden.
  • Grundsätzlich angeraten sind Plasmaspiegelkontrollen bei Behandlung mit der Maximaldosis, Verträglichkeitsproblemen, multimedizierten oder komorbiden Patienten, Symptomverschlechterung bei dosisstabiler antidepressiver Medikation und Non-Respondern bzw. Problemen in der Mitarbeit des Patienten.
  • Im Fall des ausbleibenden erwarteten Therapieeffekts ist das Monitoring der Konzentrationen von Antidepressiva im Serum inzwischen für die meisten Antidepressiva gut etabliert (Ausnahmen: nicht etabliert für Tranylcypromin und Agomelatin, eingeschränkt etabliert für Paroxetin, Mianserin und Bupropion).
  • Bei Beginn einer Medikation mit Antidepressiva sollten Blutbild und Transaminasen untersucht werden.
  • Bei Gabe von Lithium sind initial und im Verlauf der Kreatininwert, die Kreatinin-Clearance, die Elektrolyte (inkl. Calcium) und das Erfassen der Schilddrüsengröße sowie der TSH-Wert wichtig.
  • Gewichtskontrollen sind bei einigen Pharmaka wegen der möglichen Gewichtszunahme wichtig, vor allem unter Mirtazapin und den meisten Trizyklika (z. B. Trimipramin und Amitriptylin) sowie Lithium.
  • Wegen der chinidinartigen Effekte von TZA auf die Reizleitung mit der Gefahr von Blockbildungen und Arrhythmien sowie wegen des Risikos der QTc-Zeit-Verlängerung unter SSRI (insb. in höheren Dosierungen) sind vor Behandlungsbeginn, nach Aufdosierung und in Abhängigkeit von Dosierung und Risiko auch im Verlauf EKG-Kontrollen notwendig.
  • Jedem Patient, der mit Antidepressiva behandelt wird, sollte zu Beginn der Behandlung besondere Aufmerksamkeit gewidmet und auf mögliche Symptome, die auf eine Erhöhung des Suizidrisikos hindeuten, geachtet werden.
  • Beim Absetzen der Medikation sollten Antidepressiva in der Regel schrittweise über einen Zeitraum von 4 Wochen reduziert werden.

Expertenkonsens basierend auf Referenzleitlinien [221], [226], [241], [478], [595]

KKP

3.4.4.4 Absetzen der Medikation

Antidepressiva sollten in der Regel schrittweise über einen Zeitraum von vier Wochen reduziert werden. In einigen Fällen werden auch längere Zeiträume benötigt. Fluoxetin hingegen kann gewöhnlich wegen seiner sehr langen Halbwertszeit über einen kürzeren Zeitraum abgesetzt werden. Solange die Absetzerscheinungen mild ausgeprägt sind, sollten die Patienten beruhigt und die Symptome überwacht werden. Falls die Symptome schwer sind, sollte das Wiederansetzen des ursprünglichen Antidepressivums (oder eines mit längerer Halbwertszeit aus derselben Wirkstoffklasse) in wirksamer Dosierung erwogen und es unter Überwachung noch langsamer abgesetzt werden. In einer systematischen Übersichtsarbeit von Fava et al. (2015) [598] wurde das Auftreten von Entzugssymptomen beim Absetzen von SSRI untersucht, dabei wurden Hinweise auf mögliche Absetzsymptome insbesondere bei Paroxetin identifiziert.

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3.4.5 Erhaltungstherapie

Zur remissionsstabilisierenden Erhaltungstherapie bei Patienten mit unipolarer Depression wird nach erfolgreicher Akuttherapie das hierbei eingesetzte Antidepressivum in unveränderter Dosierung über den Zeitraum von vier bis neun Monaten weiter gegeben [274], [599]. Bei älteren Patienten wird insbesondere bei Fortbestehen depressionsfördernder Faktoren bzw. bei Vorliegen einer rezidivierenden Depression auch über längere Behandlungsdauern diskutiert, jedoch ist die Datenlage für eine Empfehlung noch nicht ausreichend [600], [601], [602], [603].

Eine Dosisreduktion impliziert ein erhöhtes Rückfallrisiko. Zur Beendigung der remissionsstabilisierenden Behandlung hat es sich bewährt, Antidepressiva zur Vermeidung von Absetzsymptomen ausschleichend zu dosieren [482], [604], [605]. Dabei ist eine engmaschige Prüfung sinnvoll, ob depressive Symptome erneut auftreten und ob ggf. die Dosis wieder zu erhöhen ist. Die Wichtigkeit des Therapieziels "Vollremission" ergibt sich auch daraus, dass bei Patienten mit nur teilweiser Remission das Rezidivrisiko deutlich erhöht ist [605].

Die remissionsstabilisierende Wirkung ist für zahlreiche Antidepressiva belegt. Durch eine derartige Erhaltungstherapie kann das Rückfallrisiko um bis zu 70 % gesenkt werden [93], [93], [292], [562], [602], [603], [606], [607], [608], [609], [610], [611], [612], [613], [614].

Empfehlung/Statement

Empfehlungsgrad

3-20

Antidepressiva sollen mindestens 4-9 Monate über die Remission einer depressiven Episode hinaus eingenommen werden, weil sich hierdurch das Risiko eines Rückfalls erheblich vermindern lässt. In dieser Erhaltungsphase soll die gleiche Dosierung wie in der Akutphase fortgeführt werden.

LoE Ia: Metaanalysen [292], [562] und RCTs [93], [93], [602], [603], [608], [609], [610], [611].

A

3.4.6 Rezidivprophylaxe

Bei Patienten mit einer hohen Rezidivneigung ist eine langfristige Rezidivprophylaxe indiziert. Die individuelle Rezidivneigung kann am ehesten aus dem bisherigen individuellen Verlauf abgeleitet werden. Je mehr depressive Phasen ein Patient bereits hatte und je kürzer der Abstand zwischen ihnen war, umso eher muss mit baldigen weiteren Rezidiven gerechnet werden. Bei dieser Einschätzung ist der Verlauf der jüngeren Vergangenheit von größerer Aussagekraft als der Verlauf in lange zurück liegenden Jahren. Als weitere wichtige Kriterien für oder gegen die Indikation einer langfristigen Rezidivprophylaxe müssen die Schwere der bisherigen Krankheitsepisoden, vorausgegangene Suizidalität und das bisherige Ansprechen auf Antidepressiva bzw. auf Phasenprophylaktika wie Lithiumsalze, berücksichtigt werden. Je schwerer depressive Episoden waren (z. B. mit schweren psychosozialen Beeinträchtigungen, psychotischer Symptomatik oder Suizidalität), umso eher besteht die Indikation für eine Rezidivprophylaxe.

Die Ziele der Rezidivprophylaxe sind der Schutz gegen weitere Rezidive sowie die Verhinderung einer möglichen Zuspitzung der Symptomatik (v. a. Suizidalität). Medikamentös kommen die bereits in der Akuttherapie und Erhaltungstherapie wirksamen Antidepressiva und Dosierungen in Frage [615], bei ungenügendem Ansprechen oder Verträglichkeitsproblemen auch die Umstellung auf eine prophylaktische Lithiummedikation, die jedoch entsprechende Erfahrung bzw. fachärztliche Kompetenz erfordert. In Deutschland sind unter den Antidepressiva Sertralin und Venlafaxin für die Rezidivprophylaxe zugelassen. Studien zeigen, dass die Beibehaltung der in der Akuttherapie wirksamen Dosierung mit einem rezidivprophylaktischen Effekt verbunden ist, während es umgekehrt für eine Dosisreduzierung keine empirischen Nachweise gibt [292], [608], [616].

Wenn auch zahlreiche kontrollierte Studien die Wirksamkeit einer rezidivprophylaktischen Pharmakotherapie belegen, so besteht doch ein grundsätzliches methodisches Problem darin, dass deren Dauer aus praktischen Gründen meist nicht über maximal zwei Jahre hinausreicht, wodurch unklar bleibt, ob sich die rezidivprophylaktische Wirksamkeit unter längerer Behandlung verändert.

Die wirksame Verhinderung von Rezidiven bei unipolaren Patienten ist sowohl für die durch eine Langzeitmedikation mit verschiedenen Antidepressiva als auch mit Lithiumsalzen gut belegt [605], [617]. Sowohl für TZA als auch für SSRI ist die Verhinderung von Rezidiven bei unipolaren Depressionen bei einer bis zweijährigen Medikation gegenüber Placebo nachgewiesen [618]. Auch für Venlafaxin ist placebokontrolliert die rezidivprophylaktische Wirksamkeit gezeigt [619], [620], [621]. In drei Studien wurde dabei die volle, zuvor akut verordnete Dosis, z. B. von Imipramin, weiterhin gegeben [297], [606], [622].

Wenn es auch sinnvoll erscheint, eine in der akuten Phase erfolgreiche antidepressive Therapie als prophylaktische, unter Umständen also lebenslange Medikation fortzuführen, so wird doch die individuelle Verträglichkeit und das individuelle Suizidrisiko für die Therapieentscheidung eine wichtige Rolle spielen müssen [539]. Studien, Übersichtsarbeiten und Metaanalysen zeigen, dass eine Lithiumprophylaxe bei unipolar rezidivierenden Depressionen einen gleich wirksamen Rückfallschutz wie eine Antidepressivabehandlung bietet [623], [624]. In einem Cochrane-Review konnte die Wirksamkeit allerdings nicht statistisch signifikant belegt werden [625]. Eine Lithiumbehandlung bei unipolaren Verläufen kommt daher als Verfahren der zweiten Wahl in Betracht, wenn eine Rezidivprophylaxe mit Antidepressiva nicht wirksam oder aus anderen Gründen nicht durchführbar ist.

Auch wenn erwartet wird, dass die antidepressive Wirkung der Antidepressiva zu einer Reduktion suizidaler Handlungen führt, konnte dieser Effekt bislang in großen systematischen Übersichtsarbeiten und Metaanalysen nicht gesichert werden [453], [626], [627], [628], [629], [630]. Jedoch existieren übereinstimmende Metaanalysen kontrollierter Studien [532], [533], [535] sowie große Vergleichsuntersuchungen ([531]; bei bipolaren Patienten: [292]), die insgesamt zeigen, dass eine Lithiummedikation die Zahl von Suiziden und Suizidversuchen bei Patienten mit unipolaren und bipolaren Episoden signifikant vermindern und die sonst um das zwei- bis dreifach erhöhte Mortalität von affektiven Störungen normalisieren kann [520], [533], [625], [631], [632], [633], [634], [635], [636]. In einer Metaanalyse zu unipolaren Depressionen [534] fand sich eine signifikante Überlegenheit einer Lithiummedikation bei der Prävention von Suizidversuchen und Suiziden (RR10 = 4,24 von Lithium-behandelten gegenüber nicht mit Lithium medizierten Patienten). In einer prospektiven Studie zeigte sich dabei eine sehr deutliche Überlegenheit von Lithium über Carbamazepin [637], [638]. Deshalb sollte insbesondere bei Patienten mit Suizidversuchen in der Vorgeschichte die Möglichkeit einer Lithiumlangzeitmedikation besonders sorgfältig geprüft werden.

Im Falle der Unverträglichkeit von Lithium oder bei nicht ausreichendem Ansprechen kommt als nachrangige Alternative das Antikonvulsivum Carbamazepin in Frage [639], [640], [641]. Während bei bipolaren Patienten mit überwiegend depressiven Phasen auch Lamotrigin als wirksames Prophylaktikum gegen depressive Phasen in Betracht kommt [642], [643], existieren für diese Substanz bei unipolaren Verläufen keine systematischen Untersuchungen. Für andere Antikonvulsiva wie z. B. Valproat, Gabapentin oder Topiramat ist eine rezidivprophylaktische Wirksamkeit weder bei uni- noch bipolaren Störungen hinreichend nachgewiesen worden.

Empfehlung/Statement

Empfehlungsgrad

3-21

Patienten mit 2 oder mehr depressiven Episoden mit bedeutsamen funktionellen Einschränkungen in der jüngeren Vergangenheit sollten dazu angehalten werden, das Antidepressivum mindestens 2 Jahre lang zur Langzeitprophylaxe einzunehmen.

LoE Ia: Metaanalysen [605], [623], [624], [625] und RCTs [297], [606], [618], [619], [620], [621], [622]

B

3-22

Zur Vorbeugung eines Rezidivs sollte die gleiche Dosierung des Antidepressivums verabreicht werden, die bei der Akuttherapie wirksam war.

LoE Ia: RCTs [608], [622] und Referenzleitlinie [615]

0

3-23

Bei suizidgefährdeten Patienten soll in der Rezidivprophylaxe zur Reduzierung suizidaler Handlungen (Suizidversuche und Suizide) eine Medikation mit Lithium in Betracht gezogen werden.

LoE Ia: Metaanalyse [534]

A

3.4.7 Maßnahmen bei Nichtansprechen

Wenn trotz regelmäßiger Einnahme eines Antidepressivums in der verordneten Dosierung innerhalb vier Wochen kein Ansprechen der depressiven Symptome zu verzeichnen ist oder die Symptome nach anfänglichem Abklingen wieder zunehmen, sollte zunächst versucht werden, mögliche Ursachen dieses Verlaufs zu ermitteln (siehe Abbildung 10 "Medikamentöse Behandlung der therapieresistenten Depression" im Anhang 7). Etwa ein Drittel aller Patienten respondiert nicht ausreichend auf das primär eingesetzte Antidepressivum [644], [645]. Noch gravierender ist, dass mehr als die Hälfte der Patienten nach acht Wochen antidepressiver Behandlung keine Vollremission erreicht [646]. Wenn ein Patient nach zwei bis vier Wochen keinerlei Besserung zeigt, sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass er danach noch positiv anspricht. Bei älteren Patienten sollte aufgrund eines bisweilen verzögerten Ansprechens eher die Grenze von sechs Wochen gelten. Außerdem ist es sinnvoll, bei Nichtansprechen die Mitarbeit des Patienten zu überprüfen, wenn in Frage steht, ob die Medikamente regelmäßig eingenommen werden. Die Mitarbeit von Patienten wird durch ergänzende psychoedukative und psychotherapeutische Interventionen verbessert.

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3.4.7.1 Serumspiegelbestimmung und Therapeutisches Drug Monitoring

Unterschiede in der Metabolisierung/Enzymaktivität können dafür verantwortlich sein, dass trotz bestimmungsgemäßer Einnahme keine therapeutisch wirksame Serumkonzentrationen (Plasmaspiegel) erreicht werden [647], [648]. Bei Non-Response auf ein Antidepressivum nach ausreichend langer Verordnung einer adäquaten Dosis ist die Bestimmung der Serumkonzentration (Plasmaspiegel) mit anschließender Dosisadaptation ("Therapeutisches Drug Monitoring", TDM) die Maßnahme der Wahl. Hierdurch können nicht nur sub- oder supratherapeutische Serumspiegel der genetisch bedingten Metabolisierungsbesonderheiten, sondern auch Resorptionsstörungen oder Einnahmeunregelmäßigkeiten erkannt werden. Eine Übersicht gibt die Tabelle im Anhang 2 "Antidepressiva – Wirkstoffe gegliedert nach Wirkstoffgruppen mit Angaben zu Dosierung, Plasmaspiegel und Monitoring" mit empfohlenen Serumkonzentrationen und Therapeutischem Drug Monitoring (TDM) [595], [649], [650]. Die Blutabnahme zur Serumspiegelbestimmung muss im steady state (das ist bei den allermeisten Antidepressiva vier bis fünf Tage nach Einnahme einer konstanten Dosierung) und im so genannten Talspiegel, d. h. vor Einnahme der Morgendosis (bzw. bei nur abends eingenommenen Pharmaka: vor Einnahme der Abenddosis) erfolgen.

Empfehlung/Statement

Empfehlungsgrad

3-24_mod_2015

Spricht ein Patient nach 4 Wochen nicht auf eine Antidepressivamonotherapie an, sollten zunächst Ursachen für diesen Verlauf evaluiert werden. Zu diesen Ursachen gehören gegebenenfalls die nicht ausreichende Mitarbeit des Patienten, eine nicht angemessene Dosis und ein zu niedriger Serumspiegel.

LoE III: Beobachtungsstudien [647], [648] und Referenzleitlinien [644], [645], [646]

B

3-25_NEU_2015

Serumspiegelkontrolle von Antidepressiva (TDM)

Spricht ein Patient nach angemessener Behandlungsdauer und -dosis sowie bestimmungsgemäßer Einnahme nicht auf eine Antidepressiva-Medikation an, sollte der Plasmaspiegel des Medikaments kontrolliert werden. Für die meisten Antidepressiva sind inzwischen Empfehlungen für einen therapeutischen Plasmaspiegel etabliert. Die Blutabnahme soll im steady state (das ist bei den allermeisten Antidepressiva vier bis fünf Tage nach Einnahme einer konstanten Dosierung) und als so genannter Talspiegel erfolgen. Sowohl ein zu niedriger als auch ein zu hoher Plasmaspiegel sollte im Sinne des Therapeutischen Drug Monitorings (TDM) durch eine Dosisadaptation korrigiert werden.

Ferner sind Plasmaspiegelkontrollen angeraten bei Hochdosisbehandlung, Verträglichkeitsproblemen, multimedizierten oder komorbiden Patienten, Symptomverschlechterung bei dosisstabiler antidepressiver Medikation und unsicherer Einnahmeregelmäßigkeit.

Expertenkonsens basierend auf Referenzleitlinien [595], [649], [650]

KKP

3.4.7.2 Metabolisierungsbesonderheiten, Genotypisierung

Die meisten Antidepressiva werden über das hepatisch lokalisierte Cytochrom P450-System (CYP) abgebaut, von dem die folgenden fünf Isoenzyme für den Abbau relevant sind: Cytochrom P450 1A3 (CYP1A2), CYP2C9/10, CYP2C19, CYP2D6 und CYP3A3/4. Welches Isoenzym für den Abbau welches Antidepressivums verantwortlich ist, kann der Tabelle im Anhang 5 "Substrate (nur Antidepressiva) der Cytochrom P450-Isoenzyme" entnommen werden. Insbesondere bei den Isoenzymen CYP2C19 und CYP2D6 kommen bei bis zu zehn Prozent der Bevölkerung genetisch bedingte Über- oder Unteraktivitäten vor, die dazu führen, dass trotz regelmäßiger Einnahme einer Standarddosis ein deutlich erniedrigter (Schnell- bzw. Ultraschnell-Metabolisierer) bzw. erhöhter (Langsam-Metabolisierer) Serumspiegel vorliegt.

Erste Analysen zu möglichen geschlechtsspezifischen Unterschieden bei der Metabolisierung bzw. Pharmakokinetik zeigen, dass beispielsweise die Plasmaspiegel der SSRI Fluvoxamin und Sertralin bei Frauen erhöht sind, was auf unterschiedliche Aktivitäten von CYP1A2 und CYP2C19 zurückgeführt wird (vgl. [651]).

Spricht ein Patienten trotz ausreichend langer, regelmäßiger Einnahme einer Standarddosis (wiederholt) nicht an oder entwickelt (wiederholt) übermäßig stark ausgeprägte unerwünschte Wirkungen, sollte das Vorliegen einer Metabolisierungsbesonderheit in Betracht gezogen werden. Der einfachste Weg ist die Bestimmung eines Serumspiegels des Antidepressivums, die darüber Auskunft gibt, ob eine zur Dosis inadäquat hohe oder niedrige Serumkonzentration des Pharmakons vorliegt. Es besteht prinzipiell auch die Möglichkeit, aus einer Vollblutprobe den genetischen Metabolisierertypus für die Isoenzyme CYP2C19 und CYP2D6 zu bestimmen (Genotypisierung). Dieses Vorgehen ist bislang außerhalb wissenschaftlicher Anwendung nicht verbreitet, bietet aber potenziell die Chance, von Beginn an eine individuell angepasste Dosis zu verordnen.

Für die meisten Antidepressiva sind vorläufige Dosisempfehlungen veröffentlicht, die bei Ultraschnell-Metabolisierern bis zu 300 % und bei Langsam-Metabolisierern bis lediglich 20 % der Standarddosis betragen [647], [648]. Ferner bietet die Genotypisierung den Vorteil, dass sie wie die Blutgruppenbestimmung nur einmal im Leben durchgeführt werden muss.

Die Überwindung der Bluthirnschranke ist für die Wirksamkeit von Antidepressiva entscheidend. 3/4 der verfügbaren Antidepressiva werden von Molekülen, den P-Glykoproteinen, die in den Blutkapillaren lokalisiert sind, am Eintritt in das Hirngewebe gehindert. Die Effizienz dieser P-Glykoproteine ist variabel und kann durch einen Gentest, den ABCB1-Test, bestimmt werden. Bei zum Teil widersprüchlichen Ergebnissen einzelner Studien zeigte eine Metaanalyse einen Zusammenhang von Genotyp und Ansprechen auf eine antidepressive Medikation [652]. Prospektive klinische Studien, in denen im Vergleich zu einer Kontrollgruppe untersucht wurde, ob die Genotypisierung zu einem besseren Behandlungsergebnis beiträgt, liegen bislang nicht vor. Auch existieren bislang keine Studien bei Menschen, die einen Zusammenhang der Antidepressiva-Konzentration im ZNS mit dem Genotyp belegen. Sofern die weitere Forschung derartige Zusammenhänge bestätigt, bietet sich durch eine ABCB1-Testung potenziell die Möglichkeit, gegebenenfalls eine höhere Antidepressivadosis anzustreben, oder ein Antidepressivum zu wählen, das kein Substrat von P-Glykoproteinen ist (in Tierversuchen sind dies Fluoxetin, Mirtazapin, Vortioxetin und Agomelatin).

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3.4.7.3 Dosiserhöhung

Die einfachste Maßnahme bei initial fehlendem/mangelndem Ansprechen ohne vorherige Serumspiegelbestimmung besteht in der Anhebung der Dosierung des verordneten Antidepressivums in Abhängigkeit von Verträglichkeit und den Anwendungsempfehlungen des Herstellers. Eine Ausnahme stellen SSRI dar, für die zahlreiche Studien zeigen, dass keine positive Dosis-Wirkungs-Beziehung besteht und eine Dosiserhöhung eventuell sogar nachteilig ist [653]. Die Wirksamkeit von Dosiserhöhung ist allerdings gezeigt für TZA, Venlafaxin und Tranylcypromin [654].

Empfehlung/Statement

Empfehlungsgrad

3-26

Bei zahlreichen Antidepressiva (z. B. TZA, Venlafaxin, Tranylcypromin) kann eine sinnvolle Maßnahme bei Non-Response im Aufdosieren der Substanz im Einklang mit den Anwendungsempfehlungen des Herstellers bestehen. Dies gilt nicht für SSRI.

LoE Ib: Metaanalyse [654]

0

Falls diese Maßnahme allein nicht ausreichen sollte, ist eine der folgenden Strategien zu erwägen:

  • Die Verstärkung der antidepressiven Wirkung eines gegebenen Antidepressivums durch die zusätzliche Gabe einer weiteren Substanz, die selbst kein Antidepressivum ist. Diese Maßnahme wird als "Augmentation" bezeichnet.
  • Das Umsetzen von einem Antidepressivum auf ein anderes Antidepressivum. Diese Maßnahme wird als Wechsel oder "Switching" bezeichnet.
  • Die zusätzliche Gabe eines weiteren Antidepressivums zu einer bestehenden, aber nicht ausreichenden Medikation mit einem Antidepressivum. Diese Maßnahme wird als "Kombination" bezeichnet.
  • Die Kombination mit einer Psychotherapie bzw. der Wechsel zur Psychotherapie (Kapitel 3.5)

Einen Überblick über das Vorgehen gibt die Abbildung 10 "Medikamentöse Behandlung der therapieresistenten Depression" im Anhang 7.

3.4.7.4 Augmentation

Verschiedene Substanzen, die, allein gegeben, keine oder nur eine unbedeutende antidepressive Wirkung haben, werden zur Wirkungsverstärkung (Augmentation) von Antidepressiva eingesetzt.

Die Effektivität einer Lithiumaugmentation bei Non-Response ist am besten untersucht und belegt und ist daher das einzige etablierte und auch zugelassene Augmentationsverfahren [655], [656], [657]. Bis zur Beurteilung der Wirksamkeit sollte eine Lithiumaugmentation mindestens zwei bis vier Wochen lang mit therapeutisch wirksamen Lithiumspiegeln durchgeführt werden [656]. Im Anhang 8 "Anwendungsempfehlungen: Lithiumtherapie" finden sich Anwendungshinweise zur Lithiumtherapie.

Die Wirksamkeit der Augmentationstherapie mit Schilddrüsenhormonen (Trijodthyronin, Levothyroxin), Sexualhormonen oder Antiepileptika ist nicht in gleicher Weise belegt wie die Lithiumaugmentation [658], auch wenn neue Studienergebnisse (z. B. aus der Star*-D-Studie für die Augmentation mit Trijodthyronin; [659]) ihre Wirksamkeit zeigen. Der Vorteil der Augmentationsverfahren ist ein rascher Wirkungseintritt [660]. Nachteile bestehen in den zusätzlichen Neben- und Wechselwirkungen von Lithium und Schilddrüsenhormonen (insbesondere kardiovaskulär). Die Lithiumaugmentation sollte den hierin ausgebildeten oder erfahrenen Fachärzten für Psychiatrie und Psychotherapie vorbehalten sein, auch eine Augmentationsstrategie mit Schilddrüsenhormonen sollte grundsätzlich nur in der fachärztlichen Praxis erfolgen.

Die Hauptindikation von Antipsychotika liegt in der Behandlung von Positivsymptomen schizophrener Erkrankungen sowie ihrer Rückfallprophylaxe. Weitere wichtige Indikationen sind die Behandlung der akuten Manie und von deliranten Syndromen. Bei der unipolaren Depression wurden Antipsychotika bislang nur im Rahmen von psychotischen Manifestationen dieser Erkrankung empfohlen und anderweitig kaum systematisch untersucht. Gegen einen Einsatz bei nicht psychotischen Depressionen sprachen die schweren Nebenwirkungen der Antipsychotika der ersten Generation (z. B. Haloperidol), wie extrapyramidalmotorische Nebenwirkungen (EPS) und Spätdyskinesien. Ferner spielte eine Rolle, dass Antipsychotika der ersten Generation, manchmal durch die starke Verminderung von Dopamin (Dopamindepletion) vermittelt, depressive Syndrome induzieren können. Dieses Phänomen ist bei schizophrenen Erkrankungen beschrieben (sogenannte pharmakogene Depression, z. B. [661]).

Die Entwicklung einer Reihe von Antipsychotika der zweiten Generation ("atypische" Antipsychotika) hat diese Ausgangslage verändert. Hauptmerkmal dieser Antipsychotika ist, dass sie insgesamt weniger oder überhaupt keine EPS induzieren als Antipsychotika der ersten Generation. Dies wird durch besondere Wirkmechanismen der Antipsychotika der zweiten Generation, wie der gleichzeitigen Blockade von Dopamin- und Serotoninrezeptoren [662], der selektiven Blockade von mesolimibischen Dopaminrezeptoren [663] oder einem partiellen Dopaminagonismus [664] (vor allem bei Aripiprazol) erklärt.

Die Einteilung in erste und zweite Generation (bzw. in Typika versus Atypika) ist allerdings umstritten, weil nicht alle Antipsychotika der zweiten Generation völlig frei von EPS (z. B. bei Risperidon) und dem Auslösen von Spätdyskinesien sind [665], [666]. Auch gibt es kein anderes Kriterium, anhand dessen sich alle Antipsychotika einheitlich in beide Gruppen zuordnen ließen [665]. Ferner weisen viele Substanzen dieser Gruppe erhebliche andere Nebenwirkungen, wie Gewichtszunahme und assoziierte metabolische Probleme auf (z. B. Anstieg von Triglyceriden, Cholesterin und Glucose bis hin zum Diabetes Typ II). Ein weiteres Beispiel ist das Auftreten einer Prolaktinerhöhung unter einigen dieser Präparate (insbesondere durch Amisulprid, Risperidon, Paliperidon), die mit sexuellen Nebenwirkungen (z. B. Dys-/Amenorrhö, Galaktorrhö, Libidoverlust) und langfristig möglicherweise mit einer verminderten Knochendichte (Osteoporose) einhergehen kann. Andererseits waren in einer umfassend angelegten Metaanalyse einige Antipsychotika der zweiten Generation konventionellen Antipsychotika (vor allem Haloperidol) in der Reduktion einer depressiven Begleitsymptomatik bei Patienten mit Schizophrenie signifikant überlegen [667].

Vor dem Hintergrund des insgesamt niedrigeren EPS-Risikos und den teilweise anderen Wirkmechanismen wurden in den letzten Jahren zahlreiche randomisierte Studien über die Wirksamkeit verschiedener Antipsychotika der zweiten Generation bei unipolarer Depression durchgeführt und inzwischen metaanalytisch zusammengefasst:

Spielmans et al. [668] fanden 14 randomisierte Kurzzeitstudien (4-12 Wochen) über die Wirksamkeit der Zugabe von Antipsychotika der zweiten Generation zu Antidepressiva bei therapieresistenter unipolarer Depression. Es fanden sich RCTs über Aripiprazol, Quetiapin, Risperidon und das Kombinationspräparat Olanzapin/Fluoxetin. Alle vier Medikamente führten signifikant häufiger zur Remission als eine Monotherapie mit Antidepressiva, die Number Needed to Treat war 19 für Olanzapin/Fluoxetin und 9 für alle anderen Präparate. Die Effektstärken für eine Reduktion der Montgomery Asberg Depression Scale (MADRS) der verschiedenen Medikamente lagen in einem Bereich zwischen 0.26 und 0.48. Bis auf Olanzapin/Fluoxetin kam es auch bei allen Medikamenten signifikant häufiger zu einem Ansprechen auf die Behandlung (NNT Aripiprazol = 7, Quetiapin = 10, Risperidon = 8). Positive Effekte auf die Lebensqualität waren entweder nicht signifikant oder sehr klein. Die Kombinationsbehandlung war eindeutig mit verschiedenen Nebenwirkungen wie Akathisie (Aripiprazol), Sedierung (Quetiapin, Olanzapin/Fluoxetin, Aripiprazol), Gewichtszunahme (alle vier Medikamente, am stärksten unter Olanzapin/Fluoxetin) und metabolischen Veränderungen (Olanzapin/Fluoxetin, Quetiapin) assoziiert.

Diese Einschätzung wird weitgehend durch einen Cochrane-Review bestätigt, der älter ist und daher etwas weniger randomisierte Studien erfasste (Komossa et al. [669]). Gleichzeitig schloss diese Metaanalyse im Gegensatz zu Spielmans et al. [668] auch in den USA nicht verfügbare Substanzen wie Amisulprid ein. Auch hier waren dieselben vier Antipsychotika der zweiten Generation als Augmentativa zu Antidepressiva wirksam, bei allerdings wiederum erhöhten Nebenwirkungsraten.

Schließlich ist noch der Health Technology Assessment (HTA) Bericht von Edwards et al. [670] zu erwähnen. Dieser konnte aufgrund stringenter Einschlusskriterien (z. B. Therapieresistenz belegt durch mindestens 2 erfolglose Behandlungsversuche mit Antidepressiva) nur Studien über die Kombination Olanzapin mit Fluoxetin einbeziehen und fand eine signifikante Überlegenheit im Vergleich zur Monotherapie mit Fluoxetin. Das Nebenwirkungsrisiko (Studienabbruch wegen Nebenwirkungen wie Mundtrockenheit, Kopfschmerzen, Appetitsteigerung, Gewichtszunahme, Tremor) war unter der Kombination unter Verwendung eines Fixed Effects-Modells signifikant erhöht. Unter der Annahme eines Random Effects-Modells fanden sich aufgrund teilweise deutlich unterschiedlicher Ergebnisse der beiden Studien mit Daten und entsprechender Heterogenität keine signifikanten Unterschiede in den Nebenwirkungen.

Was die Dosis der untersuchten Antipsychotika angeht, so lagen diese oftmals niedriger als die bei akuter Schizophrenie üblichen Dosierungen. Die maximal untersuchte Aripiprazoldosis in Studien mit flexibler Dosierung war 20mg/Tag. Quetiapin wurde hauptsächlich in Studien mit fixen Dosierungen bis 300mg/Tag untersucht, wobei sich keine signifikante Wirksamkeitsüberlegenheit von 300mg/Tag im Vergleich zu 150mg/Tag fand. Eine weitere Studie erlaubte flexible Dosierungen zwischen 200 und 600mg/Tag, im Mittel wurden 182mg/Tag gegeben. Risperidon wurde grundsätzlich niedrig dosiert, die maximal erlaubte Dosis war in den meisten Studien 2mg/Tag. In einigen Olanzapinstudien wurden bei flexibler Gabe breitere Dosisbereiche untersucht (5-20mg/Tag), wobei im Mittel auch hierbei eher niedrige Dosierungen um 10mg/Tag gegeben wurden (die Angaben zur Dosis wurden aus den Tabellen in Spielmans et al. [668] und Komossa et al. [669] übernommen).

Hervorzuheben ist, dass solide Daten zum Einfluss auf die Lebensqualität und auf das soziale Funktionsniveau weitgehend fehlen, und dass es sich bei allen in diese systematischen Reviews eingeschlossenen Untersuchungen um Kurzzeitstudien mit einer maximalen Dauer von 12 Wochen handelte. Es gibt daher keine randomisierten Daten über die Langzeiteffekte einer Augmentierung mit Antipsychotika der zweiten Generation. Therapieentscheidungen über die Fortsetzung einer erfolgreichen Augmentierung in der Akutbehandlung müssen daher vor allem wegen der häufigeren Nebenwirkungen gründlich überdacht werden.

Für die Augmentation von Antidepressiva mit Antipsychotika bei Non-Respondern gibt es positive Wirksamkeitsnachweise für Aripiprazol, Olanzapin, Quetiapin und Risperidon. Nachdem das Nebenwirkungsrisiko unter allen Substanzen im Vergleich zur Monotherapie eindeutig erhöht ist, sollten diese nur bei klarer Indikation hierfür und unter engmaschigem Monitoring der substanztypischen Nebenwirkungen eingesetzt werden.

Nachdem randomisierte Langzeitstudien weitgehend fehlen, ist der längerfristige Einsatz über die Akutphase hinaus gründlich abzuwägen. Zu beachten ist auch, dass die in den Studien verwendeten Dosierungen in der Regel deutlich niedriger als bei einer Schizophreniebehandlung üblich waren (z. B. war die maximal untersuchte fixe Quetiapindosis 300mg/Tag). Auch in der klinischen Anwendung sind daher grundsätzlich eher niedrige Dosierungen zu empfehlen. Schließlich muss betont werden, dass in Deutschland von allen genannten Substanzen nur Quetiapin eine offizielle Indikation als Augmentativum bei Non-Response auf Antidepressiva hat. Die Verwendung aller anderen hier genannten Antipsychotika stellt daher einen "Off-Label-Gebrauch" dar.

Diese Empfehlungen werden weitgehend durch die Referenzleitlinie NICE gestützt, die ebenfalls die Augmentation mit einem Antipsychotikum wie Aripiprazol, Olanzapin, Quetiapin oder Risperidon als eine von verschiedenen Behandlungsstrategien (z. B. auch Substanzwechsel, Lithiumaugmentation, Kombination von Antidepressiva) bei initialer inadäquater Response angibt. Gleichzeitig wird die Erforderlichkeit eines Monitorings von Körpergewicht, Lipidstatus und Glukose sowie das Achten auf Nebenwirkungen (z. B. EPS, prolaktinassoziierte Nebenwirkungen von Risperidon) betont [671]. Auch eine weitere Referenzleitlinie der World Federation of Societies of Biological Psychiatry (WFSB) unterstützt diese Empfehlung grundsätzlich, schränkt sie jedoch auf Quetiapin und Aripiprazol ein [672]. Die Olanzapindaten werden als weniger eindeutig eingeschätzt und bei Risperidon wird hervorgehoben, dass die initiale Wirksamkeit in einer Follow-up-Untersuchung nicht aufrechterhalten werden konnte. Als weiterer Grund wird das erhebliche Nebenwirkungsrisiko beider Substanzen angegeben. Es liegt ein Evidenzgrad I (mehrere Metaanalysen mit verhältnismäßig großen Fallzahlen und weitgehend übereinstimmenden Ergebnissen) für die Wirksamkeit und Nebenwirkungen der oben genannten vier Substanzen bei Non-Respondern auf Antidepressiva vor. Dieser bezieht sich nur auf die Kurzzeitbehandlung bis etwa 12 Wochen. Aufgrund der diversen Einschränkungen (erhöhtes Nebenwirkungsrisiko etc.) wird eine Empfehlung Grad B gegeben (siehe unten) [671].

Empfehlung/Statement

Empfehlungsgrad

3-27

Ein Versuch zur Wirkungsverstärkung (Augmentation) mit Lithium sollte vom erfahrenen Arzt bei Patienten erwogen werden, deren Depression auf Antidepressiva nicht angesprochen hat.

LoE Ia: Metaanalysen [655], [656], [657]

B

3-28

Wenn bei einem Patienten 2-4 Wochen nach Erreichen wirksamer Lithiumspiegel keine Wirkung festzustellen ist, sollte Lithium wieder abgesetzt werden.

Expertenkonsens

KKP

3-29

Patienten, die gut auf ein Antidepressivum mit Lithium-Augmentation ansprachen, sollten unter diesem Regime für mindestens 6 Monate bleiben.

LoE IV: Expertenkonsens

B

3-30_mod_2015

Die Augmentation von Antidepressiva mittels Carbamazepin, Lamotrigin, Pindolol, Valproat, Dopaminagonisten, Psychostimulanzien, Schilddrüsen- oder anderen Hormonen kann nicht als Routineeinsatz bei therapieresistenter Depression empfohlen werden.

LoE Ib: RCT [659] und Referenzleitlinie [658]

0

3-31_NEU_2015

Bei Patienten, die nicht auf eine Monotherapie mit Antidepressiva ansprechen, sollte eine Augmentation von Antidepressiva mit den Antipsychotika Quetiapin (zugelassen), Aripiprazol, Olanzapin und Risperidon (jeweils off-label) in verhältnismäßig niedrigen Dosierungen erwogen werden, um depressive Symptome zu reduzieren.

LoE Ia: Metaanalysen [668], [669], [670]

B

3.4.7.5 Wechsel des Antidepressivums ("Switching")

Beim Wechsel auf ein Antidepressivum einer anderen (oder derselben) Wirkstoffgruppe sollte immer zunächst eine andere Einzelsubstanz verordnet werden. Der Wechsel des Antidepressivums ist die am häufigsten nach Non-Response auf eine Antidepressivatherapie durchgeführte Strategie. Überwiegend wird empfohlen, beim Wechsel des Antidepressivums auch die Substanzklasse zu wechseln. Es gibt allerdings nur drei kontrollierte Studien, die die Wirksamkeit dieses Vorgehens untersuchten [673], [674], [675]. In keiner der drei Studien war das Umsetzen der einfachen Fortführung des bislang unwirksamen Antidepressivums signifikant überlegen, auch nicht in einer Metaanalyse dieser Studien [676]. Zwei aktuelle RCTs bekräftigen diese Erkenntnis [677], [678]. In der Studie von Souery et al. [678] war Umsetzen sogar signifikant weniger wirksam als die Fortführung des bislang unwirksamen Antidepressivums.

Nur in offenen Studien zeigte sich, dass etwa 50 % der Patienten bei einem Wechsel des Antidepressivums ansprechen [577], [644], [645], [658]. In der vom National Institute of Mental Health (NIMH) geförderten Star*D-Studie an 727 ambulanten Patienten, die auf Citalopram nicht ansprachen oder dieses nicht vertrugen, konnte nach Wechsel auf ein anderes Antidepressivum (Bupropion, Venlafaxin, Sertralin) unabhängig von der Wirkstoffgruppe eine Remissionsrate von etwa 25 % erzielt werden [444]. Allerdings muss bei diesen offenen Studien berücksichtigt werden, dass das Eintreten der Remission lediglich durch die verlängerte Behandlungs- oder Beobachtungsdauer erfolgt sein kann. Einen sicheren Beleg anhand einer ausreichenden Zahl methodisch hochwertiger Studien gibt es hierfür jedoch nicht [241].

Desgleichen fehlen systematische klinische Untersuchungen, die die Effektivität einer Antidepressivaumstellung mit derjenigen der Augmentation vergleichen, deren Wirksamkeit gut belegt ist (siehe oben) [660]. Der Vorteil des Umsetzens auf ein anderes Antidepressivum besteht darin, dass unter Beibehaltung einer Monotherapie und möglicherweise einer besseren Compliance als bei Verabreichung von zwei Pharmaka auch ein geringeres Risiko von Nebenwirkungen und Wechselwirkungen erwartet werden kann [507], [660]. Der Nachteil ist, dass nochmals die unter Umständen lange Latenzzeit für das neu gewählte Antidepressivum abgewartet werden muss. Für die in der Praxis sehr häufig angewandte Strategie des Switchings besteht insgesamt erheblicher Forschungsbedarf. Aufgrund der schwachen Evidenzlage sollte von langen Aneinanderreihungen immer neuer Antidepressiva abgesehen werden.

Empfehlung/Statement

Empfehlungsgrad

3-32

Beim Wechsel zwischen Antidepressiva sollten wegen möglicher Wechselwirkungen eine schrittweise Aufdosierung des neuen und ein ausschleichendes Absetzen des alten Antidepressivums erfolgen.

LoE IV: Expertenkonsens

B

3-33

Der Wechsel des Antidepressivums ist bei Nichtansprechen nicht die Behandlungsalternative erster Wahl. Jeder Wechsel sollte daher sorgfältig geprüft werden.

LoE Ib: Metaanalyse [676], RCTs [673], [674], [675], [677], [678] und Beobachtungsstudien [577], [644], [645], [658]

B

Die Kombination von MAO-Hemmern mit Serotonin-Agonisten wie SSRI oder dem TZA Clomipramin ist wegen der Gefahr eines Serotoninsyndroms kontraindiziert. Bei Umstellung auf Moclobemid sind entsprechende Sicherheitsabstände zu beachten (siehe entsprechende Fachinformationen).

Empfehlung/Statement

Empfehlungsgrad

3-34_mod_2015

Bei der Umstellung von SSRIs, SNRI und Clomipramin auf MAO-Hemmer ist ein ausreichender Sicherheitsabstand von 2 Wochen, bei Fluoxetin von 5 Wochen zu berücksichtigen. Eine Kombination der MAO-Hemmer mit diesen Antidepressiva ist kontraindiziert.

Expertenkonsens

KKP

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3.4.7.6 Antidepressiva-Kombination

Die Kombination eines Antidepressivums mit einem zweiten kann bei Patienten sinnvoll sein, deren Depression sich als therapieresistent erweist und die bereit sind, mögliche Nebenwirkungen in Kauf zu nehmen. Besonderes Augenmerk sollte auf die Erkennung eines Serotoninsyndroms gelegt werden. Kontrollierte Studien und aktuelle systematische Übersichtsarbeiten zeigen, dass sich die zusätzliche Gabe von Mianserin oder Mirtazapin zu SSRI bzw. SSNRI (Venlafaxin) oder TZA positiv auf die Reduktion depressiver Symptome auswirkt [675], [679], [680], [681], [682], [683], [684], [685], [686]. Mianserin sollte wegen des Risikos einer Agranulozytose nur mit Vorsicht zur Kombination mit einem anderen Antidepressivum eingesetzt werden, besonders bei älteren Erwachsenen. Die Wirksamkeit anderer Kombinationen ist nicht durch kontrollierte Studien belegt. Für den therapeutischen Nutzen der Verordnung von mehr als zwei verschiedenen Antidepressiva gibt es keine Evidenz.

Empfehlung/Statement

Empfehlungsgrad

3-35_mod_2015

Bei einem Patienten, der auf eine Antidepressivamonotherapie nicht respondiert hat, kann als einzige Antidepressivakombination die Kombination von Mianserin (unter Berücksichtigung des Agranulozytoserisikos) oder Mirtazapin einerseits mit einem SSRI oder einem TZA andererseits empfohlen werden. Nur für diese Kombinationen wurde in mehreren randomisierten und doppelblinden Studien gezeigt, dass sie wirksamer sind als die Monotherapie mit nur einem der Wirkstoffe.

Expertenkonsens basierend auf Metaanalysen [685], [686] und RCTs [675], [679], [680], [681], [682], [683], [684]

KKP

3.4.8 Pharmakotherapie chronischer Depressionen

Die meisten der Wirksamkeitsstudien für Antidepressiva wurden für akute depressive Störungen durchgeführt. Das Überschreiten einer maximalen Dauer der aktuellen depressiven Episode ("Indexepisode") ist häufig ein Ausschlusskriterium für die Aufnahme eines Patienten in eine derartige Untersuchung. Dennoch gibt es auch kontrollierte Untersuchungen zur Wirksamkeit der Pharmakotherapie bei chronischen depressiven Störungen.

In einer sorgfältigen Metaanalyse zur pharmakologischen Behandlung der Dysthymie und der Double Depression [687], [688] konnten 15 doppelblinde und placebokontrollierte Studien mit insgesamt 1.964 Patienten aufgenommen werden. Untersucht wurden u. a. TZA, SSRI und MAO-Hemmer. In 12 der 15 Studien war das aktive Medikament signifikant stärker antidepressiv wirksam als Placebo; auch die metaanalytische Gesamtauswertung ergab einen signifikanten Wirkvorteil der aktiven Pharmakotherapie. Signifikante Wirksamkeitsunterschiede zwischen den verschiedenen Antidepressiva oder Antidepressivaklassen ließen sich nicht feststellen. Patienten mit Dysthymien und Double Depression sprachen gleich gut an. In einer weiteren aktuellen Metaanalyse [689] zeigte sich ebenfalls eine Überlegenheit von SSRI oder TZA über Placebo. In die Metaanalyse eingeschlossen wurden ganz überwiegend Patienten mit Dysthymie und nur wenige mit chronischer Depression.

Auch andere aktuellere Übersichtsarbeiten [690], [691], die neben Dysthymie und Double Depression auch chronische mittel- und schwergradige depressive Episoden einbezogen haben, bestätigten die Überlegenheit einer Antidepressiva- über eine Placebobehandlung. In vielen Studien ist die Zahl der untersuchten Patienten jedoch klein. Lediglich für Sertralin und Imipramin liegen Untersuchungen mit einer Patientenzahl von mehr als 100 pro Behandlungsgruppe vor. In einer großen doppelblinden Studie [93], [93] waren Sertralin und Imipramin bei 635 Patienten mit chronischer depressiver Episode oder mit Double Depression gleich wirksam, Sertralin war allerdings besser verträglich.

Empfehlung/Statement

Empfehlungsgrad

3-36

Bei Dysthymie und Double Depression soll eine pharmakologische Behandlung angeboten werden.

LoE Ia: Metaanalysen [687], [688], [689], [690], [691]

A

3-37

Bei einer chronischen (mehr als 2 Jahre persistierenden) depressiven Episode sollte eine pharmakologische Behandlung angeboten werden.

LoE Ia: Metaanalysen [690], [691]

B

3.4.9 Einsatz anderer Substanzen

3.4.9.1 Antipsychotika

In einer Metaanalyse von Komossa et al. [669] wurde die Monotherapie mit Antipsychotika der zweiten Generation bei unipolarer Depression im Vergleich zu Placebo und im Vergleich zu Antidepressiva untersucht. Im Vergleich zu einer Monotherapie mit Placebo fanden sich Studien für Olanzapin und Quetiapin. Für Olanzapin fand sich insgesamt kein Wirksamkeitsnachweis bei gleichzeitig erhöhten Nebenwirkungen. Quetiapin war mit einer signifikant besseren Wirksamkeit als Placebo assoziiert (z. B. Anzahl an Teilnehmern ohne Remission, 3 RCT mit 1.337 Teilnehmern, Odds Ratio 0.65, 95% CI 0.49-0.86). Allerdings kam es auch zu mehr Nebenwirkungen wie EPS, Gewichtszunahme und Sedierung. Im Vergleich zu Antidepressiva fand sich in einer relativ großen Studie (n=277) kein signifikanter Unterschied zwischen Amisulprid und Paroxetin bei therapieresistenter Depression. Olanzapin (5 Studien) und Quetiapin (4 Studien) waren nicht wirksamer als Antidepressiva, bei gleichzeitig erhöhten Nebenwirkungsraten. Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass sich in den Monotherapiestudien nur eine signifikante Überlegenheit von Quetiapin gegenüber Placebo zeigen ließ, dass alle untersuchten Antipsychotika der zweiten Generation aber mit mehr Nebenwirkungen als Placebo oder Antidepressiva assoziiert waren. Kein Antipsychotikum der zweiten Generation ist aktuell als Monotherapie bei unipolarer Depression zu empfehlen und keines hat eine offizielle Zulassung für diese Indikation. Ein Wirksamkeitsnachweis im Vergleich zu Placebo liegt nur für Quetiapin vor, welches im Direktvergleich den Antidepressiva aber nicht überlegen war und gleichzeitig mehr Nebenwirkungen verursachte.

3.4.9.2 Benzodiazepine

Benzodiazepine haben praktisch keine antidepressive Wirkung und sind für die Behandlung der Depression nicht zugelassen. Eine Zusatzmedikation erfolgt oft in der Absicht, die Wirklatenz von Antidepressiva bei Vorhandensein von Angst, Unruhe oder Schlaflosigkeit zu überbrücken. Die klinische Relevanz von Ergebnissen aus Vergleichsstudien, die über günstige Wirkungen einer Kombination von Benzodiazepinen mit Antidepressiva gegenüber einer Antidepressivamonotherapie mit geringeren Abbruchraten und einem zumindest kurzfristig (bis zu vier Wochen) besseren Ansprechen auf die Pharmakotherapie berichten, wird widersprüchlich bewertet [241], [692]. Die Indikation von Benzodiazepinen muss letztlich im Individualfall geprüft und hinsichtlich möglicher Risiken (z. B. Sedierung, psychomotorische und kognitive Beeinträchtigung, Komedikation, Abhängigkeitspotential) diskutiert werden, die Anwendung sollte aber nur kurzfristig erfolgen (unter vier Wochen) [241], [658].

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3.4.10 Pharmakotherapie bei besonderen Patientengruppen

3.4.10.1 Ältere Patienten

Die Wirksamkeit von Antidepressiva ist auch für ältere Patienten belegt. Wirksamkeitsunterschiede zwischen den beiden großen Antidepressivagruppen TZA und SSRI, aber auch zu anderen und neueren Antidepressiva (z. B. Moclobemid, Venlafaxin, Mirtazapin) wurden bislang nicht nachgewiesen [463], [464], [477], [561], [658], [693], [694], [695]. In mehreren Metaanalysen zeigte sich eine signifikant größere Wirksamkeit von Antidepressiva gegenüber Placebo für ältere Patienten [693], [696], [697], keine Unterschiede bezüglich der Wirksamkeit konnten zwischen SSRI und TZA nachgewiesen werden [696], [697]. Auch zwischen Citalopram und anderen Antidepressiva konnten in einer Metaanalyse von Seitz et al. (2010) keine Unterschiede bezüglich der Wirksamkeit nachgewiesen werden [698]. In einer weiteren Metaanalyse von Thorlund et al. [699] waren Sertralin, Paroxetin und Duloxetin bei älteren Patienten wirksamer als Placebo in der Erzielung einer Partialresponse (mindestens 50% Reduktion des Ausgangsscores), nicht hingegen Citalopram, Venlafaxin, Fluoxetin und Escitalopram. In einer systematischen Übersichtsarbeit von Boyce et al. konnte die Wirksamkeit speziell für Pflegeheimbewohner jedoch nicht nachgewiesen werden [700]. In aktuellen randomisiert-kontrollierten Studien wurde zudem eine signifikant größere Wirksamkeit von Agomelatin [701] und Duloxetin [702], [703] gegenüber Placebo bei Patienten über 65 Jahren nachgewiesen.

Bei ähnlicher Wirksamkeit orientiert sich die Substanzauswahl daher am Neben- und Wechselwirkungspotential. Dabei erfordern ein erhöhtes Nebenwirkungsrisiko und die häufige Multimedikation bei älteren Menschen besondere Aufmerksamkeit (siehe auch Anhang 2 "Antidepressiva – Wirkstoffe gegliedert nach Wirkstoffgruppen mit Angaben zu Dosierung, Plasmaspiegel und Monitoring" - detaillierte Kenntnisse für die Pharmakotherapie der Depression [704], [705]). Eine konsequente Behandlung ist aber gerade bei älteren Menschen nötig, da nicht nur die Risiken der Behandlung, sondern auch die der Nichtbehandlung erhöht sind. Eine fachärztliche Mitbetreuung dürfte in vielen Fällen empfehlenswert sein.

Bei der Analyse der Ergebnisse klinischer Studien finden sich in einigen Arbeiten keine Unterschiede hinsichtlich der globalen Verträglichkeit von TZA und SSRI bei älteren Menschen, in anderen wird über eine insgesamt bessere Verträglichkeit von SSRI berichtet [463], [464], [561], [589], [704], [706], [707], [708].

Hinweise auf eine geringere Wirksamkeit von Antidepressiva im höheren Alter liefert eine Metaanalyse von Tedeschini et al. [709]. Die Autoren fanden eine geringere Wirksamkeit von Antidepressiva in Studien, in denen Patienten über 65 Jahre behandelt wurden, im Vergleich zu Studien, in denen Patienten über 55 Jahre behandelt wurden. Als mögliche Erklärungen für diese Unterschiede wurden neben geringeren Dosierungen in den älteren Stichproben auf die möglicherweise längeren notwenigen Behandlungszeiten diskutiert. Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt eine Metaanalyse von Gibbons et al. [446], basierend auf individuellen Patientendaten aus vier Studien, in denen die Wirksamkeit von Fluoxetin gegenüber Placebo bei geriatrischen Patienten untersucht wurde (das Durchschnittsalter lag in den Studien zwischen 67,7 und 83,7 Jahren). Dabei zeigte sich eine signifikant größere Symptomreduktion zugunsten von Fluoxetin gegenüber Placebo, allerdings konnten keine Unterschiede zwischen den Gruppen bei Remissions- oder Responseraten identifiziert werden. Die Reduktion der depressiven Symptomatik fiel mit durchschnittlich 8,9 Punkten auf der Hamilton-Skala jedoch deutlich geringer aus als in vergleichbareren Studien, in denen jüngere Patienten behandelt wurden.

Entscheidend für die Wirkstoffauswahl, insbesondere beim älteren Menschen, ist somit die individuelle Eignung des Nebenwirkungsprofils. In einer umfassenden Kohortenstudie (n=60.746) wurde insgesamt ein deutlich erhöhtes Risiko für das Auftreten verschiedener unerwünschter Ereignisse im Zusammenhang mit einer Antidepressivabehandlung identifiziert [710]. Dies gilt vor allem für die Behandlung der oft kardial und hirnorganisch vorgeschädigten Patienten mit TZA, die nachteilige kardiovaskuläre Wirkungen (orthostatische Hypotonie) [711], [712], [713] oder Erregungsleitungsstörungen [468], [469], [714], [715] aufweisen können. Von Bedeutung sind im höheren Alter weiterhin anticholinerge Nebenwirkungen der TZA (ausgeprägt insbesondere bei Amitriptylin, Clomipramin, Doxepin, Imipramin, Maprotilin) wie Harnverhalt bei Patienten mit benigner Prostatahyperplasie, Verwirrtheitszustände, Delir und kognitive Beeinträchtigungen [716] (Cave: Kombination von TZA mit anderen anticholinerg wirkenden Substanzen wie z. B. Antihistaminika, niederpotenten Antipsychotika). Nortriptylin scheint aufgrund seiner selteneren orthostatischen Reaktionen bei älteren Menschen besser verträglich als andere TZA zu sein [658], [707], [708]. Ergebnisse klinischer Studien zum direkten Vergleich von TZA und SSRI bei älteren Patienten mit Herzkreislauferkrankungen sind rar. Die vorliegenden Daten zu älteren Patienten mit Depression und chronisch ischämischer Herzerkrankung weisen beim Vergleich von Nortriptylin mit Paroxetin, wie auch anhand der pharmakodynamischen Eigenschaften erklärbar, auf eine bessere kardiovaskuläre Verträglichkeit des SSRI hin [707], [708], [715]. Die anticholinerge Potenz von Nortriptylin ist nach einer Doppelblindstudie bei älteren Patienten mit Depression fünffach höher als diejenige von Paroxetin [717]. Andererseits sind auch die spezifischen Nebenwirkungen der SSRI wie z. B. Hyponatriämie (siehe Abschnitt 3.4.4.1 "Verträglichkeit") und das Interaktionspotential (Cave: Multimedikation im Alter!) einiger SSRI zu beachten.

Neurotoxische Reaktionen unter Lithiumsalzen sind häufiger bei älteren Patienten und insbesondere in Kombination mit anderen Psychopharmaka (klassische und atypische Antipsychotika) beschrieben worden [718], [719]. Vor allem aufgrund pharmakokinetischer Veränderungen (Nierenfunktion, Verringerung des Körperwassers, Komedikation mit Diuretika, kardiale Erkrankungen usw.) ist Lithium im Alter mit noch größerer Sorgfalt einzusetzen. Generell wird empfohlen, im unteren Bereich prophylaktischen bzw. therapeutischen Fensters einzustellen, d.h. um 0,6 mmol/l. Es gibt keine Untersuchung, die eine Wirksamkeit von Spiegeln unter dem für alle Altersgruppen empfohlenen belegt [720].

Hinsichtlich des bei älteren Menschen auch durch Psychopharmaka erhöhten und wegen der Gefahr von Schenkelhalsfrakturen besonders gefährlichen Sturzrisikos scheint kein Unterschied zwischen TZA und SSRI zu bestehen [721], [722], [723], [724], [725], [726].

Die Ergebnisse aus kontrollierten Studien zur antidepressiven Behandlung bei körperlichen Begleiterkrankungen älterer Patienten (z. B. KHK, Diabetes mellitus, Demenz, Parkinson‘sche Erkrankung) sind unzureichend [727]. Für viele ältere, besonders in ambulanter Behandlung befindliche Patienten, werden oft in Abhängigkeit von Komorbidität und Komedikation Antidepressiva mit einem geeigneten Nebenwirkungsprofil, wie z. B. SSRI, Moclobemid oder bestimmte neuere Substanzen zu bevorzugen sein. Bei der Verschreibung von Antidepressiva vom Typ der TZA, aber auch bei neueren Antidepressiva (kardiovaskuläre Reaktionen unter SSNRI, siehe oben) sind Nebenwirkungen sorgfältig zu beobachten ([602], [603], [695], [728]; vgl. Tabelle im Anhang 6 "Gründe für erhöhtes Nebenwirkungsrisiko der Antidepressiva bei alten Menschen" und Anhang 4 "Antidepressivagruppen mit unerwünschten Arzneimittelwirkungen, Wechselwirkungen und Kontraindikation").

In einem systematischen Review von Cooper et al. wurde für ältere Patienten nach Nicht-Ansprechen auf einen antidepressiven Behandlungsversuch insbesondere die Wirksamkeit einer Lithium-Augmentation berichtet [729].

In zwei Metaanalysen von Kok et al. und Wilkinson et al. konnte zudem die Wirksamkeit von Antidepressiva gegenüber Placebo für die Rezidivprophylaxe bei älteren Patienten belegt werden [730], [731].

Empfehlung/Statement

Empfehlungsgrad

3-38_mod_2015

Ältere Patienten können in gleicher Weise behandelt werden wie Jüngere. Im Vergleich zu jüngeren Patienten sollte das Nebenwirkungsprofil bzw. die Verträglichkeit noch stärker beachtet werden. Wenn ältere Patienten mit TZA behandelt werden, sollte mit einer erniedrigten Anfangsdosis begonnen werden.

LoE Ib: Metaanalysen [693], [696], [697], [699], [700], [709]

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3.4.10.2 Wahnhafte Depression

Eine wichtige klinische Frage ist, ob Patienten mit wahnhafter Depression eine Kombinationsbehandlung aus Antidepressiva und Antipsychotika erhalten sollten. Eine Metaanalyse schloss 12 randomisiert-kontrollierte Studien (RCT) mit insgesamt 929 Teilnehmern über die Wirksamkeit von Antipsychotika bei psychotischer Depression ein [732]. Die Kombination von Antipsychotika und Antidepressiva bei psychotischer Depression war wirksamer als eine Monotherapie mit Antidepressiva (3 RCT, relatives Risiko (RR) 1.49, 95% Konfidenzintervall (CI) 1.12 – 1.98) und wirksamer als eine Monotherapie mit Antipsychotika (4 RCT, RR 1.83, 95% CI 1.40 – 2.38). Nebenwirkungen wurden bis auf allgemeine Dropout-Raten nicht untersucht. Die meisten Studien waren sehr klein. Bei den Medikamenten handelte es sich um verschiedene Antipsychotika der ersten und der zweiten Generation, auch die Antidepressivagruppe war heterogen. Daher lässt sich keine valide Aussage darüber machen, welche spezielle Kombination erfolgversprechend ist. Die Autoren heben die eingeschränkte Datenlage und die Notwendigkeit weiterer Studien hervor. Ähnliche Ergebnisse zeigte die Metaanalyse von Farahani und Correll [733], die weitgehend auf denselben Studien basierte.

Empfehlung/Statement

Empfehlungsgrad

3-39_mod_2015

Bei Patienten mit wahnhafter Depression sollte eine Kombination aus Antidepressiva und Antipsychotika erwogen werden. Welche konkreten Kombinationen besonders erfolgversprechend sind, lässt sich aufgrund der aktuellen Studienlage noch nicht beantworten.

LoE Ia: Metaanalysen [732], [733]

B

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3.5 Psychotherapie

3.5.1 Einleitung

Psychotherapie stellt sich (auch) in der Depressionsbehandlung vielgestaltig dar und bedarf daher einer präzisierenden wissenschaftlichen Definition. Eine weithin anerkannte Definition stammt von Strotzka (1975) [734]. Diese liegt auch der Definition des Wissenschaftlichen Beirates Psychotherapie (nach § 11 des Psychotherapeutengesetzes) zugrunde:

Psychotherapie ist die Behandlung auf der Basis einer Einwirkung mit überwiegend psychologischen Mitteln. Die Definition wissenschaftlicher Psychotherapie fordert eine Reihe von weiteren Bedingungen, z. B. das Anstreben einer positiven Beeinflussung von Störungs- und Leidenszuständen in Richtung auf ein nach Möglichkeit gemeinsam erarbeitetes Ziel (z. B. Symptomminderung) sowie einen geplanten und kontrollierten Behandlungsprozess, der über lehrbare Techniken beschrieben werden kann und sich auf eine Theorie normalen und pathologischen Verhaltens bezieht.

In der Behandlung depressiver Erkrankungen hat sich Psychotherapie heute in großem Umfang mittels unterschiedlicher Verfahren etabliert, sowohl im ambulanten, teilstationären und stationären Bereich. Eine große Zahl von Studien belegt die psychotherapeutische Behandlung depressiver Störungen als generell wirksam, wobei jedoch die Effektivität mit Schweregrad, Chronizität und Symptomausgestaltung der Depression variiert. In einem allgemeinen systematischen Review zu einer großen Anzahl von Therapiestudien fassten Roth und Fonagy (1996) [735] die Evidenz für die Wirksamkeit psychotherapeutischer Interventionen bei den bedeutsamsten psychischen Störungen, einschließlich depressiver Störungen, zusammen (vgl. Hinweise zu methodenkritischen Aspekten im Leitlinienreport Quellen/Auswahl und Bewertung der Evidenz)

In spezifischen Reviews wurden psychotherapeutische Behandlungsverfahren, die speziell auf die Therapie der Depression abgestimmt sind (z. B. kognitive Verhaltenstherapie oder Interpersonelle Psychotherapie bzw. psychodynamische Psychotherapie), als gleich wirksam wie Antidepressiva beschrieben. Die Studien zur alleinigen Behandlung mit Psychotherapie wurden vorwiegend im ambulanten Rahmen bei nicht psychotischen und nicht suizidalen Patienten durchgeführt [736], [737], [738].

3.5.1.1 Gemeinsame Wirkfaktoren von Psychotherapie

In der Psychotherapieforschung wird inzwischen davon ausgegangen, dass neben verfahrensspezifischen Wirkfaktoren auch "unspezifische" Faktoren ("common factors") zur Erklärung von Therapieerfolgen beitragen. Die unterschiedlichen psychotherapeutischen Verfahren verbinden gemeinsame (Wirk-) Merkmale (vgl. [739]). Zu diesen zählt die besondere Qualität und systematische Gestaltung der therapeutischen Beziehung. Dies beinhaltet, eine akzeptierende, offene und aktiv zuhörende und mitfühlende Arbeitsbeziehung zu etablieren, die dazu beiträgt, Gefühle von Wertlosigkeit und Demoralisierung seitens der Patienten zu lindern sowie soziale Unterstützung zu gewähren. Die Qualität der therapeutischen Beziehung bzw. des Arbeitsbündnisses von Patient und Therapeut trägt signifikant zur Erklärung positiver Therapieeffekte bei und wird als einer der wichtigsten Behandlungsfaktoren betrachtet [740], [741], [742].

Der zentrale Befund eines systematischen Reviews der Health Technology Assessment Group [743] war, dass der Effekt von Psychotherapie zu einem beträchtlichen Teil auf nicht für das jeweilige Psychotherapieverfahren spezifische Faktoren – wie z. B. die therapeutische Beziehung – zurückzuführen war. Darüber hinaus fanden sich zwischen störungsspezifischen Therapieverfahren keine signifikanten Wirksamkeitsunterschiede (vgl. auch [744]).

Empfehlung/Statement

Empfehlungsgrad

3-40

Grundlage jeder psychotherapeutischen Intervention sollte die Entwicklung und die Aufrechterhaltung einer tragfähigen therapeutischen Beziehung sein, deren Qualität in der Regel zum Behandlungserfolg beiträgt.

LoE Ib: Metaanalyse [743]

B

Neben der therapeutischen Beziehung, die der am besten abgesicherte allgemeine Wirkfaktor von Psychotherapie ist (vgl. [745], [746]), werden noch weitere Faktoren empirisch gestützt, die die Wirksamkeit und Wirkung psychotherapeutischer Interventionen erklären [747], [748], [745], [749], [750], [751], [752], [753], [754]:

Wirkfaktor Ressourcenaktivierung: Individuelle Merkmale und Eigenschaften, die Patienten in die Therapie einbringen, werden als positive Ressourcen für das therapeutische Vorgehen genutzt. Psychotherapie nutzt also zur Problembewältigung vorhandene motivationale Bereitschaften und Fähigkeiten der Patienten.

Wirkfaktor Problemaktualisierung: Schwierigkeiten, die in der Therapie verändert werden sollen, werden durch psychotherapeutische Interventionen dem Patienten unmittelbar erfahrbar gemacht. Zum Beispiel werden reale Situationen aufgesucht oder hergestellt (Verhaltenstherapie), Personen in die Therapie einbezogen, die an den Problemen beteiligt sind (u. a. Familien-, Paartherapie) oder die therapeutische Beziehung und die in ihr auftretenden Konflikte und Gefühle genutzt (psychodynamische/psychoanalytische Therapie).

Wirkfaktor Problembewältigung: Patienten werden im Rahmen von Psychotherapie mit bewährten problemspezifischen Maßnahmen oder konfliktorientierten Beziehungsangeboten aktiv handelnd oder emotional verstehend darin unterstützt, positive Bewältigungserfahrungen im Umgang mit ihren Problemen im Sinne einer korrigierenden emotionalen Erfahrung zu machen.

Wirkfaktor motivationale Klärung: Therapien fördern mit geeigneten Maßnahmen das Ziel, dass Patienten Einsichten in ihr konflikthaftes Erleben und Verhalten gewinnen (z. B. Förderung von Introspektion und Selbstreflektionsfähigkeit, Konfrontation mit und Deutung von Abwehrmechanismen, Hinweis auf und Veränderung von dysfunktionellen Kognitionen und Beziehungsmustern).

3.5.1.2 Weitere Einflussfaktoren in der Psychotherapie

Studien belegen, dass manche depressive Patienten innerhalb einer Therapie rascher Fortschritte machen als andere [735], [755]. Diese Wirkungs- und Wirksamkeitsunterschiede gehen u. a. darauf zurück, dass sich depressive Patienten erheblich hinsichtlich ihrer Persönlichkeit, ihrer prämorbiden Belastungen und Lebensgeschichten (z. B. sexueller Missbrauch, Traumatisierung, Verlusterlebnisse), ihrer kulturellen Hintergründe, ihrer Fähigkeit und Bereitschaft zur selbstreflexiven Auseinandersetzung mit innerpsychischen Vorgängen und deren lebensgeschichtlichem Hintergrund ("psychological mindedness"), ihren psychosozialen Kompetenzen und ihren gegenwärtigen sozialen und beziehungsbezogenen Problemen unterscheiden [756]. Andere Studien zeigten, dass Patienten, die perfektionistisch denken [757], feindselig dominant [758] oder in hohem Maße selbstkritisch sind [759], von Psychotherapien mit studienbedingt begrenzter Dauer weniger gut profitieren.

Ohne ein spezifisches therapeutisches Eingehen auf diese (teils komorbiden) Belastungsfaktoren oder Besonderheiten der Persönlichkeit oder der Verarbeitungsmechanismen besteht die Gefahr, dass Patienten sich nicht hinreichend verstanden fühlen und sie die Therapie unter Umständen auch abbrechen bzw. geringere Wirksamkeitsgrade erzielt werden.

Bedeutsam sind auf Seiten der Patienten auch ihre subjektiven Krankheitsvorstellungen und die für sie daraus folgenden Behandlungserwartungen. Das vom Therapeuten unterbreitete Behandlungsangebot muss hiermit in gewisser Passung stehen, damit eine tragfähige therapeutische Beziehung zustande kommen kann [262], [745], [760], [761], [762]. Dies zeigt die Notwendigkeit weiterer differenzieller Effektforschung, um systematische Hinweise auf patientenseitige Einflussfaktoren zu finden.

Ein weiterer gemeinsamer Einflussfaktor der verschiedenen Psychotherapieansätze ist die Therapeutenvariable. Therapeuten unterscheiden sich hinsichtlich ihrer Persönlichkeit, ihrer Werte und ihrer Auffassungen etwa darüber, wie depressive Störungen entstehen und behandelt werden können (Störungs- und Veränderungswissen), und diese Faktoren können das Behandlungsergebnis beeinflussen [763].

Außerdem gibt es verschiedene Angebots- und Settingformen von Psychotherapie, z. B. ambulant oder stationär, im Einzelsetting, als Paar-, Familien- oder Gruppentherapie. Unabhängig von der therapeutischen Schule bedarf die Evaluation des Settingeffekts der besonderen Betrachtung, z. B. auch im Unterschied der Wirkung einer individuellen kognitiven Therapie zu einer kognitiv orientierten Gruppentherapie. Systematisch beforscht sind diese Wirkungsunterschiede jedoch nicht [241].

Auch Variationen im Störungsbild haben Auswirkungen auf den Therapieeffekt. Die symptomorientierte Diagnostik unterscheidet zwischen Formen der Depression (z. B. mit vs. ohne psychotische Merkmale), der Schwere (leicht, mittelgradig und schwer), der Chronifizierung und der Behandlungsresistenz. Darüber hinaus weisen depressive Patienten häufig komorbide Störungen wie soziale Phobien, Panikstörungen und verschiedene Persönlichkeitsstörungen auf [764], die den Therapieeffekt gleichfalls beeinflussen. Vorbestehende Erkrankungen, wie soziale Angststörungen, somatoforme Störungen, Substanzmissbrauch usw., erhöhen schließlich die Vulnerabilität für eine Depression und beeinflussen das Inanspruchnahmeverhalten therapeutischer Angebote, die therapeutische Beziehung und die Therapiedauer.

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3.5.1.3 Nebenwirkungen in der Psychotherapie

Nebenwirkungen psychotherapeutischer Behandlungen wurden bislang kaum beachtet und es mangelt an systematischen Forschungsergebnissen in diesem Bereich [765], [766]. Einzelne Studien, in denen Patienten mit unterschiedlichen psychischen Störungen behandelt wurden, belegen, dass auch bei Psychotherapie Nebenwirkungen auftreten. Auf der Symptomebene wird eine Verschlechterung bei von etwa 5-10 % der behandelten Patienten angenommen [747], [767], [768].

Insbesondere in der Psychotherapie können Nebenwirkungen allerdings als ein multidimensionales Konstrukt verstanden werden, das neben der Symptomebene auch weitere Funktions- und Lebensbereiche eines Patienten tangieren kann [765], [769]. In wenigen Studien konnten unter anderem die Bereiche Partnerschaft (z. B. Eifersucht des Partners auf die therapeutische Beziehung [770], [771]), Arbeitsplatz, Freunde oder Familie (z. B. erhöhtes Konfliktpotenzial nach Förderung der Abgrenzungsfähigkeit [766], [771]), Therapeut-Patient-Beziehung (z. B. Abhängigkeit vom Therapeuten als Lebensberater [772]) und Stigmatisierung (z. B. Schwierigkeiten beim Abschluss von Versicherungen [771]) identifiziert werden, in denen Nebenwirkungen auftreten können.

In der aktuellen Literatur existiert bislang keine einheitliche Definition einer Nebenwirkung in der Psychotherapie. Verschiedene Konzepte wie unethisches Therapeutenverhalten, Therapierisiko, therapeutischer Misserfolg, Schäden, Kunstfehler oder Nebenwirkungen werden zum Teil synonym verwendet. Als Nebenwirkung einer Psychotherapie sollten allerdings analog zur Definition in der Pharmakotherapie nur solche unerwünschten Ereignisse adressiert werden, die auf eine korrekt durchgeführte Psychotherapie zurückführbar sind [773]. Davon sind unerwünschte Effekte, die durch eine inkorrekt durchgeführte Psychotherapie hervorgerufen wurden (z. B. unethisches Therapeutenverhalten, Kunstfehler), abzugrenzen.

3.5.2 Ziele und Vorgehen psychotherapeutischer Ansätze

3.5.2.1 Psychiatrisch-psychotherapeutische Basisbehandlung

In der ambulanten Behandlung ist innerhalb des Gesamtbehandlungsplanes das psychiatrisch-psychotherapeutische Gesprächsangebot bzw. die psychosomatische Grundversorgung von den methodisch umschriebenen Psychotherapieverfahren abzugrenzen.

Aus Sicht des Patienten ist es von vorrangiger Bedeutung, sich von Beginn an verstanden zu fühlen und ausreichend mitteilen zu können. Dies schließt die patientenseitige Artikulierung seines Verständnisses der Ursachen und Hintergründe der Erkrankung ein. Dazu kommen die realistische Einordnung "seiner" Depression in die aktuelle Lebenssituation und ggf. auch der Lebensgeschichte, die Bearbeitung der durch die Krankheit selbst geprägten Konzepte von Erkrankung, der eigenen Persönlichkeit und subjektiv wahrgenommener Schuld. Für diese, sich bereits im Erstgespräch stellenden psychotherapeutischen Aufgaben sind starre Zeit- und Settingvorgaben nicht formuliert; ihre optimale Bewältigung hängt aber entscheidend ab von der Zeit und Intensität der Zuwendung wie auch der Erfahrung des Behandelnden. Darüber hinaus kann die Dauer einer therapeutischen Beziehung zu einem eigenständigen hochwirksamen Moment in der Depressionsbehandlung werden. Insbesondere bei rezidivierenden Depressionen kann die bei Bedarf aktivierbare therapeutische Beziehung auch bei ggf. nur kurzfristiger Intervention die entscheidende Hilfe für Betroffene darstellen. Zusammengefasst beinhaltet die psychotherapeutische Basisbehandlung depressiver Störungen folgende Aspekte:

  • Aktives flexibles und stützendes Vorgehen, Vermittlung von Ermutigung und Hoffnung;
  • empathische Kontaktaufnahme, Aufbau einer vertrauensvollen Beziehung;
  • Exploration des subjektiven Krankheitsmodelles, Klärung aktueller Motivationen und der Therapieerwartungen des Patienten;
  • Vermittlung eines Verständnisses der Symptome, ihrer Behandelbarkeit und ihrer Prognose, Vermittlung eines "biopsychosozialen Krankheitsmodelles" zur Entlastung des Patienten von Schuldgefühlen, Selbstvorwürfen und Versagensgefühlen;
  • Klärung aktueller äußerer Problemsituationen, Entlastung von zurzeit überfordernden Pflichten und Ansprüchen am Arbeitsplatz und in der familiären Situation;
  • Verhinderung depressionsbedingter Wünsche nach überstürzter Veränderung der Lebenssituation, Unterstützung beim Formulieren und Erreichen konkreter, erreichbarer Ziele zum Wiedergewinnen von Erfolgserlebnissen (positive Verstärker);
  • Vermittlung von Einsicht in die individuelle Notwendigkeit adäquater Therapien (z. B. Antidepressiva, Richtlinien-Psychotherapie);
  • Einbezug von Angehörigen, Stärken der Ressourcen;
  • Ansprechen von Suizidgedanken und -impulsen, Erarbeitung eines Krisenmanagements.

3.5.2.2 Spezifische Psychotherapie

Als psychotherapeutische Verfahren, die durch die Gesetzliche Krankenversicherung (GKV) finanziert sind (so genannte "Richtlinienverfahren"), stehen in Deutschland für die ambulante Behandlung von Patienten mit depressiven Erkrankungen Verhaltenstherapie (Kapitel 3.5.2.3 "Kognitive Verhaltenstherapie") und tiefenpsychologisch fundierte und analytische Psychotherapie; Kapitel 3.5.2.4 "Psychodynamische Psychotherapien") zur Verfügung. Andere Verfahren, wie die Systemische Therapie (Kapitel 3.5.2.5), die Interpersonelle Psychotherapie (IPT) (Kapitel 3.5.2.6 "Interpersonelle Psychotherapie") oder die Gesprächspsychotherapie (GPT) (Kapitel 3.5.2.7 "Gesprächspsychotherapie"), sind im Rahmen der ambulanten GKV-Versorgung nicht erstattungsfähig. Sämtliche Konzepte der Richtlinienpsychotherapie implizieren eine umfassende Behandlung, die sowohl die Symptombeseitigung, die Stabilisierung der Verbesserungen sowie die Rezidivprophylaxe beinhaltet.

Im stationären Bereich kommen unterschiedliche Psychotherapieverfahren zum Einsatz: verhaltenstherapeutische, gesprächstherapeutische, psychodynamische, modifiziert analytische und systemische (familien-) therapeutische Verfahren sowie die Interpersonelle Psychotherapie. Diese werden durch weitere psychotherapeutisch mitgeprägte Behandlungsverfahren, wie z. B. Psychoedukation, Ergotherapie, Angehörigengruppen, Künstlerische Therapien oder Entspannungstechniken und körper- und bewegungsbezogene Therapien ergänzt.

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3.5.2.3 Kognitive Verhaltenstherapie

Unter Kognitiver Verhaltenstherapie werden verschiedene kognitive und behaviorale Therapieansätze zusammengefasst, die insbesondere auf die Entwicklungsarbeiten der Arbeitsgruppen um Beck ([774]; siehe [775] für eine aktuelle Darstellung) und Lewinsohn [776] zurückgehen [53]. Sowohl kognitive als auch behaviorale Elemente werden in der Praxis üblicherweise kombiniert.

Die Verhaltenstherapie depressiver Erkrankungen beruht in Anlehnung an De Jong-Meyer et al. (2007) auf der Verstärkerverlusttheorie [201] und der Theorie der gelernten Hilflosigkeit [186]. Diese Ansätze gehen von der Annahme aus, dass ein Mangel an positiver Verstärkung ("Belohnung") sowie gelernte Hilflosigkeit (d. h. das Erleben der "Nichtkontrollierbarkeit" einer belastenden Situation) und andere depressionsfördernde Verhaltensmuster zentrale Faktoren für die Entstehung und Aufrechterhaltung einer depressiven Störung sind. Der Antriebsmangel und die traurige Stimmungslage von depressiven Menschen beruhen oft auf einer Reihe negativer Lebenserfahrungen (wie Verlust von nahe stehenden Personen, Krankheit, Arbeitslosigkeit, sozialer Isolierung) und dem damit verbundenen Verlust an positiver Verstärkung. Häufig spielen im Zusammenhang mit einer depressiven Erkrankung auch Defizite bei sozialen Fähigkeiten, Konfliktbewältigung und Problemlösevermögen eine Rolle [53].

Entsprechend zielt die Verhaltenstherapie darauf ab, über eine individuelle Problemanalyse und die daraus abgeleiteten therapeutischen Interventionen das Problemverhalten des depressiven Patienten korrigierend zu verändern und ein verbessertes Problemlöserepertoire zu entwickeln. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Förderung von Erfolgserlebnissen und Veränderung der Stimmung durch vermehrte positive Aktivitäten. Außerdem werden Entspannungstechniken vermittelt, um den Patienten zu helfen, mit Symptomen wie Schlaflosigkeit, Stress oder Angst umzugehen. Im späteren Therapieverlauf werden Problemlösestrategien und soziale Fertigkeiten eingeübt, um das Selbstwertgefühl der Patienten zu festigen und die Beziehungsfähigkeit zu verbessern [80], [177], [774], [777].

Die Kognitive Therapie wurde nach Darstellung von De Jong-Meyer et al. (2007) [53] von Beck spezifisch für die Behandlung von depressiven Erkrankungen entwickelt [774]. Sie geht davon aus, dass depressiven Erkrankungen eine kognitive Störung zugrunde liegt. Das Denken Depressiver bezüglich des Selbst, der Umwelt und der Zukunft ("kognitive Triade") ist durch automatische, sich wiederholende negative Gedankenketten (negative Schemata) bestimmt, die in belastenden Situationen aktiviert und verstärkt werden [778]. Diese "kognitiven Verzerrungen" sind einseitig, übertrieben negativ, selektiv und willkürlich. Ausgelöst werden sie durch Verlusterlebnisse, traumatisierende Ereignisse, Erfahrungen der Nichtkontrollierbarkeit und andere Belastungen im Verlauf der lebensgeschichtlichen Entwicklungen eines Patienten. Da die kognitiven Prozesse durch verfestigte, negative, generalisierte Überzeugungssysteme gesteuert werden, sind sie sehr beharrlich und andauernd [177].

Die kognitive Depressionstherapie zielt auf die Linderung depressiver Symptome durch Veränderung der dysfunktionalen Einstellungen und Denkschemata ab. Der Patient wird angeleitet, seine auf Selbstabwertung beruhenden Selbstkonzepte, Überzeugungen und Gedankenketten sowie deren Verhaltenskonsequenzen zu erkennen, sie auf ihre Angemessenheit hin zu überprüfen und alternative Denk- und Verhaltensmuster auszuprobieren [777], [779].

Das Cognitive Behavioral Analysis System for Psychotherapy (CBASP) ist ein Psychotherapieverfahren, das spezifisch zur Behandlung chronischer Depressionen entwickelt wurde. Der Ansatz vereint kognitive, behaviorale, interpersonelle und psychodynamische Strategien. Entsprechend McCulloughs [780], [781], [782] Annahme, dass chronisch depressive Patienten für Konsequenzen und Feedbacks ihrer Umgebung nicht erreichbar sind, weil ihre Wahrnehmung von der Umwelt entkoppelt ist, zielen die eingesetzten Techniken in erster Linie auf interpersonelle Beziehungserfahrungen ab. Zu den Haupttechniken gehört die Situationsanalyse, anhand derer der Patient eine kausale Beziehung zwischen seinen Verhaltens- und Denkmustern und den jeweiligen Konsequenzen herstellen soll. Mithilfe der interpersonellen Techniken soll der Patient zwischen seinen dysfunktionalen Beziehungsmustern, wie er sie mit signifikanten (früheren) Bezugspersonen erfahren hat, und dem Verhalten des Therapeuten oder anderer Personen unter Nutzung von Übertragungs- und Gegenübertragungsphänomenen unterscheiden und dadurch Hinweise zu deren Veränderung erhalten. Der Aufbau von Verhaltensfertigkeiten und neuen emotionalen Erfahrungen stellt einen weiteren wichtigen Teil der Therapie dar.

Im Rahmen der Weiterentwicklung der Kognitiven Verhaltenstherapie wurden in den vergangenen fünfzehn Jahren die Methoden der Akzeptanz- und Commitmenttherapie (ACT) und der Achtsamkeitsbasierten Kognitiven Therapie entwickelt und deren Wirksamkeit unter anderem bei Patienten mit depressiven Störungen untersucht. Ziel der Akzeptanz- und Commitmenttherapie ist es, die Beziehung zwischen dem Erleben von Symptomen und unerwünschten Gedanken bzw. Gefühlen zu verändern, so dass die Symptome nicht länger vermieden werden müssen und sich zu vorübergehenden unangenehmen psychologischen Ereignissen verwandeln [783], [784], [785]. Behandelt werden nicht spezifische Symptome einzelner psychischer Störungen, sondern es werden Fertigkeiten vermittelt, um mit der Symptomatik besser umzugehen. Dabei sollen insbesondere die eigene Verhaltensflexibilität und ein werteorientiertes Handeln im Alltag gefördert werden. Klienten werden ermutigt, psychologische Flexibilität anhand von sechs Kernprinzipien zu entwickeln:

  • Kognitive Defusion: Erleben von Gedanken, Bildern, Emotionen und Erinnerungen als das erleben, was sie sind, nicht als das, was sie zu sein vorgeben;
  • Akzeptanz: das Kommen und Gehen dieser erlauben anstatt sie zu bekämpfen;
  • Achtsamkeit und Zuwendung zum Hier und Jetzt;
  • Selbst als Kontext: Erreichen eines Verständnisses vom wandelbaren Selbst;
  • Persönliche Werte: Herausfinden, was für das wirkliche Selbst am wichtigsten ist;
  • Commitment: Ziele in Übereinstimmung mit den eigenen Werten setzen und diese verantwortungsvoll verfolgen [783].

Zur Umsetzung engagierten Handelns (was auf die auf die Umsetzung selbstgewählter Werte unabhängig von wahrgenommenen Barrieren durch bestimmte Gedanken zielt) werden in der ACT Methoden verwendet, die denen der traditionellen Verhaltenstherapie entsprechen, wie Konfrontation, Fähigkeitserwerb und Zielsetzung.

Die Achtsamkeitsbasierte Kognitive Therapie (= Mindfulness Based Cognitive Therapy: MBCT) wurde als manualisiertes Fähigkeitstraining für eine Behandlung in der Gruppe entwickelt, welches auf die Verringerung der Vulnerabilität zwischen Episoden rezidivierender Depression abzielt [786]. MBCT kombiniert die Techniken der kognitiven Verhaltenstherapie mit achtsamkeitsbasierter Meditation, bei der Wert auf den gegenwärtigen Augenblick gelegt wird, während Gedanken, Gefühle und Körperempfindungen "neugierig" wahrgenommen und nicht bewertet werden. Diese nicht wertende Haltung schafft die Möglichkeit, mit Emotionen wie Traurigkeit, Ängsten und Sorgen hilfreicher umzugehen, was zentral für die Prävention von Depression ist. Durch Übungen zur Achtsamkeit wird die Aktivierung depressionsfördernder Gedanken, Gefühle und Körperempfindungen rechtzeitig erkannt, so dass die Betroffenen sich bewusst hilfreichen Maßnahmen zuwenden können, die einen Rückfall verhindern.

3.5.2.4 Psychodynamische Psychotherapien

Aus psychoanalytisch-psychodynamischer Sicht werden Depressionen oft durch Verlust- bzw. Kränkungserlebnisse ausgelöst, die wegen einer konflikthaften inneren Situation nicht angemessen verarbeitet werden können. Hintergrund ist oft ein unsicheres Bindungserleben in der Folge kindlicher Traumatisierungen/Belastungen, einhergehend mit übermäßiger Abhängigkeit von anderen Personen oder auch Näheangst. Eine Vielzahl depressiver Symptome und Beziehungsprobleme lässt sich vor diesem Hintergrund verstehen: z. B. werden zur Sicherung der Beziehung zu wichtigen Bezugspersonen die nach Verlust/Kränkung auftretenden Spannungen und Wutgefühle nicht als Folge, sondern als ursächlich für den eingetretenen Verlust angesehen und gegen das eigene Ich gewendet. Patienten empfinden dementsprechend, "selbst schuld" zu sein.

Vor diesem Krankheitsverständnis erfolgt in der analytischen Psychotherapie depressiver Patienten die reflektierende Bearbeitung innerhalb eines regressionsfördernden Settings. Befördert werden soll "freies Sprechen". Wichtig sind die therapeutische Einfühlung in inneres Erleben, Gefühle und Ängste und deren Verbalisierung. Außerdem wird die Thematisierung von für die Patienten inakzeptablen Gefühlen angestrebt. So können die unbewusst gewordenen Konflikte im Hier und Jetzt der Therapeut-Patienten-Beziehung wieder lebendig und damit versteh- und bearbeitbar gemacht werden.

In tiefenpsychologisch fundierter Psychotherapie stehen ebenso depressive Erlebnisweisen im Vordergrund wie konkrete Konfliktaktualisierungen in der aktuellen Lebenssituation. Parallel zur Bewusstmachung der Konflikte wird die Nutzung und Stärkung vorhandener Fähigkeiten von Patienten angestrebt. Zunehmende Einsicht in innere Konflikte und die mit der Zeit eintretende Veränderung problematischer Erlebens- und Verhaltensweisen führen z. B. dazu, dass Schwierigkeiten besser vorhergesehen und bewältigt oder Konflikte entschärft werden können [787]. Als Unterform der psychoanalytisch begründeten Verfahren spielt bei Depressionen die tiefenpsychologisch fundierte Kurzzeittherapie eine Rolle (bis zu maximal 25 Stunden), insbesondere dann, wenn begrenzte Krisen, wie zum Beispiel eine Trennung, der Auslöser sind.

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3.5.2.5 Systemische Therapie

Systemische Therapie ist ein psychotherapeutisches Verfahren, dessen besonderer Fokus auf dem sozialen Kontext psychischer Störungen liegt. Dabei werden zusätzlich zu einem oder mehreren Patienten ("Indexpatienten") weitere Mitglieder des für Patienten bedeutsamen sozialen Systems einbezogen. Die Therapie fokussiert auf die Interaktionen zwischen Mitgliedern der Familie oder des Systems und deren weitere soziale Umwelt. Die Systemische Therapie betrachtet wechselseitige intrapsychische (kognitiv-emotive) und biologisch-somatische Prozesse sowie interpersonelle Zusammenhänge von Individuen und Gruppen als wesentliche Aspekte von Systemen. Die Elemente der jeweiligen Systeme und ihre wechselseitigen Beziehungen sind die Grundlage für die Diagnostik und Therapie von psychischen Erkrankungen.

Typische Techniken, Interventionen und Methoden sind: Zirkuläre Fragen, die auf den vermuteten Standpunkt Dritter (auch Anwesender) abzielen; Skalenfragen, zur Verdeutlichung von Unterschieden und Fortschritten; positives Konnotieren und Herausarbeiten der positiven Aspekte von problematischen Sachverhalten; Reframing von Sachverhalten, um Bedeutungs- bzw. Interpretationsveränderungen anzuregen; paradoxe Intervention, i. d. R. Verschreibung des problematischen Verhaltens, um Automatismen zu verändern; Hausaufgaben diverser und individuell angepasster Art zur Erledigung zwischen den Sitzungen; Metaphernarbeit, Parabeln und Geschichten als Umgehungstechnik für potentielle "Widerstände"; Ausnahmen zum beklagten Sachverhalt erfragen, um die Änderbarkeit von als statisch angenommenen Sachverhalten zu verdeutlichen; Verwendung von Konjunktiven zu Fokussierung auf Optionen und Möglichkeiten; Skulptur, Darstellen von Familienbeziehungen als Standbild aus Personen im Raum; Soziogramm, die grafische Darstellung der sozialen Beziehungen; Einladung an Familienmitglieder oder Freunde, an einzelnen Sitzungen oder Therapiephasen teilzunehmen.

Systemische Therapie wird als Einzeltherapie sowie im Setting der Familien-, Gruppen- und Einzeltherapie durchgeführt.

3.5.2.6 Interpersonelle Psychotherapie

Die Interpersonelle Psychotherapie (IPT) ist eine spezifisch für depressive Erkrankungen entwickelte Kurzzeittherapiemethode mit 12-20 wöchentlichen Einzelsitzungen [787], bei der auf bewährte therapeutische Konzepte aus Verhaltenstherapie und psychodynamischer Therapie pragmatisch zurückgegriffen wird. Bei der IPT wird davon ausgegangen, dass Depressionen durch verschiedene Faktoren (z. B. biologische Faktoren, Verlusterlebnisse) verursacht sein können. Unabhängig von den Ursachen werden Depressionen jedoch stets in einem psychosozialen und interpersonellen Kontext gesehen. Ein wichtiges Therapieziel ist deshalb die Bewältigung belastender zwischenmenschlicher und psychosozialer Stressoren, wie unbewältigte Trauer, Rollenwechsel, Rollenkonflikte, soziale Isolation und familiäre, berufliche oder soziale Konflikte, unabhängig davon, ob diese Stressoren zur depressiven Störung beitragen oder die Folge der depressiven Störung sind. Der therapeutische Prozess umfasst drei Phasen, die jeweils unterschiedliche Schwerpunkte haben: In der Anfangsphase (1.-3. Sitzung) stehen die Aufklärung über die depressive Erkrankung, die Beziehungsanalyse und die Identifizierung der Problembereiche im Vordergrund. In der mittleren Phase (4.-13. Sitzung) werden geeignete Strategien und Fähigkeiten zur Bearbeitung der in der ersten Phase festgelegten Problembereiche erlernt, wie z. B. die Bewältigung der sozialen und interpersonellen Schwierigkeiten, die mit der Depression in Verbindung stehen. In der Schlussphase (14.-16. Sitzung) geht es schließlich um die Zusammenfassung des Therapieprozesses und die Vorbereitung auf die Zeit nach der Behandlung, die Wiedereingliederung des Patienten in den Alltag und um Informationen und Strategien, wie mögliche künftige Probleme frühzeitig erkannt und gelöst werden können (vgl. [788], [789]).

3.5.2.7 Gesprächspsychotherapie

Die Entwicklung der personzentrierten Psychotherapie, die in Deutschland unter dem Namen "Gesprächspsychotherapie (GPT)" bekannt wurde, ist eng mit der Person von Carl Rogers verknüpft, der als wichtiger Vertreter der humanistischen Psychologie gilt. Rogers ging von einem Menschenbild aus, das dem Menschen Fähigkeiten zur Selbstheilung, zur Problemlösung und zum persönlichen Wachstum zuschreibt. Diese Fähigkeiten kommen in einer Psychotherapie dann zum Tragen, wenn es dem Therapeuten gelingt, eine Beziehung zum Patienten zu entwickeln, die durch folgende Aspekte gekennzeichnet ist: Der Therapeut versteht, was zum Zeitpunkt der Therapie in einem Patienten vorgeht (Empathie) und er ist in der Lage, das Verstandene in aufrichtiger Weise (Kongruenz) und Zugewandtheit (bedingungsfreie positive Beachtung / Wertschätzung) auf- und anzunehmen und es ihm mitzuteilen.

Die gesprächspsychotherapeutische Störungstheorie der Depression geht von einer depressionstypischen Diskrepanz zwischen Selbstbild und Selbstideal aus. Diese Diskrepanz führt zu einer Art Kluft ("spezifische Inkongruenz") zwischen dem Selbstkonzept (Selbstbild und Selbstideal) und dem originären, aber nicht symbolisierten Erleben ("organismische Erfahrung") mit der Folge, dass eigene Ansprüche, vor allem Bedürfnisse nach Selbstbehauptung und Selbstabgrenzung, nicht oder nur verzerrt wahrgenommen und akzeptiert werden [790], [791]. Es resultieren die Neigung zu Selbstabwertung, Selbstunzufriedenheit, leicht zu induzierende Schuldgefühle und ein starkes Bedürfnis nach Bestätigung und Anerkennung. Infolge der letzteren kommt es zu unrealistischen Beziehungserwartungen und damit zu dysfunktionalem Beziehungsverhalten.

Die Therapie depressiver Störungen leitet sich aus der gesprächspsychotherapeutischen Krankheitslehre und der Therapietheorie ab. Hier ist einmal die generell vom Therapeuten geforderte bejahende, anerkennende Grundhaltung, seine engagierte, interessierte und affirmative Zuwendung zu nennen (bedingungsfreie Wertschätzung; siehe oben), auf die gerade Depressive wegen ihres negativen Selbstkonzeptes angewiesen sind, und die – angemessen kommuniziert – schon von sich aus zu einer Ressourcenaktivierung und Selbstwertstabilisierung führen kann. Das Bemühen um ein verstehendes Nachvollziehen und die (partielle) Perspektivübernahme seitens des Therapeuten ist für Patienten mit depressiven Störungen mit ihrem starken Bedürfnis nach stützender Nähe und Anerkennung besonders wichtig.

Durch die mit diesem Einfühlen verbundenen therapeutischen Angebote wird die Neigung und die Fähigkeit des Patienten zur Selbstexploration, d. h. zu einer vertieften Selbstwahrnehmung und Selbsterfahrung, angeregt. Dadurch wird es auch dem Patienten möglich, diese in sein Selbstkonzept zu integrieren. Die Anerkennung bisher abgelehnter eigener Gefühle und Bedürfnisse ermöglicht es, dass die Überhöhung des Selbstideals zurückgenommen und unangemessene Beziehungserwartungen korrigiert werden können.

Für das konkrete therapeutische Handeln liegen Empfehlungen für ein therapiephasen-spezifisches Vorgehen und ein Therapiemanual vor.

Grennberg et al. [792] führen im Hinblick auf die "Process – Experiential - Psychotherapy" einer Ausprägungsform der GPT – drei für depressive Störungen typische Prozesse an: (1) übermäßige Selbstkritik, (2) unbewältigte Erinnerungen und (3) problematische oder vom Patienten als unangemessen empfundene Verhaltensweisen. In der Therapie wird zunächst der für die jeweilige Person wichtigste Prozess identifiziert und mit spezifischen Interventionen bearbeitet. Während der psycho-therapeutischen Sitzungen kommen Veränderungen in Gang, die ihrerseits Veränderungen der depressionstypischen Prozesse ermöglichen. Die Veränderungen auf der Symptomebene bilden den letzten Schritt der Veränderung [792], [793], [794]. Die Therapiedauer umfasst in den Studien rund 15-20 Sitzungen [794], [795].

3.5.2.8 Psychotherapie in Gruppen

Die auf die Behandlung der Depression bezogenen Konzepte für Gruppentherapie entsprechen im Wesentlichen denen, die auch in der Einzeltherapie erfolgreich eingesetzt werden [53]. Im deutschen Sprachraum sind verschiedene Manuale mit kognitiv-verhaltenstherapeutischen, strukturierten Programmen über acht bis 16 doppelstündige Sitzungen für unterschiedliche Zielgruppen veröffentlicht worden [796], [797], [798], [799], [800].

3.5.2.9 Paartherapie

Zwischen Partnerkonflikten und Depression besteht eine hohe Konkordanz [801], [802]. Interpersonelle Faktoren scheinen auf den Verlauf depressiver Störungen großen Einfluss auszuüben. Daher kann es sinnvoll sein, bei der Behandlung und bei der Rückfallprophylaxe den Partner in die Therapie einzubeziehen.

Zentrale Therapieelemente beispielsweise der kognitiv-verhaltenstherapeutischen Ehetherapie sind nach de Jong-Meyer et al. [53] Verhaltensbeobachtung und Problemanalyse der partnerschaftlichen Interaktion, Maßnahmen zur Steigerung der positiven Reziprozität, Kommunikations- und Problemlösetraining, kognitive Umstrukturierung von Attributionen und Erwartungen sowie kommunikative Hilfen zur Bewältigung akuter Streitsituationen. Diese Strategien sind im Bereich der Ehe- und Paartherapie etabliert und effektiv [53], [803], [804].

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3.5.3 Effektivität psychotherapeutischer Verfahren in der Akuttherapie

Die meisten Belege für eine psychotherapeutische Monotherapie liegen für leichte und mittelgradige depressive Störungen vor. Bei mittelschweren bis schweren depressiven Episoden ist eine Differenzialindikation erforderlich. Es ist zu berücksichtigen, dass bei schweren depressiven Episoden die Wirklatenz einer alleinigen Psychotherapie gegenüber einer alleinigen Pharmakotherapie oder einer Kombinationsbehandlung aus Pharmako- und Psychotherapie erhöht sein kann (vgl. [577]). So zeigt beispielsweise auch eine randomisiert-kontrollierte Studie an schwer depressiven Patienten, dass eine KVT, anders als eine Pharmakotherapie, einer Placebobedingung nach acht Wochen hinsichtlich der Response nicht überlegen war. Nach 16 Wochen waren die Responseraten von Pharmako- und Psychotherapie jedoch gleich und beide Placebo signifikant überlegen [805].

Allerdings zeigen einige Studien unabhängig vom Schweregrad der depressiven Episode bereits innerhalb der ersten vier bis fünf Wochen einer kognitiv-behavioralen Psychotherapie [806], [807] eine signifikante Response. Hardy et al. [806] zeigten, dass in 50 % der KVT-Studien "sudden gains", also "plötzliche und deutliche Verbesserungen", innerhalb der ersten fünf Wochen auftreten. In der Studie von Hautzinger et al. [219], [808] ließen sich im Studienarm mit alleiniger Psychotherapie bereits in der dritten Woche anhaltende Responder (Therapieende und Ein-Jahres-Katamnese, 51 %) von Nichtrespondern (12 %) signifikant trennen, sowohl bei den ambulanten wie bei den stationären Patienten. Die Übersichtsarbeit von [807] kommt zum Schluss, dass 60-70 % der Therapieresponse bei einer KVT innerhalb der ersten vier Wochen Therapie erzielt wird. Cape et al. [809] berichten in einer Metaanalyse, dass durch Psychotherapien mit etwa 10 Sitzungen bereits signifikante Effekte gegenüber TAU erzielt werden können. Allerdings fallen diese Effekte kleiner aus als solche, die aus Studien mit intensiveren bzw. längeren Behandlungen berichtet werden. In einer Studie [579] mit chronisch depressiven Patienten war die Response bei CBASP zunächst später eingetreten im Vergleich zu Antidepressiva; nach acht Wochen war sie jedoch gleich. Dies könnte ein Hinweis sein, dass die Wirklatenz von der Chronizität abhängt.

Nach einer Metaanalyse von Cuijpers et al. [810] zum Zusammenhang von Studienqualität und der Effektstärke psychotherapeutischer Behandlung fallen die berichteten Effekte für Psychotherapie gegenüber Kontroll-behandlungen in qualitativ hochwertigen Studien durchschnittlich geringer aus. Ohne Berücksichtigung der Studienqualität könnte daher das Ausmaß der Wirksamkeit von Psychotherapie in der Depressionsbehandlung überschätzt werden.

Hinsichtlich des Therapiesettings beruht die meiste Evidenz zur psychotherapeutischen Behandlung von Patienten mit unipolarer Depression auf Studien zur ambulant durchgeführten Psychotherapie. In einer Metaanalyse von Cuijpers et al. [811] konnte jedoch gezeigt werden, dass auch stationäre Psychotherapien Treatment as Usual (TAU) signifikant überlegen sind.

Zur Wirksamkeit der Gruppentherapie bei Depression liegen auf Basis der Darstellung von [53] mehrere systematische Reviews und Metaanalysen vor (z. B. [20], [812], [813], [814], [815]). Wesentlicher Befund dieser Übersichtsarbeiten ist, dass die kognitiv-verhaltenstherapeutischen ambulanten Gruppenbehandlungen bei leichten und mittelschweren Depressionen kurzzeitig eine gute und über die Katamnesen hinweg stabile Wirkung auf die Symptomatik haben; McDermut et al. [813] ermittelten eine Effektstärke von 1,0 gegenüber Kontrollen, Kühner fand im Prä-Post-Vergleich über die Studien hinweg eine Effektstärke von 1,45. Bei schwereren Depressionen sind die Effekte allerdings weniger eindeutig [815]. Trotz der positiven Ergebnisse aus den bislang publizierten kontrollierten Studien fehlen noch Untersuchungen mit größeren Stichproben und zu bestimmten Subgruppen depressiver Patienten, insbesondere im höheren Schwerebereich. Zudem ist der Vergleich z. B. mit Antidepressiva bzw. die Überprüfung der additiven Effektivität eine Kombination aus Medikation und Gruppenpsychotherapie noch nicht beforscht. Im deutschsprachigen Raum wurden einige kontrollierte Studien zur Anwendung kognitiv-verhaltenstherapeutischer Gruppentherapien bei bestimmten Untergruppen depressiver Patienten durchgeführt. Beispielsweise wurde die Wirksamkeit bei depressiven Jugendlichen [816], bei älteren depressiven Patienten ([817], [818]: signifikant stärkere Effekte auf Depressivität gegenüber einer Wartegruppe) und zur Rückfallprophylaxe ([819]: deutlich geringere Rückfallraten gegenüber TAU mit medikamentöser Behandlung nach individuellem Bedarf) untersucht. Eine systematische Übersichtsarbeit von Huntley et al. [820] belegt, dass KVT-basierte Gruppentherapien zu einer signifikant größeren Reduktion depressiver Symptome führen als eine TAU-Behandlung. Im direkten Vergleich von individueller KVT und KVT-basierter Gruppentherapie zeigte sich in derselben Übersichtsarbeit ein kleiner Effekt zugunsten von individueller KVT zu Behandlungsende (Effektstärke von 0.38). Keine Unterschiede zwischen den beiden Formen von KVT konnten zum kurz- (bis zu drei Monate) und langfristigen Follow-up (> drei Monate) identifiziert werden. Die IPT wurde bislang kaum als Gruppenprogramm in der Behandlung depressiver Störungen untersucht. Eine randomisiert-kontrollierte Studie [821] zeigte signifikante Prä-Post-Unterschiede im Vergleich zu einer Wartelistengruppe hinsichtlich Depressivität und psychosozialer Funktionsfähigkeit. Als Gruppentherapie modifiziert wurde die IPT auch im stationären Setting bei depressiven Patienten einer psychosomatischen Rehabilitationsklinik untersucht. In dieser Studie zeigten sich gleiche Ergebnisse wie für eine kognitive Gruppentherapie, längerfristig waren die Effekte gegenüber der KVT-Gruppe weniger stabil [822].

In einer systematischen Übersichtsarbeit und Metaanalyse basierend auf insgesamt acht Studien konnte ein großer Effekt (SMD=-1.28; 95%CI: -1.85 - -0.72) zugunsten von Ehetherapie (hauptsächlich KVT-basiert) gegenüber keiner Behandlung aufgezeigt werden [823], allerdings konnten nur zwei Primärstudien für diesen Vergleich einbezogen werden. Keine Unterschiede konnten zwischen Ehetherapie und individueller Psychotherapie (hauptsächlich KVT) in Bezug auf die Reduktion depressiver Symptome nachgewiesen werden. Im Vergleich zu pharmakologischen Interventionen war Ehetherapie mit geringeren Studienabbruchraten verbunden, allerdings war dieses Ergebnis hauptsächlich auf eine Studie zurückführbar. Eine systematische Übersichtsarbeit von Henken et al. [824] berichtet eine Überlegenheit von Familientherapie gegenüber keiner Behandlung oder Warteliste in Bezug die Reduktion depressiver Symptome und auf eine Steigerung der familiären Funktionsfähigkeit. Allerdings konnten insgesamt nur sechs Primärstudien in die Übersichtsarbeit eingeschlossen werden, von denen bei dreien methodische Mängel identifiziert wurden, auch weisen die Autoren auf teilweise konfligierende Evidenz hin.

3.5.3.1 Kognitive Verhaltenstherapie

Die Kognitive Verhaltenstherapie (KVT) ist das am häufigsten ambulant untersuchte Psychotherapieverfahren. Es liegt eine Vielzahl kontrollierter Studien an überwiegend ambulant behandelten depressiven Patienten vor [736], [825], die zumeist eine höhere oder zumindest äquivalente Wirksamkeit der KVT im Vergleich zu verschiedenen Kontrollbedingungen (Warteliste, Pharmakotherapie, Placebobehandlung, stützende Gespräche, Clinical Management) in der Akutbehandlung zeigen (vgl. auch [826]).

Es gibt eine Reihe qualitätsgeprüfter Metaanalysen, die die Wirksamkeit der Kognitiven Verhaltenstherapie (KVT) in der Akutbehandlung von unipolaren depressiven Episoden bestätigt. Gloaguen et al. [736] schlossen 48 kontrolliert-randomisierte Studien mit insgesamt 2.765 Patienten ein, die eine leichtgradige bis mittelschwere depressive Störung ohne psychotische Merkmale aufwiesen. Als leichtgradig wurde die Depression bei einem BDI-Score von 10-18 und als mittelschwer bei einem Score von 19-29 definiert. Dabei erwies sich die Kognitive Therapie einer Warteliste, einer Antidepressivatherapie und diversen anderen Therapien (psychodynamische Therapie, Interpersonelle Therapie, non-direktive Therapie, supportive Therapie, Entspannungsverfahren und Bibliotherapie) als signifikant überlegen, bezogen auf die Symptomverbesserung zum Therapieende nach durchschnittlich 16 Wochen. Gloaguen et al. errechneten außerdem, dass nach Akuttherapie mit Antidepressiva 60 % der Patienten innerhalb eines Jahres einen Rückfall erlitten, nach KVT durchschnittlich nur 29 % [736].

Diese Ergebnisse decken sich mit den Befunden einer früheren Metaanalyse von Dobson [827] zu leichtgradigen und mittelschweren depressiven Störungen, der unter Einschluss von 28 Studien für die Kognitive Therapie gleichfalls signifikant stärkere Symptomveränderungen gegenüber einer Warteliste, Pharmakotherapie oder anderen Therapieformen (hier einschließlich der Verhaltenstherapie) fand. Gaffan et al. [828] haben die von Dobson inkludierten sowie 37 weitere Studien in eine weitere Metaanalyse integriert und die Befunde repliziert.

Eine vergleichbare Wirksamkeit von Psychotherapie (hauptsächlich KVT) und Antidepressiva der zweiten Generation berichten Spielmanns et al. [829] in einer systematischen Übersichtsarbeit und Metaanalyse, in die 15 Studien mit unterschiedlichen Schweregraden depressiver Störungen eingeschlossen wurden (berücksichtigt wurden die Antidepressiva Bupropion, Citalopram, Duloxetin, Escitalopram, Fluvoxamin, Fluoxetin, Milnacipran, Mirtazapin, Nefazodon, Paroxetin, Sertralin, und Venlafaxin). DeRubeis et al. [737] untersuchten in ihrer Metaanalyse mit originalen Rohdaten die Unterschiede zwischen KVT und Pharmakotherapie (Dauer: 16-20 Wochen) bei insgesamt 169 ambulanten Patienten mit einer schweren depressiven Störung, wobei als Schweregradkriterium ein Score in der Hamilton Depression Rating Scale von 20 oder mehr und im Beck Depressionsinventar von 30 oder mehr galt. Zwischen Pharmako- und Kognitiver Verhaltenstherapie zeigten sich in der Symptomreduktion im HRSD und im BDI keine signifikanten Wirksamkeitsunterschiede zum Behandlungsende.

Thase et al. [577] fanden in ihrer Metaanalyse, dass eine Kombination aus Pharmako- und Psychotherapie (KVT oder IPT) bei höherem Schweregrad der Depression (HDRS > 19) der jeweiligen Monotherapie überlegen war, gegenüber alleiniger Psychotherapie sogar signifikant, was die Remissionshäufigkeit und die Wirklatenz angeht.

Tolin et al. [830] fanden in einer Metaanalyse zur vergleichenden Wirksamkeit von KVT und anderen Psychotherapieverfahren für verschiedene psychische Störungen keine Unterschiede zwischen KVT und IPT bzw. supportiver Psychotherapie, allerdings zeigte sich ein kleiner signifikanter Effekt zugunsten von KVT gegenüber psychodynamischer Psychotherapie für Studien, in denen Patienten mit einer depressiven Störung behandelt wurden. Kritisiert wurde bei dieser Metaanalyse, dass nur eine selektive Auswahl an Studien einbezogen wurde (vgl. [831]). Keine Wirksamkeitsunterschiede zwischen Verhaltenstherapie und kognitiver Therapie, psychodynamischer Psychotherapie, humanistischen und integrativen Ansätzen konnten Shinohara et al. [832] in einer vergleichenden Metaanalyse basierend auf Daten von insgesamt 25 Studien identifizieren. Auch Mazzucchelli et al. [833] konnten in einer Metaanalyse keine Wirksamkeitsunterschiede zwischen KVT und VT aufzeigen. In einer umfassenden Netzwerkmetaanalyse von Barth et al. (2013) [834], basierend auf Daten von insgesamt 198 Studien, konnte gezeigt werden, dass IPT, Verhaltenstherapie, KVT, Problemlösetherapie, soziales Kompetenztraining, psychodynamische Psychotherapie und supportive Psychotherapie einer Wartegruppenbedingung signifikant überlegen waren. Bezüglich der vergleichenden Wirksamkeit der unterschiedlichen Psychotherapieformen kommen die Autoren zu dem Schluss, dass die Wirksamkeit der unterschiedlichen Therapieformen vergleichbar ist, die Evidenz für KVT, IPT und Problemlösetherapie auf Grund der gegenwärtigen Studienlage aber robuster als die der anderen untersuchten Therapieformen ist.

In zwei Metaanalysen wurde die Wirksamkeit von KVT in verschiedenen Settings bzw. Personengruppen untersucht. Ebrahim et al. [835] haben in einer Metaanalyse individueller Patientendaten aufgezeigt, dass mittels KVT auch bei Patienten, die gegenwärtig Erwerbsunfähigkeitsrenten beziehen, vergleichbare Effekte wie bei nicht erwerbsgeminderten Patienten erzielt werden können. In einer Metaanalyse von insgesamt 34 nicht-randomisierten Effektivitätsstudien konnten Hans und Hiller [836] die Wirksamkeit ambulanter KVT belegen. Dabei zeigte sich eine signifikante Reduktion der depressiven Symptome von Beginn bis Ende der Behandlung und die Effekte konnten über einen Zeitraum von 6 Monaten nach Ende der Behandlung aufrechterhalten werden.

Mehrere Metaanalysen haben die Wirksamkeit von Weiterentwicklungen der Kognitiven Verhaltenstherapie untersucht. In einer systematischen Übersichtsarbeit und Metaanalyse von Hunot et al. [837] konnten drei Studien zu ACT identifiziert werden, die eine vergleichbare Wirksamkeit von ACT und KVT in Bezug auf die Reduktion depressiver Symptome bei Patienten mit überwiegend mittelschwerer Depression zeigten. Allerdings wurde die Evidenzlage von den Autoren zum gegenwärtigen Zeitpunkt aufgrund der geringen Anzahl an Studien und teilweise geringen Studienqualität als "niedrig" beurteilt. In einer systematischen Übersichtsarbeit und Metaanalyse von Hofmann et al. [838] wurden moderate Prä-Post-Effektstärken (Hedge’s g =0.95) in Bezug auf die Reduktion depressiver Symptome für MBT in Stichproben mit verschiedenen psychischen Störungen und von 0.95 in Stichproben mit affektiven Erkrankungen ermittelt. Auch eine aktuelle Metaanalyse [839] über sechs Studien fand einen signifikanten Effekt für MBCT mit kleiner bis mittlerer Effektstärke bezüglich der Symptomreduktion für akute depressive Episoden und zeigt, dass auch depressive Patienten in der Akutphase von MBCT profitieren können.

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3.5.3.2 Tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie

Wenn psychodynamisch orientierte Psychotherapien empirisch evaluiert wurden, handelte es sich um fokale, zeitlich begrenzte, strukturierte Interventionen bei Patienten mit leichten bis mittelschweren Depressionen. Insgesamt ist die Anzahl der randomisiert-kontrollierten Studien zur Wirksamkeit der psychodynamischen Kurzzeittherapie im Vergleich zu anderen Verfahren (z. B. KVT und IPT) gering.

Es liegen zwei qualitätsgeprüfte Metaanalysen zur Wirksamkeit von psychodynamischen Kurzpsychotherapien [840] und zur vergleichenden Wirksamkeit von ambulanten fokalen, kurzzeitigen, psychodynamischen Psychotherapien bei leichten bis mittelgradigen Depressionen [841] vor, wobei die Behandlungsdauer in der Regel in einem Range von 16-30 Sitzungen lag. Beide Metaanalysen kommen aufgrund von elf bzw. sechs berücksichtigten Studien zu dem Ergebnis, dass diese fokalen, d. h. auf spezifische, vor der Therapie formulierte Konflikte oder Themen fokussierenden dynamischen Psychotherapien wirksam und, bezogen auf die Reduktion depressiver Symptome im Vergleich mit Wartekontrollen, mit anderen wirksamen Depressionstherapien (KVT, IPT, siehe oben) vergleichbar sind. Allerdings subsummieren sowohl Crits-Christoph [840] als auch Leichsenring [841] Studien zur IPT unter die psychodynamische Psychotherapie.

Eine Metaanalyse von Leichsenring et al. [842] zur Wirksamkeit ambulanter psychodynamischer Kurzzeittherapie (8-20 Sitzungen) bei verschiedenen Störungsbildern (neben Depression u. a. PTSD, Bulimia und Anorexia nervosa, Persönlichkeitsstörungen, somatoforme Schmerzstörung, soziale Phobie) schloss zur Evidenzbeurteilung der ambulanten Depressionsbehandlung drei Arbeiten ein, von denen (neben der Studie von Shapiro et al., 1994) zwei spezielle Patientengruppen betroffen haben ([843]: ältere Klienten; [844]: Frauen mit postpartaler Depression). Die dabei ermittelten Effekte auf Depressivität im Prä-Post-Vergleich waren signifikant. Eine weitere Metaanalyse von Leichsenring [845] führt unter Berücksichtigung einer weiteren randomisiert-kontrollierten Studie (insgesamt vier RCTs zu depressiven Störungen (n = 314), in denen psychodynamische Kurzzeittherapie in einer Dosis von acht bis zwanzig Sitzungen untersucht wurden) wiederum im Prä-Post-Vergleich und mit Verhaltenstherapie als Kontrollbedingung vergleichbare signifikante Effektstärken an.

In einer Metaanalyse von Abbass et al. [846] wurden psychodynamische Psychotherapien für "allgemeine psychische Störungen" hinsichtlich ihrer Wirksamkeit untersucht. Dabei zeigten sich positive Wirksamkeitsbelege psychodynamischer Psychotherapie auf das Outcome Depressivität über alle Störungsbilder hinweg (Angst, Depression, Somatisierung), allerdings wurden nur in vier der eingeschlossenen Studien rein depressive Stichproben behandelt.

In der bereits oben beschriebenen umfassenden Netzwerkmetaanalyse von Barth et al. [834] basierend auf Daten von insgesamt 198 Studien konnte gezeigt werden, dass psychodynamische Psychotherapie einer Wartegruppenbedingung signifikant überlegen ist. Jedoch erwies sich die Evidenz aufgrund der geringeren Anzahl an Patienten in den Studienarmen zur Psychodynamischen Psychotherapie als etwas weniger robust im Vergleich zu anderen untersuchten Therapieformen.

In einer Metaanalyse von Driessen et al. [847], in die insgesamt Daten aus 23 Studien eingingen, konnte die Wirksamkeit von psychodynamischer Psychotherapie gegenüber Kontroll- und Wartebedingungen belegt werden. Die durch Psychodynamische Psychotherapie erzielte Symptomreduktion war groß (d=1.34) und blieb auch ein Jahr nach Behandlungsende erhalten. Im Vergleich von psychodynamischer Psychotherapie mit anderen Psychotherapien zeigten sich kleine, aber signifikante Effekte zu Gunsten anderer Psychotherapien (hauptsächlich Verhaltenstherapie bzw. KVT) direkt zum Behandlungsende, diese Unterschiede waren jedoch zum 3-Monats-Follow-up nicht mehr nachweisbar.

In einer systematischen Übersichtsarbeit von Leichsenring et al. [848] wurden insgesamt 12 RCTs identifiziert, die die Wirksamkeit von psychodynamischer Psychotherapie bei depressiven Störungen untersuchten (bei 10 der 12 Studien wurden Patienten mit der Diagnose einer Major Depression untersucht). Dabei zeigten sich eine vergleichbare Wirksamkeit von psychodynamischer Psychotherapie und Antidepressiva sowie eine Überlegenheit von psychodynamischer Psychotherapie gegenüber Wartegruppen bzw. TAU.

3.5.3.3 Analytische Psychotherapie

Aufgrund der in Kapitel 5 Quellen/Auswahl und Bewertung der Evidenz des Leitlinienreports genannten methodischen Restriktionen ist die Wirksamkeitsforschung im Bereich der psychoanalytischen Psychotherapie besonderen Schwierigkeiten ausgesetzt. RCTs wurden nicht vorgelegt, dennoch existieren einige große unkontrollierte naturalistische Studien, die Hinweise auf die Wirksamkeit psychoanalytischer Langzeitpsychotherapie liefern. Diese Studien sind zwar zumeist an diagnostisch heterogenen Patientenkollektiven durchgeführt worden. Bekannt ist aber der hohe Prozentsatz depressiver Patienten in den Studien. Zudem wurden in diesen Studien auch symptomatische Zielvariablen untersucht, die eine hohe Korrelation zum Grad der Depressivität aufweisen. Es wurde in diesen Studien ein starker und auch noch nach Behandlungsende vorhandener Therapieerfolg (vgl. Carry-over-Effekt) auf depressionsassoziierte Symptome für psychoanalytische Langzeittherapie beschrieben [849], [850], [851], [852], [853], [854], [855], [856], [857].

In einer prospektiven quasi-experimentellen Studie zum Vergleich von analytischer Psychotherapie, tiefenpsychologisch-fundierter Psychotherapie und Verhaltenstherapie fanden sich signifikante Unterschiede zugunsten einer analytischen Psychotherapie gegenüber Verhaltenstherapie zur Dreijahreskatamnese. Hierbei wurden die gefundene Unterschiede von den Studienautoren als Effekte der deutlich stärkeren Therapiedosis diskutiert [858].

In einer systematischen Übersichtsarbeit und Metaanalyse von de Maat et al. [859] konnten insgesamt 14 Studien identifiziert werden, in denen die Wirksamkeit analytischer Psychotherapie untersucht wurde. Bei den Studien handelte es sich größtenteils um nicht kontrollierte Studien, in denen Patienten mit verschiedenen psychischen Störungen, darunter auch depressiven Störungen behandelt wurden. In den Studien wurde eine Symptomreduktion zwischen Behandlungsbeginn- und ende berichtet.

In einer randomisiert-kontrollierten Studie wurde die Wirksamkeit von psychoanalytischer Langzeittherapie mit psychodynamischer Kurzzeittherapie (bis zu 20 Sitzungen) und einer lösungsorientierten Kurzzeitpsychotherapie, die auf systemischen Ansätzen basiert, in einem Patientenkollektiv mit Depressions- und Angstdiagnosen untersucht [860], [861]. Dabei zeigte sich eine schnellere Symptomreduktion in den Kurzzeittherapien, jedoch war die psychodynamische Langzeittherapien den Kurzzeitpsychotherapien zum 3- bzw. 5-Jahres-Follow-up überlegen.

3.5.3.4 Systemische Therapie

Metaanalysen zur Systemischen Therapie beim Störungsbild unipolare Depression liegen bislang nicht vor. Die Evidenzlage beschränkt sich derzeit auf eine Reihe von RCTs zur systemischen Therapie bei Erwachsenen mit unipolaren depressiven Störungen im Rahmen unterschiedlicher Settings. Hinweise für den Nutzen der Systemischen Therapie bei unipolaren depressiven Störungen erbrachten die folgenden randomisiert-kontrollierten Studien:

In einer randomisiert-kontrollierten Studie von Leff et al. [862], die ursprünglich als dreiarmige komparative Studie zum Vergleich von Pharmakotherapie mit einem Antidepressivum, Systemischer Paartherapie und kognitiver Therapie angelegt war, wurde die Wirksamkeit der Systemischen Therapie im Vergleich zu Pharmakotherapie bei depressiven Patienten mit einem "kritischen" Partner untersucht. Bei einer geringeren Therapieabbruchrate (15 vs. 56 Prozent) zeigte sich für den Behandlungsarm der systemischen Paartherapie im Vergleich zur Pharmakotherapie eine stärkere Reduktion der depressiven Symptomatik im BDI. Im zweiten Outcome-Instrument, der Hamilton Depression Rating Scale, zeigten sich dagegen in der Intention-to-Treat-Analyse keine signifikanten Unterschiede.

In einer randomisiert-kontrollierten Studie von Knekt et al. [860], [861] zeigten sich bei einer gemischten Stichprobe von ängstlichen und depressiven (85 %) Patienten für eine systemische lösungsorientierte Kurzzeittherapie im Vergleich zur psychodynamischen Langzeittherapie signifikant stärkere Reduktionen der depressiven Symptomatik im Selbstrating nach drei und sieben Monaten nach Therapiebeginn sowie höhere Remissionsraten nach sieben bzw. zwölf Monaten, während im Langzeitverlauf nach drei Jahren für die psychodynamische Langzeittherapie im Selbst- und Fremdrating eine signifikant stärkere Reduktionen der depressiven Symptomatik gezeigt werden konnten. Dabei blieb die Symptomreduktion für die lösungsorientierte Therapie wie auch für die psychodynamische Kurzzeittherapie über den gesamten Nachuntersuchungszeitraum stabil.

Weitere Anhaltspunkte für die Wirksamkeit der Systemischen Paartherapie bei der Behandlung von Patienten mit depressiven Störungen liefert die randomisiert-kontrollierte Studie (n=66) von Seikkula et al. [863]. Im Vergleich zur treatment as usual – Kontrollgruppe zeigte sich für die systemische Paartherapie eine signifikant stärkere Symptomreduktion u. a. auf dem GSI der SCL-90 und der HDRS, nicht jedoch auf dem BDI.

3.5.3.5 Interpersonelle Psychotherapie

Für die Wirksamkeit der Interpersonellen Psychotherapie (IPT) in der Akutbehandlung der unipolaren depressiven Störung als alleiniges Therapieverfahren oder als Bestandteil eines Kombinationsverfahrens mit antidepressiver Medikation liegen zahlreiche Wirksamkeitsnachweise vor. In Deutschland gehört die IPT nicht zu den von den Krankenkassen erstatteten Richtlinienverfahren. Der Ansatz wird jedoch in internationalen Leitlinien empfohlen (z. B. [221], [864]).

Balslev-Jorgensen et al. [865] fanden in ihrem älteren systematischen Review keine Unterschiede zwischen der Wirksamkeit von IPT und KVT in der Akutbehandlung. Im Vergleich zu unbehandelten Kontrollbedingungen verbesserten sich depressive Patienten mit überwiegend leichter bis mittelschwerer depressive Episode durch IPT deutlich, während sich zu KVT bzw. zu einer antidepressiven Medikation geringe Unterschiede und nicht signifikante Effektstärken ergaben.

Eine qualitätsgeprüfte Metaanalyse von Feijo de Mello et al. [866] schloss 13 randomisiert-kontrollierte Studien zur Wirksamkeit der IPT bei depressiven Störungen (depressive Episode, Dysthymie, Double Depression) in der Akut- und Erhaltungstherapie mit insgesamt 2.199 Patienten ein. Hierbei zeigte sich nach ca. 12-16-wöchiger Akutbehandlung eine signifikante Überlegenheit der IPT gegenüber einer Behandlung mit einem Placebomedikament. Sowohl in der Akut- als auch in der Erhaltungstherapie sowie in der Rezidivprophylaxe fanden die Autoren gegenüber einer medikamentösen Behandlung oder einer Kombinationstherapie keine Wirksamkeitsunterschiede. Dagegen schien IPT einer KVT in der Akutbehandlung, gemessen an der zum Behandlungsende erzielten Symptomreduktion, sogar überlegen zu sein, was sich jedoch bei Betrachtung der Remissionsraten nicht mehr zeigte.

Auch in einer Metaanalyse von Cuijpers et al. [867] konnten statistisch signifikante Effekte von IPT gegenüber Kontrollbehandlungen für Patienten mit überwiegend leichter bis mittelschwerer Depression und Dysthymie aufgezeigt werden. Im direkten Vergleich mit anderen Psychotherapien ließen sich keine Unterschiede identifizieren. Im Vergleich mit Antidepressiva zeigte sich ein kleiner, aber statistisch signifikanter Effekt zugunsten einer medikamentösen Behandlung.

Eine systematische Übersichtsarbeit und Metaanalyse von van Hess et al. [868] konnte ebenfalls keine systematischen klinisch relevanten Unterschiede zwischen IPT und anderen psychotherapeutischen Interventionen und Antidepressiva identifizieren.

In der Netzwerkmetaanalyse von Barth et al. [834] basierend auf Daten von insgesamt 198 Studien konnte gezeigt werden, dass IPT einer Wartegruppenbedingung signifikant überlegen ist, dabei basieren die für IPT gefundenen Effekte auf einer robusten Evidenzlage. Im direkten Vergleich zeigte sich eine Überlegenheit von IPT gegenüber supportiver Psychotherapie.

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3.5.3.6 Gesprächspsychotherapie

Elliott et al. [869] haben im Anschluss an eine umfangreiche allgemeine Metaanalyse, die sowohl randomisiert-kontrollierte Studien als auch Effektmessungen ohne Kontrollgruppen einschließt und die Gleichwertigkeit von humanistischen Therapien, aber auch der Gesprächspsychotherapie (GPT) gegenüber kognitiven Verhaltenstherapie und anderen nichthumanistischen Verfahren zum Ergebnis hatte, eine störungsspezifische Auswertung unternommen. Diese ergab unter Berücksichtigung der 16 von 24 Studien zu Depression, die einen Vergleich mit einem nichthumanistischen Verfahren beinhalteten, eine ausgeglichene Bilanz (drei positiv, vier negativ, neun ausgeglichen).

Insbesondere für die "Process-Experiential Psychotherapy" stellt Elliott fest, dass die Therapie nach den Kriterien von Chambless und Hollon [870] "specific and efficacious" ist [869]. Gestützt werden diese Ergebnisse auch von einer umfangreichen, kontrollierten Studie [871], der im Hinblick auf das differenzierte Studiendesign besondere Bedeutung zukommt. In dieser britischen Untersuchung wurden 464 Patienten zum Teil randomisiert, zum Teil unter Berücksichtigung der Patientenpräferenz einem von drei Behandlungsverfahren zugeteilt: GPT, Kognitive Verhaltenstherapie (KVT) oder der ausschließlichen Behandlung durch einen Allgemeinarzt. Nach vier Monaten zeigten sich bei den psychotherapeutisch behandelten Patienten eine bessere Symptomreduktion sowie eine höhere Zufriedenheit mit der Behandlung. GPT und KVT konnten gleich gute Verbesserungen erzielen. Nach insgesamt zwölf Monaten waren im Hinblick auf die Symptomatik keine Unterschiede mehr nachweisbar. Die Behandlungszufriedenheit war allerdings bei den Patienten der GPT-Gruppe am größten.

In einer Reanalyse der Daten von 22 Patienten mit depressiven Störungen des Hamburger Kurzpsychotherapie-Vergleichsexperiments [872] beobachteten Meyer et al. [873] gleich starke Verbesserungen bei Patienten, die sich GPT, und solchen, die sich einer analytischen Fokaltherapie unterzogen hatten.

In einer Vergleichsstudie von Teusch et al. [874] mit Add-On-Design zeigte sich, dass bei leicht bis mittelschwer depressiven Patienten die zusätzliche Gabe von Psychopharmaka (insbesondere Antidepressiva) nicht zu einer Verbesserung der insgesamt guten Ergebnisse führte. Vor allem bei den nur gesprächspsychotherapeutisch behandelten Patienten konnten ein Jahr nach Behandlungsende weitere Verbesserungen beobachtet werden. Ähnliche Ergebnisse ergab eine Studie in analogem Add-On-Design [875], in der 142 Patienten mit Persönlichkeitsstörungen behandelt wurden, von denen 107 auch als depressiv diagnostiziert waren. Die Depressivität war in dieser Untersuchung das entscheidende Änderungskriterium. Die Katamnese belegte die Stabilität der Effekte.

Eine Forschergruppe um Greenberg und Watson evaluierte in mehreren Studien die von ihnen entwickelte Ausprägungsform der GPT, die "Process-Experiential Psychotherapy" (PE-GPT). Die PE-GPT verbindet klientenzentrierte Elemente mit solchen der Gestalttherapie und fokussiert darauf, kognitive und affektive Probleme des Patienten in der Therapie aufzulösen. Greenberg und Watson [795] verglichen in einer randomisierten Studie die Effektivität der klassischen GPT mit der PE-GPT bei 34 Patienten mit leichten bis schweren Depressionen. Die Patienten erhielten mindestens 15 Sitzungen. Zwischen den beiden Behandlungsformen zeigten sich keine statistisch signifikanten Unterschiede bezüglich der Symptomreduktion im BDI oder der SCL-90 R, sowohl am Behandlungsende als auch beim Follow-up.

In einer weiteren randomisiert-kontrollierten Studie verglichen Watson et al. [794] die Effektivität der über 16 Wochen durchgeführten PE-GPT mit KVT (n = 93 mit leichten bis schweren Depressionen). Hierbei zeigten sich in beiden Gruppen ähnliche Effektstärken z. B. im BDI und der SCL-90 R und hinsichtlich der Responderraten. Bezüglich interpersoneller Probleme und der Copingstile ergaben sich im PE-GPT-Arm Vorteile gegenüber der KVT. Diese randomisierten Studien zur PE-GPT werden ergänzt durch weitere Studien, bei denen Aspekte des Therapieprozesses und deren Korrelation mit dem Outcome untersucht werden [793], [876], [877].

3.5.3.7 Empfehlungen zur psychotherapeutischen Akutbehandlung

Die Darstellung der Empfehlungen wird im Folgenden mit den entsprechenden Evidenztabellen dargestellt und weicht daher vom Vorgehen in den anderen Kapiteln ab, da es nicht möglich war, in der Steuerungs- wie in der Konsensgruppe eine Einigung auf Empfehlungen für spezifische Psychotherapieverfahren herzustellen.

Analog zum Vorgehen bei einer pharmakotherapeutischen Behandlung kann bei einer leichten depressiven Episode mit dem Beginn einer störungsspezifischen Psychotherapie abgewartet werden, wenn anzunehmen ist, dass die depressive Symptomatik sich ohne Therapie zurückbildet. Innerhalb der nächsten 14 Tage sollte dann jedoch eine erneute Kontrolle der Symptomatik stattfinden ("aktiv-abwartende Begleitung"; vgl. Kapitel 3.1.2 "Behandlungsphasen und phasenspezifische Behandlungsziele") und über die Einleitung einer spezifischen Therapie entschieden werden (vgl. Abbildung 8 "Therapie depressiver Störungen"). Allerdings sollte schon in dieser Phase durchaus eine psychiatrisch-psychotherapeutisch- Basisbehandlung bzw. psychosomatische Grundversorgung durchgeführt werden (siehe Kapitel 3.1.2 "Behandlungsphasen und phasenspezifische Behandlungsziele").

Zu beachten ist zudem, dass sich die zugrundeliegende Evidenz (wie in Tabelle 16 dargestellt) häufig auf psychotherapeutische Interventionen bezieht, die nicht mit den in Deutschland etablierten Richtlinienverfahren gleichzusetzen sind. Es liegt beispielsweise eine große Zahl von Studien zur Interpersonellen Psychotherapie als spezifischem Verfahren für die Depressionsbehandlung vor, welches derzeit jedoch in Deutschland nicht im Rahmen einer Richtlinienpsychotherapie erbracht werden kann. Außerdem ist die Interventionsdauer häufig kürzer als bei einer typischen Richtlinientherapie (mit ca. 25 Stunden), die in den Studien untersucht wurde.

Empfehlung/Statement

Empfehlungsgrad

3-41_mod_2015

Bei einer leichten depressiven Episode kann, wenn anzunehmen ist, dass die Symptomatik auch ohne aktive Behandlung abklingt, im Sinne einer aktiv-abwartenden Begleitung zunächst von einer depressionsspezifischen Behandlung abgesehen werden.

LoE IV: Expertenkonsens basierend auf Referenzleitlinie [409]

0

3-7_mod_2015 (hierbei handelt es sich um die Wiederholung einer Empfehlung zur besseren Verständlichkeit)

Hält die Symptomatik einer leichten depressiven Episode nach einer Kontrolle nach spätestens 14 Tagen noch an oder hat sie sich verschlechtert, soll mit dem Patienten über eine Intensivierung der Behandlung gesprochen werden. Als Behandlungsmöglichkeiten stehen beispielsweise zur Verfügung:

  • Beratung (Counseling);
  • psychoedukativ-supportive Gespräche;
  • qualifizierte angeleitete Selbsthilfe z. B. Selbsthilfebücher/Online-Programme;
  • Problemlöseansätze (Problem-solving);
  • psychiatrische-psychotherapeutische Basisbehandlung bzw. psychosomatische Grundversorgung.

LoE IV: Expertenkonsens basierend auf Referenzleitlinie [409]

0

3-42

Sofern die eingesetzten Behandlungsmöglichkeiten (Empfehlung nach 3-7-mod.) nicht zur Besserung der Symptomatik geführt haben, soll eine Psychotherapie angeboten werden. Dies gilt auch für mittelschwere depressive Episoden.

LoE Ia: Metaanalysen [736], [827], [828], [834], [842], [845], [847], [866], [867]

A

3-11 (hierbei handelt es sich um die Wiederholung einer Empfehlung zur besseren Verständlichkeit)

Bei akuten schweren Depressionen soll eine Kombinationsbehandlung mit medikamentöser Therapie und Psychotherapie angeboten werden.

LoE Ia: Metaanalysen [576], [580] und RCTs [577], [578], [579]

A

3-43

Wenn ein alleiniges Behandlungsverfahren in Betracht gezogen wird, soll bei ambulant behandelbaren Patienten mit akuten mittelschweren bis schweren depressiven Episoden eine alleinige Psychotherapie gleichwertig zu einer alleinigen medikamentösen Therapie angeboten werden.

LoE Ia: Metaanalysen [736], [737], [827], [828], [865], [866], [878]

A

3-44_mod_2015

Depressive Patienten mit psychotischen Merkmalen sollten in jedem Falle eine medikamentöse Therapie erhalten.

Expertenkonsens

KKP

Tabelle 16: Psychotherapie als Akuttherapie bei leichter bis mittelschwerer Depression

 

Studientyp

Ergebnisse

Kognitive
Verhaltenstherapie

Metaanalysen

KVT > AD, andere Therapieverfahren [736], [827], [828]

KVT = AD [878]

KVT = ACT [837]

KVT > Wartegruppe [834]

KVT = AD [829]

KVT = IPT, Supp. PT [830]

KVT > STPP [830]

KVT = STPP [832]; bei (Follow-up) [847]

Review

KVT ≥ AD [865]

RCTsa

KVT ≥ AD [219], [220], [432], [808], [878], [879], [880], [881], [882]

Interpersonelle
Psychotherapie

Metaanalyse

IPT > AD [866]

IPT > KVT [866]

IPT+AD = IPT [867]

IPT > Kontrolle [867]

IPT > Supp. PT [834]

IPT > Wartegruppe [834]

Review

IPT = AD, KVT [865]

RCTsa

IPT = KVT [432]

IPT + AD > AD + CM [883]

IPT = AD [883], [884]

IPT > TAU [884]

Psychodynamische
Kurzzeittherapie

Metaanalysen

STPP > TAU (verschiedene Störungen) [842], [845] b

STPP > Kontrolle [834], [847]

STPP < KVT [847] Behandlungsende [830]

STPP = KVT (Follow-up) [847]

STPP = KVT [832]

RCTs

STPP = KVT [885]

SPSP + AD > AD [583], [886]

STPP + AD = STPP [581]

Analytische
Langzeitpsychotherapie

RCT

Psychodynamische Langzeittherapie > Psychodynamische Kurzzeittherapie, Lösungsorientierte Therapie nach 3 Jahren [860], [861]

Gesprächspsychotherapie

RCTs

GPT = KVT [794], [871], [887]

GPT > TAU [871]

a: Diese RCTs wurden lediglich zur Differenzierung der Ergebnisse aus Metaanalysen und Reviews aufgenommen; sie bilden die Evidenz aus RCTs nicht vollständig ab.

b: [842] umfasst nicht alleine Studien mit depressiven Patienten. Die Metaanalysen [841] und [840] wurden in dieser Tabelle nicht integriert, weil beide Arbeiten Studien zur IPT in die Analyse aufgenommen haben.

Tabelle 17: Psychotherapie als Akuttherapie bei schwerer Depression

 

Studientyp

Ergebnisse

Kognitive Verhaltenstherapie

Metaanalysen

KVT = AD [737]

KVT + AD > KVT [576], [577], [888]

KVT + AD > AD [576], [577]

RCT

KVT = AD [888] (bei erfahrenen Therapeuten)

Interpersonelle Psychotherapie

Metaanalysen

IPT + AD > IPT [576], [577]

IPT + AD > AD [576], [577]

RCT

IPT < AD + CM [889]

IPT > Placebo [889]

3.5.4 Effektivität psychotherapeutischer Verfahren bei Dysthymie, Double Depression und chronischer Depression

Bei Patienten mit Dysthymien, Double Depression und chronischer Depression wurden bisher vergleichsweise wenige Psychotherapiestudien durchgeführt [53]. Markowitz (1994) kommt in seinem systematischen Review zur Psychotherapie der Dysthymie, das vorwiegend unkontrollierte und nichtrandomisierte Studien mit zumeist kognitivem Therapieansatz einschloss, zum Ergebnis, dass unter einer KVT-Standardbehandlung (20 Sitzungen) nur bei 41 % der Patienten mit Dysthymie oder Double Depression (nach DSM-III-R-Kriterien) eine Response erreicht wird. Die Evidenz stützt eher pharmakologische Interventionen; gleichwohl scheint Psychotherapie ein effektives zusätzliches Behandlungsangebot darzustellen bzw. eine Alternative zu einer antidepressiven Medikation in solchen Fällen zu sein, in denen Patienten diese ablehnen [890].

In einer Metaanalyse von Cuijpers et al. [891], basierend auf 16 RCTs, wurde die Überlegenheit kombinierter Behandlungen gegenüber einer psychotherapeutischen oder pharmakologischen Monotherapie bei chronischer Depression (Störungsdauer ≥ zwei Jahre) aufgezeigt. Weiterhin wiesen die Ergebnisse auf eine Unterlegenheit einer rein psychotherapeutischen gegenüber einer rein pharmakologischen Behandlung hin. Diese Effekte waren auf Studien zurückführbar, in denen ausschließlich Patienten mit einer Dysthymie behandelt wurden und als pharmakologische Intervention SSRIs eingesetzt wurden.

In einer systematischen Übersichtsarbeit und Metaanalyse bzw. Netzwerkmetaanalyse von von Wolff et al. [892] bzw. Kriston et al. [893] wurde ebenfalls die Effektivität psychotherapeutischer und kombinierter Interventionen bei chronischer Depression untersucht. Beim direkten Vergleich pharmakologischer und psychotherapeutischer Interventionen zeigte sich für IPT eine Unterlegenheit gegenüber pharmakologischen Interventionen, keine Unterschiede bezüglich der Wirksamkeit bestanden für CBASP und pharmakologische Behandlungen. Zwar lagen für einige psychotherapeutische Interventionen positive Wirksamkeitsnachweise in Kombination mit pharmakologischen Interventionen im Vergleich zu rein pharmakologischen Interventionen vor, jedoch bestand eine hohe Inkonsistenz zwischen den Ergebnissen einzelner Primärstudien, beispielsweise für CBASP [579], [894]. Die Ergebnisse der Moderatorenanalysen für diesen Vergleich deuten darauf hin, dass eine kombinierte Behandlung dann zu einer höheren Wirksamkeit als eine reine pharmakologische Behandlung führt, wenn (1) die Patienten unter anderen Formen chronischer Depression als Dysthymie leiden, es sich (2) bei der zugrundeliegenden pharmakologischen Intervention nicht um eine Behandlung mit SSRIs handelt und (3) CBASP als psychotherapeutisches Verfahren eingesetzt wird.

Die Unterschiede zwischen den zwei Metaanalysen sind im wesentlich auf strengere Einschlusskriterien bezüglich der methodischen Qualität der Primärstudien bei von Wolff sowie Kriston et al. [892], [893] und auf die Ergebnisse einer erst nach der Metaanalyse von Cuijpers erschienenen großen Studie [894] zur Wirksamkeit von CBASP zurückzuführen, die die bisher durch die Studie von Keller et al. (2000) dominierten Effekte relativierte. In beiden Übersichtsarbeiten finden sich konsistente Hinweise auf die geringere Wirksamkeit psychotherapeutischer Interventionen bei der Subgruppe der Patienten mit einer Dysthymie.

Cuijpers et al. fanden in sieben Studien mit Patienten mit Dysthymie (Subgruppenanalyse in einer Metaanalyse zur Behandlung chronischer Depression und Dysthymie) eine statistisch signifikante Überlegenheit von Pharmakotherapie (Standard Mean Difference (SMD) 0,47, 95% Konfidenzintervall (KI) 0,18-0,75) [891].

Imel et al. fanden in einer Moderatorenanalyse (in einer Metaanalyse zur Behandlung unipolarer Depression und Dysthymie) statistisch signifikant größere Unterschiede zwischen Pharmakotherapie und Psychotherapie bei Dysthymie als bei akuter depressiven Episode, mit einer Überlegenheit der Pharmakotherapie [895].

Kriston et al. fanden in einer Moderatorenanalyse (in einer Netzwerkmetaanalyse zur Behandlung persistenter depressiver Störungen) keinen statistisch signifikanten Effekt der Diagnose (Dysthymie vs. chronische Major Depression) auf den Unterschied zwischen Pharmakotherapie und Psychotherapie. Sie zeigten aber in der gesamten Patientenpopulation eine statistisch signifikante Überlegenheit von Pharmakotherapie im Vergleich zu interpersoneller Psychotherapie und supportiver Psychotherapie, während kein statistisch signifikanter Unterschied zwischen Pharmakotherapie und kognitiv orientierten Therapieformen (CBASP und KVT) gezeigt wurde [893].

3.5.4.1 Empfehlungen zur Psychotherapie bei Dysthymie, Double Depression und chronischer Depression

Insgesamt bleibt für die Interpretation dieser RCTs zur Psychotherapie, insbesondere bei Dysthymie und Double Depression, kritisch anzumerken, dass die Stichproben teilweise relativ klein und auch die Behandlungszeiträume teils relativ kurz bemessen waren. Bei Dysthymien, Double Depression und chronischer Depression ist eine aktive Suche nach individuell-lebensgeschichtlichen Störungsfaktoren angezeigt. Da es um längere Krankheitsdauern geht, sollten unter Umständen auch längere Therapiedauern mit Aufarbeitung individueller störungsbedingender und aufrechterhaltender Faktoren bedacht werden, wobei zur Absicherung dieser Aussage weitere Studien nötig sind. Die Evidenzlage deutet darauf hin, dass bei Patienten, die ausschließlich an einer Dysthymie leiden, eine Pharmakotherapie wahrscheinlich wirksamer ist als eine alleinige Psychotherapie, wobei insgesamt nur wenige Studien zur psychotherapeutischen Behandlung von Patienten mit einer Dysthymie vorliegen und Wirksamkeitsunterschiede zwischen verschiedenen Psychotherapieverfahren bei diesen Patienten nicht auszuschließen sind.

Empfehlung/Statement

Empfehlungsgrad

3-45_mod_2015

Bei Double Depression und chronischer Depression soll der Patient darüber informiert werden, dass eine Kombinationstherapie mit Psychotherapie und Antidepressiva gegenüber einer Monotherapie wirksamer ist.

LoE Ia: Metaanalysen [891], [892], [893]

A

3-46_NEU_2015

Bei Dysthymie sollte eine Psychotherapie angeboten werden.

LoE Ia: Metaanalyse [893]

B

3-36 (hierbei handelt es sich um die Wiederholung einer Empfehlung zur besseren Verständlichkeit)

Bei Dysthymie und Double Depression soll eine pharmakologische Behandlung angeboten werden.

LoE Ia: Metaanalysen [891], [893], [895]

A

Tabelle 18: Psychotherapie bei Dysthymie

 

Studientyp

Ergebnisse

Psychotherapie

(Netzwerk-)Metaanalyse

Psy < AD [891]

Psy + AD = AD [892], [893]

Kognitive
Verhaltenstherapie

Review

KVT < AD [890]

KVT + AD > AD [890], [896]

4 RCTs

KVT = Placebo [897]

KVT + AD > AD [897]

KVT = AD [898]

KVT + AD > AD (als Weiterbehandlung nach 8 Wochen AD) [898]

Problemlösetherapie > Placebo [899]

Interpersonelle
Psychotherapie

2 RCTs

IPT < IPT + AD, AD [900]

IPT + AD = AD [901]

IPT = supportive Kurzzeittherapie [901]

Tabelle 19: Psychotherapie bei Double Depression

 

Studientyp

Ergebnisse

Kognitive
Verhaltenstherapie

Review

KVT < AD [890]

KVT + AD > AD [890]

1 RCT

KVT + AD > AD [902]

Interpersonelle
Psychotherapie

1 RCT

IPT < IPT + AD, AD [900]

Tabelle 20: Psychotherapie bei chronischer Depression

 

Studientyp

Ergebnisse

Psychotherapie

(Netzwerk-) Metaanalyse

Psy + AD > AD [891]

Psy + AD > Psy [891]

Psy + AD > AD [892], [893]

Kognitive
Verhaltenstherapie

2 RCTs

CBASP + AD > CBASP, AD [579]

CBASP < AD (bei Patienten ohne frühe Traumatisierung) [903]

CBASP > AD (bei Patienten mit früher Traumatisierung) [903]

Response nach Switching von CBASP auf AD oder von AD auf CBASP bei ursprünglicher Non-Response [904]

3.5.5 Effektivität von Psychotherapie bei älteren Patienten

In 15 Reviews bzw. Metaanalysen zur Psychotherapie bei Depressionen im Alter wurden Patienten im Mittel zwischen 68,4 und 79,8 Jahren einbezogen. Hochbetagte Patienten (> 85 Jahre) wurden nur vereinzelt im Rahmen von Psychotherapiestudien behandelt. Über die verschiedenen Studien hinweg wurden Menschen mit allen Schweregraden einer Depression, inklusive Dysthymie, eingeschlossen. Die Studienqualität der eingeschlossenen und aussagekräftigen, kontrollierten, randomisierten Studien ist gut bis sehr gut. Die untersuchten Psychotherapien umfassen die Kognitive Verhaltenstherapie (KVT), die Problemlösetherapie (PST), die basierend auf verhaltenstherapeutischen Techniken die Verbesserung der Selbstkontrolle eines Individuums im Umgang mit Problemen fördert, die Interpersonelle Psychotherapie (IPT), die Reminiszenztherapie (RT), bei der das Erinnern persönlich bedeutsamer vergangener Erfahrungen zur Lösung vergangener Konflikte eingesetzt wird und die psychodynamische Psychotherapie (STPP).

Die Effektivität von KVT gegenüber nicht aktiven Kontrollinterventionen (z. B. Wartegruppe) und herkömmlicher Behandlung konnte in drei Metaanalysen aufgezeigt werden [905], [906], [907]. Die Befunde blieben bis 12 Monate nach Behandlungsende stabil [908]. Die Effektivität von KVT, in Kombination mit Pharmakotherapie (Desipramin) gegenüber KVT allein und gegenüber Pharmakotherapie allein, zeigte eine größere Symptomreduktion sowohl im Fremd- als auch im Selbstrating für die Kombinationstherapie, wobei die Effekte der Kombinationstherapie gegenüber den Monotherapien für schwerere Depressionen größer ausfielen. Eine Überlegenheit von KVT gegenüber einer anderen psychotherapeutischen (IPT, PST, RT, STPP) oder einer medikamentösen Behandlung konnte nicht nachgewiesen werden [909]. Auch im Gruppenformat erwies sich KVT als effektiv [910].

IPT in einem stationären Setting zeigte zu Behandlungsende bezogen auf die Depressionsschwere keine Überlegenheit gegenüber einer herkömmlichen Behandlung (TAU). Allerdings konnten 6 Monate später signifikante Verbesserungen in der IPT-Gruppe im Vergleich zu TAU beobachtet werden [909]. Die Effektivität von IPT gegenüber herkömmlicher Behandlung (TAU) konnte in einem primärärztlichen Setting nicht nachgewiesen werden [907].

PST erwies sich im Rahmen von 5 Einzelstudien bezogen auf die Depressionsschwere und die Beurteilung des Funktionsniveaus gegenüber Wartegruppe, herkömmlicher Behandlung (TAU) und anderen Interventionen (z. B. Reminiszenztherapie, aktiv unterstützende Therapie) als überlegen [909].

RT und "Life Review" zeigten in 4 Einzelstudien verglichen mit herkömmlicher Behandlung (TAU), einer nicht aktiven Kontrollbedingung und keiner Behandlung signifikante Vorteile hinsichtlich einer reduzierten depressiven Symptomatik. Gegenüber PT erwies sich RT weniger wirksam und führte deutlich seltener zu einer Remission [905], [909].

STPP führte zu positiveren Effekten gegenüber einer Wartegruppe [911]. Gegenüber KVT als aktive Kontrollintervention ist STPP in ihrer Wirksamkeit auf die depressive Symptomatik vergleichbar. In einer Studie blieben die Effekte auch nach 2 Jahren erhalten.

3.5.5.1 Empfehlungen zur Psychotherapie bei älteren Patienten

Die Behandlung älterer, insbesondere multimorbider und eingeschränkter Menschen geht mit besonderen Herausforderungen einher. Hohe Dropout-Raten bei alten Studienteilnehmern lassen sich auf typische Probleme zurückführen, wie z. B. Transportprobleme aufgrund eingeschränkter Mobilität, somatische Komorbidität und sensorische Beeinträchtigungen. Gleichwohl existieren altersspezifische Adaptionen der Therapiemanuale [796], [912], [913]. Psychotherapie wird von älteren Patienten geschätzt, wenn sie Erfahrung damit machen können [914]. Besonderheiten im therapeutischen Vorgehen (bei Hochbetagten und Komorbiden) werden zunehmend wahrgenommen. Versorgungsangebote auch für in der Mobilität Eingeschränkte (aufsuchende Psychotherapie, Internet-basierte Psychotherapie) werden entwickelt und selbst depressive ältere Patienten mit leichter kognitiver Beeinträchtigung profitieren von diesen Interventionen [915]. Die Bedeutung des Alters als Prädiktor für den Behandlungserfolg ist bislang unklar [907], [916], [917]. Die Tabelle 21 fasst die vorliegende Evidenz für psychotherapeutische Ansätze mit älteren Patienten zusammen. Die umfangreichste Befundlage und sicherste Evidenz existiert für die Kognitive Verhaltenstherapie und die Problemlösetherapie. Effektivitätsnachweise existieren auch in der Behandlung subklinischer Störungen [918]. Es gibt Befunde, die zeigen, dass eine Kombinationsbehandlung gegenüber einer alleinigen medikamentösen Behandlung signifikant überlegen ist [907], [919]. Doch liegen auch Befunde vor, die dem widersprechen [731], [905]. Der Schweregrad moderiert die Effekte, indem bei schwereren Depressionen die Kombination aus KVT und Antidepressivum bessere Effekte erzielt als ein Antidepressivum alleine.

Empfehlung/Statement

Empfehlungsgrad

3-47_NEU_2015

Bei Depressionen im höheren Lebensalter (ab 65 Jahre) soll Betroffenen eine Psychotherapie angeboten werden.

LoE Ia: Metaanalysen [905], [906], [907], [909]

A

3-48_NEU_2015

Bei schweren Formen einer Depression im Alter sollte eine Kombination aus Pharmako- und Psychotherapie angeboten werden.

LoE Ia: Metaanalysen [731], [905], [907], [919]

B

3-49_NEU_2015

Bei leichten kognitiven Einschränkungen und einer Depression im Alter sollte eine Psychotherapie (bevorzugt als Einzeltherapie) angeboten werden.

LoE Ib: RCT [915]

B

Tabelle 21: Psychotherapie bei älteren Patienten

Therapieform

Studientyp

Zusammenfassung

Kognitive Verhaltenstherapie

Metaanalysen

KVT > Wartegruppe [905], [906], [907]

KVT = RT [909]

Interpersonelle Therapie

Metaanalyse

IPT = TAU, stationäres Setting [909]

IPT = TAU, primärärztliches Setting [907]

Problemlösetherapie

Metaanalyse

PST > Wartegruppe, TAU [909]

Reminiszenztherapie und Life-Review

Metaanalyse

RT > TAU, keine Behandlung

RT < andere Psychotherapie [905], [909]

Psychodynamische Therapie

RCT

STPP > Wartegruppe

STPP = KVT [911]

3.5.6 Kombination von Antidepressiva und Psychotherapie

Psychotherapie wird in der Praxis im Rahmen der Behandlung depressiver Störungen häufig mit einer Pharmakotherapie kombiniert. Hierbei lassen sich drei Formen unterscheiden:

  1. Psychotherapie wird nach einer Pharmakotherapie in der Akutbehandlungsphase eingeführt (sequenziell; vgl. Kapitel 3.5.7 "Erhaltungstherapie bzw. Rezidivprophylaxe durch Psychotherapie").
  2. Die eine oder andere Behandlungsform wird zusätzlich bei Nicht- bzw. geringer Effektivität einer alleinigen Behandlungsform eingeführt (augmentierend) bzw. wenn Aspekte hinzukommen, die eine spezifische Indikation zur Pharmakotherapie oder zur Psychotherapie ergeben (vgl. Kapitel 3.5.7 "Erhaltungstherapie bzw. Rezidivprophylaxe durch Psychotherapie").
  3. Beide Behandlungsformen werden gleichzeitig angewendet.

Bezüglich der Akutbehandlung depressiver Patienten fanden Metaanalysen und Übersichtsarbeiten keine zusätzlichen, d. h. additiven bzw. synergistischen Effekte auf die Symptomreduktion für eine Kombination aus psychotherapeutischen Verfahren (KVT oder IPT) und verschiedenen Pharmakotherapien (z. B. Trizyklika oder SSRIs) [576], [582], [808], [920], [921], [922], [923], [924]. Dem stehen Befunde gegenüber, dass depressive Patienten bei einer Kombinationstherapie (Antidepressiva und Psychotherapie) eine höhere Medikamentencompliance aufweisen, weniger häufig die Behandlung abbrechen, besser kooperieren, weniger zusätzliche Behandlungsangebote in Anspruch nehmen (Kosteneffizienz), eine höhere soziale Anpassung zeigen und längerfristig die günstigsten Ergebnisse hinsichtlich der Rezidivhäufigkeit aufweisen [220], [582], [808], [881]. Auch in einer aktuellen Metaanalyse von Cuijpers et al. [867] zeigte sich keine allgemeine Überlegenheit einer kombinierten Behandlung aus IPT und Pharmakotherapie gegenüber IPT zu Behandlungsende.

Für spezifische Subgruppen liegen hingegen hinreichende Studienbelege vor, die eine Differenzialindikation zur Kombinationstherapie von Antidepressiva und Psychotherapie erlauben: Für schwere depressive Episoden [373], [577], chronisch depressive Patienten [579], rezidivierende Depressionen [297], [580], [603] sowie ältere (59-70 Jahre alte) depressive Patienten [602] sind statistisch signifikante additive Effekte einer Kombinationstherapie gegenüber einer alleinigen Psychotherapie (bei schweren) oder einer alleinigen Pharmakotherapie (bei chronisch depressiven sowie älteren depressiven Patienten) nachgewiesen.

In einer Metaanalyse von Cuijpers et al. [925] finden sich Hinweise, dass eine kombinierte Behandlung von Psycho- und Pharmakotherapie zu einer stärkeren Symptomreduktion führt als eine Kombination aus Psychotherapie und einem pharmakologischen Placebo, wobei der Effekt für schwerer depressive Patienten größer ausfiel. In einer weiteren Metaanalyse von Cuijpers et al. [926] konnte zudem gezeigt werden, dass eine kombinierte Behandlung aus Psycho- und Pharmakotherapie zu signifikant größeren Effekten führt als eine rein psychotherapeutische Intervention. Der Effekt war größer bei Patienten mit chronischer Depression, einer komorbiden HIV-Erkrankung und älteren Patienten.

Empfehlung/Statement

Empfehlungsgrad

3-50_mod_2015

Bei schweren und rezidivierenden sowie chronischen Depressionen und Double Depression sollte die Indikation zur Kombinationsbehandlung aus Pharmakotherapie und geeigneter Psychotherapie vorrangig vor einer alleinigen Psychotherapie oder Pharmakotherapie geprüft werden.

LoE Ia: Metaanalysen [925], [926]

B

3-51_mod_2015

Studienergebnisse liefern Hinweise, dass die Compliance (bzw. Adhärenz) bei einer medikamentösen Therapie höher ist, wenn zugleich auch eine Psychotherapie stattfindet.

LoE Ib: RCTs [250], [575], [578]

Statement

3.5.7 Erhaltungstherapie bzw. Rezidivprophylaxe durch Psychotherapie

Wegen des häufig rezidivierenden Verlaufs depressiver Störungen und der sich daraus ergebenden Notwendigkeit von Maßnahmen zur Aufrechterhaltung des Therapieerfolgs und zur Rezidivprophylaxe haben psychotherapeutische Strategien, die einen einmal eingetretenen Behandlungserfolg beibehalten helfen, wachsende Bedeutung, ebenso geeignete Verfahren zur Behandlung einer Residualsymptomatik bei partieller Remission [927], [928].

Aus naturalistischen Studien an behandelten depressiven Patienten sind Rückfall- bzw. Wiedererkrankungsraten von ca. 30-40 % innerhalb eines Jahres und von ca. 40-50 % innerhalb zweier Jahre nach Remission bekannt [209], [218]. Da schon die ausschließlich in der Akutphase angewendeten Psychotherapien bei leichten bis mittelschweren Depressionen, insbesondere die KVT, zu günstigeren längerfristigen Effekten führen als die Pharmakotherapie, wurde in den vergangenen Jahren verstärkt deren Potenzial als Erhaltungstherapien sowie zur Rückfallprophylaxe und langfristigen Erfolgssicherung untersucht und bestätigt [53].

Psychotherapeutische Maßnahmen (KVT oder IPT) realisieren dabei die bereits im Rahmen der Akuttherapie angewandten Elemente, z. T. ergänzt um weitere spezielle Interventionen. Der Umfang der Erhaltungstherapien liegt zwischen zehn und 36 (einzeltherapeutischen) Sitzungen, verteilt über einen mehrmonatigen, z. T. auch mehrjährigen Zeitraum (sechs- bis 36 Monate). Die Katamnesen reichen bis zu sechs Jahren. Das Grundprinzip dabei ist, dass Psychotherapie potenziell Bewältigungsfähigkeiten, gerade bei kritischen Lebensereignissen, steigern und somit Trigger für rezidivierende depressive Episoden reduzieren kann [53].

Daten zur Wirksamkeit liegen aus drei unterschiedlichen Quellen (siehe unten) vor: (1) Carry-over-Effekte aus der psychotherapeutischen Akutbehandlung auf mögliche Rückfälle innerhalb von ein oder zwei Jahren; (2) Psychotherapien als alleinige Erhaltungstherapien; (3) Psychotherapien als Bestandteil einer Kombinationstherapie in der Erhaltungsphase.

3.5.7.1 Carry-over-Effekte von Psychotherapie

Unter Carry-over-Effekten versteht man Nachwirkungen, die über das Therapieende hinaus anhalten. Diese nachhaltigen Carry-over-Effekte werden auch von der Akuttherapie auf spätere Phasen erwartet, in denen keine Therapie mehr stattfindet (z. B. eine anschließende Erhaltungstherapie oder Therapie zur Rezidivprophylaxe; vgl. [53], [929]). Patienten, die von einer Pharmakotherapie profitiert haben, ihre Medikation nach der Behandlung in der Akutphase (z. B. aufgrund des Studiendesigns) jedoch nicht fortgeführt haben, wiesen innerhalb eines Follow-up-Zeitraums von zwölf oder 24 Monaten eine hohe Wahrscheinlichkeit eines Rezidivs auf [930], [931], [932].

Im Vergleich hierzu wiesen Patienten, die mit KVT behandelt wurden, signifikant geringere Rückfallraten auf. In der Studie von Simons et al. [930] hatten 20 % der mit KVT therapierten Patienten gegenüber 66 % derjenigen Patienten, die ihre Medikation abgesetzt hatten, einen Rückfall innerhalb von zwölf Monaten. In der Studie von Evans et al. [932] hatten wiederum 20 % der KVT-behandelten Patienten einen Rückfall gegenüber 50 % der Patienten, die ihre Medikation unterbrochen hatten.

In einem naturalistischen Follow-up der NIMH-Studie [432], [931] gab es keine signifikanten Unterschiede zwischen den Interventionen bezüglich des Anteils der Patienten, die während eines 18-Monats-Follow-up-Zeitraums ihre Remission beibehalten konnten, und jener Patienten, die nach einer Remission ein Rezidiv erlitten hatten [931]. Gleichwohl waren die Remissionsraten in allen Interventionen relativ gering: bei KVT 30 %, bei IPT 26 %, bei Imipramin und Clinical Management 19 % und bei Placebo mit Clinical Management 20 %. Unter jenen Patienten, die ursprünglich eine Remission erreicht hatten, betrugen die Rückfallraten 36 % (KVT), 33 % (IPT), 50 % (Imipramin und Clinical Management) bzw. 33 % (Placebo und Clinical Management). Nach zwölf Monaten hatten diejenigen Patienten, die mit KVT behandelt worden waren, die geringste Rückfallrate. Eine Schlussfolgerung der Autoren geht dahin, dass eine lediglich 16-wöchige Akutbehandlung zu kurz und daher insuffizient für die meisten Patienten ist, um eine volle Remission zu erreichen und zu erhalten.

Zusammengefasst ist festzustellen, dass auch dann Rückfälle und Rezidive im Langzeit-Follow-up auftreten können, wenn Carry-over-Effekte aus der Akutbehandlung mit KVT oder IPT nachweisbar sind (vgl. [929]).

Tabelle 22: Carry-over-Effekte von Psychotherapie

 

Studientyp

Ergebnissea

Kognitive
Verhaltenstherapie

Metaanalysen

Rückfallhäufigkeit: KVT < AD [736], [737]

5 RCTs

KVT < AD [826], [930], [932]

KVT = IPT [432], [931]

KVT/IPT < AD + CM [432], [931]

KVT/IPT < Placebo + CM [432], [931]

Interpersonelle
Psychotherapie

2 RCTs

IPT = KVT, AD + CM, Placebo + CM [432], [931]

a Studien zur Langzeitwirkung psychoanalytischer Therapien, in die auch depressive Patienten eingeschlossen waren, zeigen gleichfalls Carry-over-Effekte vom Therapieende bis zum 1-Jahres-Katamnesezeitpunkt ([853]: GSI der SCL 90-R und IIP-Score; [854]: GSI und Depressionsskala der SCL 90-R und IIP-Score).

3.5.7.2 Psychotherapie als alleinige Erhaltungstherapie bzw. Rezidivprophylaxe

Eine vergleichende Metaanalyse zur Wirksamkeit der KVT (als Akut- und/oder Erhaltungstherapie) zur Verringerung von Rückfällen und Rezidiven schloss 28 Studien (n = 1.880) ein [933]. Patienten, die in der Akutphase mit einer alleinigen KVT oder mit KVT als Teil einer Kombinationstherapie mit Antidepressiva behandelt wurden, hatten gegenüber mit einer alleinigen Pharmakotherapie behandelten depressiven Patienten eine signifikant erhöhte Chance auf ein besseres Behandlungsergebnis (d. h. in einem mittleren Zeitraum von ca. 60 Wochen keinen Rückfall oder kein Rezidiv zu erleiden). Die Ergebnisse zeigen darüber hinaus, dass mit einer KVT als Erhaltungstherapie behandelte Patienten im Vergleich zu nicht-aktiv behandelten Kontrollgruppenpatienten (und tendenziell auch gegenüber aktiv mit Antidepressiva behandelten Kontrollgruppen) eine signifikant höhere Chance auf ein besseres Behandlungsergebnis aufwiesen. Zudem hatten sie ein signifikant reduziertes Risiko für einen Rückfall oder ein Rezidiv zum Ende der Erhaltungstherapiephase. Auch eine alleinige KVT als Erhaltungstherapie bzw. Rezidivprophylaxe nach einer Pharmakotherapie in der Akutphase reduziert Rückfälle oder Rezidive [298], [933], [934], [935].

In einer Übersichtsarbeit von de Jong-Meyer et al. wurden ebenfalls Belege für die Wirksamkeit kognitiv-verhaltenstherapeutischer Psychotherapie in Bezug auf die Verringerung von Rückfällen und Rezidiven identifiziert [53].

In einer systematischen Übersichtsarbeit und Metaanalyse von Galante [936] wurde die Wirksamkeit von MBCT als zusätzliche Psychotherapie zu TAU untersucht. Für den Zeitpunkt des Ein-Jahres-Follow-ups lagen Daten aus 5 Studien vor, in denen die Rückfallrate in Behandlungsarmen mit MBCT im Schnitt um 40 % reduziert war.

In einer Metaanalyse von Piet und Hougaard [937] wurde ebenfalls die Wirksamkeit von MBCT als zusätzliche Psychotherapie zu TAU bzw. einer Placebo-Behandlung untersucht. Dabei konnten insgesamt sechs Studien identifiziert werden. Für den Zeitpunkt des Follow-ups (14-18 Monate) zeigte sich in der Gruppe von Patienten mit drei oder mehr Episoden in der Vorgeschichte eine Reduktion des Rückfallrisikos um 43%.

In einer systematischen Übersichtsarbeit und Metaanalyse von Clarke et al. [938] konnten 27 Studien identifiziert werden, in denen psychotherapeutische Interventionen (KVT, MBCT und IPT) im Anschluss an eine pharmakologische oder psychotherapeutische Akutintervention eingesetzt wurden. Dabei zeigte sich eine Reduktion der Rückfallhäufigkeit um 22% zum Zeitpunkt des Follow-ups (12 Monate).

Empfehlung/Statement

Empfehlungsgrad

3-52

Zur Stabilisierung des Therapieerfolgs sowie zur Senkung des Rückfallrisikos soll im Anschluss an eine Akutbehandlung eine angemessene psychotherapeutische Nachbehandlung (Erhaltungstherapie) angeboten werden.

LoE Ia: Metaanalysen [53], [867], [933], [936], [937], [938]

A

Die Ergebnisse zur Erhaltungstherapie korrespondieren mit Expertenmeinungen zu den Psychotherapievereinba­rungen (so genannte Festlegung der Behandlungskontingente): Danach schließt sich die Erhaltungstherapie zur Stabilisierung der erzielten Effekte sowie zur Rezidivprophylaxe "quasi" in einem Guss an die ambulante psychotherapeutische Akutbehandlung gleich welchen Therapieverfahrens an, wenn nachhaltige Langzeiteffekte erzielt werden sollen.

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3.5.7.3 Psychotherapie als Teil einer Kombinationsbehandlung

In einer Übersichtsarbeit von de Jong-Meyer et al. konnten teilweise Belege für additive Effekte einer zusätzlichen KVT bzw. IPT zur medikamentösen Erhaltungstherapie identifiziert werden [53].

In einer systematischen Übersicht und Metaanalyse von Cuijpers et al. [867] konnten fünf Studien identifiziert werden, in denen remittierte Patienten im Anschluss an die Akutbehandlung mit einer Kombination aus IPT und Pharmakotherapie oder Pharmakotherapie alleine behandelt wurden. Die Rate der Rückfälle war dabei in der Gruppe der kombinierten Behandlung signifikant geringer als in der Gruppe, die ausschließlich medikamentös behandelt wurde.

Empfehlung/Statement

Empfehlungsgrad

3-53

Längerfristige stabilisierende Psychotherapie (Rezidivprophylaxe) soll Patienten mit einem erhöhten Risiko für ein Rezidiv angeboten werden.

LoE Ia: Metaanalysen [53], [867], [933], [936], [937], [938]

A

Tabelle 23: Psychotherapie als Erhaltungstherapie bzw. zur Rezidivprophylaxe

 

Studientyp

Ergebnisse

Kognitive
Verhaltenstherapie

Metaanalyse

KVT ≥ AD [933]

KVT > TAU [933]

14 RCTs

KVT > CM [298], [939], [940], [941], [942], [943], [944]

KVT = AD [880]

KVT > TAU [819]

MBCT + TAU > TAU (für Patienten mit ≥ 3 Episoden) [945], [946]

CBASP > unspezifische KG [947]

AD + KVT = AD + CM [948]

AD + KVT > AD + CM [935]

Interpersonelle
Psychotherapie

Metaanalyse

Rückfallhäufigkeit: IPT+AD > AD [867]

6 RCTs

IPT + AD > IPT [297], [928], [949]

IPT > CM + AD [297], [928], [949]

IPT > Placebo (ältere Patienten) [602], [728]

IPT < AD (ältere Patienten) [728]

IPT + AD > IPT, AD (ältere Patienten > 70 J.) [602], [728]

IPT + AD akut und AD als Erhaltungstherapie > IPT, AD, IPT + AD [950]

3.5.8 Effektivität von Psychotherapie bei behandlungsresistenter Depression

Als behandlungsresistent werden nach allgemein akzeptierter Definition [951], [952] depressive Störungen angesehen, wenn Patienten auf mindestens zwei unterschiedliche, adäquat (auf-)dosierte Antidepressiva aus verschiedenen Wirkstoffklassen keine Response gezeigt haben. Insgesamt bleibt jedoch eine definitorische Unschärfe bei der Unterscheidung einer chronischen unipolaren Störung mit mehr als zwei Jahren Dauer einerseits und einer behandlungsresistenten Depression andererseits.

Psychotherapeutische Verfahren wurden bislang nur äußerst selten in randomisiert-kontrollierten Studien systematisch auf ihre Effektivität in der Behandlung von auf einer Pharmakotherapie therapieresistenten depressiven Störungen hin evaluiert, obwohl Psychotherapie gemeinhin als Verfahren der Wahl gilt, wenn eine Antidepressivatherapie keine Response bewirkt. Studien zur Wirksamkeit von Psychotherapie bei gegenüber bisheriger Psychotherapie behandlungsresistenter Depression liegen bislang nicht vor (Wechsel des Therapieverfahrens).

In einem Review werden nach Einschluss von vier kontrollierten Studien hohe Effektstärken berichtet (gemessen mit der Hamilton Rating Scale for Depression), die durch KVT anhand der Verbesserung gegenüber einem neuen Antidepressivum gezeigt wurden (zwei Studien, einmal Kombination von KVT und AD, Warteliste oder Selbsthilfemanual) [953], [954], [955], [956]. Diese Studien weisen jedoch sehr kleine Fallzahlen auf, und die Validität bzw. Generalisierbarkeit der Befunde ist daher eher eingeschränkt [957].

In einer systematischen Übersichtsarbeit von Trivedi et al. [958] wurden sieben Studien identifiziert, in denen Psychotherapie (hauptsächlich KVT) als Augmentation oder Alternative zur medikamentösen Behandlung bei behandlungsresistenter Depression untersucht wurde. Dabei zeigte sich in 3 qualitativ hochwertigen, einer qualitativ mittelwertigen und zwei Studien mit methodischen Einschränkungen, dass Psychotherapie einen zusätzlichen Nutzen als Substitution oder Augmentation zur medikamentösen Behandlung erzielen kann. Nur in einer qualitativ mittelwertigen Studie erwies sich KVT als unterlegen im Vergleich zur medikamentösen Behandlung.

Die gegenwärtige Datenlage macht deutlich, dass es einen Bedarf an randomisiert-kontrollierten Studien zur Effektivität psychotherapeutischer Verfahren für Patienten mit behandlungsresistenter Depression gibt. Bei therapieresistenten Verläufen können auch psychotherapeutische Behandlungsformen mit deutlich erweiterten Behandlungskonzepten und höheren Anzahl von Behandlungssitzungen erforderlich sein, deren adäquate Überprüfung der Effektivität durch RCTs bisher noch nicht hinreichend konzipiert und konsentiert worden ist. In Hinsicht auf die Bewertung des medizinischen Nutzens ist die Bedeutung versorgungsnaher kontrollierter oder Feldstudien gegenüber der Relevanz von RCT-Studien abzuwägen.

Empfehlung/Statement

Empfehlungsgrad

3-54

Bei pharmakotherapieresistenter Depression sollte den Patienten eine angemessene Psychotherapie angeboten werden.

LoE Ib: syst. Übersichtsarbeiten [957], [958]

B

Tabelle 24: Psychotherapie bei behandlungsresistenter Depression

 

Studientyp

Ergebnisse

Kognitive
Verhaltenstherapie

Reviews

KVT > AD, Warteliste, Selbsthilfemanual [957]

KVT (+ AD) > AD [958]

3.5.9 Geschlechtsunterschiede in der Wirksamkeit psychotherapeutischer Verfahren

Frauen tragen ein ca. doppelt so hohes Risiko, an Depression zu erkranken wie Männer, während Unterschiede im Krankheitsverlauf weniger gut dokumentiert sind [20]. Eine aktuelle Studie an mehr als 1.000 gegengeschlechtlichen Zwillingspaaren [959] zeigt darüber hinaus unterschiedliche Pfade in die Entwicklung einer Depression in Abhängigkeit von geschlechtsspezifischen Belastungsclustern: Während für Frauen Persönlichkeitsfaktoren wie Neurotizismus sowie wahrgenommenes Versagen mit und Unzufriedenheit in interpersonalen Beziehungen die wichtigsten Prädiktoren darstellten, waren für Männer frühere expansive Psychopathologie, frühere depressive Episoden sowie finanzielle, arbeitsbezogene und juristische Akutstressoren am bedeutsamsten. In diesem Kontext wurde die Frage aufgeworfen, ob depressive Frauen möglicherweise besser von Psychotherapie profitieren als Männer, da ihre Depression enger mit Neurotizismus und interpersonellen Stressoren assoziiert zu sein scheint [960]. Allerdings findet sich hierzu keine überzeugende Evidenz. So untersuchten einzelne Studien zur Kognitiven Verhaltenstherapie (KVT) das Geschlecht als möglichen Moderator des Therapieerfolgs und fanden keine Unterschiede in der Wirksamkeit bei Männern und Frauen [961], [962], [963], [964]. Eine stationäre Studie zur Interpersonellen Therapie (IPT, [965]) fand vergleichbare Responseraten nach 5 Wochen Behandlung. Dagegen hatten Männer etwas niedrigere Depressionswerte (HAMD) und höhere Remissionsraten (89,5% versus 61,8%) bei Entlassung, nach 3-12 Monaten waren jedoch keine geschlechtsbezogenen Unterschiede mehr deutlich. Eine systematische Übersichtsarbeit über Einzelstudien mit verschiedenen psychotherapeutischen Treatments [966] schlussfolgert, dass keine konsistente Evidenz für Geschlechtsunterschiede bezüglich des Psychotherapieerfolgs vorliegt.

In Psychotherapiestudien nehmen i.d.R. deutlich mehr Frauen als Männer teil, hauptsächlich bedingt durch deren höhere Depressionsprävalenz und Inanspruchnahme psychotherapeutischer Angebote. Was die Patientenpräferenz angeht, zeigt eine Metaanalyse von 34 Studien, die Pharmako- und Psychotherapie verglichen, dass Frauen signifikant häufiger Psychotherapie bevorzugen [967]. Zudem sind in Studien direkte Vergleiche zwischen Männern und Frauen i.d.R. a priori nicht geplant. Beide Faktoren tragen dazu bei, dass die statistische Power häufig zu gering ist, um eventuell bestehende Geschlechtsunterschiede in Einzelstudien nachweisen zu können. Eine Lösung bieten hier Metaanalysen, welche die Ergebnisse verschiedener Studien aggregieren. Eine Variante von Metaanalysen stellen Metaregressionen dar, die über den prozentualen Anteil von Frauen bzw. Männern in den eingeschlossenen Studien allerdings nur indirekte Aussagen über mögliche Geschlechtsunterschiede im Therapieerfolg machen können. Eine solche Analyse über 34 Psychotherapiestudien zeigte, dass KVT etwas erfolgreicher war als andere Verfahren, wenn der Frauenanteil in Studien höher war [968]. Eine Metaregression von Cuijpers et al. fand [811], dass Männer und Frauen in stationärer Psychotherapie gleichermaßen von der Behandlung profitierten. Eine vergleichbare Analyse von von Wolff et al. [892] fand zudem keine Hinweise dafür, dass Männer und Frauen unterschiedlich auf alleinige Pharmakotherapie versus Kombination mit Psychotherapie reagierten. Bezüglich Psychotherapie bei somatischer Komorbidität waren die Effekte von Psychotherapie auf die psychische Symptomatik in zwei Metaanalysen mit Patienten mit Krebserkrankungen [969] und Patienten mit koronarer Herzerkrankung [970] ähnlich gut für Frauen und Männer. Im Bereich psychosozialer Interventionen mit geringer Intensität berichtet ein Review [907] ebenfalls keine Effekte des Geschlechts auf die Symptomatik bei älteren Patienten. Ähnlich untersuchte Pinquart et al. [971] in einer Metaanalyse Effekte von Reminiszenz-Interventionen bei älteren Patienten, auch hier zeigten die eingeschlossenen Studien keine Geschlechtsunterschiede in der Wirksamkeit.

Die bislang einzige Metaanalyse mit individuellen Patientendaten zur Frage von Geschlechtsunterschieden in der Effektivität von face-to-face Therapien schloss Originaldaten aus 14 randomisierten Studien mit 1.793 Patienten ein, die Vergleiche von KVT, Pharmakotherapie und Kontrollbedingungen enthielten [972]. Die hier durchgeführten Analysen zeigen, dass a) beim direkten Vergleich zwischen KVT und Pharmakotherapie Männer und Frauen ähnlich gut von beiden Therapiemodalitäten profitierten, b) über alle Modalitäten hinweg (KVT, Pharmakotherapie und Kontrollbedingung) die Effekte für Frauen und Männer vergleichbar waren und c) das Geschlecht kein spezifischer Prädiktor für das Therapieergebnis darstellte, wenn es darum ging, Effekte der beiden aktiven Verfahren mit den Kontrollbedingungen zu vergleichen.

Die hier referierten Befunde unterliegen einigen Einschränkungen: So untersuchten die weitaus meisten Studien Varianten der Kognitiven Verhaltenstherapie, während zu anderen Psychotherapien (z. B. Psychodynamische Therapien, Interpersonelle Psychotherapie, Gesprächspsychotherapie, sog. Dritte Welle der Verhaltenstherapie) zur Frage des Geschlechts als Prädiktor oder Moderator des Therapieerfolgs keine oder nur vereinzelt Arbeiten vorliegen. Auch wurden i. d. R. nur Kurzzeiteffekte betrachtet, Aussagen zu möglichen Geschlechtsunterschieden bezüglich der Langzeiteffektivität von Psychotherapien lassen sich daraus nicht ableiten. Welchen Einfluss eine mögliche geschlechtsabhängig unterschiedliche Präferenz für die einzelnen Therapien hat, kann ebenfalls nicht abgeschätzt werden.

Vor dem Hintergrund dieser Einschränkungen lässt sich jedoch konstatieren, dass sich nach derzeitiger Befundlage keine überzeugenden Evidenzen dafür zeigen, dass Männer und Frauen unterschiedlich gut von Psychotherapie profitieren oder sich geschlechtsdifferenzielle Effekte bezüglich Psychotherapie versus Pharmakotherapie identifizieren lassen. Diese Aussagen werden gleichermaßen durch Studien unterstützt, die Patienten mit mittelschwerer bis schwerer Depression ohne und mit somatischer Komorbidität einschlossen, wie auch durch solche, die Interventionen in Settings mit hoher bzw. niedriger Therapieintensität anbieten.

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3.6 Nichtmedikamentöse somatische Therapieverfahren

3.6.1 Elektrokonvulsive Therapie (EKT)

3.6.1.1 Elektrokonvulsive Therapie als Akutbehandlung

Die elektrokonvulsive Therapie (EKT) ist als wirksame Behandlung therapieresistenter und schwerer depressiver Störungen anerkannt. Der Wirkeintritt erfolgt in der Regel rasch. Obwohl vor allem Patienten mit ungünstigen Krankheitsverläufen mit EKT behandelt werden, können in 60-80 % der Fälle Remissionen erzielt werden mit einer maximalen Response nach zwei bis vier Wochen [222], [973]. Bei Patienten mit psychotischen Symptomen liegt die Remissionsrate unter EKT bei ungefähr 90 %, mit einer zu erwartenden Entlastung des Patienten nach zehn bis 14 Tagen [974]. Es gibt Hinweise, dass das Suizidrisiko durch EKT rasch reduziert wird [975].

Der Anwendungsbereich der EKT beinhaltet zu etwa 80 % die therapieresistente Depression. Wenn zwei lege artis durchgeführte Behandlungen mit Antidepressiva unterschiedlicher Wirkstoffklassen zu keiner Besserung geführt haben, ist eine Behandlung mit EKT indiziert und der Patient sollte über diese Therapieoption aufgeklärt werden. Daneben kommt die EKT bei schweren depressiven Episoden primär zum Einsatz, wenn eine der folgenden Situationen vorliegt:

  • andere Behandlungen sind kontraindiziert, beinhalten ein höheres Risiko oder stärkere Nebenwirkungen;
  • es liegt ein besonders dringliches Zustandsbild vor (z. B. vital bedrohlich oder schwer suizidal);
  • der Patient wünscht die Behandlung ausdrücklich;
  • es wird ein gutes Ansprechen auf EKT erwartet (Erfahrung aus vorausgehenden EKT-Behandlungen [658] oder prognostische Hinweise wie z. B. psychotische Symptome oder psychomotorische Verlangsamung [221], [222], [241], [973], [976], [977], [978], [979]).

Die Ansprechrate unter EKT gilt als besser, wenn biologische Aspekte der Erkrankung wie hohe Erkrankungsraten innerhalb der Familie, gut abgrenzbare Phasen oder eine melancholische Ausprägung der Depression überwiegen [980]. Ältere Patienten profitieren von einer EKT-Behandlung noch deutlicher als jüngere [981]. Bei diesen ist die EKT insbesondere dann vorteilhaft, wenn unter Pharmakotherapie aufgrund von hohem Lebensalter oder körperlichen Begleiterkrankungen verstärkt Nebenwirkungen auftreten. Es müssen jedoch technische Modifikationen bei der Durchführung der EKT und die höhere Rate an kognitiven Störungen bei vorbestehenden hirnorganischen Störungen beachtet werden [982], [983], [984], [985].

Juristisch unterscheidet sich die EKT nicht von anderen medizinischen Maßnahmen: nach ausführlicher Aufklärung muss der Patient in die Narkose und die Behandlung schriftlich einwilligen, bei mangelnder Einwilligungsfähigkeit der gesetzliche Vertreter. Behandlungen gegen den natürlichen Willen des Patienten beschränken sich auf Ausnahmefälle [986]. Soweit der Patient einverstanden ist, sollten Angehörige im Sinn des Trialogs bei der Aufklärung anwesend sein, um einen gemeinsamen Konsens zu erzielen und eine weitreichende Unterstützung für die Behandlung sicherzustellen [236]. Wichtig erscheint zudem, Patienten rechtzeitig und adäquat über EKT aufzuklären [987], [988], [989], [990]. Manchmal bestehen bei Patienten und deren Angehörigen erhebliche Vorbehalte gegenüber der EKT, die eine rationale Abwägung von Nutzen und Risiko erschweren kann. Soweit Bedenken im Aufklärungsgespräch erkennbar werden, sollten sie thematisiert werden. Die EKT wird im internationalen Maßstab in Deutschland eher selten eingesetzt, die Häufigkeit nimmt jedoch in den letzten zwei Jahrzehnten deutlich zu [986].

Die Durchführung der EKT erfolgt während einer wenigen Minuten dauernden Kurznarkose unter Muskelrelaxierung gemeinsam durch einen Psychiater und einen Anästhesisten. Es wird über Maske oder Larynxmaske beatmet, eine Intubation ist nur extrem selten erforderlich. Über Oberflächenelektroden an der Kopfhaut wird mit einer Folge rechteckförmiger Stromimpulse (Dauer meist unter 1 Millisekunde, Gesamtdauer der Stimulation unter 8 Sekunden) ein therapeutischer generalisierter Krampfanfall ausgelöst, der infolge der Relaxierung äußerlich kaum in Erscheinung tritt und nach 30-90 Sekunden selbständig sistiert. In einer Abwägung von Wirkung und Nebenwirkung wird initial meist die rechte Hemisphäre (unilateral) stimuliert, soweit erforderlich auch beide Hemisphären (bilateral) [988], [991], [992]. Das iktale Elektroenzephalogramm beider Hemisphären und die Behandlungsparameter werden dokumentiert. Abgesehen von einer kurzen Nachbeobachtungszeit kann der Patient danach an den üblichen Aktivitäten bei stationärer Behandlung teilnehmen.

Eine Therapieserie besteht aus durchschnittlich 10 Einzelbehandlungen, die in einer Abwägung von Wirkung und Nebenwirkung meist zwei bis dreimal pro Woche durchgeführt werden [993]. Eine EKT-Behandlung sollte nicht beendet werden, bevor potenzierende Maßnahmen, wie z. B. Wechsel der Elektrodenposition und Steigerung der Stimulusintensität, ausgeschöpft sind [864]. Eine Kombination des Verfahrens mit Pharmakotherapie und Psychotherapie ist unter Berücksichtigung weniger Einschränkungen gut möglich [988], [994]. Obwohl EKT meist bei stationären Patienten eingesetzt wird, nimmt die Anwendung im ambulanten Bereich zu, vor allem in der Erhaltungstherapie. Ambulante EKT kann nur einer sorgfältig selektierten Patientenpopulation angeboten werden [222], [995].

Der Wirkmechanismus beruht auf dem generalisierten Anfall als therapeutisches Agens [996]. Dieser stimuliert nach heutigem Erkenntnisstand neurotrophe hirneigene Prozesse, insbesondere die Neubildung und plastische Veränderung von Zellen und Synapsen [997], [998], [999], [1000]. Es ist davon auszugehen, dass EKT neuroregenerativ und nicht neurodestruktiv wirkt. Diese tierexperimentellen Ergebnisse decken sich gut mit einer umfangreichen Metaanalyse, die keine Belege für strukturelle Hirnschäden unter EKT finden konnte [1001].

In Metaanalysen von Pagnin et al. [978] und der britischen ECT Review Group [973] erwies sich EKT im Vergleich zu Placebo (Sham-EKT), Antidepressiva im Allgemeinen, MAO-Hemmern und Trizyklika als signifikant wirksamer in Studien, in denen unterschiedliche Subgruppen von depressiven Patienten behandelt wurden (z. B. Depression mit und ohne psychotische Symptome). Die meisten der zugrunde liegenden Studien stammen aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts und sind mit den damals verfügbaren Methoden und Substanzen durchgeführt worden. Zum Vergleich von EKT und modernen Antidepressiva liegen wenige Untersuchungen vor [978], [1002]. Kontrollierte Studien legen die Annahme nahe, dass bei Patienten, die auf Antidepressiva nicht ansprechen, auch die Responserate auf EKT verringert ist [1003], [1004] und erhöhte Rückfallraten innerhalb von sechs Monaten auftreten [1005], [1006].

Es liegen nur wenige Belege aus prospektiven Studien vor, dass die Responserate durch eine Kombination von EKT mit Antidepressiva oder anderen Psychopharmaka erhöht werden kann [1007], [1008]. Trotzdem verabreichen die meisten Behandelnden parallel zur EKT psychotrope Substanzen [236] mit pragmatischen Argumenten: ein Absetzen könnte die Symptomatik weiter verschlechtern und die EKT könnte durch Veränderungen der Blut-Hirnschranke die Wirksamkeit der Medikamente steigern. Die Kombination von EKT mit Antidepressiva sollte mit Umsicht erfolgen, insbesondere bei Lithium und bei trizyklischen Antidepressiva.

Zur Kombination von EKT und Psychotherapie in der Akutphase liegen ebenfalls nur wenige Daten vor. Trotzdem scheint eine psychotherapeutische Begleitung aus pragmatischen Gründen sinnvoll. Im Erfolgsfall kann die relativ plötzliche Besserung der Beschwerden zu Anpassungsschwierigkeiten im Umgang mit sich und der Umgebung führen. Diese sollten mit dem Betroffenen und ggf. den Angehörigen besprochen werden. Bleibt andererseits der Therapieerfolg aus, muss der Behandelnde dem Patienten vermitteln, dass er ihn nicht aufgibt, sondern mit anderen Therapieoptionen weiter begleitet [988].

3.6.1.2 Sicherheits- und Nebenwirkungsprofil der EKT

EKT ist ein sicheres Behandlungsverfahren, bei dem die Mortalitäts- und Morbiditätsraten extrem gering sind [222], [241]. Solange eine Kurznarkosefähigkeit gegeben ist, gibt es keine absoluten Kontraindikationen. Einige zerebrale und extrazerebrale Erkrankungen gelten als relative Kontraindikationen, wie z. B. erhöhter intrakranieller Druck oder ein kürzlich überstandener Herz- oder Hirninfarkt. EKT kann bei Jugendlichen und geriatrischen Patienten, bei Herzschrittmacher, Gravidität und länger zurückliegendem Herz- oder Hirninfarkt eingesetzt werden. Allerdings erfordern alle besonderen Konstellationen eine sorgfältige Abklärung, eine individuelle Nutzen-Risiko-Abwägung, eine spezifische Aufklärung und entsprechende Vorsichtsmaßnahmen.

Im Zusammenhang mit der Behandlung können Komplikationen wie Herzrhythmusstörungen, Blutdruckdysregulationen und prolongierte Anfälle auftreten. Kopfschmerzen, Schwindel und Muskelkater sind häufig genannte Nebenwirkungen, die symptomatisch behandelt werden. Selten kommt es zu einem Switch in eine (hypo-manische Symptomatik). Dann sollte weiterbehandelt werden, da EKT auch antimanisch wirksam ist [1009].

Kognitive Nebenwirkungen nach EKT können als postiktale Verwirrtheitszustände sowie anterograde und retrograde Amnesien auftreten. Risikofaktoren sind z. B. bilaterale Applikation, hohe Stimulusintensität, hohe Behandlungsfrequenz. Da diese Behandlungsparameter in der Regel mit einer stärkeren Wirkung der EKT einhergehen, muss eine individuelle Nutzen-Risikoabwägung getroffen werden. In den meisten Fällen bilden sich Defizite rasch und vollständig zurück, so dass die kognitiven Funktionen ab einem Zeitraum von 15 Tagen nach der EKT-Behandlung im Mittel besser sind als vor der Behandlung [1010]. Selten, schwer objektivierbar, aber glaubhaft beklagen wenige Patienten persistierende retrograde Amnesien in Form von inselförmigen Erinnerungslücken im Langzeitgedächtnis, unter denen sie stark leiden [1011], [1012]. Aufgrund einer Vielzahl von Untersuchungen ist festzustellen, dass sich unter EKT keine strukturellen Hirnschäden darstellen lassen [1001].

3.6.1.3 EKT als Erhaltungstherapie

Nach erfolgreicher EKT besteht ohne prophylaktische Maßnahmen eine hohe Rückfallgefahr wegen der Chronizität und Therapieresistenz der behandelten Störungen. Zwischen 50 % und 95 % der Patienten, die auf eine EKT hin remittiert sind, erleiden innerhalb von sechs Monaten einen Rückfall. Prädiktoren hierfür sind eine vor der Behandlung mit EKT bestehende Therapieresistenz auf Pharmakotherapie und ein hoher Schweregrad der Depression [222]. Prophylaktische Maßnahmen können Kombinationen von medikamentöser Behandlung, EKT-Erhaltungsbehandlung und Psychotherapie beinhalten [1013], [1014].

Es liegt eine randomisierte und doppelblinde Studie zur rezidivverhütenden Pharmakotherapie im Erhaltungstherapiezeitraum nach Remission unter EKT vor [1015]. Im sechsmonatigen Studienzeitraum kam es unter Placebo bei 84 % der Patienten, unter Nortriptylin bei 60 % der Patienten und unter einer Nortriptylin-Lithium-Kombination bei 39 % der Patienten zu einem Rezidiv (jeweils signifikante Unterschiede). Ein systematisches Review [1016] zeigt eine Halbierung des Rückfallrisikos unter Medikation (37,7 %) im Verhältnis zu Placebo in den ersten sechs Monaten nach EKT. Unter EKT-Erhaltungstherapie betrug das Rückfallrisiko 37,2 %.

Nach erfolgreicher Behandlungsserie kann EKT selbst als Erhaltungstherapie genutzt werden. In der Regel wird eine Gesamtdauer von mindestens sechs Monate gewählt, mit Behandlungsintervallen allmählich zunehmend von einmal wöchentlich bis einmal im Monat [864], [977], [988], [1002], [1005]. Eine randomisiert-kontrollierte Studie mit 201 Teilnehmern, die EKT, eine Pharmakotherapie und ein Placebo hinsichtlich ihrer Effektivität als sechsmonatige Erhaltungstherapie untersuchte, zeigte ähnliche Wirkungen von EKT und Antidepressiva und eine deutliche Überlegenheit gegenüber Placebo (Rückfallrate innerhalb von sechs Monaten: bei EKT 37,1 %, bei Antidepressiva 31,6 %; stabile Remission: bei EKT 46,1 %, bei Antidepressiva 46,3 %) [1017]. Zwei systematische Reviewarbeiten der letzten 3 Jahre kommen zu dem Schluss, dass EKT-Erhaltungstherapie wirksam ist [1018], [1019].

Eine randomisiert-kontrollierte Studie mit erfolgreich behandelten EKT-Patienten mit Psychopharmaka als prophylaktische Maßnahme konnte einen Zusatznutzen von kognitiver Gruppen-Verhaltenstherapie zeigen, jedoch nicht von EKT [1013].

Es besteht somit eine weitgehende Übereinstimmung der genannten Untersuchungen, dass nach einer erfolgreichen EKT-Behandlungsserie auf eine Erhaltungstherapie nicht verzichtet werden kann. Falls eine medikamentöse Therapie nicht ausreichend hilft oder eine Unverträglichkeit besteht, sollte ersatzweise EKT zum Einsatz kommen [864]. EKT als Erhaltungstherapie beinhaltet ein weniger hohes Risiko für kognitive Nebenwirkungen als die Behandlungsserie, möglicherweise bedingt durch längere Intervalle zwischen den Behandlungen [1020].

Empfehlung/Statement

Empfehlungsgrad

3-55_mod_2015

EKT soll bei schweren, vital bedrohlichen oder therapieresistenten depressiven Episoden als Behandlungsalternative in Betracht gezogen werden.

LoE Ia: Metaanalysen [973], [978]

A

3-56_NEU_2015

Nach einer erfolgreichen EKT-Behandlungsserie sollte eine Erhaltungstherapie mit Pharmakotherapie und Psychotherapie erfolgen, mit oder ohne zusätzliche EKT.

LoE Ia: Metaanalysen [1016], [1018], [1019]

B

3-57_mod_2015

Eine EKT-Erhaltungstherapie nach einer erfolgreichen EKT-Behandlungsserie sollte eingesetzt werden bei Patienten, die

  • unter einer adäquaten sonstigen Rezidivprophylaxe in der Anamnese einen Rückfall erlitten hatten bzw.
  • eine Unverträglichkeit gegenüber einer Rezidivprophylaxe aufweisen bzw.
  • eine entsprechende Präferenz haben.

LoE Ib: Metaanalysen [1018], [1019], RCT [1017] und Referenzleitlinien [864], [988]

B

3.6.2 Wachtherapie (Schlafentzugstherapie)

Partieller Schlafentzug in der zweiten Nachthälfte beziehungsweise vollständiger Schlafentzug ist die einzige antidepressive Intervention mit ausgeprägten und sichtbar positiven Wirkungen noch am gleichen Tag. Angesichts ihrer relativ leichten Umsetzbarkeit in einem ambulanten oder stationären Setting, Nichtinvasivität, Kosteneffizienz und raschen Wirkung kann die Wachtherapie als ein die antidepressive Therapie ergänzendes Element eingesetzt werden, besonders wenn eine rasche Response notwendig ist oder bei Schlafentzug als Add-On-Therapie, die Effekte einer ungenügenden medikamentösen Therapie augmentiert werden sollen [929], [1021], [1022], [1023]. Wachtherapie kann auch bei nichtmedizierten Patienten verwendet werden [658].

Zahlreiche Studien belegen, dass eine Schlafdeprivation, bei der Patienten für bis zu 40 Stunden wach gehalten werden, depressive Symptome vorübergehend bessern kann [1024], [1025], [1026]. Bei ca. 60 % der Patienten kommt es zu einer kurzfristigen Besserung der depressiven Symptomatik [1025], [1026]. Besonders Patienten, die eine innerhalb eines Tages oder von Tag zu Tag variierende Stimmung aufweisen, profitieren von dieser Behandlungsmethode [1026]. Der antidepressive Effekt ist jedoch gewöhnlich nicht anhaltend, so dass die meisten Patienten sogar nach einer Nacht des Schlafens (so genannten Erholungsnacht) wieder einen Rückfall erleiden. Bis zu 15 % der Patienten in klinischen Studien zeigen jedoch eine anhaltende Response nach völligem Schlafentzug [929].

Üblicherweise führt man einen partiellen Schlafentzug in der zweiten Nachthälfte einmal wöchentlich unter stationären Bedingungen durch, bis eine deutliche Remission eingetreten ist. Voraussetzung für eine häufigere Behandlung ist, dass etwa zweimal getestet wird, ob überhaupt der Patient positiv darauf reagiert. Die antidepressive Wirkung durch wiederholten vollständigen Schlafentzug [1027] oder die Kombination von Schlafentzug mit einer Schlafphasenverschiebung (Vorverschiebung des Schlaf-Wach-Rhythmus um ca. sechs Stunden, "phase advance") ist ebenfalls mit Daten belegt [1028], [1029]. Meist ist es für Patienten einfacher, wenn der Schlafentzug in einer kleinen Gruppe von Mitpatienten durchgeführt wird. Alle anderen therapeutischen Maßnahmen werden – bis natürlich auf die Schlafmedikation - weitergeführt.

Eine weitere Strategie, den antidepressiven Effekt zu verstetigen, besteht in einer Kombination aus Schlafentzug und antidepressiver Medikation, Lithium, Pindolol- oder Schilddrüsenhormonbehandlung und Lichttherapie [929], [1026]. Placebokontrollierte Studien sind für eine solche Behandlung schwer umsetzbar, aber mehrere kontrollierte Studien zur Schlafentzugstherapie unterstützen diese kombinierten Strategien [929]. Patienten mit bekannten Krampfleiden oder einer wahnhaften Depression sowie akut suizidale und/oder multimorbide Patienten sollten nicht oder nur unter intensiver kontinuierlicher Überwachung mit Schlafentzug behandelt werden, da es unter Schlafentzug bei entsprechend vorbelasteten Patienten zu zerebralen Krampfanfällen und einer Verschlechterung der wahnhaften Symptomatik kommen kann.

Empfehlung/Statement

Empfehlungsgrad

3-58

Wachtherapie sollte in der Behandlung depressiver Episoden als Behandlungsform erwogen werden, wenn eine rasche, wenn auch kurz anhaltende Response therapeutisch gewünscht wird oder eine andere leitliniengerechte Behandlung ergänzt werden soll.

LoE Ib: syst. Übersichtsarbeiten [1024], [1025]

B

3.6.3 Lichttherapie

Die saisonal abhängige Depression (saisonale depressive Störung nach F33) ist ein bestimmter Subtyp der rezidivierenden depressiven Störung, die mit einem saisonalen Muster auftritt. Dabei ist die "Winter"-Depression die am meisten verbreitete Art der saisonal abhängigen Depression, bei der Patienten Symptome einer klinischen Depression zeigen, speziell im Herbst und Winter, mit einer vollständigen Remission im Frühling und Sommer.

Lichttherapie ("Phototherapie") oder die Medikation mit SSRI gelten als Behandlung erster Wahl bei saisonal abhängiger Depression [1030], [1031], [1032]. Das bevorzugte Gerät für die Lichttherapie ist eine Lichtquelle, die weißes, fluoreszierendes Licht abgibt, bei dem der UV-Anteil herausgefiltert wird, und das Lichtintensitäten größer als 2.500 Lux erzeugt [929], [1033]. Die anfängliche Dosis bei der Lichttherapie beträgt 10.000 Lux für 30-40 Minuten pro Tag, die jeden Morgen (so rasch wie möglich nach dem Erwachen) wenigstens zwei- bis vier Wochen lang verabreicht wird. Bei Verwendung von Lichtquellen mit einer Intensität von 2.500 Lux erhalten Patienten zwei Stunden Lichttherapie pro Tag [1033]. Eine richtige Platzierung während der Therapie ist wichtig; Patienten sollen höchstens ca. 50-80 Zentimeter von der Lichtquelle entfernt sitzen. Die Augen müssen hierbei geöffnet sein und dürfen nicht mit einer Sonnenbrille oder anderem verdeckt werden. Patienten zeigen normalerweise innerhalb einer Woche eine messbare Besserung, jedoch kann es bis zu vier Wochen dauern, bis eine vollständige Response erreicht wird.

Die Wirksamkeit von Lichttherapie bei saisonal abhängigen Stimmungsstörungen ist durch eine Metaanalyse aus 23 randomisiert-kontrollierten Studien [1034], mehrere große randomisiert-kontrollierte Studien, die Lichttherapie mit plausiblen Placebos vergleichen [1035], [1036], Metaanalysen [1032] sowie publizierte Leitlinien [929], [1033] belegt. Die Responserate auf Lichttherapie liegt bei 60-90 %, wobei die Response innerhalb von zwei- bis drei Wochen auftritt [929].

Die meisten Patienten, jedoch nicht alle, zeigen eine rasche Wiederkehr der depressiven Symptome nach dem Absetzen der Lichttherapie. Daher sollen Patienten die Lichttherapie während der gesamten Zeitperiode eines erhöhten Risikos für eine Winterdepression fortführen und während der asymptomatischen Sommermonate absetzen [929], [1033] sowie ihre sonstige Behandlung unverändert weiterführen.

Die Wirksamkeit von Lichttherapie für nichtsaisonal abhängige depressive Störungen ist weniger gut belegt. Ein Cochrane-Review [1037] auf der Basis von 49 randomisierten kontrollierten Studien kommt dennoch zu der Schlussfolgerung, dass Lichttherapie eine bescheidene, wenngleich nachweisbare Wirksamkeit bei nichtsaisonaler Depression aufweist. Aufgrund kleiner Stichproben und kurzer Behandlungsdauern (ein- bis vier Wochen) kann derzeit jedoch keine Behandlungsempfehlung ausgesprochen werden.

Es existieren keine Kontraindikationen für Lichttherapie oder Hinweise darauf, dass sie mit Augen- oder Retinaschäden assoziiert wäre [658]. Jedoch sollten Patienten mit Risikofaktoren für die Augen vor der Behandlung einen Augenarzt aufsuchen. Die häufigsten Nebenwirkungen einer Lichttherapie in klinischen Studien sind überanstrengte Augen, Sehstörungen, Kopfschmerzen, Agitation oder Übelkeit, Sedierung oder sehr selten hypomanische oder manische Symptome [222], [658]. Diese Nebenwirkungen treten jedoch nur vorübergehend auf und sind meist nur mild ausgeprägt; sie nehmen mit der Zeit ganz ab oder verringern sich mit der Abnahme der Lichtdosis [1033]. Die Kombination von Lichttherapie mit einem Antidepressivum kann die Wirksamkeit der Behandlung erhöhen; jedoch sollten mögliche photosensibilisierende Wirkungen von Phenothiazinneuroleptika (z. B. Perazin), trizyklischen Antidepressiva, Lithium und Hypericum berücksichtigt werden [222], [658]. Patienten, die beide Behandlungsformen erhalten, wird geraten, angemessene Vorsichtsmaßnahmen zu treffen [221].

Empfehlung/Statement

Empfehlungsgrad

3-59

Lichttherapie soll als Behandlungsform bei Patienten mit leicht- bis mittelgradigen Episoden rezidivierender depressiver Störungen, die einem saisonalen Muster folgen, erwogen werden.

LoE Ia: Metaanalysen [1032], [1034], RCTs [1031], [1035], [1036] und Referenzleitlinien [929], [1033]

A

3-60

Mit Lichttherapie behandelte Patienten mit saisonal abhängiger depressiver Episode, die auf diese Therapieform ansprechen, können die Lichttherapie den gesamten Winter über fortsetzen.

LoE IV: Expertenkonsens basierend auf Referenzleitlinien [929], [1033]

0

3.6.4 Körperliches Training

Körperliche Aktivität hat positive Effekte auf die Gesundheit und wird von der WHO für alle gesunden Personen empfohlen [1038]. Körperliches Training wird nach den Richtlinien des American College of Sports Medicine (ACSM) definiert als geplante, strukturierte und wiederholte körperliche Aktivität zur Erhaltung oder Verbesserung einer oder mehrerer Bereiche körperlicher Fitness [1039]. Die aktuellen Empfehlungen beinhalten aerobes Ausdauertraining in moderater Intensität für mindestens 30 Minuten an mindestens fünf Tagen pro Woche oder intensives Training für mindestens 20 Minuten an mindestens drei Tagen pro Woche, bzw. eine Kombination aus beiden. Es sollte ein Energieverbrauch von mindestens 500 bis 1000 metabolischen Einheiten (MET)-Minuten pro Woche erreicht werden. An zwei bis drei Tagen pro Woche sollte zudem Krafttraining für alle großen Muskelgruppen sowie Gleichgewichts- und Koordinationstraining durchgeführt werden [1040].

Die optimale Dauer und Intensität für die Behandlung der Depression ist noch nicht wissenschaftlich ausreichend untersucht bzw. belegt. Die NICE-Leitlinie "Depression" (2009) empfiehlt als Intervention für leichte bis mittelschwere Depressionen strukturierte, supervidierte Bewegungsprogramme drei Mal pro Woche für die Dauer von je 45 bis 60 Minuten über 10 bis 14 Wochen [441].

Eine Vielzahl von Publikationen unterschiedlicher Qualität untersuchte den Einfluss von körperlichem Training auf die Stimmung und depressive Erkrankungen. Die Cochrane Collaboration erstellte seit dem Jahr 2001 wiederholt Reviews zur Wirksamkeit von körperlichem Training bei Depressionen. Die vierte und derzeit aktuellste Version stammt aus dem Jahr 2013 und fasst in einer Metaanalyse 35 Studien mit über 1.300 Probanden zusammen [1041]. Es wurden randomisierte und kontrollierte Studien (RCTs) berücksichtigt, die depressive Personen einschlossen (definiert durch klinische Interviews oder durch Cut-off-Werte in Selbst- oder Fremdbeurteilungsskalen), unabhängig vom Schweregrad. Studien, die Depressivität bei Gesunden, Patienten mit einer postnatalen Depression oder Dysthymie einschlossen, wurden nicht berücksichtigt. Die Interventionen entsprachen den Definitionen für körperliches Training des ACSM und beinhalteten Gehen, Laufen (auch Laufband), Fahrradfahren (auch Ergometer), Tanzen, Rudern und Krafttraining. Die eingeschlossenen RCTs wiesen Kontrollgruppen mit einer Warteliste, Placebo- oder Standardintervention, einer sonstigen Intervention oder Bewegungstherapie als Zusatzintervention auf. Kontrollgruppen mussten keine oder Placebointerventionen oder Bewegung zusätzlich zu einer identischen Intervention in beiden Armen beinhalten. Weitere Behandlungsarme (Pharmakotherapie, Psychotherapie oder alternative Verfahren) waren möglich. Die Dauer der Therapien variierte von 10 Tagen bis zu 16 Wochen. Die Autoren ermittelten eine moderate Effektstärke (Standard mean difference) von -0.62 (95%-Konfidenzintervall: -0.81 - -0.42, p < 0.00001) für die Wirksamkeit von körperlichem Training auf depressive Symptome. Allerdings bestand eine erhebliche Heterogenität (I²: 63 %). Unter ausschließlicher Berücksichtigung von Studien aus dieser Metaanalyse, bei denen die Diagnose einer Depression anhand klinischer Kriterien gestellt wurde (23 Studien, 967 Probanden), wurde ebenfalls eine moderate Effektstärke von -0.57 (95%-Konfidenzintervall -0.81 - -0,32, p < 0.00001) bei moderater Heterogenität (I²: 63 %) ermittelt [1041].

Wurden Studien betrachtet, die Langzeitdaten berichteten (8 Studien, 377 Probanden), ergab sich eine geringere Effektstärke von -0,33 (95%-KI -0.63 - 0.03, p = 0.029) bei moderater Heterogenität. Bei einer Auswertung von Studien besonders hoher Qualität, die kombiniert einen verdeckten randomisierten Studieneinschluss, eine Intention-to-treat-Analyse und eine geblindete Auswertung beinhalteten (lediglich 6 Studien mit 464 Probanden), blieb die Effektstärke unter 0,2 (SMD -0.18; 95% KI -0.47 bis 0.11, p=0,22) und unterhalb der Signifikanzschwelle.

In einer Metaanalyse von Krogh et al. [1042], die Studien einschlossen, bei denen die Probanden die Diagnose einer Depression durch einen professionellen Behandelnden erhielten, konnte nur ein geringer und kurz wirksamer Effekt der Intervention gezeigt werden (SMD -0,40; 95% KI -0,66 bis -0,14), der nicht über die Dauer der Intervention anhielt. Wurden ausschließlich qualitativ hochwertige Studien (n=3) berücksichtigt (Kriterien identisch wie [1041]), fand sich nur noch eine geringe und nicht signifikante Effektstärke (SMD -0.19; 95%-KI -0.7 bis 0.31).

Daten zu sekundären Outcomes, z. B. zur Besserung der Lebensqualität, waren ungenügend und nicht signifikant. Vergleichsstudien mit Psychotherapie oder Pharmakotherapie als sekundäre Endpunkte zeigten keinen signifikanten Unterschied. Allerdings kann daraus nicht eine ähnliche Wirksamkeit von körperlichem Training und Pharmako- oder Psychotherapie abgeleitet werden. Ein RCT zeigte eine signifikante Überlegenheit von körperlicher Aktivität im Vergleich zu Lichttherapie [1043].

Subgruppenanalysen ergaben stärkere Effektstärken für Krafttraining (-1,03) und gemischte Interventionen (-0,85) versus aerobes Ausdauertraining (-0,55) bei allerdings großen Konfidenzintervallen [1041]. Eine eindeutige Aussage über die Überlegenheit von Krafttraining im Vergleich zu aerobem Ausdauertraining kann aber nicht abgeleitet werden.

Ein starker Effekt wurde auch in einer anderen Metaanalyse festgestellt, die den Effekt für Spaziergänge ab 20 Minuten analysierte. Es fand sich aber eine große Heterogenität der Interventionen und eingeschlossenen Personengruppen, so dass eine Generalisierbarkeit der Ergebnisse fraglich bleibt [1044]. Die Subgruppenauswertung zur Trainingsintensität zeigte heterogene Ergebnisse mit einer Tendenz stärkerer Wirkeffekte für höhere Intensitäten. Ähnlich waren längere Interventionsdauern tendenziell mit höherer Effektstärke assoziiert [1041].

Untersuchungen an weiteren Subgruppen konnte für ältere Personen ebenfalls eine Effektivität von körperlichem Training auf depressive Symptome zeigen [1045], [1046], wobei es Hinweise gibt, dass Effekte aeroben Ausdauertrainings in dieser Population länger anhalten als Krafttraining. In der Metaanalyse von Bridle fand sich ein kleiner signifikanter Effekt auch bei Probanden, bei denen die klinische Diagnose einer Major Depression gestellt wurde (SMD -0.38, 95% KI -0.67 bis -0.10). Die Heterogenität und Risk of Bias wurde als moderat angegeben. Keine ausreichende Datenbasis liegt für die Effektivität von körperlichem Training für die Untergruppe von Depressiven mit Demenz vor [1047].

Eine weitere Metaanalyse untersuchte den Effekt von kardiologischen Rehabilitationsprogrammen bei Patienten mit Herzerkrankung und Depression [1048], allerdings handelte es sich überwiegend um multimodale Interventionen, sodass ein isolierter Effekt des körperlichen Trainings nicht extrahiert werden konnte. Auch für Patienten mit depressiven Symptomen, die einen Schlaganfall überlebten, konnte kein eindeutiger Effekt körperlichen Trainings auf depressive Symptome gefunden werden [1049].

Eine Metaanalyse, die die Effekte von körperlichem Training bei Tumorpatienten mit Depressionen untersuchte [1050], fand eine signifikante kleine Effektstärke der Intervention (-0.22 KI -0.43 bis -0.09). Eine weitere Metaanalyse fand ebenfalls eine kleine Effektstärke bei Brustkrebspatientinnen [1051]. Am effektivsten waren supervidierte, höherfrequente Programme. Am meisten profitierten Personen im Alter zwischen 47 und 62 Jahren. Allerdings hatten die meisten eingeschlossenen Studien Depression nicht als primären Endpunkt und die Diagnosen wurden nicht durchgehend anhand klinischer Diagnosekriterien gestellt.

Unklar bleibt, welche Art von körperlichem Training am effektivsten ist. Die meisten Untersuchungen liegen zu aerobem Ausdauertraining vor. Subgruppenauswertungen zeigten höhere Effektstärken bei Krafttraining oder einer Mischung aus Kraft- und Ausdauertraining. Eindeutige Aussagen zu optimaler Art, Dauer und Intensität des körperlichen Trainings können anhand der Datenlage noch nicht gegeben werden. Andere Formen regelmäßiger körperlicher Aktivität wie Thai Chi oder Qigong scheinen ebenfalls positive Effekte auf depressive Symptome aufzuweisen [1052], [1053], [1054]. Sie sind eine Mischung aus körperlichem Training und mentalen Effekten mit Elementen aus Meditation und Entspannungsverfahren, erfüllen aber nicht die allgemeinen Kriterien von körperlichem Training nach ACSM.

Insgesamt bestehen methodische Probleme bei der Untersuchung von Bewegung bei Depression u. a. darin, dass eine Verblindung hinsichtlich der körperlichen Aktivität kaum möglich ist und dass eine Kontrolle der Bewegung im Alltag außerhalb der Intervention schwierig ist. Die meisten Metaanalysen wiesen große Heterogenitäten der Studien auf. Viele Studien waren recht klein und generierten die Probanden nicht aus klinischen Kollektiven. Auch ist mit einem Publikationsbias zu rechnen.

Zusammenfassend liegen eine größere Anzahl von RCTs und mehrere Metaanalysen zur Effektivität von körperlichem Training bei Depressionen vor. Diese legen einen moderaten Effekt der körperlichen Aktivitäten nahe. Die Qualität dieser Aussage wurde von Cooney et al. [1041] als moderat eingestuft. Werden nur methodisch sehr hochwertige RCTs berücksichtigt, ist ein geringer Effekt körperlichen Trainings nur kurzzeitig und über die Interventionszeit hinaus nicht mehr eindeutig nachweisbar. Unklar bleibt auch die additive Wirkung von körperlichem Training und Pharmako- und/oder Psychotherapie.

Körperliches Training hat nach aktueller Datenlage einen kleinen Effekt in der Behandlung der Depression, insbesondere während der Phase der körperlichen Aktivitäten bzw. Intervention. Allerdings konnten die wenigen qualitativ hochwertigen Studien und Studien mit Langzeit-Follow-up keine eindeutigen Effekte nachweisen. Es ist noch nicht eindeutig belegt, dass dieser Effekt langfristig über die Dauer der Intervention hinaus anhält. Eine Empfehlung zu Art, Intensität und Häufigkeit körperlichen Trainings kann derzeit noch nicht gegeben werden.

Die Referenzleitlinie NICE empfiehlt, körperliche Aktivierungsprogramme (Intensität siehe oben) bei Personen mit leichter oder mittelschwerer Depression im Gruppensetting durch einen geeigneten Übungsleiter durchzuführen [441]. Die schottische Leitlinie des Scottish Intercollegiate Guidelines Network (SIGN) kommt zum Schluss, dass strukturiertes körperliches Training als eine Behandlungsoption bei Personen mit Depressionen berücksichtigt werden kann (Grad B-Evidenz) [1055].

Formal liegt ein Evidenzgrad A (mehrere Metaanalysen) vor. Da die Ergebnisse jedoch eine deutliche Heterogenität aufweisen und nicht ausreichend Studien sehr hoher Qualität vorliegen, die diese Aussage unterstützen, ist die Evidenzlage noch vorläufig und als geringer (entsprechend Grad B) zu bewerten.

Empfehlung/Statement

Empfehlungsgrad

3-61_mod_2015

Patienten mit einer depressiven Störung und ohne Kontraindikation für körperliche Belastungen sollte die Durchführung eines strukturierten und supervidierten körperlichen Trainings empfohlen werden.

LoE Ib: Metaanalysen [1041], [1042], [1044], [1047], [1050] und Referenzleitlinien [1055], [441]

B

3.6.5 Neuere nichtpharmakologische therapeutische Möglichkeiten

3.6.5.1 Repetitive Transkranielle Magnetstimulation

Die repetitive Transkranielle Magnetstimulation (rTMS) ist eine neue Technologie, um nichtinvasiv kortikale Neurone durch elektromagnetische Induktion zu stimulieren. Für die Behandlung depressiver Störungen wird wiederholt (über drei bis sechs Wochen hinweg täglich) der linke oder rechte dorsolaterale präfrontale Cortex (DLPFC) durch ein starkes, zeitlich veränderliches Magnetfeld (Pulsdauer 100-400 μs, Intensität 1,5-2,5 Tesla) stimuliert [1056], [1057], [1058]. Im Rahmen der Therapie wird die rTMS mit Frequenzen von 1-50 Hz und Impulsserien über 10 bis 30 Minuten durchgeführt. Die rTMS ist eine nicht invasive und nebenwirkungsarme Stimulationsform [1059], [1060]. In seltenen Fällen wurden epileptische Anfälle beschrieben [1060], [1061]. Die diesbezüglich definierten Sicherheitskriterien sollten beachtet werden [1062].

Ursprünglich wurde die Einzelpuls-TMS als diagnostisches Verfahren in der Neurologie verwendet und später als rTMS für experimentell neurowissenschaftliche Anwendungen weiterentwickelt. Auf der Basis von Bildgebungsuntersuchungen bei Depressionen wurde die rTMS des DLPFC als neue antidepressive Behandlungsform etabliert.

Eine große Zahl von Studien unterstützt den Befund, dass die hochfrequente (10-20 Hz) rTMS des linken DLPFC akute antidepressive Effekte besitzt [1056], [1062]. Unter diesen Studien sind auch zwei große multizentrische, placebokontrollierte Studien, in denen untersucht wurde, ob eine hochfrequente rTMS des linken DLPFC als Monotherapie antidepressive Effekte bei Patienten zeigt, die auf mindestens einen pharmakologischen Therapieversuch nicht angesprochen haben [1063], [1064]. Beide Studien belegen die akute antidepressive Wirkung der rTMS im Vergleich zu einer Placebostimulation.

Eine dritte große multizentrische, placebokontrollierte Studie zeigte zudem, dass die sog. Deep TMS, eine abgewandelte Spulenform mit geringerer Fokalität und somit höherer Eindringtiefe, als Monotherapie bei Patienten mit 1-2 erfolglosen pharmakologischen Therapieversuchen in der Vorgeschichte eine akute antidepressive Wirkung im Vergleich zu einer Placebostimulation besitzt [1065]. Diese Effekte waren bei Patienten mit geringerer (1-2 Behandlungsversuche) und höherer (3-4 Behandlungsversuche) Therapieresistenz vergleichbar und über 12 Wochen Erhaltungstherapie stabil.

Die antidepressive Wirksamkeit der rTMS wird auch durch eine Reihe von Metaanalysen belegt (u. a. mit der jüngsten Metaanalyse von 29 Studien mit 1.371 Patienten [1066] sowie evidenzbasierten Leitlinien [1062]), in denen 26 positive und 14 negative Studien identifiziert wurden, die in der Summe die antidepressive Wirksamkeit auf einem hohen Evidenzlevel zeigen.

Die Stärke und klinische Relevanz der gefundenen Effekte wird noch kontrovers diskutiert. Bei Patienten mit psychotischer Depression ist die rTMS der EKT unterlegen, bei Fehlen psychotischer Symptome ist die Datenlage bezüglich einer Überlegenheit der EKT nicht eindeutig [1062]. Der direkte Vergleich von rTMS und antidepressiver Medikation wurde bislang nur in zwei Studien (1 Hz rTMS des rechten DLPFC versus Venlafaxin) untersucht. Beide Studien zeigten zwar keinen Unterschied zwischen den Behandlungsgruppen, besaßen jedoch auch keine ausreichende statistische Power und weitere methodische Limitationen, um die vergleichbare Wirksamkeit von rTMS und Pharmakotherapie nachzuweisen [1067].

Eine weitere multizentrische Placebo-kontrollierte Studie untersuchte, ob eine Behandlung mit Mirtazapin oder Venlafaxin wirksamer ist, wenn man eines der beiden Antidepressiva ab Behandlungsbeginn bereits mit rTMS kombiniert [1068]. In dieser Studie zeigte sich kein zusätzlicher Nutzen einer Verum-rTMS im Vergleich zu einer Placebo-Behandlung. Auch hier erlaubt die Fallzahl der Studie mit 127 Patienten keine eindeutige Interpretation des negativen Ergebnisses da in der Regel deutlich höhere Fallzahlen für den Nachweis der Überlegenheit einer Kombinationsbehandlung im Vergleich zu einer anderen wirksamen antidepressiven Therapie benötigt werden.

Bezüglich spezifischer Kombinationen von rTMS mit Pharmakotherapie oder Psychotherapie besteht daher ebenso Forschungsbedarf wie hinsichtlich klinischer oder neurobiologischer Prädiktoren für ein Ansprechen, differentieller Indikationen und Erhaltungstherapieformen mit rTMS.

Empfehlung/Statement

Empfehlungsgrad

3-62_NEU_2015

Eine hochfrequente repetitive transkranielle Magnetstimulation (rTMS) des linken dorsolateralen präfrontalen Cortex (DLPFC) kann bei Patienten eingesetzt werden, die primär nicht auf eine antidepressive Pharmakotherapie angesprochen haben.

LoE Ib: Metaanalyse [1066], RCTs [1063], [1064], [1065], [1067], [1068] und Referenzleitlinie [1062]

0

3.6.5.2 Vagus-Nerv-Stimulation

Die Vagus-Nerv-Stimulation (VNS) ist eine weitere Technologie zur nichtinvasiven Gehirnstimulation, die in der Behandlung therapieresistenter Epilepsiepatienten seit 1994 in Europa zur Verfügung steht [1069]. Sie beinhaltet das Implantieren eines Schrittmachers und die Herstellung einer Verbindung mit dem linken Nervus vagus. Letzterer sendet autonome elektrische Signale über das Mittelhirn zum limbischen System und zu kortikalen Gebieten. Bezüglich der Sicherheit der VNS existieren Daten aus Studien an Epilepsiepatienten. Danach führt VNS zu signifikanten Gesundheitsrisiken einschließlich Veränderungen in der Stimme, Husten, Dyspnoe, Nackenschmerzen, Dysphagie, Laryngismus, Parästhesien und Pharyngitis [1070], die aber im Verlauf der Behandlung fortschreitend abnehmen [1071].

In einer systematischen Übersichtsarbeit und Metaanalyse [1072] konnten 13 unkontrollierte Studien identifiziert werden, die Hinweise für eine signifikante Reduktion der depressiven Symptomatik bei Behandlung mit VNS lieferten, die einzige randomisiert-kontrollierte Studie zeigte jedoch keine signifikante Überlegenheit gegenüber Placebo.

Empfehlung/Statement

Empfehlungsgrad

3-63_mod_2015

Für die Vagus-Nerv-Stimulation (VNS) gibt es noch zu wenig Evidenz, um Empfehlungen für ihre allgemeine klinische Nützlichkeit und Anwendbarkeit aussprechen zu können.

LoE Ib: RCT [1070]

Statement

3.6.6 Unterstützende Therapieverfahren und therapeutische Maßnahmen

3.6.6.1 Ergotherapie

Ergotherapie zielt auf eine sinnerfüllte Betätigung im Alltag ab. Entsprechend arbeiten Ergotherapeuten nach einem alltagsbezogenen und handlungsorientierten Ansatz [155]. Im Fokus der Ergotherapie steht die Wiederherstellung und der Erhalt von Handlungsfähigkeit, Teilhabe und Lebensqualität in für den Einzelnen wichtigen Lebensbereichen (z. B. Selbstversorgung, Haushaltsführung, wirtschaftliche Eigenständigkeit, Beruf, Ausbildung und Freizeit). Eingesetzt werden dazu spezifische, für den Patienten sinnstiftende und zielgerichtete Aktivitäten, Maßnahmen der Umweltanpassung und Beratung. Dabei gehört zur Ergotherapie ggf. auch die Möglichkeit, dass Patienten ihre eigenen kreativen Potenziale wiederentdecken und durch die Erkrankung verloren gegangene Fähigkeiten wiedererlangen. Ergotherapeutische Behandlungsmaßnahmen gehören zum modernen Standard jeder Art von psychiatrischer Therapie. Im ambulanten Bereich erfolgt die Verordnung von Ergotherapie nach der Heilmittelrichtlinie. Ambulante arbeitstherapeutische Ergotherapie zusätzlich zur ambulanten Routinebehandlung (in Form von Psychoedukation, kognitiv-verhaltenstherapeutischen Techniken und bei Bedarf medikamentöser Behandlung) führte in einer randomisierten kontrollierten Studie dazu, dass die Patienten im Durchschnitt drei Monate früher ihre Arbeit wieder aufnehmen konnten und in den ersten 18 Monaten nach Randomisierung signifikant häufiger und mehr arbeiteten als die Patienten in der Routinebehandlung. Auch scheint die Ergänzung der ambulanten Routinebehandlung um Ergotherapie zu höherer Kosteneffektivität zu führen [1073]. Im stationären Bereich wurde ebenfalls in einem RCT gezeigt, dass tägliche Ergotherapie bei Depression im Vergleich zur unspezifischen Beschäftigung durch Pflegekräfte Symptombelastung, Angst, Verstimmungsstörungen, Sensitivität (d. h. durch Verstimmung bedingte Einschränkungen im Leistungs-, Erlebens- und Verhaltensbereich) sowie soziale Kontaktstörungen verbessern kann. Auch aus Sicht der Patienten war die Ergotherapie der unspezifischen Beschäftigung deutlich überlegen [1074]. Dies bestätigt andere Befunde, wonach die Ergotherapie einen hohen Beitrag zur Patienten- und Angehörigenzufriedenheit leistet (vgl. z. B. [1075], [1076].

3.6.6.2 Soziotherapie

Soziotherapie stellt eine Unterstützung und Handlungsanleitung für chronisch psychisch kranke Menschen zur Überwindung krankheitsspezifischer Defizite und daraus entstehender Beeinträchtigung im sozialen Umfeld dar. Depressive Patienten, die schwer erkranken, sind häufig nicht in der Lage, Leistungen, auf die sie Anspruch haben, selbständig in Anspruch zu nehmen. Soziotherapie soll ihnen die Inanspruchnahme ärztlicher und ärztlich verordneter Leistungen ermöglichen. Sie soll dem Patienten durch Motivierung und strukturierte Trainingsmaßnahmen helfen, psychosoziale Defizite abzubauen. Der Patient soll in die Lage versetzt werden, die erforderlichen Leistungen zu akzeptieren und selbständig in Anspruch zu nehmen. Soziotherapie bietet koordinierende und begleitende Unterstützung und Handlungsanleitung für schwer psychisch Kranke auf der Grundlage von definierten Therapiezielen. Dabei kann es sich auch um Teilziele handeln, die schrittweise erreicht werden sollen (vgl. Kapitel 3.2.1.4 "Leistungserbringer weiterer therapeutischer Maßnahmen"). Wesentliches Ziel soziotherapeutischer Behandlung ist die Unterstützung der Therapieadhärenz. Zu diesem Therapieangebot liegen bislang keine Studien vor.

3.6.6.3 Häusliche psychiatrische Krankenpflege

Häusliche psychiatrische Krankenpflege (HKP) ist ein gemeindeorientiertes Versorgungsangebot. Sie soll dazu beitragen, dass psychisch kranke Menschen ein würdiges, eigenständiges Leben in ihrem gewohnten Lebenszusammenhang führen können. Durch die Pflege vor Ort soll das Umfeld beteiligt und die soziale Integration gewährleistet werden. Im Kontext des "Home Treatment"-Konzeptes, das Behandlung auch Schwerkranker im häuslichen Milieu ermöglicht, ist die HKP ein wesentlicher Bestandteil. Die ambulante psychiatrische Pflege kann wiederkehrende Klinikaufenthalte, die von den Betroffenen und dem sozialen Umfeld häufig als stigmatisierend empfunden werden, vermeiden. Die ambulante Pflege soll mit ihren flexiblen, aufsuchenden Angeboten Behandlungsabbrüchen vorbeugen. Sie dient der Stärkung des Selbsthilfepotenzials und der Kompetenzerweiterung des Patienten im Umgang mit seiner Krankheit und Kenntnis von Maßnahmen zur Rückfallprophylaxe. Rechtzeitiges Erkennen von Krisen und sachgerechtes Bewerten von Symptomen einer Krise sind wesentliche Elemente, die eine Abschwächung des Verlaufes einer Krise bewirken sollen. Eine umfassende Darstellung dieser Maßnahmen und Empfehlungen sind der S3-Leitlinie "Psychosoziale Therapien bei schweren psychischen Erkrankungen" zu entnehmen.

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3.7 Therapie bei Komorbidität

Ziel dieses Kapitels ist es, die Behandlung von komorbider Depression oder begleitender depressiver Symptomatik im Zusammenhang mit anderen psychischen Störungen oder körperlichen Erkrankungen darzustellen. "Komorbidität" ist in der Praxis häufig und meint das Auftreten von zwei oder mehr verschiedenen Krankheiten zur selben Zeit.

Folgende Einschränkungen gelten für dieses Kapitel: Es gibt im Vergleich zur Pharmako- und Psychotherapie insgesamt weniger Therapiestudien, die spezifisch depressive Episoden bei komorbiden psychischen Störungen und/oder körperlichen Erkrankungen adressieren. Häufig stellen komorbide Störungen sogar ein Ausschlusskriterium bei Studien dar. Oftmals fehlen, wenn depressive Störungen im Fokus von Untersuchungen zur Komorbidität stehen, Angaben zum Schweregrad der Depression bzw. wurde keine klassifikatorische Diagnostik vorgenommen, so dass die Interpretation der Studienergebnisse erschwert sein kann. Es liegen jedoch sehr viele Studien vor, die beispielsweise psychosoziale Belastungen und/oder depressive Symptome bei körperlichen Erkrankungen und ihre Therapie untersucht haben und Depressivität als wichtiges Zielkriterium zumeist im Fokus hatten, z. B. in der Psychoonkologie.

Grundsätzlich gilt, wenn nicht anders in dem vorliegenden Kapitel thematisiert, dass die Empfehlungen dieser Leitlinie auch für Depressionen mit komorbiden Störungen gelten.

3.7.1 Depression und komorbide psychische Störungen

Komorbidität von psychischen Störungen ist klinisch sehr bedeutsam. Zahlreiche Untersuchungen haben gezeigt, dass das gleichzeitige Auftreten zweier oder mehrerer komorbider Störungen bei einem Individuum in der Regel den Verlauf kompliziert und die Therapie erschwert [1077]. Tritt zu einer Depression eine andere Erkrankung hinzu oder umgekehrt, führt dies fast zu einer Verdopplung der jährlichen Krankheitskosten [1078] bzw. einer wesentlichen Verlängerung stationärer Behandlungsdauern [1079]. Bei komorbiden Störungen kommt es überdies gehäuft zu Therapieresistenz [1080], [1081].

3.7.1.1 Angst- und Zwangsstörungen

Epidemiologische, klinische und Familienstudien weisen auf eine starke Verbindung von Angststörungen und depressiven Störungen hin. Ungefähr 50-60 % jener Patienten in Bevölkerungsstichproben, die die Kriterien für eine depressive Episode (Lebenszeitprävalenz) erfüllten, wiesen auch in der Vorgeschichte oder aktuell eine komorbide Angststörung auf [48], [77], [1082]. Die am meisten verbreiteten Angststörungen unter Patienten, die irgendwann in ihrem Leben auch an einer depressiven Störung erkrankt waren, waren in einer nationalen US-amerikanischen Studie spezifische Phobien, gefolgt von Agoraphobie, sozialer Phobie, Panikstörung sowie Zwangsstörung [1083].

Patienten mit einer primären generalisierten Angststörung weisen in 29-46 % der Fälle auch eine komorbide depressive Episode auf [1083], [1084]. Die Angststörung wird häufig erkannt, während depressive Störungen bei Patienten mit gemischter Angst und Depression tendenziell unterdiagnostiziert bleiben [1085].

Versuche über drei Jahrzehnte hinweg, depressive und Angst-Syndrome diagnostisch voneinander zu differenzieren, stehen in Kontrast zu sich überlappenden neurobiologischen Befunden [1086], [1087], [1088]. Veränderungen bei Schlaf und Konzentration, Anspannungserleben, exzessives Grübeln, Panikattacken und Befürchtungen sind sowohl depressiven als auch Angststörungen gemeinsam [1089]. Die diagnostische Konvention sieht vor, dass die Diagnose einer Angststörung nicht berechtigt ist, solange Angstsymptome nicht unabhängig von depressiven Symptomen auftreten [82], [1090].

Komorbide Syndrome aus depressiver und Angststörung sind mit erhöhter Symptomstärke, Chronizität, stärkeren funktionellen Einschränkungen und höherem Leidensdruck verbunden, außerdem mit einer schlechteren Response auf eine antidepressive psychopharmakologische und psychotherapeutische Monotherapie und einer höheren Suizidrate [82], [84], [85], [1091]. Eine ausbleibende Remission nach einer depressionsspezifischen Behandlung kann durch hohe Ausgangswerte bei symptomatischer Angst, starke Traitangst und eine Angststörung in der Vorgeschichte prädiziert werden [1092].

Grundsätzlich sollen alle auftretenden Krankheiten gleichzeitig und nicht nacheinander behandelt werden. Die Frage, welche Störung ggf. mit einem besonderen Schwergewicht behandelt werden sollte, ist nicht eindeutig zu beantworten. Entscheidungshilfen ergeben sich aus der Symptompräsentation, also danach, welche Symptomatik im Vordergrund steht, dem zeitlichen Verlauf der Symptome sowie der Schwere des depressiven Syndroms [1091]. Unter den pharmakologischen Alternativen haben sich bei komorbider Angstspektrumsstörung und depressiver Störung SSRI (v. a. Paroxetin und Sertralin) sowohl für Panikstörung, soziale Phobie, Zwangsstörung, generalisierte Angststörung und PTSD als auch in der Reduzierung depressiver Symptome als wirksam erwiesen. Der SSNRI Venlafaxin ist als wirksam nicht nur bei Depressionen, sondern auch bei sozialer Phobie, generalisierter Angststörung und Panikstörung nachgewiesen, Clomipramin bei komorbider Zwangsstörung (vgl. [1091]).

Auch KVT und IPT haben sich in Studien bzgl. der Behandlung von Depression und komorbid vorliegender (insbesondere generalisierter) Angststörungen als wirksam erwiesen [1093], [1094], [1095], [1096]. Zudem gibt es Hinweise, dass die (augmentierende) Ergänzung einer Pharmakotherapie durch eine KVT, v. a. bei Patienten mit chronischer und schwerer depressiver Episode und komorbider Angststörung, konsistent zu Verbesserungen führt [921] und das depressive Rückfallrisiko stärker reduziert [1097].

Empfehlung/Statement

Empfehlungsgrad

3-64_mod_2015

Bei Vorliegen von depressiven Episoden und komorbiden Angststörungen sollten sowohl Psychotherapie (empirische Belege liegen vor für KVT und IPT) als auch Pharmakotherapie (empirische Belege liegen vor für SSRIs und Venlafaxin) als wirksame Behandlungsverfahren angeboten werden.

Expertenkonsens basierend auf RCTs [1093], [1094], [1095], [1096]

KKP

3.7.1.2 Alkoholabhängigkeit

Ungefähr ein Drittel der Patienten mit affektiven Störungen weist, auf die Lebenszeit bezogen, einen Substanzmissbrauch auf [23], [87]. Soyka und Lieb [1098] berichten in einer Übersichtsarbeit, dass bei 24 % aller alkoholkranken Männer und sogar 48 % aller alkoholkranken Frauen Depressionen auftreten. Da sowohl Depressionen als auch Suchterkrankungen mit einer erhöhten Suizidalität einhergehen, ist hierauf besonderes Augenmerk zu richten. Gegebenenfalls sind die entsprechenden diagnostischen und therapeutischen Schritte einzuleiten.

Abhängigkeitserkrankungen können auf dem Boden einer Depression ("primäre Depression) entstehen und depressive Syndrome können als Folge der Abhängigkeitserkrankung ("sekundäre Depression") auftreten. Auch ein "zufälliges" gleichzeitiges Vorkommen beider Erkrankungen ist möglich. Die Entwicklung einer sekundären depressiven Symptomatik ist unter anderem möglich als direkte Folge der psychotropen Eigenschaften des Suchtstoffes, als Teil eines Entzugssyndroms oder der Nachwirkungen des Rausches ("Kater"), als psychosoziale Folge oder als Folge der organischen Schädigung des Gehirns. Die Entwicklung einer Sucht aus einer primären Depression heraus ist zum Beispiel möglich als Folge einer ungeeigneten Selbstmedikation mit dem Suchtstoff. Sekundäre depressive Syndrome auf dem Boden einer primären Abhängigkeitserkrankung scheinen häufiger zu sein (bei 12-50 % der Alkoholabhängigen), während primäre Depressionen nur bei 2-12 % der Alkoholabhängigen in der Anamnese zu finden sind (Übersicht bei [1098]).

Die Diagnose einer depressiven Störung kann erschwert sein, wenn gleichzeitig ein Substanzgebrauch vorliegt, weil eine Differenzierung zwischen depressiven Symptomen, die sekundär nach Substanzmissbrauch auftreten, und vorbestehenden affektiven Störungen kaum möglich ist, vor allem, wenn Patienten noch aktuell Substanzen konsumieren [1099]. Eine substanzinduzierte depressive Störung klingt typischerweise während fortgesetzter Abstinenz (in der Regel zwei- bis vier Wochen) signifikant ab.

Bei einer primären depressiven Störung hingegen sollten die depressiven Symptome stärker ausgeprägt und bereits vor dem Substanzmissbrauch aufgetreten sein und während der Abstinenz persistieren. Eine antidepressive pharmakologische oder psychotherapeutische Behandlung ist bei Persistenz depressiver Symptome entsprechend erst nach Ende der Entzugsbehandlung sinnvoll [1100].

Entscheidend für die therapeutisch sehr wichtige Einschätzung eines depressiven Syndroms bei einem Abhängigkeitserkrankten als primär oder sekundär ist die möglichst exakte Eigen- und auch Fremdanamnese des zeitlichen Verlaufs und der Abfolge von depressiver Symptomatik einerseits und Suchtentwicklung mit den typischen Abhängigkeitsmerkmalen (wie Unfähigkeit zur Abstinenz, Zwang zum Trinken, Kontrollverlust, Trinken um der Wirkung willen, Dosissteigerung und Toleranzentwicklung, Entzugssymptome, heimliches Trinken, Einengung der Interessen auf den Alkohol, fortgesetzter Konsum trotz erkennbarer Folgeschäden) andererseits.

Im Falle der sekundären Depression steht die konsequente Behandlung der Suchterkrankung (qualifizierter Entzug, Entwöhnung/Rehabilitation, langfristige Nachsorge) mit dem vorrangigen Ziel der Abstinenz im Vordergrund der Behandlung, die spezifischen Behandlungsempfehlungen sind in der S3-Leitlinie "Screening, Diagnose und Behandlung alkoholbezogener Störungen" (AWMF - Register Nr. 076 - 001, Stand April 2015) beschrieben. Die Priorität der Suchtbehandlung ist begründet dadurch, dass zum einen unter Abstinenz häufig eine Remission auch der depressiven Symptomatik erreicht wird, und dass zum anderen eine psycho- oder pharmakotherapeutische Depressionsbehandlung bei fortgesetztem Substanzkonsum vermindert, gar nicht, kontraproduktiv oder unsicher wirkt. Besteht die depressive Symptomatik auch unter mehrwöchiger Abstinenz fort, sollte sie konsequent therapiert werden.

Wirksamkeitsnachweise bei der Reduzierung depressiver Symptome, aber auch der Wahrscheinlichkeit für einen Alkoholrückfall liegen für Fluoxetin [1101], Desipramin [1102] und Mirtazapin [1103] vor. Auch für die Kognitive Verhaltenstherapie als Einzeltherapie [1104], als Bestandteil einer Kombinationstherapie mit Pharmaka (Antidepressiva und/oder Anticravingsubstanzen wie Acamprosat oder Naltrexon) [1100], [1105] oder in Ergänzung einer alkoholspezifischen Psychotherapie [1104] ist die Wirksamkeit hinsichtlich der Reduzierung der depressiven Symptomatik nachgewiesen.

Eine systematische Übersichtsarbeit von Torrens et al. [1106] konnte 9 RCTs identifizieren, in denen die Wirksamkeit von Antidepressiva im Vergleich zu Placebo bei Patienten mit komorbider Depression und Alkoholabhängigkeit untersucht wurde. Zwar zeigte sich in den meisten Studien eine signifikante Überlegenheit von Antidepressiva gegenüber Placebo in Bezug auf die Reduktion depressiver Symptomen, die Autoren kommen jedoch zu dem Schluss, dass die vorliegende Evidenz nicht ausreichend für einen eindeutigen Wirkungsnachweis ist. Begründet wird dies durch die teilweise geringen Fallzahlen sowie methodische Mängel der Primärstudien.

In einer systematischen Übersichtsarbeit und Metaanalyse von Nunes et al. [1107], [1108] konnte ein kleiner Effekt zugunsten von Antidepressiva gegenüber Placebo zur Behandlung komorbider Depressionen bei Alkoholabhängigkeit identifiziert werden.

In einer Metaanalyse von Iovenio et al. [1109] zeigte sich eine signifikant größere Wirksamkeit von Antidepressiva gegenüber Placebo für Patienten mit einer Depression oder Dysthymie und komorbider Alkoholabhängigkeit. Die Effekte konnten für TZA und Nefazodon, nicht aber für SSRI aufgezeigt werden.

Empfehlung/Statement

Empfehlungsgrad

3-65_mod_2015

Bei Komorbidität von Alkoholabhängigkeit und depressiver Störung kann eine Pharmakotherapie mit Antidepressiva (empirische Belege liegen vor für Fluoxetin, Desipramin und Mirtazapin) zur Reduktion der depressiven Symptome sowie der Wahrscheinlichkeit eines Alkoholrückfalls (empirische Belege liegen vor für Fluoxetin, Desipramin und Mirtazapin) eingesetzt werden.

Expertenkonsens basierend auf Metaanalysen [1106], [1107], [1108], [1109] und Referenzleitlinie [1110]

KKP

3-66_mod_2015

Bei Vorliegen einer depressiven Störung und einer komorbiden Alkoholabhängigkeit sollte eine antidepressive Psychotherapie zur Reduktion der depressiven Symptome, sowohl als alleiniges Verfahren als auch als Teil einer Kombinationsbehandlung mit einer Pharmakotherapie oder einer suchtspezifischen Psychotherapie (empirische Belege liegen für die KVT vor), angeboten werden.

Expertenkonsens basierend auf Referenzleitlinie [1110]

KKP

3-67_mod_2015

Unabhängig von einer möglicherweise notwendigen Krisenintervention sollte bei Komorbidität von depressiver Symptomatik und Alkoholabhängigkeit eine Depressionsbehandlung nicht vor einer 2-4-wöchigen Abstinenz begonnen werden, da erst dann eine valide Depressionsdiagnostik und entsprechende Indikationsstellung möglich ist. In einer akuten Situation (z. B. bei schwerer depressiver Episode oder bestehender Suizidalität) ist der Behandlungsbedarf sofort gegeben.

LoE IV: Expertenkonsens basierend auf Referenzleitlinie [1110]

B

In der S3-Leitlinie "Screening, Diagnose und Behandlung alkoholbezogener Störungen” sind folgende Empfehlungen für Patienten mit komorbider Alkoholabhängigkeit und Depression aufgeführt [1110], dort ist auch der ausführliche Hintergrundtext zu den entsprechenden Empfehlungen zu finden:

 

Empfehlungen

Empfehlungsgrad

3.6.1.3.2

Intensität der Intervention bei Alkoholabhängigkeit und Depression

Eine intensivere Intervention sollte bei Personen mit komorbiden depressiven Störungen vorgesehen werden, da die Betroffenen üblicherweise schwerer gesundheitlich betroffen sind und eine ungünstigere Prognose aufweisen, als Personen mit einer einzelnen Erkrankung.

B

3.6.1.3.4

Integrierte/Gleichzeitige Therapie bei Depression und alkoholbezogenen Störungen

Bei Patienten mit Alkoholabhängigkeit und einer komorbiden Störung sollte die Behandlung für die beiden Störungen integriert in einem Setting bzw. durch ein Therapeutenteam erfolgen. Wenn das nicht möglich ist, sollte eine Koordination der Behandlung, z. B. durch Case Management, gewährleistet sein.

KKP

3.6.3.2.1

Diagnostik von Depression bei alkoholbezogenen Störungen

Komorbide psychische Störungen (Depressionen) sollen bei Alkoholabhängigen 3-4 Wochen nach dem Entzug auf ihre Behandlungsindikation überprüft werden.

A

3.6.3.2.2

Psychotherapie bei alkoholbezogenen Störungen und Depression

Kognitive Verhaltenstherapie sollte als Behandlungsverfahren bei Personen mit komorbiden psychischen Störungen (Depressionen) zur Besserung des Trinkverhaltens und der depressiven Symptomatik angeboten werden. Zu anderen Psychotherapieverfahren kann aufgrund unzureichender Daten keine Empfehlung ausgesprochen werden.

B

3.6.3.2.3

Antidepressiva bei Depression und alkoholbezogenen Störungen

Antidepressiva sollen Patienten bei Vorliegen einer mittelschweren bis schweren Depression und alkoholbezogenen Störungen zur Besserung der depressiven Symptomatik angeboten werden.

A

3.6.3.2.4

SSRI bei Depression und alkoholbezogenen Störungen:

Selektive Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer sollen bei komorbiden Personen nicht als alleinige Therapie zur Reduktion des Alkoholkonsums eingesetzt werden.

A

3.6.3.2.5

Kombination von Psycho- und Pharmakotherapie bei Depression und alkoholbezogenen Störungen

Die Kombination von kognitiver Verhaltenstherapie mit einem Antidepressivum sollte bei der Behandlung komorbider alkoholbezogenen Störungen und (bei Vorliegen einer mittelschweren bis schweren) Depression angeboten werden.

B

3.6.3.2.6

Unzureichende Wirkung von Einzeltherapien bei Depression und alkoholbezogenen Störungen

Bei unzureichender Wirkung einzelner Psycho- und Pharmako-Therapieverfahren können KVT, SSRI und Naltrexon kombiniert werden (Depression und Alkoholabhängigkeit).

KKP

3.7.1.3 Essstörungen

Die Lebenszeitprävalenz einer komorbiden Depression bei Essstörungen liegt einigen Studien zufolge bei 75 % [1111], [1112], [1113]. Dabei ist die Diagnose einer depressiven Störung bei Anorexie oder Bulimia nervosa erschwert, weil die Symptome sich überlappen können, insbesondere Affektarmut oder emotionale Instabilität, reduzierter Antrieb, herabgesetzte Libido, Appetitverlust und Schlafstörungen. Symptome wie Entmutigung, Bestrafungserwartungen und Unentschlossenheit sagen bei Patienten mit Bulimia nervosa eine depressive Störung vorher, während bei Anorexia nervosa der Verlust des Interesses an anderen Menschen, Gewichtsverlust, Bestrafungserwartungen und die Unfähigkeit zu arbeiten prädiktiv für eine Depression sind [1114]. Depressive Störungen können darüber hinaus zu einer Exazerbation von Essstörungen führen.

Der Beginn einer Behandlung der depressiven Störung, wenn zugleich auch eine Essstörung vorliegt, unterliegt bestimmten Charakteristika: Patienten mit Bulimie und Anorexie zeigen in der Regel erst eine typische Response auf eine antidepressive Medikation, wenn sie seit ca. ein- bis zwei Monaten Verbesserungen beim Ernährungszustand und der Gewichtszunahme erfahren haben und diese aufrechterhalten können [1113]. Bei Patienten, die dem so genannten "Purging-Typ" angehören und selbstinduziert erbrechen bzw. abführen, ist die Absorption von Medikamenten reduziert. Entsprechend ist eine Voraussetzung auch für eine antidepressive Medikation, dass keine Maßnahmen zum "Purging" mehr stattfinden [1113].

Patienten mit komorbider Bulimia nervosa und depressiver Episode zeigten auf eine Behandlung mit Fluoxetin eine signifikante Besserung sowohl bezüglich der Depressivität als auch des Essverhaltens [1115], [1116]. Andere Studien wiederum zeigen, dass der in Deutschland nicht zugelassene MAO-Hemmer Phenelzin bei Bulimia nervosa und komorbider Depression einen positiven Effekt auf die Häufigkeit des "Binge eatings" und die affektive Problematik bewirkt [1117], [1118]. Bezüglich des Essverhaltens können Patienten mit komorbider Bulimia nervosa und depressiver Episode weniger gut auf eine antidepressive Behandlung ansprechen als Patienten mit Bulimia nervosa ohne depressive Episode [1119]. Obwohl es nicht generell notwendig ist, die Dosis auf der Basis des Körpergewichts zu reduzieren, kann es bei manchen Patienten angeraten sein, eine geringere Dosis als üblich zu verordnen, wenn diese starke Nebenwirkungen wahrnehmen [1113].

Auch wenn psychotherapeutische Interventionen bei Essstörungen das Therapieverfahren der Wahl sind, gibt es bislang keine Studien zur Psychotherapie bei Komorbidität von Essstörungen und depressiven Störungen (vgl. [1120]).

Empfehlung/Statement

Empfehlungsgrad

3-68

Zur Psychotherapie der komorbiden Depression bei Essstörungen existieren keine systematischen Untersuchungen, so dass über die störungsbezogenen Empfehlungen zur Behandlung der Essstörungen und der Depression hinaus keine evidenzbasierten Empfehlungen bei dieser Komorbidität gegeben werden können.

LoE IV: Expertenkonsens

Statement

3-69_mod_2015

Bei einer Komorbidität von depressiver Episode und Bulimia nervosa sollte eine Pharmakotherapie (empirische Belege liegen für Fluoxetin vor) zur Verbesserung der depressiven Symptomatik angeboten werden.

Expertenkonsens basierend auf RCTs [1115], [1116], [1117], [1118]

KKP

3-70_mod_2015

Bei der Pharmakotherapie der Depression bei Essstörungen sollten substanzspezifische Effekte auf die jeweilige Essstörung beachtet werden, z. B. Gewichtszunahme unter Mirtazapin, Mianserin und sedierenden trizyklischen Antidepressiva, Übelkeit und Appetitreduktion unter SSRI. Eine Reduktion von Essattacken ist für Fluoxetin empirisch belegt.

Expertenkonsens basierend auf RCTs [1115], [1116]

KKP

3.7.1.4 Persönlichkeitsstörungen

Zwischen depressiven Störungen und Persönlichkeitsstörungen besteht verschiedenen Studien und Metaanalysen zufolge eine hohe, jedoch abhängig von der Erfassungsmethode und den verwandten Kriterien stark variierende Komorbidität in einer Häufigkeit von 6-87 % [91], [93], [93], [1121], [1122], [1123], [1124], [1125], [1126], [1127], [1128], [1129]. In klinischen Stichproben liegt die Komorbidität bei 30-40 %, wobei die am häufigsten berichteten komorbiden Persönlichkeitsstörungen die ängstlich-vermeidende, die Borderline- und die paranoide Persönlichkeitsstörung sind [1130], [1131].

Ätiologische Vorstellungen gehen davon aus, dass Persönlichkeitsstörungen die Entwicklung einer Depression begünstigen bzw. eine individuelle Vulnerabilität darstellen. Darüber hinaus wird ein Übergang zwischen Persönlichkeitsstörungen und Depression postuliert, z. B. in Form chronischer depressiver Störungen (vgl. [91], [782]). Zugleich bestehen auch Symptomüberlappungen bei depressiven Störungen und Persönlichkeitsstörungen, so beispielsweise die emotionale Instabilität mit depressiver Stimmung bei der Borderline-Persönlichkeitsstörung bzw. affektive Labilität bei der histrionischen Persönlichkeitsstörung, Gefühle von Minderwertigkeit bei der ängstlich-vermeidenden Persönlichkeitsstörung oder Gefühle von Hilflosigkeit und Inkompetenz bei der dependenten Persönlichkeitsstörung.

Die meisten Therapiestudien zur Komorbidität beziehen sich auf die Borderline-Persönlichkeitsstörung. Soweit andere, zur Depression komorbid vorliegende Persönlichkeitsstörungen in Studien erwähnt wurden, wurden diese i. d. R. nachträglich als komplizierender Faktor identifiziert.

Bei Depression und komorbider Persönlichkeitsstörung wird die depressive Störung den Primat in der Behandlung haben, weil typisch depressive Symptome wie Antriebslosigkeit, niedergedrückte Stimmung, Konzentrationsreduzierung und insbesondere ausgeprägte Suizidgedanken die Behandlung deutlich erschweren können [1129], [1132]. Komorbide Persönlichkeitsstörungen und maladaptive Persönlichkeitsstile beeinflussen jedoch verschiedenen Studien zufolge nachteilig die Wirkung und Wirksamkeit von Kurzzeitpsychotherapie [1123], [1133], [1134], [1135], Pharmakotherapie [1135], [1136], [1137], [1138], [1139] und EKT [1121], [1140], [1141] bei depressiven Störungen. Diese ungünstigen Effekte der Komorbidität betreffen ein verzögertes Ansprechen auf die Therapie, eine geringere Response- oder Remissionsrate, eine höhere Wahrscheinlichkeit für einen Rückfall nach Remission bzw. ein Rezidiv sowie eine höhere Wahrscheinlichkeit für eine Chronifizierung der depressiven Störung. Drei größere Studien [1127], [1142], [1143] fanden jedoch keinen Zusammenhang zwischen dem Vorliegen einer Persönlichkeitsstörung und der Responserate auf eine Pharmakotherapie bei (chronischer) Depression. In den erwähnten Studien wurde die komorbide Persönlichkeitsstörung als Kovariate und nicht im Sinne eines Einschlusskriteriums erfasst. Spezifische Untersuchungen zur Komorbidität einzelner Persönlichkeitsstörungen liegen nur vereinzelt vor. Umgekehrt wurden in Studien, die spezifisch die Therapie von Persönlichkeitsstörung adressiert haben, auch depressive Störungen als Kovariate hinsichtlich ihres Einflusses auf das Therapieergebnis geprüft (z. B. [92]). Die Datenbasis für die Komorbidität aus Depression und Persönlichkeitsstörung stammt also weitgehend aus unspezifischen Therapiestudien.

Daten aus offenen Studien zur Pharmakotherapie legen den Nutzen von Paroxetin in der Behandlung von Patienten mit Borderline-Störung und depressiver Episode nahe [1144], [1145]. Außerdem gibt es Hinweise, dass die MAO-Hemmer Phenelzin (in Deutschland nicht zugelassen) und Tranylcypromin bei Patienten mit Borderlinestörung und depressiver Episode antidepressiv und hinsichtlich der Reduzierung von Feindseligkeit und Ärger wirksam sind [1146], [1147], [1148].

In einer Metaanalyse [1149] fanden sich insgesamt keine positiven Belege für den Einsatz von Antidepressiva bei Patienten mit Borderline-Störung zur allgemeinen Reduktion depressiver Symptomatik. In dieser Arbeit wurden neben Studien, die explizit komorbide Patienten mit Depression und Borderline eingeschlossen haben, allerdings auch Studien berücksichtigt, in denen keine explizite komorbide Depressionsdiagnose vorlag.

Kognitive Verhaltenstherapie [1123], [1134], [1135], [1150], Interpersonelle Therapie [1123], [1133] und die psychodynamische Kurzzeitpsychotherapie [1134], [1151], [1152], [1153] wurden bislang in ihrer Wirksamkeit bei Patienten mit Depression und komorbider Persönlichkeitsstörung untersucht. Hierbei zeigte sich einerseits ein verzögertes Ansprechen auf die Psycho- und Pharmakotherapie ([1133]: nach mehr als 8 Monaten) bzw. eine schlechte Response [1123], [1135], [1151], [1153].

In anderen Untersuchungen hingegen fanden sich keine Unterschiede zwischen depressiven Patienten mit und ohne komorbide Persönlichkeitsstörung [1134], [1150]. Eine Studie zur Kombinationstherapie aus psychodynamischer supportiver Kurzzeittherapie versus Pharmakotherapie bei Patienten mit depressiver Störung und Persönlichkeitsstörung (paranoid, ängstlich-vermeidend, abhängig und Borderline) zeigte eine Überlegenheit der kombinierten Therapie [1154]. Auch Bellino et al. [1155] fanden in ihrer Studie zur vergleichenden Wirksamkeit von alleiniger Pharmakotherapie mit Fluoxetin gegenüber einer Kombinationstherapie mit IPT bei Patienten mit depressiver Episode und Borderline-Persönlichkeitsstörung, dass die kombinierte Behandlung hinsichtlich der Reduzierung depressiver Symptome sowie der Verbesserung der Lebensqualität und des interpersonellen Funktionsniveaus effektiver war.

Empfehlung/Statement

Empfehlungsgrad

3-71

Für die Wirksamkeit einer Pharmakotherapie mit einem SSRI oder einem MAO-Hemmer oder einem atypischen Antipsychotikum bei Patienten mit einer Komorbidität von depressiver Störung und Borderline-Persönlichkeitsstörung liegen empirische Belege vor.

LoE Ia: RCTs [1146], [1148], offene klinische Studien [1144], [1145]

Statement

3-72_mod_2015

Bei Patienten mit einer Komorbidität von depressiver Störung und Persönlichkeitsstörung (Borderline, paranoid, ängstlich-vermeidend und dependent) kann eine Psychotherapie als alleiniges Verfahren oder als Teil einer Kombinationsbehandlung mit Pharmakotherapie (empirische Hinweise existieren für die KVT, die IPT und die psychodynamische Kurzzeitpsychotherapie) angeboten werden.

Expertenkonsens basierend auf RCTs [1123], [1134], [1135], [1150], [1151], [1152], [1153]

KKP

3.7.1.5 Somatoforme Störungen

In der Kategorie somatoforme Störungen erfasst die ICD-10 die Somatisierungsstörung, die somatoforme autonome Funktionsstörung, die anhaltende somatoforme Schmerzstörung, die dissoziative oder Konversionsstörung, die hypochondrische Störung sowie die dysmorphophobe Störung. In stationären klinischen Stichproben wurde für die Komorbidität mit depressiven Störungen eine Häufigkeit zwischen 50 und 90 % unter somatoform gestörten Patienten gefunden [1156], [1157]. Studien zur Pharmako- oder Psychotherapie bei depressiver Störung und komorbider somatoformer Störung liegen jedoch bislang nicht vor. Entsprechend gelten die evidenzbasierten Behandlungsempfehlungen der S3-Leitlinie "Umgang mit Patienten mit nicht-spezifischen, funktionellen und somatoformen Körperbeschwerden" [1158]. Zum chronischen Schmerz siehe Kapitel 3.10.2.4 "Therapieplanung nach der Akutsituation".

Empfehlung/Statement

Empfehlungsgrad

3-73_mod_2015

Obwohl depressive Störungen und somatoforme Störungen relativ häufig gemeinsam auftreten, können aufgrund der unzureichenden Studienlage keine Empfehlungen über eine Pharmako- oder Psychotherapie bei dieser Komorbidität ausgesprochen werden. Entsprechend gelten die evidenzbasierten Behandlungsempfehlungen für beide Störungen, siehe auch die S3-Leitlinie "Umgang mit Patienten mit nicht-spezifischen, funktionellen und somatoformen Körperbeschwerden".

LoE IV: Expertenkonsens

Statement

3.7.2 Depression und komorbide somatische Erkrankungen

Depression und somatische Erkrankungen treten häufig gemeinsam auf. Die Lebenszeitprävalenz für eine depressive oder eine Angststörung bei somatisch Kranken liegt bei ca. 40 % und ist damit ungefähr doppelt so hoch wie in der Allgemeinbevölkerung [22], [45], [55], [100], [1159], [1160], [1161], [1162]. Neurologische, endokrine und kardiovaskuläre Erkrankungen sowie Tumor- und Schmerzerkrankungen werden häufig durch depressive Störungen kompliziert. Methodisch gute repräsentative epidemiologische Studien aus Kanada zeigen eine deutlich höhere 12-Monats-Prävalenz einer depressiven Episode (MDE) bei explizit chronisch somatisch erkrankten Patienten (9 %) in allerdings deutlicher Abhängigkeit von der jeweiligen somatischen Erkrankung. Abgesehen von Erkrankungen wie der sog. Fibromyalgie, des chronischen Müdigkeitssyndroms und der Chemikalienhypersensitivität zeigen insbesondere chronische Darmerkrankungen (ca. 16 %), chronisch neurologische Erkrankungen (bis zu 16 % bei Multipler Sklerose), Atemwegserkrankungen (ca. 13 %), chronische Wirbelsäulenerkrankungen (13 %), Tumorerkrankungen (12 %) und rheumatologische Erkrankungen (ca. 10 %) erhöhte Prävalenz einer Depression; aber auch bei chronisch kardialen, vaskulären oder sonstigen somatischen Erkrankungen war die Prävalenz erhöht [125]. Das gleichzeitige Vorhandensein einer depressiven Störung kann eine Verstärkung der körperlichen Symptome, eine schlechtere Anpassung an die Erkrankung, eine reduzierte Behandlungsadhärenz sowie vermehrte psychosoziale Funktions- sowie Teilhabeeinschränkungen prädisponieren (vgl. Kapitel 1.2 "Deskriptive Epidemiologie"").

Bezüglich somatopsychischer Komorbiditäten bzw. der Komorbidität von depressiven Störungen und somatischen Erkrankungen bestehen verschiedene Assoziationsmöglichkeiten [1163]:

  • Die somatische Erkrankung oder zur Behandlung eingesetzte Medikamente verursachen oder lösen auf biologischer bzw. physiologischer Ebene die psychische Störung aus (Beispiel: eine Schilddrüsenunterfunktion löst depressive Symptome aus).
  • Die somatische Erkrankung geht der Entwicklung einer psychischen Störung bei genetisch vulnerablen Patienten zeitlich voraus (Beispiel: ein Morbus Cushing geht einer depressiven Episode voraus).
  • Die psychische Störung entwickelt sich als Reaktion auf eine somatische Erkrankung und ihre Behandlung (Beispiel: eine Krebserkrankung löst eine depressive Anpassungsstörung bzw. depressive Episode aus).
  • Eine psychische Störung geht dem Beginn körperlicher Symptome bzw. Erkrankungen voraus und/oder kann sie ungünstig beeinflussen (Beispiel: eine unbehandelte depressive Störung beeinflusst den Übergang von akuten zu chronischen Rückenschmerzen).
  • Die somatische Erkrankung und psychische Störung sind kausal nicht miteinander verknüpft, sondern zeitlich koinzident (Beispiel: eine depressive Episode und eine chronisch-obstruktive Lungenerkrankung liegen gleichzeitig vor).
  • Die depressive Störung und die somatische Erkrankung können sich aufgrund eines gemeinsamen Risikofaktors oder einer gemeinsamen pathophysiologischen Veränderung entwickeln. Beispielsweise ist bekannt, dass ungünstige intrauterine Bedingungen sowohl ein Risiko für die Entwicklung einer Depression als auch für Diabetes mellitus und koronare Herzerkrankung darstellen.

Psychische Belastungen beeinflussen zumindest zeitweise das Erleben der körperlich Erkrankten entscheidend, erfüllen in der Mehrzahl der Fälle jedoch nicht die Kriterien für eine psychische Störung. Aber auch unterschwellige psychische Störungen weisen einen negativen Zusammenhang mit somatischen Erkrankungen auf: Metaanalytische Ergebnisse bei koronaren Herzerkrankungen zeigen beispielsweise, dass Symptome, die nicht schwer genug oder nicht genug in der Anzahl sind, um zu einer Diagnose zu führen (so genannte "subthreshold"-Syndrome, z. B. Depressivität), Krankheitswert erlangen können und die Prognose der Betroffenen deutlich verschlechtern [114], [1164]. Dies ist jedoch nicht Gegenstand dieser Leitlinie.

Systematische Übersichtsarbeiten und Metaanalysen von Studien zu depressiven Symptomen bei Patienten mit verschiedenen körperlichen Erkrankungen weisen darauf hin, dass sowohl pharmakologische als auch psychotherapeutische Interventionen depressive Symptome bei einer Reihe somatischer Erkrankungen wirksam reduzieren [727], [1165], [1166], [1167], [1168]. In der Mehrheit der in Übersichtsarbeiten zusammengefassten Primärstudien wurden jedoch meist Patienten behandelt, bei denen zwar depressive Symptome vorlagen, jedoch keine formale Depressionsdiagnose gestellt wurde. Die häufige fehlende Diagnostik bezüglich der komorbiden depressiven Erkrankung sowie die zumeist eingeschränkte Evidenz aufgrund nur weniger klinischer Studien je zugrundeliegender körperlicher Erkrankung führen dazu, dass differenzierte Aussagen und Empfehlungen zur Wirksamkeit spezifischer Pharmako- und Psychotherapie bei einer Komorbidität von depressiven Störungen und körperlichen Erkrankungen nur mit Einschränkungen möglich sind.

Im Weiteren werden die Studienergebnisse bezüglich der Therapie der Komorbidität von Depression und kardiovaskulären und zerebrovaskuläre Erkrankungen (Kapitel 3.7.2.1), Tumorerkrankungen (Kapitel 3.7.2.2), Diabetes mellitus (Kapitel 3.7.2.3), chronische Schmerzerkrankungen (Kapitel 3.7.2.4) sowie Demenz und Morbus Parkinson (Kapitel 3.7.2.5) beschrieben.

3.7.2.1 Kardiovaskuläre und zerebrovaskuläre Erkrankungen

Im Bundesgesundheitssurvey wiesen diejenigen Patienten, die eine chronische Herzerkrankung (z. B. Myokardinfarkt, chronische ischämische Herzkrankheit oder Aortenklappenkrankheiten) hatten, in ca. 15 % der Fälle (Männer: 10,4 %; Frauen: 19,9 %) auch eine depressive Störung auf [1162]. In Bezug auf die Altersnorm bedeutet dies in etwa eine Verdopplung der 12-Monatsprävalenz. Die Auftretenswahrscheinlichkeit scheint abhängig von dem Ausmaß kardiovaskulärer Erkrankungen zu sein, mit nur leicht erhöhten Prävalenzen bei Bluthochdruckpatienten und höheren Prävalenzraten nach Herzinfarkt-Ereignissen (ca. 20 %) [1169], [1170]. Eine depressive Störung gilt als Risikofaktor sowohl für die Entwicklung einer KHK (signifikant gehäuftes Vorkommen unter prämorbid depressiven Patienten; [1171]) als auch für die Mortalität (signifikant zweifach erhöhtes Mortalitätsrisiko bei Patienten mit depressiven Symptomen und Myokardinfarkt; [114]), eine reduzierte Lebensqualität [124] und höhere Gesundheitskosten [120]. Bezüglich der Ätiologie werden hierbei u. a. Änderungen auf der Verhaltensebene, die mit der Depression im Zusammenhang stehen (z. B. Einfluss der somatischen Symptome auf die körperliche Verfassung, verminderter Antrieb und daraus folgende reduzierte Bereitschaft zur Mitarbeit in der Therapie und zur Einnahme von Medikamenten) diskutiert [1161], [1172], [1173], [1174], [1175], [1176], [1177].

In einer Metaanalyse basierend auf drei Studien konnte die Wirksamkeit pharmakologischer Interventionen gegenüber Placebo aufgezeigt wurden [1178].

Bei KHK-Patienten müssen medikamentöse Behandlungsmaßnahmen insbesondere auf ihre kardiale Verträglichkeit und ihre möglichen Nebenwirkungen überprüft werden. Studien zur Wirksamkeit von Antidepressiva bei KHK-Patienten haben ungünstige Effekte trizyklischer Antidepressiva (TZA) festgestellt bzw. abgeleitet [1179], [1180]: TZA können die kardiale Leitfähigkeit verlangsamen und damit zu kardialen Arrhythmien und Überleitungsstörungen bis hin zum Herzstillstand führen [1180], [1181]. Das Infarktrisiko ist durch diese Medikation um den Faktor 2,2 erhöht [1182]. Für Medikamente aus der Gruppe der selektiven Serotoninwiederaufnahmehemmer (SSRI) werden bislang weniger gravierende Auswirkungen angenommen, wenngleich die bei diesen Medikamenten üblichen Nebenwirkungen dennoch auftreten können [1179], [1183] und mögliche medikamentöse Interaktionseffekte, insbesondere bei somatisch und psychisch multimorbiden Patienten mit einem komplexen Medikamentenregime, zu beachten sind. Dynamik im Hinblick auf die Behandlung von KHK-Patienten mit Antidepressiva kam allerdings in die Diskussion durch die Veröffentlichung der US-amerikanischen Arzneimittelbehörde FDA und zwei in Zusammenarbeit mit dem Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) erstellten Rote-Hand-Briefen der Herstellerfirma von Citalopram und Escitalopram, welche von dosisabhängigen Verlängerungen des QT-Intervalls im EKG mit dem potentiellen Risiko (lebensgefährlicher) Torsade des Pointes-Arrhythmien (TdP) berichteten [1184], [1185]. Infolge dessen wurde die zugelassene Höchstdosis von Citalopram von 60 mg täglich auf 40 mg täglich abgesenkt. Die zugelassene Höchstdosis von 20 mg Escitalopram täglich blieb unverändert. Für Patienten mit eingeschränkter Leberfunktion, eingeschränktem Cytochrom P450 2C19-Metabolisierungs-Status (poor metabolizer), einem Alter über 60 Jahren oder die Medikamente einnehmen, die CYP 2C19 hemmen, gilt eine Höchstdosis von 20 mg Citalopram am Tag. Aufgrund des fehlenden Nachweises eines Zusatznutzens hoher Dosierungen empfiehlt diese Leitlinie jedoch ohnehin, SSRIs nur in Standarddosis zu verordnen (siehe Empfehlung 3-26). Ferner sollte Citalopram nur mit Vorsicht bei Patienten mit Herzerkrankungen und gar nicht bei Patienten mit einem anderweitigen zusätzlichen Risiko für eine QT-Intervall-Verlängerung verordnet werden. Vor dem gleichen Hintergrund begrenzte der Hersteller in einem Rote-Hand-Brief die Maximaldosis für Escitalopram bei Patienten ab einem Alter von 65 Jahren auf 10 mg täglich. Unabhängig von dieser Diskussion muss auch das leicht erhöhte Risiko für das Auftreten zerebrovaskulärer Ereignisse unter dauerhafter SSRI-Therapie bei Therapieentscheidungen beachtet werden [1186], [1187].

Die Frage, ob eine antidepressive Therapie erneute akute kardiovaskuläre Ereignisse oder die Mortalität beeinflusst, ist trotz mehrerer großer, insbesondere Kohorten-Studien, noch nicht sicher beantwortet. Oben genannte Metaanalyse berichtet eine signifikante Abnahme der Rehospitalisierungsrate (zumeist aus kardiologischen Gründen) [131]. Auch eine Fall-Kontroll-Studie bei Myokardinfarkt- vs. Nicht-MI-Patienten (bei ca. 700 zu 22.800 Fällen) konnte Hinweise auf eine Risikominderung unter langdauernder SSRI-Einnahme erbringen. Eine Kohorten-Studie mit ca. 8.000 depressiven vs. ca. 32.000 nicht depressiven Personen zeigte zwar eine 1,5-fache Erhöhung des Risikos für einen Myokardinfarkt innerhalb von neun Jahren (depressiv vs. nicht depressiv), aber eine Verminderung akuter kardiovaskulärer Ereignisse durch Antidepressiva (SSRI und TZA) [1188]. In der Zusammenschau der Daten erscheint die Behandlung schwerer depressiver Episoden durch SSRI durch die Datenlage hinreichend untermauert, nicht aber die von leichten oder mittelschweren Depressionen. Hinweise bestehen in Richtung eines prophylaktischen Effekts zur Vermeidung weiterer kardiovaskulärer Komplikationen. Hier bedarf es aber, auch vor dem Hintergrund der möglichen QTc-Zeit-Verlängerungen, längerfristiger Evaluationen.

Zur psychotherapeutischen Behandlung von depressiven Störungen bei Patienten mit KHK liegen einige klinische Studien vor, deren Ergebnisse in einer Reihe von systematischen Übersichtsarbeiten und Metaanalysen zusammengefasst wurden. In einer systematischen Übersichtsarbeit und Metaanalyse von Baumeister et al. [1178] konnten 6 Studien identifiziert werden, in denen die Wirksamkeit psychotherapeutischer Intervention bei Patienten mit koronaren Gefäßerkrankungen und komorbider Depression untersucht wurde. Dabei zeigten sich im Vergleich zu TAU kleine Effekte zugunsten von Psychotherapie in Bezug auf die depressive Symptomatik. Zu weiteren Zielkriterien lagen jeweils Informationen aus einzelnen Studien vor. Dabei zeigten sich keine Unterschiede zwischen beiden Bedingungen in Bezug auf Mortalitätsraten, kardiologischen Ereignissen, stationären Aufnahmen und der allgemeinen Lebensqualität mit Ausnahme der psychischen Lebensqualität.

In einer systematischen Übersichtsarbeit von Dekker et al. [1189] konnten 14 Studien identifiziert werden, in denen die Wirksamkeit von Kognitiver Verhaltenstherapie bei Patienten mit Herzinsuffizienz und komorbider Depression untersucht wurde. Acht der Studien lieferten Hinweise, dass Kognitive Verhaltenstherapie zu einer Reduktion der depressiven Symptomatik führt. Die gemischten Befunde führen die Autoren darauf zurück, dass häufig mehr als nur eine Intervention gleichzeitig zum Einsatz kam, in den meisten Studien keine Kontrollgruppe ohne Intervention vorhanden war, häufig kleine Stichproben untersucht wurden und die Untersuchungszeiträume sehr kurz waren, so dass eine Generalisierbarkeit der gefundenen Effekte auf Grund der bisher vorliegenden Evidenz erschwert ist.

In einer systematischen Übersichtsarbeit und Metaregressionsanalyse von Dickens [1190] wurde, basierend auf 46 Studien, untersucht, welche psychotherapeutischen Interventionen wirksam zur Reduktion depressiver Symptome bei Patienten mit koronarer Herzkrankheit beitragen. Dabei zeigten sich für verschiedene Interventionen kleine Effekte auf die depressive Symptomatik (Problemlösetraining, Psychoedukation, Fähigkeitentraining, KVT und Entspannungsverfahren), allerdings konnten in Studien mit gesicherter Diagnose der komorbiden Depression nur für KVT kleine statistisch signifikante Effekte nachgewiesen werden.

In einer systematischen Übersichtsarbeit und Metaanalyse von Rutledge et al., welche sehr heterogene Studien (in Bezug auf Therapieverfahren und Therapiedauer) eingeschlossen hat [970], wurde schließlich der Effekt von Antidepressiva, Psychotherapie und kardiologischer Rehabilitation auf die depressive Symptomatik bei Patienten mit koronarer Herzkrankheit untersucht. Dabei zeigte sich in Studien, in denen Patienten mit einer gesicherten Depressionsdiagnose behandelt wurden, vergleichbare moderate Effekte für KVT und Antidepressiva in Bezug auf die Reduktion depressiver Symptomatik.

Die Ergebnisse der ENRICHD-Studie (Enhancing Recovery in Coronary Heart Disease Patients) [1191], [1192], [1193] belegen im Rahmen eines multizentrischen RCT die klinische Wirksamkeit einer verhaltenstherapeutischen und edukativen Intervention bei depressiven KHK-Patienten: Sechs Monate nach dem kardialen Ereignis waren die psychotherapeutisch behandelten Patienten sowohl in der Fremdeinschätzung als auch in der Selbsteinschätzung weniger depressiv als Patienten der Kontrollgruppe. Allerdings betrug der Unterschied beim BDI lediglich ca. drei Punkte und bei der Hamilton Rating Skala ca. zwei Punkte, was klinisch als wenig bedeutsam zu bezeichnen ist.

Zur protektiven Wirkung psychosozialer Behandlungsmaßnahmen für körperliche Risikofaktoren sowie Morbidität und Mortalität bei KHK-Patienten liegen widersprüchliche Befunde vor [1194], [1195], [1196], [1197]. Carney und Kollegen [1198] fanden bei Patienten der ENRICHD-Studie positive Veränderungen der Herzrate und der Herzratenvariabilität nach der Einzeltherapie. Bei ENRICHD konnte hinsichtlich Morbidität und Mortalität nach einem durchschnittlichen Katamnesezeitraum von 29 Monaten kein signifikanter Unterschied zwischen psychotherapeutisch behandelten und Kontrollgruppenpatienten festgestellt werden, wobei die schwerer depressiven Patienten zusätzlich mit Sertralin mediziert worden waren.

Kritisch anzumerken bleibt, dass die in den Studien geprüften psychotherapeutischen Verfahren häufig recht kurz angewendet wurden, so dass Aussagen über ihre Wirksamkeit eingeschränkt bleiben. Auch zeigen Ergebnisse aus Medikamentenstudien (z. B. [1199]), dass die mittel- bis langfristige Wirksamkeit bislang nicht untersucht worden ist (keine Katamnesen) [1178], [1200]. Daher sollte die Validität und Homogenität der Diagnose und der Behandlung der Depression bei akuten Koronarsyndromen überdacht werden (vgl. [1199], [1201]). Dies könnte zu Behandlungsstrategien führen, die sich von der allgemeinen Behandlung der Depression unterscheiden, aber besser an die kardiologische Versorgung adaptiert sind.

Empfehlung/Statement

Empfehlungsgrad

3-74_mod_2015

Bei koronarer Herzerkrankung und komorbider mittelgradiger bis schwerer depressiver Störung soll eine Pharmakotherapie vorzugsweise mit SSRI angeboten werden.

LoE Ia: Metaanalysen [970], [1178], [1179], [1180], [1181], [1182], [1183], [1184], [1185], [1186], [1187]

A

3-75

Bei koronarer Herzerkrankung und komorbider depressiver Störung sollen trizyklische Antidepressiva wegen ihrer kardialen Nebenwirkungen nicht verordnet werden.

LoE Ia: RCT [1180], Übersichtsarbeit [1181]

A

3-76_mod_2015

Bei koronarer Herzerkrankung und komorbider depressiver Störung soll eine Psychotherapie angeboten werden.

LoE Ia: Metaanalysen [970], [1178], [1189], [1190]

A

Affektive Störungen nach Schlaganfall sollten in der Bewertung gesondert betrachtet werden, da hier ein vaskulär-ischämisches bzw. hämorrhagisches Ereignis das Gehirn und somit das Organ von primärer Relevanz für psychische Erkrankungen betrifft. Post-Stroke-Depressionen (PSD) sind häufig. Nach einer aktuellen Metaanalyse [1202] liegt ihre Prävalenz knapp über 30%. Der Umfang des zerebralen Insults und die damit zusammenhängenden Funktionsausfälle weisen einen engen Zusammenhang mit dem Auftreten von PSD auf (vgl. [1203]). Aufgrund des anatomischen Zusammenhangs und der eher hohen Komorbiditäten sind hier nicht nur Therapiestudien bei manifester depressiver Episode, sondern auch Untersuchungen zur Prophylaxe relevant. Zur Therapie bzw. einer Prophylaxe der PSD liegen bislang nur wenige klinische Studien vor. In einer Interventionsstudie zur Beeinflussung multipler Risikofaktoren nach Schlaganfall (Blutdruck, Blutfette, Adipositas, Diabetes, Homocystein, Rauchen, Alkoholmissbrauch, Bewegungsmangel, gesunde Ernährung) konnte die Häufigkeit von Depression und Angst nach 12 Monaten signifikant gesenkt werden [1204].

Ein systematischer Review von Hackett et al. [1205], welcher allerdings Studien bis zu einer Definition herab von "abnormal mood" einschloss, kam zum Ergebnis, dass die bisher beobachteten geringen Effekte einer Stimmungsverbesserung durch Pharmakotherapie außer beim Vorliegen einer mittelgradigen bis schweren depressiven Episode keine ausreichende Basis für eine evidenzbasierte Indikationsstellung für depressive Syndrome nach einem Schlaganfall darstellten (vgl. auch [1206]).

Eine Metaanalyse von Iovieno et al. mit strengeren Einschlusskriterien (MDD) berücksichtigte sechs RCTs. Die Ansprechraten waren mit 56 % vs. 42 % signifikant unterschiedlich zu Placebo. Es gab aber keine höheren Responseraten, verglichen mit den ebenfalls untersuchten HIV- oder Tumor-Erkrankungen [1207]. Insgesamt muss berücksichtigt werden, dass die Studien zur Effektivität einer antidepressiven psychopharmakologischen Therapie bei Depressionen nach Schlaganfall unter der Heterogenität von Einschlusskriterien und Protokollen sowie an kumulativ geringen Fallzahlen leiden.

Eine Metaanalyse von Hackett et al. zur Behandlung von Depressionen nach Schlaganfall kommt zu dem Ergebnis, dass pharmakologische, nicht aber psychotherapeutische Interventionen eine signifikante Reduktion der depressiven Symptomatik bedingen [1208]. Die S3-Leitlinie "Schlaganfall" (AWMF-Registernummer 053 - 011) kommt zu dem Ergebnis, dass eine antidepressive Therapie (Psychotherapie oder medikamentöse Behandlung) bei Depression nach Schlaganfall wirksam ist zur Reduktion der depressiven Symptome [1209].

Von Therapiestudien bei nachweislicher depressiver Störung nach Schlaganfall muss die Evaluation der prophylaktischen Verabreichung antidepressiver Substanzen nach Schlaganfall getrennt werden. Diese verfolgt neben der Prophylaxe des Auftretens depressiver Syndrome auch das Ziel eines verbesserten Rehabilitationsverlaufs und das verminderte Auftreten erneuter zerebrovaskulärer Ereignisse. In einer Metaanalyse von Yi et al. zur prophylaktischen Wirksamkeit von Fluoxetin [1210], welche neben der englischsprachigen Literatur auch primär in China publizierte Daten einbezog, wurden die Ergebnisse von sechs RCTs berücksichtigt. Allerdings zeigten sich die Studien heterogen in Bezug auf die Endpunkte. Nur drei Studien berichteten über das Auftreten von definierten Depressionen, während vier Studien Fragebogen-Ergebnisse berücksichtigten. Auf der Grundlage dieser Daten wurde eine signifikante Reduktion der Auftretenswahrscheinlichkeit depressiver Episoden beschrieben (bei n=176), während keine signifikanten Reduktionen in den Depressionsratings beschrieben wurden (n=217). Der neurologische Verlauf schien sich unter Fluoxetin zu verbessern (n=157). Aufgrund der kurz ausgelegten Studienprotokolle konnte keine Aussage zum langfristigen Wiederauftreten von zerebrovaskulären Ereignissen getroffen werden.

Eine weitere Metaanalyse, die sich nicht nur auf SSRI-Studien (SSRI: 6 von 10 Studien) stützte, ergab eine signifikante Reduktion der Auftrittswahrscheinlichkeit einer PSD von 29 % zu 13 % [1211].

Eine Studie zu Escitalopram zeigte, dass die Inzidenz von depressiven Episoden im Vergleich zu einem Placebo signifikant reduziert werden konnte. Auch der Einsatz von Problemlösetherapie reduzierte tendenziell (im Vergleich zu Placebo) die Inzidenz, was aber nach der ITT-Analyse der Daten nicht mehr signifikant nachweisbar war [1212].

Es gibt Hinweise darauf, dass insbesondere bei Schlaganfallpatienten bei der Verwendung von tri- und tetrazyklischen Antidepressiva vermehrt mit dem Auftreten von Nebenwirkungen zu rechnen ist, während dies bei selektiven Serotonin- und/oder Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmern nicht beobachtet wird [1203], [1213]. Hier ist allerdings die geringe Power der in den Metaanalysen inkludierten Fallzahlen in Betracht zu ziehen. Berücksichtigt werden muss diesbezüglich auch die Metaanalyse zum generellen Risiko von SSRI in Bezug auf die Auftretenswahrscheinlichkeit von ischämischen und hämorrhagischen zerebralen Insulten [1186], die eine signifikante Risikoerhöhung mit einem relativen Risiko von 1.5 bzw. 1.3 ergaben.

Vor dem Hintergrund zwar deutlicher Hinweise für eine prophylaktische Wirksamkeit einer antidepressiven psychopharmakologischen Behandlung (bei allerdings sehr heterogenen Studienprotokollen), aber auf der anderen Seite der Berücksichtigung von Berichten über ein erhöhtes Auftreten von zerebrovaskulären Ereignissen unter Therapie kann zur Zeit eine generelle Prophylaxe einer PSD mittels Antidepressiva nicht empfohlen werden.

Zur EKT bei PSD liegen bisher lediglich Einzelfallberichte bzw. retrospektive Studien vor (z. B. [1214], [1215]), die nahe legen, dass EKT auch für Patienten mit PSD eine effektive und sichere Behandlungsmöglichkeit sein könnte (vgl. auch [1203]).

Auch für die Wirksamkeit der KVT bei Patienten mit Depression nach einem Schlaganfall gibt es Belege aus offenen Studien [1216]. Insgesamt mangelt es bislang noch an gut kontrollierten Studien zur Wirksamkeit psychotherapeutischer bzw. psychologischer Verfahren bei PSD (vgl. [1217]).

Empfehlung/Statement

Empfehlungsgrad

3-77_mod_2015

Patienten mit einer Depression nach Schlaganfall sollte eine antidepressive Pharmakotherapie durch nicht-anticholinerge Substanzen angeboten werden (empirische Hinweise liegen vor für Fluoxetin und Citalopram).

LoE Ib: Metaanalysen [1205], [1207], [1208]

B

3-78_NEU_2015

Patienten mit einem akuten ischämischen oder hämorrhagischen Infarkt ohne aktuelle Diagnose einer depressiven Episode sollten keine regelhafte antidepressive Prophylaxe erhalten, allerdings ein regelmäßiges Monitoring auf depressive Syndrome zum Zweck der Reevaluation.

LoE Ib: Metaanalysen [1186], [1203], [1210], [1211], [1213]

B

3.7.2.2 Tumorerkrankungen

Im Zusammenhang mit einer Krebserkrankung und ihren Behandlungen entstehen in vielen Fällen Beeinträchtigungen des psychischen Befindens, die je nach Schweregrad auch die Ausprägung psychischer Störungen annehmen können. Durch die medizinischen Behandlungen und die Erkrankung selbst treten häufig in verschiedenen Bereichen funktionelle Belastungen und Störungen auf (z. B. Schmerzen, Sexualität, Einschränkung der körperlichen und kognitiven Leistungsfähigkeit, Sensibilität). Weiterhin wirkt sich die Krankheit oftmals auf Partnerschaft und Familie aus. Je nach Versorgungsbereich, Tumorart, Schweregrad und Geschlecht weisen mehr als 30 % der Patienten mit Tumorerkrankungen eine komorbide psychische Störung innerhalb der letzten vier Wochen auf [55], [113], wobei die Prävalenz einer depressiven Störung auf 6,5 % geschätzt wird [113].

Obwohl relativ wenige randomisierte placebokontrollierte Studien zu antidepressiver Pharmakotherapie bei Tumorpatienten durchgeführt wurden, wird insbesondere bei ausgeprägten depressiven Störungen (mittelgradigen und schweren depressiven Episoden) eine (Mit-) Behandlung durch Antidepressiva empfohlen [1166]. Häufig werden die Serotoninwiederaufnahmehemmer (SSRI) vorgeschlagen, jedoch auch trizyklische Antidepressiva (TZA) werden zur Behandlung komorbider depressiver und Angststörungen eingesetzt [1218]. Die bisher einzige Vergleichsstudie von SSRIs und TZAs bei onkologischen Patienten zeigte keine signifikanten Wirksamkeitsunterschiede zwischen zwei Präparaten (Paroxetin vs. Desipramin) [1219]. Im Bereich der palliativen Onkologie ist die Behandlung mit Antidepressiva häufig Bestandteil einer komplexen tumorspezifischen Schmerztherapie [1220].

In einer durchgeführten Metaanalyse von Laoutidis wurden sechs Placebo-kontrollierte RCTs identifiziert, die sich auf depressive Episoden bei unterschiedlichen Tumoren und Ausprägungsgraden bezogen. Die Ergebnisse belegen für die psychopharmakologische Therapie einen signifikanten Effekt auf die Response (zwei von sechs Studien zeigten ein negatives Ergebnis) [1221]. In einer Studie fand sich Mirtazapin gegenüber Imipramin überlegen [1222]. Eine weiteren Metaanalyse, welche die Wirksamkeit von Antidepressiva bei Depression und verschiedenen somatischen Komorbiditäten untersuchte, konnte keinen Wirksamkeitsnachweis für Antidepressiva bei Tumorerkrankungen erbringen [1207].

Auch in der Onkologie stellt sich zunehmend die Frage nach einer prophylaktischen antidepressiven Behandlung. In einer verhältnismäßig großen Gruppe von nicht-depressiven Patienten mit HNO-Tumoren konnte die Auftretenswahrscheinlichkeit relevanter depressiver Syndrome (Cut-Off eines Schnell-Tests) durch Escitalopram von 25 % auf 10 % gesenkt werden. Die Diagnosen basieren jedoch nicht auf standardisierten Diagnose-Erhebungen. Eine diesbezügliche Empfehlung kann insofern noch nicht abgegeben werden [1223].

Zur Wirksamkeit psychosozialer Interventionen bei mit Tumorerkrankungen assoziierten psychischen Störungen und Belastungen liegen zahlreiche Studien vor. Die empirische Evidenz psychoonkologischer Interventionen bezieht sich insbesondere auf die Reduktion psychischer Belastungen (Angst und Depressivität) und die Verbesserung der gesundheitsbezogenen Lebensqualität. Darüber hinaus wurden in einigen Interventionsstudien eine verbesserte Krankheitsverarbeitung, verstärkte soziale Unterstützung und Selbstwirksamkeit nachgewiesen, wobei diese und andere psychosoziale Variablen (z. B. Kontrollerwartungen, Optimismus, emotionale Ausdrucksfähigkeit) auch als Mediatoren verringerter psychischer Belastung und verbesserter Lebensqualität diskutiert werden [1224], [1225].

Eine randomisierte kontrollierte Studie, in der Patientinnen mit Brustkrebs und gesicherter Depressionsdiagnose entweder mit Verhaltensaktivierung oder Problemlösetherapie behandelt wurden, konnte keine Unterschiede zwischen beiden Interventionen identifizieren und zeigte für beide Interventionen große Prä-Post-Effektstärken in Bezug auf die depressive Symptomatik [1226].

Zwar liegen systematische Übersichtsarbeiten und Metaanalysen vor, die die Wirksamkeit psychotherapeutischer Interventionen auf die Reduktion der depressiven Symptomatik von Krebspatienten belegen, jedoch wurden meist Studien in die Übersichtsarbeiten eingeschlossen, in denen keine formale Diagnose der komorbiden Depression gestellt wurde [969], [1227], [1228]. In einer umfassenden systematischen Übersichtsarbeit und Metaanalyse von Faller et al. [1229] konnte insgesamt die Wirksamkeit psychoonkologischer Interventionen (nicht explizit antidepressive Therapien, darunter individuelle und Gruppenpsychotherapie und Psychoedukation) für die Reduktion emotionaler Belastung und Förderung von Lebensqualität bei onkologischen Patienten (hauptsächlich Brustkrebs) belegt werden. (vgl. auch S3-Leitlinie "Psychoonkologische Diagnostik, Beratung und Behandlung von erwachsenen Krebspatienten" [1230]).

Empfehlung/Statement

Empfehlungsgrad

3-79

Bei einer Komorbidität von mittelgradiger bis schwerer depressiver Störung und Tumorerkrankung kann eine Pharmakotherapie mit einem Antidepressivum, insbesondere einem SSRI angeboten werden.

LoE Ib: Metaanalysen [1207], [1221]

0

3-80_mod_2015

Bei einer Komorbidität von depressiver Störung und Tumorerkrankung sollte eine Psychotherapie angeboten werden.

LoE Ib: Metaanalysen [969], [1227], [1228], [1229]

B

3.7.2.3 Diabetes mellitus

Patienten mit Diabetes mellitus leiden unter einem doppelt so hohen Risiko für depressive Störungen wie Stoffwechselgesunde; es besteht eine Punktprävalenz von bis zu 30 % [55], [1231]. Depressionen erhöhen aber auch das Risiko für Diabetes, es besteht also ein wechselseitig erhöhtes Komorbiditätsrisiko [1232]. Weniger als ein Drittel aller Patienten mit komorbider Depression wird diagnostiziert [1233]. Andererseits ist aufgrund der hohen Prävalenz von Diabetes-Erkrankungen (ca. 20 % bei den über 50-Jährigen) die Behandlung von depressiven Patienten mit einer diabetischen Erkrankung ein häufiges Szenario. Bei bis zu 75 % der Diabetespatienten mit Depression ist dieser Verlauf chronisch im Sinne rezidivierender depressiver Episoden [1234]. Die Befundlage hinsichtlich der negativen Auswirkungen einer komorbiden Depression auf die Prognose des Diabetes ist eindeutig. Eine Depression geht einher mit einer schlechteren Stoffwechseleinstellung und Komplikationen [1235], [1236], einer niedrigeren Lebensqualität [124], einer erhöhten Mortalität [1237], [1238], [1239] sowie erhöhten Gesundheitskosten [118].

Die Daten einer repräsentativen Studie belegen ein signifikant erhöhtes Risiko bei älteren Typ-2-Diabetespatienten mit Depressivitätssymptomatik, u. a. für kardiovaskuläre Begleiterkrankungen und diabetische Folgekomplikationen, verglichen mit Diabetespatienten ohne Depression und selbst mit Personen ohne Diabetes und erhöhten Depressivitätsscores [1240], [1241]. Ebenso erhöht eine komorbide Depression das Risiko für funktionelle Einschränkungen im Alltag und führt zu deutlichen Zusatzkosten in der Versorgung [118], [1242], [1243].

Neben diabetesunspezifischen Variablen, wie z. B. Geschlecht, soziale Unterstützungsmöglichkeiten und Familienstand, spielen diabetesspezifische Risikofaktoren im Hinblick auf Depressivität eine wichtige Rolle [1244], [1245]. U. a. sind dies:

  • Das Vorliegen diabetischer Folgekomplikationen: Diabetesbedingte Gesundheitsbeeinträchtigungen stellen einen wichtigen Risikofaktor dar und führen zu einer fast sechsfachen Erhöhung des Risikos für eine depressive Episode [1246].
  • Akutkomplikationen, wie schwere Unterzuckerungen, deren Behandlung Fremdhilfe erfordert: Hier spielt oft das Gefühl der Hilflosigkeit bzw. der Unkontrollierbarkeit der Blutzuckerentgleisungen eine zentrale Rolle, insbesondere wenn der Patient unter einer schlechten Unterzuckerungswahrnehmung leidet.
  • Schlechtere Blutglukosestoffwechsellage: höhere Langzeitglukosewerte, HbA1, HbA1c.
  • Der Diabetestyp, mit einem eher höheren Risiko bei Menschen, die an Typ 2-Diabetes erkrankt sind, insbesondere wenn diese mit Insulin behandelt werden. Dieser Befund kann unter anderem durch die höhere Prävalenz diabetischer Folgeerkrankungen in dieser Patientengruppe sowie die häufig bestehenden dysfunktionalen Kognitionen bzw. Schuldgefühle mit erklärt werden.
  • Ätiologisch lässt sich sowohl ein höheres Diabetesrisiko als Folge einer depressiven Erkrankung als auch ein erhöhtes Depressionsrisiko in Folge eines Diabetes aufzeigen, wobei sich der erst genannte Zusammenhang häufiger findet [1247].

Psychopharmakologische Behandlungsansätze der Depression bei Patienten mit Diabetes orientieren sich an den entsprechenden Behandlungsempfehlungen für nichtdiabetische Patienten. Ein besonderes Augenmerk muss allerdings auf die Nebenwirkungsprofile von Antidepressiva gerichtet werden.

  • Trizyklische Antidepressiva sowie Mirtazapin und Mianserin führen häufig zu einer Gewichtszunahme [1234], [1248]. Dieses ungünstige Nebenwirkungsprofil sollte nur in Kauf genommen werden, wenn eine zusätzliche Indikation für den Einsatz von Trizyklika besteht. Dies ist z. B. bei komorbider diabetischer Neuropathie und damit assoziiertem Schmerzsyndromen in der klinischen Praxis häufiger der Fall (vgl. [1249]).
  • Serotoninwiederaufnahmehemmer (SSRI) sind bei einer antidepressiven Medikation im Regelfall die Substanzgruppe der ersten Wahl [1250]. Für den Typ-2-Diabetes ist hier zusätzlich auf die Erleichterung der Gewichtsreduktion und damit die Verbesserung der glykämischen Stoffwechsellage unter SSRI hinzuweisen [1251]. Allerdings ist zu berücksichtigen, dass unter SSRI der Insulinbedarf infolge einer erhöhten Insulinsensitivität sinken und eine Anpassung der Insulintherapie notwendig werden kann, um Unterzuckerungen zu vermeiden (vgl. [1252]). Aufgrund der hohen Raten kardiovaskulärer Begleiterkrankungen sowie vor dem Hintergrund des relativ höheren Durchschnittsalter von Typ-II Diabetes-Patienten sind das zunehmend stärker diskutierte Anwendungsrisiko (v.a. Citalopram) sowie die Einschränkungen für Escitalopram (siehe Kapitel 3.7.2.1) zu beachten. Viele SSRI zeigen weiterhin ein deutliches Wechselwirkungsrisiko durch Inhibition verschiedener Cytochrom-Isoenzyme, was während der bei diesen Patienten häufig zu beobachtenden regelhaften Polypharmazie zu berücksichtigen ist.

In einer systematischen Übersichtsarbeit von Baumeister et al. [1200] wurde die Wirksamkeit psychotherapeutischer und pharmakologischer Interventionen bei Patienten mit Diabetes mellitus und Depression untersucht. Dabei zeigten sich positive Effekte der psychotherapeutischen Interventionen auf die Reduktion der depressiven Symptomatik, wobei die Effekte in den einzelnen Studien sehr unterschiedlich ausfielen. Im Vergleich zu TAU führten psychotherapeutische Interventionen zu signifikant größeren Remissionsraten. Zudem zeigte sich (zusammengefasst 7 Studien) ein signifikanter Effekt der Medikation auf die Remission mit einer Relativen Risikoreduktion von 2,5 ohne spezifisch erkennbaren Effekt der gewählten Medikationsklasse.

Zu einem ähnlichen Schluss kommen Markowitz et al. [1253], die in einer systematischen Übersichtsarbeit Studien identifizierten, in denen psychotherapeutische Interventionen bei Patienten mit Diabetes und komorbider Depression untersucht wurden. Hier wurden zusätzlich Studien eingeschlossen, bei denen keine formale Depressionsdiagnostik erfolgte. Insgesamt zeigten sich positive Effekte von psychosozialen Interventionen auf die Reduktion depressiver Symptomatik, insbesondere von KVT.

Auch in der Sekundärprophylaxe einer Depression konnte ein Antidepressivum (Sertralin) signifikante Verbesserungen in Bezug auf das Wiederauftreten einer depressiven Episode zeigen [1254].

Empfehlung/Statement

Empfehlungsgrad

3-81

Bei der Pharmakotherapie der Depression bei Diabetes mellitus sollten substanzspezifische Effekte auf den Diabetes beachtet werden, z. B. der reduzierte Insulinbedarf bei SSRI sowie eine Gewichtszunahme unter Mirtazapin, Mianserin und sedierenden trizyklischen Antidepressiva.

LoE Ib: RCT [1234], Expertenkonsens basierend auf [1248], [1250], [1251], [1252]

B

3-82_mod_2015

Wenn bei einer Komorbidität von Diabetes mellitus und depressiver Störung eine Pharmakotherapie vorgesehen ist, sollen SSRI angeboten werden.

LoE Ia: Metaanalyse [1200]

A

3-83

Bei einer Komorbidität von Diabetes mellitus mit diabetischer sensomotorischer schmerzhafter Neuropathie und depressiver Störung kann eine Pharmakotherapie mit einem trizyklischen Antidepressivum oder Duloxetin angeboten werden, da diese auch analgetische Wirkung haben. Allerdings können mit TZA eine Gewichtszunahme und eine Verschlechterung der glykämischen Kontrolle verbunden sein.

LoE Ib: RCT [1234], Expertenkonsens basierend auf [1248], [1249]

0

3-84_mod_2015

Bei einer Komorbidität von Diabetes mellitus und depressiver Störung soll eine Psychotherapie zur Verringerung der Depressivität und zur Verbesserung des allgemeinen Funktionsniveaus angeboten werden.

LoE Ia: Metaanalysen [1200], [1253]

A

3.7.2.4 Chronische Schmerzerkrankungen

Depression ist insbesondere unter Patienten mit chronischen Schmerzen verbreitet, wobei die Prävalenzschätzungen von bis zu 70 % Komorbidität ausgehen. Die Schwere und Dauer des chronischen Schmerzes sind direkt proportional zur Schwere der Depression [1166], [1255], [1256]. Umgekehrt weisen Studien auch nach, dass Patienten mit einer depressiven Episode häufig chronische somatische Schmerzen berichten [1257]. Auch das Rehabilitationsergebnis, z. B. nach Bandscheiben-Operationen, hängt in erheblicher Weise vom Grad der präoperativen Depression ab [1258]. Eine sekundäre, auf der Grundlage chronischer Schmerzen entstandene Depression, erscheint dennoch häufiger als die sekundäre Entwicklung chronischen Schmerzes aus einer primären Depression heraus. Zudem ist die Suizidrate unter Patienten mit chronischem Schmerz hoch [1259]. Die differenzialdiagnostische Einschätzung einer komorbiden Depression und chronischem Schmerz im Vergleich zu einer möglichen somatoformen Schmerzstörung mit depressivem Syndrom hängt häufig von der Einschätzung des Ausmaßes und der Plausibilität der somatischen Kausalität ab.

Es ist gut belegt, dass SNRIs und SSRIs bei Patienten mit chronischen Schmerzen (gemischt mit und ohne Depression) einen positiven Effekt auf die Depressivität haben [1260], [1261]. Trizyklische Antidepressiva (insbesondere Amitriptylin, Imipramin, Desipramin und Clomipramin) sowie Venlafaxin und Duloxetin haben darüber hinaus auch analgetische Wirkung, wohingegen dies für Trazodon und SSRIs – außer Fluoxetin, für das gewisse analgetische Wirksamkeit bei diabetischer Neuropathie und chronischen Schmerzen nachgewiesen ist – nicht zutrifft [1261], [1262], [1263]. Auch für die Wirksamkeit Kognitiver Verhaltenstherapie [1264] und der IPT (in Kombination mit Paroxetin; [1265]) bezüglich der Reduzierung von Depressivität gibt es Evidenz, wobei sich in der Studie von Karp et al. (2005) [1265] zeigte, dass Non-Response auf Psychotherapie bei älteren Patienten mit Depression mit stärkeren Schmerzen in der Baselinemessung verbunden war.

Psychotherapeutische und psychosoziale Interventionen gehören bei muskuloskelettalen Erkrankungen im rehabilitativen Kontext häufig zum Basisangebot, während sie in der Primärversorgung eher noch eine untergeordnete Rolle spielen. Psychoedukative Gruppenangebote vermitteln Wissen und Kompetenz im Umgang mit der Erkrankung sowie mit Anforderungen und Nebenwirkungen, die aus der Behandlung resultieren. Supportive Behandlungsangebote unterstützen den Patienten bei der Verarbeitung der belastenden Lebensveränderungen. Psychotherapien ermöglichen die Behandlung komorbider psychischer Störungen. Zwei Metaanalysen [1266], [1267] mit jeweils über 20 eingeschlossenen randomisiert-kontrollierten Studien (RCTs) zu psychosozialen Interventionen bei muskuloskelettalen Erkrankungen belegen die Akzeptanz derartiger Interventionen und unterstreichen deren Wirksamkeit. Die Reduktion schmerzbezogener Depressionen könnte hierbei ein therapeutischer Schlüsselmechanismus bei der Bewältigung von chronischem Rückenschmerz darstellen [1268]. Bislang liegen jedoch keine RCTs zu psychosozialen Interventionen bei Patienten mit muskuloskelettalen Erkrankungen und psychischen Störungen vor, während drei Studien die Wirksamkeit einer Kombinationstherapie, bestehend aus Pharmako- und psychologischer Therapie, bei Patienten mit muskuloskelettalen Erkrankungen und depressiven Störungen untersuchten [1269], [1270], [1271].

Lin und Kollegen [1270], [1270] untersuchten die Wirksamkeit eines integrierten Versorgungsansatzes (Collaborative Care; umfassende Depressionsbehandlung bestehend aus Antidepressiva, Psychotherapie und Case-Management) im Vergleich zur Standardbehandlung bei über 1000 Patienten mit Arthropathien und Depression. Nach 12-monatiger Behandlungsphase zeigten die Patienten nach systematischer Depressionsbehandlung signifikant weniger depressive Symptome, einen verbesserten allgemeinen Gesundheitszustand, eine höhere Lebensqualität sowie eine geringere Schmerzintensität und weniger Aktivitätseinschränkungen durch die Arthropathie und den Schmerz. Kroenke et al. [1269], [1269] bestätigen die Wirksamkeit einer vergleichbaren Intervention bei 250 Patienten mit muskuloskelettalen Schmerzsyndromen (chronische Rücken-, Hüft oder Knieschmerzen) und Depression. Basierend auf Ergebnissen eines kleineren RCT zum additiven Effekt von kognitiv-behavioraler Therapie (KVT) zusätzlich zu Pharmakotherapie zeigte sich kein inkrementeller Nutzen der KVT zusätzlich zu Antidepressiva [1271], [1271]. In einer Subgruppenanalyse eines RCT zur Wirksamkeit von KVT und achtsamkeitsbasierter Therapie im Vergleich zu Psychoedukation bei Patienten mit rheumatoider Arthritis zeigte sich hingegen, dass insbesondere Patienten mit komorbiden depressiven Störungen von den genannten psychotherapeutischen Verfahren profitieren [1272]. Eine randomisiert-kontrollierte Studie konnte zudem positive Belege für den Einsatz psychodynamischer Kurzzeittherapie bei Patienten mit Fibromyalgie und Depression erbringen [1273].

Empfehlung/Statement

Empfehlungsgrad

3-85

Wenn eine Pharmakotherapie der Depression bei Komorbidität mit chronischem Schmerz begonnen wird, sollten bevorzugt trizyklische Antidepressiva (Amitriptylin, Imipramin, Desipramin und Clomipramin) aufgrund ihrer analgetischen Eigenschaften angeboten werden.

LoE Ib: systematische Übersichtsarbeiten [1261], [1262], [1263]

B

3-86_mod_2015

Eine Psychotherapie kann Patienten mit einer Komorbidität von depressiver Störung und chronischem Schmerz zur Reduzierung der depressiven Symptome angeboten werden.

LoE Ib: RCTs [1269], [1269], [1270], [1270], [1271], [1271], [1272], [1272], [1273]

0

3.7.2.5 Neurodegenerative Erkrankungen

Demenz

Die Häufigkeitsangaben zu depressiven Symptomen und Syndromen bei Demenz schwanken stark, was auch von der Untersuchungsmethode abhängt [63], [137]. Die verschiedenen Schweregrade scheinen etwa gleich häufig zu sein (sehr wenige depressive Symptome: 51 %; leicht: 27 %; mittelgradig bis schwer: 22 %, [1274]). Eine depressive Episode entwickeln am ehesten jene Demenzkranken, die in der Vorgeschichte oder familiär bereits mit Depressionen belastet sind [1275]. Eher häufiger, nämlich mit Prävalenzangaben von bis zu 50 %, finden sich Depressionen bei vaskulären und neurodegenerativen Hirnerkrankungen, die subkortikale Funktionskreise beeinträchtigen.

Das Wechselspiel von Demenz und Depression ist komplex [1276]. Nach verschiedenen Metaanalysen erhöht eine Depression in der Vorgeschichte das Risiko später an einer Alzheimer-Demenz zu erkranken [138], [1277]. Dieser Zusammenhang scheint v.a. bei Patienten mit Major Depression zuzutreffen [1278]. Insbesondere aber scheint das Risiko, dass sich aus einer Depression eine Demenz entwickelt, vom Erstmanifestationsalter der Depression abzuhängen. Offensichtlich kann ein Teil der depressiven Syndrome als Prodrom einer demenziellen Erkrankung interpretiert werden (z. B. [1279], [1280]). Gleichzeitig erhöht eine hirnorganische Erkrankung das Risiko für eine Depression [133]; dies gilt insbesondere für Patienten, bei denen eine vaskuläre Demenz diagnostiziert wurde [1281]. Einige Symptome der beginnenden Demenz zeigen eine erhebliche Überlappung mit einem depressiven Syndrom, vor allem Apathie, sozialer Rückzug, affektive Labilität und Gewichtsabnahme [1282]. Studien zeigen im Vorlauf der Alzheimer-Demenz auch eine erhöhte Suizidalität [1279], [1283].

Die Differenzialdiagnose zwischen einer beginnenden Demenz und einer Depression ist daher schwierig bzw. im Einzelfall, insbesondere bei unklaren Krankheitsverläufen (später Beginn), nicht valide zu stellen. Es muss beachtet werden, dass Patienten, die gleichzeitig unter depressiven Episoden und unterschwelligen kognitiven Defiziten leiden, ein zweifach höheres Risiko haben, später an einer Demenz (insbes. vaskulär) zu erkranken [1284]; das heißt, dass sich hinter solchen Krankheitsbildern latent eine später klinisch manifeste Demenz verbergen kann. Im Querschnitt ist dies klinisch allerdings trotz erheblichen diagnostischen Aufwands nicht immer sicher zu entdecken. Es sollte aber in jedem Fall eine Differenzialdiagnostik sowohl der Demenz als auch der Depression erfolgen (vgl. Kapitel 2.3 "Differenzialdiagnostik"); diese sollte in unsicheren Fällen in längeren Intervallen (ab 6 Monate) wiederholt werden. Auch bei Zweifeln sollte ein antidepressiver Behandlungsversuch unternommen werden. Auch ein Antidementivaeinsatz (Cholinesterasehemmer) kann zusätzlich zur Besserung beitragen [1285], [1286], [1287], [1288].

Die Behandlung der Depression bei Patienten mit einer Demenz soll zur Verbesserung der kognitiven Funktionen beitragen und kann einen positiven Einfluss auf die Lebensqualität und den Funktionsstatus haben [1289], [1290]. Allerdings gibt es bis heute nur wenige methodisch gute Studien zur Pharmakotherapie der Depression bei Demenz [1291]. Der Effekt auf die Kognition muss mittlerweile eher kritisch hinterfragt werden. Zwei kleine diesbezügliche Studien (zusammen 175 Patienten; RCT, Sertralin vs. Placebo) konnten weder einen Medikationseffekt noch einen Zusammenhang der Kognition mit verbesserter Stimmung beschreiben [1292], [1293]. Eine Sekundärdatenanalyse von Patienten mit Depression und unterschiedlich starker kognitiver Beeinträchtigung konnte zudem keinen Zusammenhang zwischen der Ausprägung der kognitiven Einschränkung und der Wirksamkeit von SSRI erbringen [1294].

In einer Cochrane-Analyse zur Effektivität antidepressiver Therapie bei Demenz-Erkrankten wurden vier Studien eingeschlossen, die Fallzahl war dennoch sehr niedrig (n=63). Es konnte letztlich kein überzeugender Hinweis auf eine relevante antidepressive Wirksamkeit bei schlechterer Tolerabilität als Placebo gefunden werden. Lediglich zwei kleinere Studien zeigten je nach Endpunkt (Rating, Remissionsraten) positive Ergebnisse [1295], [1296]. Auch in einer späteren Metaanalyse, in welche eine weitere größere Studie eingeschlossen wurde, konnte lediglich eine numerisch höhere Wahrscheinlichkeit (nicht signifikant) in Bezug auf Response und Remission zugunsten der Antidepressiva ermittelt werden. Auf den Einsatz von Antidepressiva mit anticholinerger Begleitkomponente sollte wegen der Interaktion mit den Pathomechanismen der Demenz verzichtet werden.

Untersucht wurden auch Nortriptylin und SSRI wie Sertralin und Paroxetin. Dennoch bemängelt auch hier die Cochrane-Analyse die schlechte Datenlage [1297]. Ein belastbarer Hinweis auf Effektivität bei Parkinson-Demenz (siehe auch unten) existiert bislang nicht. Vor dem Hintergrund qualitativ verbesserungswürdiger Studien mit zum Teil nicht ausreichend klinisch definierter Erkrankung sowie eines wahrscheinlich erheblichen Publication Bias scheinen Antidepressiva kaum zu wirken; siehe [1298].

Auch eine systematische Übersichtsarbeit von Leong verweist auf die noch unzureichende Evidenz zur Behandlung komorbider Depression und Demenz mit Antidepressiva [1299].

In einer systematischen Übersichtsarbeit von Henry et al. konnten positive Belege für die Wirksamkeit von SSRI gegenüber Placebo für die Behandlung von psychischen Symptomen der Demenz identifiziert werden [1300], jedoch wurden in dieser Arbeit nicht gezielt Studien mit Patienten mit einer komorbiden Depression und Demenz eingeschlossen.

EKT wird bei depressiven Patienten mit Demenz seit mehreren Jahrzehnten angewendet [1301]. In einer Reihe von klinischen Studien mit eher kleinen Fallzahlen zeigte sich eine deutliche Wirksamkeit bei mittelfristig günstigem Nebenwirkungsprofil [1301], [1302], [1303]. In einigen der Untersuchungen werden bei bis zu 49 % der Patienten im Behandlungszeitraum transiente delirante Zustandsbilder beschrieben. Für die Subgruppen Morbus Huntington [1304] und Lewy-Body-Demenz [1305] ergaben sich für sehr kleine Fallzahlen ermutigende Ergebnisse, für die vaskuläre Demenz werden vermehrt Nebenwirkungen berichtet. Reviews kommen deshalb im Hinblick auf die EKT-Behandlung von dementen Patienten mit Depression zu dem Urteil, dass derzeit keine evidenzbasierte Empfehlung möglich ist, aber der Einsatz von EKT bei Versagen anderer Therapieoptionen, nach individueller Abschätzung von Nutzen und Risiko sowie Aufklärung und Einwilligung des Patienten oder des gesetzlichen Vertreters, gerechtfertigt werden kann [985], [1306], [1307].

Verhaltenstherapeutische Strategien sind bei Patienten mit Demenz und depressiver Episode nicht gut untersucht. Die positive Bewertung psychotherapeutischer Maßnahmen in einem Cochrane-Review bei Patienten mit Demenz [1308] muss vor dem Hintergrund deutlich relativiert werden, dass kaum eine Studie die Einschlusskriterien für die depressive Symptomatik benennt oder definierte Depressionen als Einschlusskriterium berücksichtigte. In der Minderheit der Studien ist eine Verblindung der Rater gewährleistet. Die eingesetzten Therapieverfahren sind heterogen (Counseling, CBT, IPT, Tai Chi). Auch die Erhebungsinstrumente sind heterogen, die Patienten sind zumeist nur leicht kognitiv beeinträchtigt. Die positive Gesamtaussage wurde primär getrieben durch die recht große Studie von Waldorff et al. [1309], welche im Follow-Up unter einer kombinierten Therapie (Counseling und Edukation) eine Verbesserung der Stimmungslage (bei Fehlen einer depressiven Eingangsdiagnose oder einer Rating-Schwelle) beschrieben haben. Im Rahmen dieser Datenlage kann nicht von einem validierten Effektivitätsnachweis psychotherapeutischer Maßnahmen bei Patienten mit Demenz und depressiven Episoden gesprochen werden.

Empfehlung/Statement

Empfehlungsgrad

3-87

Die Studienlage zur Unterstützung von spezifischen Empfehlungen zur Behandlung der Komorbidität mit einer Demenz ist nicht hinreichend.

LoE Ib: systematische Übersichtsarbeiten [1297], [1299], [1300], [1308]

Statement

3-88_mod_2015

Wenn eine Pharmakotherapie bei einer Komorbidität von Demenz und depressiver Störung eingeleitet wird, sollten aufgrund des Nebenwirkungspotenzials und damit der möglichen Induktion eines Delirs und der weiteren Verschlechterung der kognitiven Funktionen keine anticholinergen Antidepressiva eingesetzt werden.

LoE Ib: RCT [1280]

B

Morbus Parkinson (ohne klinische Zeichen der Demenz)

Depressive Symptome sind eine charakteristische Komponente der Symptomatik einer Parkinsonerkrankung. Aber auch in Beschränkung auf definierte Fälle mit mittelschwerer bis schwerer depressiver Episode ergeben sich erhebliche Komorbiditätsraten (17 % [1310]), welche einen relevanten Anteil an der verminderten Lebensqualität ausmachen.

Klinisch werden diese Syndrome häufig psychopharmakologisch behandelt (zumeist mit SSRI). Demgegenüber steht wiederum eine schlechte Datenlage in Bezug auf die Größe der Studienpopulation und auf die Qualität (häufig keine adäquaten Einschlusskriterien in Bezug auf Depression, z.T. keine Erwähnung von Remissions- und Ansprechraten, heterogene Einschluss- und Bewertungskriterien). Eine entsprechende Metaanalyse konnte trotz liberaler Einschlusskriterien nur sechs Studien identifizieren und in die Analyse einbeziehen (SSRI: n=94 vs. Placebo: n=95) [1298]. Weder für die Rating-Ergebnisse noch für die Response-Raten ergaben sich Hinweise auf eine positive antidepressive Wirkung. Die wegen der anticholinergen Begleitwirkung in diesem Kontext häufig klinisch favorisierten TZA konnten in drei identifizierten Studien keine signifikanten Verbesserungen gegenüber SSRIs (in Bezug auf die depressive Symptomatik) darstellen. Hier ist lediglich eine Einzelstudie mit deutlich herausragendem Ergebnis (Bevorzugung der TZAs gegenüber SSRIs als statistischer Trend) zu nennen, deren Ergebnisse in den anderen Studien jedoch nicht bestätigt werden konnten [1311]. Eine positive Empfehlung für eine psychopharmakologische antidepressive Behandlung bei idiopathischem Parkinson-Syndrom mit komorbider Depression kann evidenzbasiert derzeit nicht gegeben werden. Weitere qualitativ gut durchgeführte Studien sind diesbezüglich in Zukunft weiter notwendig.

In Bezug auf psychotherapeutische Interventionen gibt es nur eine größere Studie (n=80), die jedoch Patienten mit heterogenen Depressionsdiagnosen (z. B. Depressionen NNB) eingeschlossen hat. Es kam hier zu einer signifikanten Verbesserung der Depression (HAM-D). Weitere Studien sind notwendig, um dieses Ergebnis zu validieren. In einer systematischen Übersichtsarbeit und Metaanalyse, die neben dieser Studie auch Studien berücksichtigt hat, in denen Patienten mit Parkinson und komorbider depressiver Symptomatik (ohne validierter kategorialer Diagnose) behandelt wurden, konnten positive Belege für die Wirksamkeit sowohl psychodynamischer als auch verhaltenstherapeutischer Kurzzeitpsychotherapien identifiziert werden [1312].

Empfehlung/Statement

Empfehlungsgrad

3-89_NEU_2015

Die Studienlage kann derzeit keine Empfehlung in Richtung einer antidepressiven pharmakologischen Therapie bei komorbider Depression und Morbus Parkinson stützen. Auch kann keine antidepressive pharmakologische Substanzgruppe in Bezug auf mögliche antidepressive Effekte bevorzugt empfohlen werden.

LoE Ia: Metaanalysen [1298], [1311]

Statement

3-90_NEU_2015

Eine Psychotherapie bei depressiver Episode und komorbider Parkinsonerkrankung kann als Therapieversuch angeboten werden (empirische Belege liegen insbesondere für KVT vor).

LoE Ia: Metaanalyse [1312]

0

3.8 Transkulturelle Aspekte depressiver Störungen

3.8.1 Ausgangslage

Sowohl migrationsbezogene als auch kulturelle Aspekte beeinflussen die gesundheitliche Situation und den Zugang zu Versorgung und Prävention. Daher sind zur Gewährleistung einer adäquaten gesundheitlichen Versorgung für depressive Patienten mit Migrationshintergrund kultur- und migrationsspezifische Faktoren zu berücksichtigen. Schon bei der Definition der Begriffe "Gesundheit" und "Krankheit" spielen soziokulturelle Faktoren eine entscheidende Bedeutung. Da depressive Erkrankungen unter anderem von der sozialen Beurteilung der Symptome bzw. deren Einschätzung als Abweichung von einer Norm abhängen, sind Diagnosen somit zwangsläufig auch soziokulturell geprägt, so dass neben soziodemographischen und schichtbedingten Faktoren auch der kulturelle Hintergrund und spezifische Migrationserfahrungen eine Bedeutung bei deren Verständnis haben [1313], [1314], [1315], [1316].

Galt in Deutschland bis vor kurzem noch eine nicht deutsche Nationalität als Merkmal für "Migrant", hat sich in den letzten Jahren aus inhaltlichen wie politischen Gründen der Begriff "Person mit Migrationshintergrund" (mindestens ein Elternteil ist emigriert) etabliert. Hierdurch wird auch deutlich, dass Deutschland eine multikulturelle Gesellschaft ist, die es erforderlich macht, sowohl ethno-kulturelle Spezifika als auch Migrationsprozesse stärker im Gesundheitsbereich zu berücksichtigen [1317], [1318]. Derzeit geht man von einem Bevölkerungsanteil von Menschen mit Migrationshintergrund von ca. 20 % aus, d. h. dass ca. 16 Millionen Menschen in Deutschland einen Migrationshintergrund haben (Stichtag 31.12.2013). Hierbei haben ca. zwei Drittel eine "eigene Migrationserfahrung" (d. h. sind selbst zugewandert) und mehr als die Hälfte davon haben einen deutschen Pass. Während der Anteil älterer Menschen mit Migrationshintergrund nur bei ca. 9 % liegt, beträgt dieser bei jüngeren Altersstufen bereits fast 30 %. Das bedeutet, dass in den nächsten Jahren mit einer weiteren deutlichen Zunahme des Bevölkerungsanteil von Menschen mit Migrationshintergrund zu rechnen ist (vgl. [1319]).

In diesem Zusammenhang ist auch das unterschiedliche Inanspruchnahmeverhalten von Personen mit Migrationshintergrund als Ausdruck kulturell bedingter Krankheits- und Behandlungsvorstellungen von Bedeutung (vgl. [1320]). So werden psychiatrisch-psychotherapeutische Angebote von Personen mit Migrationshintergrund seltener in Anspruch genommen [1321], [1322], [1323], [1324]. Neben differierenden Gesundheits- bzw. Krankheitsmodellen, Sprachbarrieren und fehlenden muttersprachlichen Informationen spielen die alternative Inanspruchnahme typischer Hilfesysteme der Herkunftskultur und die Meidung von Diensten, wenn diese an Einrichtungen gebunden sind, mit denen Personen mit Migrationshintergrund subjektiv "schlechte Erfahrungen" gemacht haben, eine wichtige Rolle. Zusätzlich existieren aber auch institutionelle Barrieren, die den Zugang zu Angeboten der Gesundheitsversorgung beeinflussen [1323], [1325], [1326], [1327]. Während Notfalleinrichtungen stärker in Anspruch genommen werden, werden reguläre ambulante Angebote hingegen seltener genutzt. Personen mit Migrationshintergrund werden seltener stationär aufgenommen, dafür aber häufiger unfreiwillig (Zwangseinweisungen) und sowohl deren Aufenthaltsdauer als auch die Behandlungseffektivität ist geringer [1328], [1329], [1330].

3.8.2 Depressive Symptome und Diagnose

Kulturelle Aspekte werden im Rahmen der ICD-10-basierten Diagnostik nur im Sinne von Schwierigkeiten bei der kulturellen Eingewöhnung (Z60.3) berücksichtigt, während diese kulturellen Faktoren im DSM-5 durch einen spezifischen Anhang umfassender aufgegriffen werden.

Studien zur Analyse kultureller Spezifika hinsichtlich depressionsbezogener Symptome sind selten, lassen aber Differenzen in Abhängigkeit vom kulturellen und Migrationshintergrund insbesondere im Erleben von und beim Umgang mit depressiven Symptomen erkennen [1331], [1332], [1333]. Insbesondere in Kulturen mit ganzheitlichen Leib-Seele-Konzepten werden psychische Beschwerden oft v.a. körperlich ausgedrückt [1334], [1335].

Im Hinblick auf die Prävalenz depressiver Störungen in verschiedenen Populationen und Kulturen ist die Datenlage uneinheitlich. Zwar wurden bezüglich der Prävalenzraten in verschiedenen Ländern Unterschiede beschrieben [81], [1336], [1337], Studienergebnisse legen aber den Schluss nahe, dass kulturelle Differenzen insbesondere auf unterschiedliche Ausdrucksformen depressiver Symptome zurückführbar sind und normabhängige Symptominterpretationen (z. B. Schuldempfinden, Selbstwertgefühl) häufig eine adäquate Diagnosestellung erschweren [1338], [1339], [1340], [1341], [1342].

Eine migrationssensitive Reanalyse des Bundesgesundheitssurvey von 1998 zeigte signifikant höhere Prävalenzraten affektiver Störungen bei Migrantinnen und Migranten im Vergleich zu Einheimischen hinsichtlich aller Prävalenzzeiträume: 4-Wochenprävalenz: 11,7 % vs. 5,8 % (OR 2,0; p< .01), 12-Monatsprävalenz: 17,9 % vs. 11,3 % (OR 1,7; p< .05), Lebenszeitprävalenz: 24,9 % vs. 18,2 % (OR 1,7; p< .05) [1343]. Die Autoren interpretieren ihre Ergebnisse als Ausdruck des Zusammenwirkens verschiedener Mediatoren (v.a. psychosoziale Belastungen, stressrelevante Migrationsfolgen, kulturelle und migrationsbezogene Hintergründe). Diese Interpretation wird auch durch andere Studien bestätigt [1316], [1320], [1344].

Während eine depressive Stimmungslage, Antriebsarmut und Selbstwertminderung kulturübergreifend ähnlich auftreten, scheinen ausgeprägte Somatisierungen in südeuropäischen und afrikanischen Ländern häufiger vorzukommen. Symptome wie Schuld, Wertlosigkeit und Suizidalität hingegen scheinen in asiatischen Ländern eine zentralere Rolle im Rahmen einer depressiven Erkrankung einzunehmen [1345], [1346], [1347]. So berichteten in einer von der WHO durchgeführten älteren Studie 68 % der Patientinnen und Patienten in der Schweiz Schuldgefühle, im Iran dagegen nur 32 %. Andererseits wurden bei 57 % der Patientinnen und Patienten im Iran deutliche Somatisierungssymptome diagnostiziert, während es in Kanada nur 27 % waren [1348].

Auch wenn ein kausaler Zusammenhang zwischen Migration per se und depressiven Erkrankungen nicht angenommen wird [1316], [1320], existieren gleichwohl Belastungsfaktoren im Zusammenhang mit der Migration, die Entstehung und Verlauf depressiver Erkrankungen beeinflussen [1321], [1343], [1349], [1350]. So sind Personen mit Migrationshintergrund spezifischen Gesundheitsrisiken ausgesetzt (z. B. mehr kritische relevante Lebensereignisse, eine ungesicherte Aufenthaltssituation, prekäre Arbeits- und Wohnsituationen, sprachliche Schwierigkeiten und starke sozialräumliche Ungleichverteilung einzelner Gruppen (hoher Segregrationsgrad), durch ethnisch-kulturelle Werteausweitung und -verschiebung (Diversifizierung) erschwerte Konflikte u. a., die zu einer kumulierten Benachteiligung gegenüber vergleichbaren Bevölkerungsgruppen führen [1318], [1351], [1352]. Zusätzlich können unterschiedliche Bewertungen der Symptome zwischen Patienten mit Migrationshintergrund und den zumeist einheimischen Behandelnden zu Diagnoseproblemen und inadäquaten Behandlungen führen [1353], [1354], [1355]. Insbesondere sprachliche Verständigungsprobleme, unterschiedliches Erleben und Wahrnehmen von Emotionen, ein differierendes Verständnis der Therapeut-Patient-Beziehung und verschiedenartige Wertvorstellungen führen nicht selten zu einer unterschiedlichen Beurteilung von Problemlagen zwischen Behandelnden und Patienten [1356].

3.8.3 Somatische und psychosoziale Diagnostik

Im Rahmen der psychosozialen Diagnostik sollte ein besonderes Augenmerk auf soziokulturell geprägte Krankheits- und Behandlungsvorstellungen (z. B. unterschiedliche Ausdrucksformen, normabhängige Symptominterpretationen, ganzheitliche Erlebensform, traditionelle Behandlungskonzepte) einerseits und migrationsbezogene spezifische Gesundheitsrisiken (z. B. sozialer Ausschluss und instabile soziale Gefüge, Assimilations- bzw. Akkulturationsdruck) andererseits gelegt werden [1323], [1341], [1346]. In Anbetracht der Bedeutung der Angehörigen in vielen Kulturen sollte diese, soweit möglich und vom Patienten erwünscht, bereits in den diagnostischen Prozess einbezogen werden [1357], [1358]. Die Berücksichtigung dieser Aspekte als wesentlicher Bestandteil der Diagnostik erleichtert nicht nur das Therapeut-Patient-Verständnis bzgl. Krankheit und Behandlung, es bildet auch die Grundlage für eine aktive Mitarbeit der Patientinnen und Patienten an der Behandlung [1359], [1360], [1361].

Für eine adäquate Diagnostik depressiver Störungen bei Menschen mit Migrationshintergrund ist daher eine kultur- und migrationsbezogene Anamneseerhebung sinnvoll, die kultur- und migrationsspezifische Einflussfaktoren auf die depressive Symptomatik mitberücksichtigt [1334], [1362], [1363]. Hierfür liefert die Methode der kulturellen Formulierung ("Cultural Formulation", DSM-5) eine gute Möglichkeit zur Erfassung kulturell bedingter Werte, Normen und Verhaltensweisen im Zusammenhangs mit psychischen Störungen [237].

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3.8.4 Therapieziele und Therapieplanung

Neben einer patienten- und krankheitsbezogenen psychiatrischen und psychotherapeutischen sowie ggf. somatischen Behandlung sollte ein Behandlungsschwerpunkt auf der Psychoedukation und Gesundheitsbildung liegen. Durch die explizite Mobilisierung kultur- und migrationsspezifischer Ressourcen (z. B. Anpassungsfähigkeit, Stressresistenz, holistische Denkmuster) sowie soziokultureller Einstellungssysteme können neue Lösungsansätze erarbeitet und gefördert werden [1360], [1364], [1365].

3.8.5 Therapeutische Angebote

Bei der Entscheidung bzgl. einer notwendigen pharmakologischen und/oder psychotherapeutischen Behandlung müssen auch kulturelle Aspekte, v.a. die Bedeutung von soziokulturell angepasster Behandlung, Naturheilmitteln und Heilern, beachtet werden [1364], [1366], [1367]. Studien zu Ethnizität und Behandlungspräferenz bei Depressionen weisen darauf hin, dass ethnische Minderheiten eine psychologische Beratung und alternative Behandlungsmethoden gegenüber einer medikamentösen Behandlung bevorzugen [1366], [1368], [1369].

3.8.5.1 Psychoedukation und Gesundheitsberatung

Insbesondere bei psychoedukativen Maßnahmen ist die Berücksichtigung kulturspezifischer Krankheits- und Behandlungskonzepte von entscheidender Bedeutung. Durch die kultur- und migrationssensitive Entwicklung eines adäquaten Krankheitsverständnisses kann einerseits die Akzeptanz und Behandlungsadhärenz gefördert werden. Anderseits kann durch den Fokus auf einem bio-psycho-sozialen Modell die Depression von normalen Gefühlen wie Kummer oder Traurigkeit unterschieden und eine entlastende Wirkung erzielt werden [1342], [1367].

3.8.5.2 Antidepressiva

Im Rahmen einer antidepressiven Behandlung sollten pharmakokinetische und pharmakodynamische Unterschiede zwischen verschiedenen Ethnien beachtet werden. Eine diesbezügliche Analyse der STAR*D-Studie zeigte für ethnische Minderheiten (v.a. Black Americans und lateinamerikanische Patienten) ein geringeres Ansprechen auf Antidepressiva [1370]. Andere Studien zeigten ethnische Unterschiede in der Aktivität der für die Verstoffwechselung von Psychopharmaka relevanten Enzyme der Cytochrom-P450-Familie [1371], [1372], [1373].

3.8.5.3 Psychotherapeutische Behandlung

Aus zwei systematischen Reviews [1374], [1375] lassen sich Hinweise für die Wirksamkeit von kulturell angepassten psychotherapeutischen Behandlungen ableiten. Die meisten Anpassungen bezogen sich auf die Berücksichtigung kultureller Werte und Überzeugungen sowie Erklärungsmodelle. Die explizite Berücksichtigung der therapeutischen Beziehung und des individuellen kulturellen Hintergrunds ist seltener. Auch wenn die gefundene Evidenz aufgrund geringer spezifischer RCTs hierzu noch schwach ist, erscheint es sinnvoll, alle therapeutischen Maßnahmen unter Berücksichtigung ethnischer Spezifika einzusetzen und damit kulturelle Aspekte zu berücksichtigen [1356], [1365], [1375], [1376].

3.8.5.4 Ergänzende psychosoziale Maßnahmen

Insbesondere bei Menschen mit Migrationshintergrund bieten nonverbale Therapien (Künstlerische Therapien, Ergotherapie) ggf. ergänzend zu den in dieser Leitlinie getroffenen Empfehlungen die Möglichkeit, sich emotional auszudrücken sowie Probleme bearbeiten zu können, ohne mit sprachlichen Einschränkungen konfrontiert zu sein [1377], [1378]. Im Rahmen dieser Angebote könnten auch kulturelle Besonderheiten (z. B. Mediationstechniken, Rituale u.ä.) aufgegriffen und als individuelle Ressource gefördert werden. Empirische Evidenz zur nonverbalen Therapie konnte jedoch bislang nicht identifiziert werden.

Empfehlung/Statement

Empfehlungsgrad

3-91_NEU_2015

Die Berücksichtigung kulturspezifischer Krankheits- und Behandlungskonzepte im Rahmen einer partizipativen Entscheidungsfindung erleichtert die Akzeptanz der Behandlung und die therapeutische Mitarbeit (Adhärenz).

LoE Ib: syst. Übersichtsarbeiten [1364], [1366], [1367]

Statement

3-92_NEU_2015

Kultur- und migrationsspezifische Faktoren sollen im Rahmen der Anamnese, Diagnostik und Therapie depressiver Erkrankungen berücksichtigt werden.

Expertenkonsens basierend auf syst. Übersichtsarbeiten [1374], [1375]

KKP

3.9 Behandlung zyklusassoziierter depressiver Störungen

Im folgenden Kapitel werden Besonderheiten der Behandlung bei zyklusassoziierten depressiven Störungen bei Frauen beschrieben. Diese umfassen Depressionen in der Peripartalzeit, die Prämenstruelle Dysphorische Störung sowie Depressionen in der Perimenopause.

3.9.1 Depressionen in der Peripartalzeit

Im DSM-5, nicht aber in der ICD-10, sind Depressionen mit peripartalem Beginn als spezifische Subkategorie Majorer Depressionen aufgeführt. Sie umfassen antepartale, d. h. in der Schwangerschaft beginnende und postpartale Depressionen mit Beginn bis zu vier Wochen nach Entbindung. Dieses Intervall wird jedoch häufig als zu kurz kritisiert, viele Studien erweitern die Datierung des Beginns auf bis zu 12 Monate post partum [1379]. Ca. 50 % postpartaler Depressionen beginnen in der Schwangerschaft [237]. Abzugrenzen sind sie vom "post partum blues" (Stimmungsschwankungen in den ersten Tagen nach der Entbindung bei ca. 50-80 % aller entbindender Frauen) und von "post partum-Psychosen" mit abruptem Beginn innerhalb eines Monats nach Entbindung, deren Prävalenz von 1-2 per 1.000 geschätzt wird [1380].

Die Prävalenzraten peripartaler Depressionen sind denen von nichtgebärenden Frauen ähnlich (Schwangerschaft: ca. 10 % - 12 %, [1381]; postpartale Depressionen 10 % - 15 %, [1379]). Risikofaktoren für ante- bzw. postpartale Depressionen überschneiden sich, sie beinhalten frühere depressive Episoden, das Vorliegen einer Angststörung, Fehlen sozialer Unterstützung, eine schlechte Partnerbeziehung und belastende Lebensereignisse [1379], [1382]. Bei antepartalen Depressionen finden sich häufiger Rezidive früherer Episoden, während postpartale Depressionen einen höheren Anteil von Ersterkrankungen aufweisen, auch mit höherem Risiko für einen späteren bipolaren Verlauf [1383]. Bei postpartalem Beginn finden sich auch häufiger Zwangssymptome und psychotische Symptome [1383]. Antepartale Depressionen erhöhen das Risiko für nachfolgende postpartale Depressionen, darüber hinaus werden erhöhte Fehl- und Frühgeburtsraten sowie Wachstumsstörungen und Entwicklungsverzögerungen beim Säugling berichtet [1384]. Ähnlich zeigen sich als Folgen mütterlicher Depression während der Postpartalzeit Entwicklungsverzögerungen sowie die Entwicklung von psychischen und Verhaltensstörungen [1379]. Schwerwiegende Konsequenzen stellen, obwohl selten auftretend, mütterliche Suizide und Infantizide, häufig im Rahmen von erweiterten Suiziden, dar [1385]. Postpartale Depressionen bei Vätern werden auf 5 % - 10 % geschätzt [1386]. Sie erhöhen ihrerseits das Risiko für emotionale und Verhaltensprobleme bei Kindern, insbesondere bei Jungen [1387].

3.9.1.1 Screening

Zur Erfassung depressiver Störungen ante- und postpartal existieren mehrere Screening-Instrumente. Das am häufigsten verwendete Verfahren stellt die Edinburgh Postpartal Depression Scale (EPDS, [1388], [1389]) dar, ein Selbstbeurteilungsinstrument mit 10 Items. Für diesen Einsatz zeigte eine Metaanalyse mit 56 Studien ausreichende Sensitivität und Spezifität bei einem Cut-off-Wert von 9/10. Die EPDS ist weniger gut für den präpartalen Einsatz evaluiert, wobei hier auch ein höherer Cut-off vorgeschlagen wird (14/15). Der Patient Health Questionnaire (PHQ, [246]) mit 9 (PHQ-9, cut-off von 10) oder auch nur 2 Items (PHQ-2, cut-off von 3 oder 4) ist zwar nicht speziell für peripartale Depressionen entwickelt worden, hat aber – bei geringer Studienzahl - ebenfalls mäßige bis gute Sensitivität für den postpartalen Einsatz gezeigt. Die NICE-Leitlinien [1388] empfehlen den Einsatz des 2-Fragen-Tests. Zwei Metaanalysen [1390], [1391] kommen jedoch zu dem Schluss, dass es keine ausreichende Evidenz dafür gibt, dass ein universelles Screening auf Depression in Schwangerschaft oder post partum Nutzen für den weiteren Gesundheitsverlauf von Mutter und Kind bringt.

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3.9.1.2 Pharmakologische Behandlung von Depressionen in der Peripartalzeit

Reproduktive Sicherheit pharmakologischer Behandlung

Randomisiert-kontrollierte Studien (RCTs) zu möglichen Schädigungen von Medikamenten in der Peripartalzeit verbieten sich aus ethischen Gründen, sodass hier auf naturalistische Vergleichsstudien und Fallberichte zurückgegriffen werden muss. Dies erschwert die Unterscheidung potenziell schädlicher Medikamenteneffekte von denen der Depression selbst [1392], [1393]. Die weitaus meisten Untersuchungen zu potenziellen Risiken wurden zu SSRI durchgeführt, gefolgt von solchen zu TZA. Zu neueren Wirkstoffklassen (z. B. SNRIs und NRIs) liegen bislang nur vereinzelt Befunde vor, somit lässt sich für diese das Risiko für mögliche Schädigungen bislang nur unzureichend einschätzen.

Teratogene Schädigungen

Das Risiko für teratogene Schädigungen ist v.a. im ersten Trimester gegeben, in dem die Sensibilität für toxische Einwirkungen auf die Entwicklung der Organsysteme besonders hoch ist. SSRI sind mit einem geringfügig erhöhten Risiko für kongenitale Fehlbildungen assoziiert [1388], [1394], [1395], [1396], speziell mit Herzfehlbildungen [1388], [1397], wobei eine umfassende Kohortenstudie bei der eine Kontrolle durch Geschwisterinformationen vorgenommen wurde, keinen Zusammenhang zwischen SSRI und dem Anstieg für Herzfehlbildungen aufzeigen konnte [1398]. Für Paroxetin zeigen kontrollierte Studien einen kleinen dosisabhängigen Effekt auf kardiale Fehlbildungen (2 % - 4 % Inzidenz gegenüber erwartet 1 %, [1388], [1396], [1399], [1400], [1401], [1402], [1403]. Fluoxetin zeigt ein ähnliches Risikoprofil (Inzidenz ca. 3 % gegenüber 1 %, [1388], [1399], bei Escitalopram ist das Risiko für Septumdefekte erhöht [1388]. Die Kombination mehrerer SSRI führt zu weiterer Risikoerhöhung ([1395]; n=490.000). Auch für TZA ist das Risiko für allgemeine Fehlbildungen und kardiovaskuläre Defekte geringfügig erhöht [1396]. Bei Buproprion besteht ein erhöhtes Risiko für ventrikuläre Septumdefekte [1399], [1404] bei insgesamt niedriger Inzidenz (0,28 % versus erwarteter 0,07 %, [1399]). Unzureichende Informationen liegen für SNRIs (Venlafaxin, Duloxetin, Mirtazapin) vor [1405]. Unter Lithium zeigt sich ein kleiner statistisch signifikanter Anstieg kongenitaler Fehlbildungen [1388]. Früher postulierte hohe Inzidenzen für Fehlbildungen, insbesondere die Ebstein-Anomalie, werden inzwischen relativiert [1388], [536].

Verlauf von Schwangerschaft, Geburt und neonatale Komplikationen

Im späteren Verlauf der Schwangerschaft bestehen weitere potenzielle Risiken durch hohe Konzentrationen von Medikamenten im Fötus bzw. durch deren rapides Absetzen bei der Geburt. Wegen unreifer Lungen- und zentralnervöser Funktionen sind Frühgeborene bezüglich neonataler Komplikationen einer besonderen Belastung ausgesetzt [1406]. Unter Antidepressiva besteht ein geringfügig erhöhtes, statistisch signifikantes Fehlgeburtsrisiko [1388], [1394], [1399]. Das Risiko ist am höchsten bei Kombination mehrerer AD aus verschiedenen Wirkstoffklassen [1407]. Es besteht weiterhin ein geringfügig erhöhtes, statistisch signifikantes Frühgeburtsrisiko (< 37 Wochen) [1408], [1409], [1410], insbesondere bei Exposition im dritten Trimester, auch unter Kontrolle weiterer Risikofaktoren [1408], [1410]. Ein erhöhtes Risiko wurde für alle untersuchten Wirkstoffklassen (TZA, SSRI, SNRI) identifiziert [1396]. Bis zu 30 % der Neugeborenen unter AD-Exposition zeigen ein postnatales Adaptationssyndrom (PNAS), u. a. mit Gereiztheit, abnormem Schreien, Agitiertheit, Lethargie, Tremor, verringerte Nahrungsaufnahme und Atemnot [1388], [1399], [1409]. Die Symptome sind jedoch in der Regel mild und von begrenzter Dauer (einzelne Tage bis zu 2 Wochen [1409]). Hier liegen deutlich mehr Studien zu SSRIs als zu anderen Wirkstoffklassen vor [1388], [1399]. Am häufigsten wird eine PNAS-Symptomatik für Paroxetin, Fluoxetin und Venlafaxin berichtet [1399], [1411]. Für die persistierende pulmonale Hypertonie (PPHN), eine seltene, aber in bis zu 15% tödlich verlaufende Störung [1412], ist das Risiko für alle SSRI geringfügig erhöht (Inzidenz 0,3 % gegenüber 0,1 % - 0,2 %, [1388], [1396], [1399], [1409], [1412], [1413]). NICE [1388] identifizierte keine geeigneten Studien zur Einschätzung möglicher Schwangerschaftsverlaufs- und neonataler Risiken für Lithium. Verschiedene Einzelberichte verweisen auf Präeklampsie (hypertensive Erkrankung, welche die Schwangerschaft und das Wochenbett komplizieren kann) und Polyhydramnie (überdurchschnittlich große Menge Fruchtwasser) sowie Frühgeburten, Diabetes, Hypotonie, und Atemnotsyndrom beim Neugeborenen [1399], [1414]. Die Ergebnisse einer großen Kohortenstudie zeigten eine erhöhte Inzidenz für das Auftreten von peri- bzw. postpartalen Blutungen bei Frauen, die zum Zeitpunkt der Entbindung Antidepressiva (aller Substanzklassen) einnahmen [1415].

Stillzeit

Bei den TZA weist Nortriptylin (n=23 Studien) geringe bis nicht nachweisbare Konzentrationen in der Muttermilch auf [1416]. Doxepin war in zwei Fallberichten mit Atemdepression beim Säugling assoziiert [1416]. Verlässliche Daten zu anderen TZA fehlen. Unter den SSRI zeigen Sertralin, Paroxetin und Fluvoxamin nicht nachweisbare, Escitalopram und Citalopram geringfügige und Fluoxetin die höchsten Konzentrationen (bis in den therapeutischen Range) im kindlichen Plasma [1399], [1417]. Zu Fluoxetin, Escitalopram und Citalopram wurde in einzelnen Fallberichten eine milde PNAS-Symptomatik berichtet [1399], [1418]. Für andere AD-Wirkstoffgruppen liegen insgesamt wenige Studien vor. Hier fanden sich relativ hohe Plasmaspiegel für Venlafaxin [1417]. Lithium ist in der Muttermilch zu 10-100 % des mütterlichen Plasmalevels nachweisbar [1399]. Vereinzelt liegen Fallberichte bezüglich eines Floppy Infant Syndroms ("schlaffes Kind"; darunter wird das Auftreten einer ungewöhnlichen Körperhaltung, verminderter Bewegungen gegen Widerstand und abnormer Gelenkbeweglichkeit verstanden), Lethargie und Fütterungsstörung vor [1399]. Eine kleine Fallstudie an 10 Mütter-Kind-Paaren [1419] fand keine schwereren Nebenwirkungen bei den Säuglingen, in seltenem und geringem Ausmaß eine vorübergehende TSH-, Harnstoff- und Kreatinin-Erhöhung. Während einige Autoren eine Lithiumgabe als inkompatibel mit dem Stillen betrachten, schlagen andere ein engmaschiges therapeutisches Monitoring des Säuglings vor, u. a. bezüglich Lithiumplasmaspiegel, Thyroid- und renaler Funktion und Dehydration [1420].

Längerfristige neurokognitive und verhaltensbezogene Schädigungen

In drei populationsbasierten Studien zeigte sich eine Assoziation zwischen SSRI-Einnahme in der Schwangerschaft und der Entwicklung autistischer Symptome [1421], [1422], [1423]. Eine weitere populationsbezogene Studie [1424] fand keine entsprechende Risikoerhöhung. Zu Lithium liegen keine Studien über potenzielle längerfristige Schädigungen vor [1388].

Empfehlung/Statement

Empfehlungsgrad

3-93_NEU_2015

Die Gabe von Psychopharmaka während der Schwangerschaft und Stillzeit soll einer sorgfältigen Nutzen- und Risikoabwägung folgen, welche die individuelle Vorgeschichte (Rezidivrisiko), das bisherige Ansprechen auf ein Medikament, die Verfügbarkeit und den potenziellen Nutzen alternativer Maßnahmen (Psychotherapie) und die Präferenz der betroffenen Frauen berücksichtigt.

Expertenkonsens

KKP

3-94_NEU_2015

Wenn eine Pharmakotherapie erfolgen soll, sollte einer Monotherapie der Vorzug gegeben werden. Zu beachten ist:

  • es sollte die geringste effektive Dosis gewählt werden;
  • der Einfluss fluktuierender medikamentöser Plasmaspiegel während der Schwangerschaft sollte berücksichtigt werden;
  • es sollte ein regelmäßiges Monitoring der Wirkstoffspiegel erfolgen und ein niedriger wirksamer Wirkstoffspiegel angestrebt werden;
  • ein abruptes Absetzen der Medikation sollte vermieden werden.

LoE III: Beobachtungsstudien [1395], [1407]

0

3-95_NEU_2015

Wegen des geringfügig erhöhten Risikos für Fehlbildungen sollten Paroxetin und Fluoxetin nicht als Antidepressiva der ersten Wahl in der Schwangerschaft neu verordnet werden.

LoE III: Beobachtungsstudien, Referenzleitlinie [1388], [1396], [1399], [1400], [1401], [1402], [1403]

0

3-96_NEU_2015

Sertralin oder Citalopram scheinen nicht mit einem erhöhten Risiko für strukturelle Malformationen assoziiert zu sein. Dennoch sollte eine fetale sonographische Feindiagnostik in der 20. SSW empfohlen werden. Dabei sollten die möglichen Konsequenzen aus den Untersuchungsbefunden vorher mit der Patientin und ggf. ihrem Partner erörtert werden.

Expertenkonsens basierend auf Referenzleitlinie [1399], [1418]

KKP

3-97_NEU_2015

Bei Patientinnen mit geplanter Schwangerschaft sollte eine Neueinstellung auf ein Lithiumpräparat nur in Einzelfällen erfolgen. Die Patientinnen sollen über das möglicherweise erhöhte Teratogenitätsrisiko (Fehlbildungsrisiko) und die möglichen postpartalen Komplikationen aufgeklärt werden.

LoE III: Referenzleitlinie, Beobachtungsstudien [1388], [536], [1419], [1420]

0

3-98_NEU_2015

Bei schwangeren Frauen mit Lithiumtherapie sollte wegen Verschiebungen im Wasserhaushalt eine deutlich häufigere Kontrolle des Lithiumspiegels erfolgen, die Dosis auf mehrere Einnahmen pro Tag verteilt werden, und ein Lithiumspiegel im unteren therapeutischen Bereich angestrebt werden. Die Entscheidung, ob im Falle einer Schwangerschaft eine Lithiumtherapie fortgeführt oder beendet werden soll, ist gemeinsam mit der schwangeren Patientin unter sorgfältiger Abwägung der individuellen Vor- und Nachteile beider Möglichkeiten zu treffen. Hohe Rezidivgefahr und/oder schwere oder sogar suizidale frühere depressive Episoden können ein gewichtiges Argument für die Beibehaltung der Lithiumtherapie sein.

Expertenkonsens

KKP

3-99_NEU_2015

Alle Psychopharmaka können Schwangerschaftsverlaufs- und Geburtskomplikationen hervorrufen und zu zentralnervösen, gastrointestinalen und respiratorischen Anpassungsstörungen beim Neugeborenen führen. Besteht bis zur Geburt eine Exposition des Fötus mit Psychopharmaka, so sollte diese in einer Klinik mit angeschlossener Neonatologie erfolgen.

Expertenkonsens

KKP

Antidepressiva zur Prävention und Behandlung von Depressionen in der Schwangerschaft

Zu diesem Aspekt liegen keine RCTs vor [615], [1399]. Trotz häufigem Einsatz in der Schwangerschaft existieren auch keine Studien, die untersuchen, ob AD in der Schwangerschaft ähnlich wirksam sind wie außerhalb der Schwangerschaft [615].

Antidepressiva zur Prävention postpartaler Depressionen

Ein Cochrane-Review [1388], [1425] identifizierte zwei kleine Studien, die bei aktuell nicht depressiven Frauen mit rezidivierender Depression antidepressive Effekte auf die Prophylaxe postpartaler Depression mit Behandlungsbeginn unmittelbar nach der Entbindung untersuchten. Nortryptilin zeigte keinen Effekt gegenüber Placebo (n=51, 1 Studie), während Sertralin die Rückfallrate senkte und die Zeit bis zum Rückfall verlängerte (n=22, 1 Studie). Beide Studien waren von geringer methodischer Qualität. Die Autoren schließen deshalb, dass keine ausreichenden Evidenzen für den Gebrauch von AD zur Prävention postnataler Depressionen existieren.

Antidepressiva zur Behandlung postpartaler Depressionen

Ein systematischer Review [1426] identifizierte 6 RCT-Studien (n=595), in denen die Effektivität von SSRI gegenüber einer heterogenen Auswahl anderer Treatments (Placebo, andere AD, Psychotherapien unterschiedlicher Intensität) bei der Behandlung postpartaler Depressionen verglichen wurde. Hier waren SSRI ähnlich wirksam wie verschiedene Psychotherapien und Nortryptilin. Eine Überlegenheit für SSRI, insbesondere längerfristig, war nicht nachweisbar.

Eine Einzelstudie [1427] fand keine Überlegenheit einer Kombinationstherapie aus SSRI und psychodynamischer Kurzzeitpsychotherapie gegenüber der placebokontrollierten Psychotherapiebedingung bezüglich Remission, jedoch im Hinblick auf mittlere Depressionswerte. Fluoxetin und KVT-orientierte Beratung zeigten sich ähnlich effektiv [1428], ohne Zugewinn durch Kombination. Eine weitere Studie (vgl. NICE) [1388], [1429] fand einen moderaten signifikanten Effekt unterschiedlicher AD gegenüber unspezifischer Unterstützung nach 4 Wochen, nicht jedoch im weiteren Verlauf. Grundsätzlich kritisiert NICE [1388] die geringe methodische Qualität, die überwiegend kleinen Stichproben und die hohen Abbruchraten der beurteilten Studien.

NICE [1388] betrachtet die Evidenzen für antidepressive Pharmakotherapie in der Peripartalzeit als begrenzt, sowohl bezüglich Zahl als auch Qualität der dazu vorliegenden Studien, sieht diese jedoch weitgehend in Übereinstimmung zur Evidenz antidepressiver Medikation bei Frauen außerhalb der Peripartalzeit, sodass deren Rolle in der Behandlung von Depressionen in der Peripartalzeit nicht grundsätzlich in Frage gestellt wird.

Empfehlung/Statement

Empfehlungsgrad

3-100_NEU_2015

SSRIs und TZA können zur Behandlung mittelschwerer bis schwerer postpartaler Depressionen nach ausführlicher Nutzen-Risikoabwägung auf Mutter und Kind angeboten werden.

LoE Ia: syst. Review [1426] und Referenzleitlinien [1388], [1427], [1428]

0

3-101_NEU_2015

Die detaillierte Indikation zur pharmakologischen Behandlung von postpartalen Depressionen sollte unter ausführlicher Nutzen-Risikoabwägung auf Mutter und Kind den allgemeinen Behandlungsleitlinien folgen.

Expertenkonsens

KKP

Andere medikamentöse Verfahren

NICE [1388] identifizierte eine Studie zur transdermalen Östrogentherapie bei Frauen mit schwerer postpartaler Depression (n=64, [1430]). Gegenüber Placebo zeigte sich ein stärkerer Rückgang der Depressionswerte. Aufgrund der schwachen singulären Evidenz und unter Berücksichtigung östrogenassoziierter Risiken spricht NICE [1388] keine Empfehlung zur Östrogentherapie aus. In einer früheren Studie [1431], [1432] war die Gabe von Progesteron mit Verschlechterung der Depressivität und allgemeiner Erschöpfung assoziiert. Von einer Progesterontherapie zur Behandlung postpartaler Depressionen wird derzeit abgeraten [1432], [1433]. Für die Empfehlung einer Hormontherapie (Östrogen, Progesteron) zur Depressionsbehandlung in der Peripartalzeit besteht derzeit insgesamt keine Evidenz.

Eine Metaanalyse von Jans et al. [1434] zur Prävention und Behandlung peripartaler Depressionen durch Omega-3-Fettsäuren (EPA, DHA) zeigte keine positiven Effekte dieser Substanzen auf die Reduktion depressiver Symptome. Allerdings untersuchten nur drei der RCTs klinisch depressive Frauen. Dennis und Dowswell [1381] identifizierten eine positive und eine negative Studie zu diesen Substanzen. Damit existiert derzeit keine ausreichende empirische Evidenz, um Empfehlungen für Omega-3 Fettsäuren zur Behandlung peripartaler Depressionen zu geben.

3.9.1.3 Psychotherapie

Wegen potenziell negativer Folgen pharmakologischer Behandlung in der Peripartalzeit und dem damit höheren Schwellenwert für pharmakologische Behandlung wie auch der überwiegenden Bevorzugung psychotherapeutischer und psychosozialer Interventionen durch betroffene Frauen [967] kommt diesen Interventionen in der Peripartalzeit eine besondere Bedeutung zu.

Psychotherapeutische Prävention antepartaler Depressionen

Hierzu liegt keine Evidenz aus der Literatur vor.

Psychotherapeutische Behandlung antepartaler Depressionen

Ein Cochrane-Review [1435] identifizierte nur eine Studie zur Effektivität von Psychotherapie bei antepartaler Depression ([1436], n=38). Hier zeigte eine 16-wöchige IPT-Behandlung eine etwas deutlichere Verbesserung der depressiven Symptomatik gegenüber einer aktiven Kontrollbedingung (Elternschulung). Grote et al. ([1437], n=53) entwickelten ein verkürztes IPT-Programm in einer kleinen Stichprobe soziökonomisch benachteiligter Frauen. Gegenüber "enhanced care" (intensivierte Routinebehandlung) resultierten für IPT stärkere Verbesserungen bzgl. Depressivität und sozialem Funktionsniveau. In einer weiteren Studie führten Spinelli et al. ([1438], n=142) einen RCT (12 Wochen) durch, in dem IPT wiederum mit einem zeitparallelen Elternschulungsprogramm verglichen wurde. Hier führten beide Interventionen zu einer signifikanten und vergleichbaren Verbesserung bezüglich Depressivität. Angesichts der spärlichen Befundlage zur Psychotherapie bei Depressionen in der Schwangerschaft besteht hier weiterer Forschungsbedarf. Zwar erscheint es plausibel, dass psychotherapeutische Verfahren, die sich in der Depressionsbehandlung generell bewähren, auch bei der Behandlung von Depressionen in der Schwangerschaft wirksam sind, es fehlt dazu jedoch an empirischer Evidenz, insbesondere auch für andere Verfahren außerhalb der IPT.

Empfehlung/Statement

Empfehlungsgrad

3-102_NEU_2015

Zur Behandlung von Depressionen in der Schwangerschaft sollte betroffenen Patientinnen eine Psychotherapie angeboten werden.

LoE Ib: RCTs [1436], [1438], [1439]

B

Psychotherapeutische Prävention postpartaler Depressionen

Ein Cochrane Review ([1440]; n=28 Studien, 17.000 Frauen) zeigte, dass psychotherapeutische und andere psychosoziale Interventionen das Risiko für die Entwicklung postpartaler Depressionen signifikant senkten. Im Detail waren vor allem intensive postpartale häusliche Begleitung durch Krankenschwestern oder Hebammen, telefonbasierte Unterstützung durch trainierte Mütter und interpersonelle Psychotherapie wirksam. Weiterhin waren Interventionen im Einzelsetting, Interventionen mit multiplen Kontakten und Interventionen bei Müttern mit hohem Depressionsrisiko effektiv. Keine ausreichende Evidenz zeigten antepartale psychoedukative Gruppeninterventionen und Interventionen ohne Berücksichtigung des individuellen Risikos (universale Prävention).

Eine weitere Metaanalyse [1441] zeigte für präventive Maßnahmen bezogen auf die Vorhersage depressiver Symptome und Prävalenz depressiver Episoden im 6-Monats-Zeitraum nach Entbindung ebenfalls signifikante Effekte psychosozialer, insbesondere psychotherapeutischer Verfahren, hier v.a. für IPT und KVT. Zur Reduktion depressiver Episoden waren vor allem Therapien im Einzelsetting, solche für Frauen mit erhöhtem Depressionsrisiko und Interventionen mit postpartalem Beginn effektiv.

Schließlich schlussfolgert ein systematischer Review über 11 Studien, der ausschließlich antepartale Interventionen einschloss [1442], dass solche Interventionen effektiv postpartale depressive Symptomatik reduzieren oder postpartale Depressionen verhindern, die a) sich an Frauen wenden, die bereits in der Schwangerschaft depressive Symptome aufweisen und b) evidenzbasierte psychotherapeutische Verfahren zur Depressionsbehandlung beinhalten.

Empfehlung/Statement

Empfehlungsgrad

3-103_NEU_2015

Zur Prophylaxe von postpartalen Depressionen sollte Patientinnen mit erhöhtem Depressionsrisiko (z. B. bereits während der Schwangerschaft depressive Symptomatik oder frühere depressive Episoden) ante- oder postpartal eine Psychotherapie oder eine psychosoziale Intervention angeboten werden.

LoE Ia: Metaanalyse [1440], [1441], [1442]

A

Psychotherapeutische Behandlung postpartaler Depressionen

Ein Cochrane-Review ([1435]; n=9 Studien, 6 mit kategorialer Depressionsdiagnose, 1.000 Frauen) untersuchte Frauen mit Entwicklung depressiver Symptomatik innerhalb der ersten 12 Monate nach Entbindung. Die Interventionen umfassten psychosoziale nicht-direktive Beratung, supportive Interaktionen, psychoedukative Strategien und psychotherapeutische Interventionen (KVT, IPT, psychodynamische Therapie), die mit Standardversorgung (einschließlich Pharmakotherapie, falls als notwendig erachtet) verglichen wurden. Fast alle Interventionen wurden von professionellen Helfern durchgeführt. Psychotherapeutische und psychosoziale Interventionen zeigten eine signifikant stärkere Reduktion depressiver Symptomatik. Innerhalb der psychotherapeutischen Verfahren zeigten KVT (5 Studien) und IPT (1 Studie) unmittelbar nach Behandlungsende und bis 12 Monate postpartal positive Effekte, für die psychodynamische Therapie (1 Studie) nur unmittelbar nach Interventionsende.

Eine Metaanalyse über sieben Studien [1443] zeigte, dass KVT im Gruppenformat im Vergleich zu üblicher Versorgung oder Wartelistenkontrollgruppen effektiv bei der Behandlung postpartaler Depressionen ist. Zwei Metaanalysen [1444], [1445] fassten Studien zur Behandlung antepartaler und postpartaler Depressionen zusammen. Bezogen auf die RCT resultierten keine Unterschiede bezüglich Psychotherapien im Einzel- versus Gruppensetting. Sowohl IPT als auch KVT zeigten sich als wirksam. Eine weitere Metaanalyse [1445] zur Wirksamkeit von beziehungsbezogenen Interventionen (IPT, Paar-, Familientherapie) bei der Behandlung ante- und postpartaler Depressionen zeigte verfahrensübergreifend einen positiven Effekt auf die Reduktion depressiver Symptome, mit der höchsten Effektstärke für die IPT. Eine weitere Metanalyse belegt die Wirksamkeit von IPT bei postpartaler Depression [1446]. Aus einem systematischen Review von DeCrescenzo et al. [1426] geht schließlich hervor, dass psychotherapeutische Verfahren ähnlich effektiv in der Behandlung postpartaler Depressionen sind wie SSRIs und TZA.

Empfehlung/Statement

Empfehlungsgrad

3-104_NEU_2015

Zur Behandlung postpartaler Depressionen soll Betroffenen eine Psychotherapie angeboten werden.

LoE Ia: Metaanalysen [1426], [1435], [1443], [1444], [1445], [1446]

A

3.9.1.4 Sonstige nichtpharmakologische Verfahren

Elektrokonvulsionstherapie (EKT) in der Schwangerschaft

Eine frühere Fallsammlung von mehr als 300 Einzelfällen (1945-1990, [1447]) berichtet über einzelne Komplikationen, wie vorübergehende fötale Herzrhythmusstörung und vorzeitige Wehen. In fünf Fällen wurden kongenitale Fehlbildungen geschildert, die jedoch nicht kausal der ECT zugeordnet werden konnten. Eine aktuelle Übersicht (1970-2013, [1448]) berichtet über negative Effekte (fötale Herzrhythmusstörungen, Uteruskontraktionen, vorzeitige Wehen, Frühgeburten) in fast 1/3 der Fallberichte, die kindliche Mortalität lag bei 7,1 %. Die beiden Übersichten erlauben allerdings keine reliable Schätzung der wahren Prävalenz peripartaler Komplikationen durch EKT, da hier von einem substanziellen Publikationsbias auszugehen ist. Zu Wirksamkeit der EKT in der Peripartalzeit liegen keine prospektiven RCTs vor [1388]. NICE [1388] spricht eine vorsichtige Empfehlung für EKT bei Frauen mit schwerer Depression aus, wenn das Leben der Mutter oder des Kinds in Gefahr ist. Yonkers et al. [1384] empfehlen EKT bei schwangeren Frauen mit behandlungsresistenter Depression, beim Vorliegen psychotischer Depression, Suizidalität, oder schwerer Beeinträchtigung.

Empfehlung/Statement

Empfehlungsgrad

3-105_NEU_2015

Bei schwerer behandlungsresistenter Depression (z. B. vitale Bedrohung) in der Schwangerschaft kann eine EKT angeboten werden.

Expertenkonsens basierend auf Fallberichten [1447], [1448] und Referenzleitlinie [1388]

KKP

Körperliches Training zur Behandlung von Depressionen in der Peripartalzeit

Körperliches Training in der Perinatalzeit weist grundsätzlich positive körperliche und psychische Effekte auf [1449] und ist nicht mit erhöhten Risiken für das Kind assoziiert [1450]. Eine Metaanalyse [1451] (6 RCTs) fand, dass körperliches Training antepartale Depressionssymptome signifikant reduzierte. Allerdings basiert diese Einschätzung auf einer kleinen Zahl von Studien mit eher geringer Qualität. Ein RCT [1452] mit einer unselektierten Stichprobe von 184 Schwangeren fand jedoch ähnlich signifikant niedrigere Depressionswerte und einen geringeren Prozentsatz an Depressionen (CES-D Wert > 16) bei Frauen, die über die gesamte Schwangerschaft hinweg dreimal wöchentlich an angeleiteten Trainingssitzungen (55-60 min) teilnahmen. Negative Effekte der Intervention für Mutter und Kind zeigten sich nicht.

Empfehlung/Statement

Empfehlungsgrad

3-106_NEU_2015

Zur Reduktion depressiver Symptome in der Schwangerschaft sollte betroffenen Frauen körperliches Training als ergänzende Maßnahme empfohlen werden.

LoE Ia: Metaanalyse [1449], [1450], [1451], [1452]

B

Eine Metaanalyse [1453] untersuchte Effekte von körperlichem Training auf die Depressionssymptomatik bei Frauen mit postpartaler Depression. In diese Analyse gingen 5 Studien (4 RCTs) ein. Im Vergleich zu Kontrollbedingungen senkte körperliches Training die depressive Symptomatik signifikant. Die Autoren weisen darauf hin, dass keine Evidenz für körperliches Training als Ersatz für Standardbehandlungen vorliegt, weshalb es bei depressiven Frauen als ergänzende Maßnahme empfohlen werden soll.

Empfehlung/Statement

Empfehlungsgrad

3-107_NEU_2015

Zur Reduktion depressiver Symptome bei postpartaler Depression kann betroffenen Frauen körperliches Training als ergänzende Maßnahme empfohlen werden.

LoE Ia: Metaanalyse [1453]

0

Sonstige Maßnahmen zur Prävention und Behandlung peripartaler Depressionen

Ein Cochrane-Review [1440] identifizierte in einem dazu vorliegenden RCT zur Lichttherapie bei depressiven schwangeren Frauen gemischte Resultate. Zwar reduzierte die Intervention die depressive Symptomatik, zeigte aber keinen Effekt auf Behandlungsresponse und Remissionsrate. Bezüglich mütterlicher Massage fanden sich zwei negative und eine positive Studie, positive und negative Befunde zeigten sich auch für eine kleine Studie (n=35) zur Wirksamkeit von Akupunktur. Insgesamt bemängeln die Autoren die kleinen, nicht generalisierbaren Stichproben, die diesen Studien zugrunde liegen. Zur Hypnose ist derzeit kein RCT verfügbar, der deren Evidenz zur Prävention und Behandlung peripartaler Depressionen prüft [1454]. Damit existiert derzeit keine ausreichende empirische Evidenz, um Empfehlungen für Lichttherapie, mütterliche Massage, Akupunktur und Hypnose zur Prävention und Behandlung peripartaler Depressionen zu geben.

3.9.2 Prämenstruelle dysphorische Störung (PMDS)

Während die PMDS in ICD-10 unter N94 als "Schmerzzustand im Zusammenhang mit dem Menstruationszyklus" definiert ist, ist sie im DSM-5 als neue diagnostische Kategorie den depressiven Störungen zugeordnet. Leitsymptome sind erhöhte Affektlabilität, Gereiztheit, Depressivität und Angstzustände, die sich während der letzten Woche der Lutealphase aufbauen, sich innerhalb weniger Tage nach Einsetzen der Menstruation zurückbilden und während der meisten Menstruationszyklen bestehen müssen. Die Störung muss deutlich mit beruflichen und sozialen Alltagsanforderungen interferieren und darf nicht diagnostiziert werden, wenn die Symptomatik lediglich eine prämenstruelle Exazerbation einer anderen psychischen Störung darstellt. Es wird angenommen, dass eine erhöhte Sensibilität gegenüber der normalen Fluktuation von Östrogen und Progesteron vorliegt. Zwillingsstudien deuten auf eine genetische Beteiligung hin. Weitere Risikofaktoren sind ein hoher Body-Mass-Index, Stress und traumatische Erlebnisse [1455]. Die 12-Monats-Prävalenz liegt zwischen 1,8 % und 5,8 % [237]. Bei der PMDS handelt es sich um eine schwerere Variante des prämenstruellen Syndroms (PMS), dessen Prävalenz auf 15 % - 20 % geschätzt wird [1456].

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3.9.2.1 Pharmakologische Behandlung der PMDS

Pharmakologische Strategien bei PMDS beinhalten die direkte Beeinflussung der serotonergen Transmission durch Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) oder die hormonelle Unterdrückung des Ovulationszyklus [1457], [1458]. Im Unterschied zu ihrem Einsatz bei sonstigen depressiven Störungen zeigen SSRIs bei der Behandlung prämenstrueller Symptomatik eine sehr kurze Wirklatenz innerhalb weniger Tage, die auch einen intermittierenden Einsatz in der Lutealphase mit dem Vorteil reduzierter Nebenwirkungen ermöglicht [1456]. Allerdings existieren derzeit keine Studien, welche ausschließlich Frauen mit schwerer Symptomatik im Ausmaß einer PMDS untersuchten.

Ein Cochrane-Review [1456] fand geringe bis mittlere Effekte zur Effektivität von SSRIs auf psychische und körperliche prämenstruelle Symptome, sowohl unter kontinuierlicher also auch intermittierender Einnahme, jedoch ohne Differenzierung zwischen PMDS und leichterem PMS. Ein weiterer Cochrane-Review [1459] identifizierte zwei positive Studien zur Östrogentherapie bei Frauen mit PMDS, jedoch mit fraglicher klinischer Relevanz. Ein dritter Cochrane-Review [1460] fand keine ausreichende Evidenz für die Behandlung mit Progesteron (hier ebenfalls keine Unterscheidung von PMDS und PMS).

Empfehlung/Statement

Empfehlungsgrad

3-108_NEU_2015

Derzeit liegen noch unzureichende Evidenzen zur Wirksamkeit der Behandlung einer prämenstruellen dysphorischen Störung (PMDS) mit SSRI oder mit hormoneller Ersatztherapie (Östrogen, Progesteron) vor.

LoE Ia: Metaanalysen [1456], [1459], [1460]

Statement

3.9.2.2 Psychotherapeutische Behandlung der PMDS

Zu psychologischen Interventionen existiert derzeit nur eine Metaanalyse (9 RCTs), die eine signifikante Reduktion von Angst- und Depressionssymptomen bei PMS/PMDS sowie positive Effekte auf Verhaltensänderungen und Alltagseinschränkungen durch KVT aufzeigte, während Psychoedukation und Symptom-Monitoring nicht erfolgreich waren [1461]. Insgesamt waren die Studien jedoch von geringer methodischer Qualität, auch hier erfolgte keine Differenzierung bezüglich der Symptomschwere (PMS versus PMDS).

Empfehlung/Statement

Empfehlungsgrad

3-109_NEU_2015

Derzeit liegt unzureichende Evidenz zur Wirkung von Psychotherapie bei der Behandlung einer PMDS vor.

LoE Ia: Metaanalyse [1461]

Statement

3.9.3 Depressionen in der Perimenopause

Die Perimenopause umfasst den Zeitraum zwischen dem Beginn unregelmäßiger Blutungen und der letzten menstruellen Periode einer Frau. Der Zeitraum ist variabel und beträgt ca. zwischen drei und neun Jahren, das mittlere Alter bei erster Zyklusirregularität und finaler Menses liegt bei etwa 47 und 51 Jahren [1462]. Der Zeitraum ist gekennzeichnet durch Schwankungen in den Geschlechtshormonspiegeln und variablen Häufigkeiten vasomotorischer und sonstiger somatischer Symptome.

Verschiedene prospektive Studien legen eine Zunahme depressiver Symptome in der Perimenopause nahe, auch bei Kontrolle psychosozialer, verhaltensbezogener und sonstiger Risikofaktoren [1463], [1464], [1465]. Allerdings wird die Gleichsetzung erhöhter Depressivitätswerte mit einer depressiven Störung kritisiert, auch finden sich Überschneidungen zwischen depressiven und Perimenopausalsymptomen (z. B. Schlafstörungen, sexuelle Dysfunktion, vgl. [1466]). Drei größere Prospektivstudien aus den USA untersuchten den Zusammenhang zwischen Perimenopause und der Prävalenz bzw. Inzidenz depressiver Episoden [1463], [1464], [1467], [1468]. Zwei Studien [1464], [1468] identifizierten ca. zweifach erhöhte Neuerkrankungsraten im Vergleich zur Prämenopause, beide Studien zeigen jedoch methodische Schwächen bezüglich der Fallidentifikation [1462]. Bromberger et al. [1463], [1467] fanden keinen Zusammenhang zwischen Menopausalstatus und Ersterkrankungsraten, jedoch insgesamt hohe Prävalenzraten depressiver Episoden in der Perimenopause. Risikofaktoren für die Entwicklung neuer Episoden in dieser Phase sind vasomotorische Symptome, Rolleneinschränkungen durch körperliche Erkrankungen, ein geringes soziales Funktionsniveau und das Vorliegen einer Angststörung. Frühere depressive Episoden und stressvolle Lebensereignisse stellen in diesem Kontext besonders wichtige Risikofaktoren dar [1467], [1469].

3.9.3.1 Pharmakotherapie von Depressionen in der Perimenopause

Es existieren zwar keine expliziten Wirksamkeitsstudien zu antidepressiver Behandlung in der Perimenopause, verschiedene Studien untersuchten jedoch den Einfluss des Menopausalstatus auf die Wirkung antidepressiver Pharmakotherapie. Während aus früheren Studien ein schlechteres Ansprechen auf SSRIs bei älteren im Vergleich zu jüngeren Frauen berichtet wurde [1470], [1471] bzw. eine bessere Response bei älteren Frauen, wenn neben SSRIs auch eine Hormonersatztherapie erfolgte [1472], wird dies durch die Ergebnisse neuerer großer Studien nicht bestätigt.

In einer placebokontrollierten Studie zu Desvenlafaxin (n=426, [1473]) hatten Menopausalstatus und Dauer der Menopause keinen Einfluss auf die Effektivität der Behandlung. Eine weitere Studie verglich Venlafaxin mit Fluoxetin bei Männern und Frauen mit rezidivierender Depression (n=781, 65 % Frauen, [1474]). Geschlecht und Menopausalstatus hatten keinen Einfluss auf den Symptomoutcome.

Im Rahmen der STAR*D-Studie (n=1440, [1475]) war die Effektivität von Citalopram bei depressiven Frauen weder durch Menopausalstatus noch durch hormonelle Kontrazeptiva und Hormonersatztherapie beeinflusst, was gegen einen Verstärkungseffekt spricht. SSRI und SNRI sind mit kurzer Wirklatenz darüber hinaus effektiv in der Behandlung vasomotorischer Beschwerden [1476].

Zur hormonellen Ersatztherapie bei Frauen mit peri- und postmenopausaler Depression liegen nur einzelne kleine Studien mit widersprüchlichen Ergebnissen vor [1477]. Die North American Menopause Society kommt zu dem Schluss, dass eine exogene Hormontherapie möglicherweise positive Effekte auf Stimmung und Verhalten hat, bislang jedoch keine ausreichende Evidenz für die Empfehlung von Hormonersatztherapien zur Behandlung von Depressionen in der (Peri-) Menopause besteht [1477].

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3.9.3.2 Psychotherapie

Die einzige bislang dazu vorliegende größere Psychotherapiestudie [1478] untersuchte prä- (n=169), peri- (n=76) und postmenopausale (n=108) Frauen unter 12-14-wöchiger Kognitiver Verhaltenstherapie. Es wurden vergleichbare Response- und Remissionswerte wie auch ein paralleler Rückgang der Depressionswerte über die Therapiesitzungen in allen drei Gruppen identifiziert. Damit finden sich keine Hinweise auf eine differenzielle Wirksamkeit von Psychotherapie (hier KVT) in Abhängigkeit vom Menopausalstatus.

Empfehlung/Statement

Empfehlungsgrad

3-110_NEU_2015

Die Indikation zur pharmakologischen Behandlung von Depressionen in der Perimenopause sollte den allgemeinen Behandlungsleitlinien folgen (es liegen keine direkten Wirksamkeitsstudien in der Perimenopause vor).

Es gibt derzeit keine sicheren Hinweise auf eine unterschiedliche Wirksamkeit von Antidepressiva in Abhängigkeit vom Menopausal-Status.

Es liegen keine ausreichenden Evidenzen zur Empfehlung einer Hormonersatztherapie oder Psychotherapie zur Behandlung perimenopausaler Depressionen vor.

LoE III: [1470], [1471], [1472], [1473], [1475], [1476], [1477]

Statement

3-111_NEU_2015

Es gibt derzeit keine sicheren Hinweise auf eine unterschiedliche Wirksamkeit von Psychotherapie in Abhängigkeit vom Menopausal-Status.

LoE IIb: Beobachtungsstudie [1478]

Statement

3.10 Management bei Suizidgefahr

3.10.1 Ausprägungen und Risikofaktoren von Suizidalität

Unter Suizidalität werden alle Erlebens- und Verhaltensweisen von Menschen verstanden, die in Gedanken, durch aktives Handeln oder passives Unterlassen oder durch Handeln lassen den Tod anstreben bzw. als mögliches Ergebnis einer Handlung in Kauf nehmen [226]. Pöldinger [1479] unterscheidet als verschiedene Stadien der Entwicklung suizidalen Verhaltens eine Erwägungs-, eine Ambivalenz- und eine Entschlussphase. Suizidalität hat entsprechend graduelle Ausprägungen (vgl. [226], [1479], [1480], [1481]:

  • Wunsch nach Ruhe oder Pause ("passiver Todeswunsch");
  • Suizidgedanken/Suizidideen (konkrete Ideen, fluktuierend auftretende Ideen, sich zwanghaft aufdrängende Ideen, impulshaft einschießende Suizidideen, Suizidideen im Sinne akustischer Halluzinationen);
  • Suizidpläne/Suizidvorbereitungen (konkretisierte, geäußerte oder nicht geäußerte Suizidabsicht; abgebrochene suizidale Handlungen);
  • suizidale Handlungen.

Die Phasen der Suizidalität verlaufen nicht linear; depressive Patienten können von passiven Todeswünschen oder Suizidgedanken direkt zu suizidalen Handlungen übergehen (so genannter Raptus). Andererseits sind parasuizidale Phänomene auch im Rahmen depressiver Störungen bekannt. Unter Parasuizidalität fallen Verhaltensweisen, die intentional nicht auf einen (finalen) Suizid ausgerichtet sind, diesen jedoch potenziell verursachen können [1482]. Weiterhin ist die Suizidalität ganz allgemein abzugrenzen von autodestruktiven, d. h. selbstschädigenden oder selbstverletzenden Handlungen. Hierzu zählt v. a. direkt selbstschädigendes Verhalten (z. B. sich selbst kratzen, schneiden oder verbrennen), das intrapsychisch u. a. die Funktion der Spannungsminderung (Reduktion von Unruhe, Unsicherheit, Ängste, Einsamkeit) oder der Selbstbestrafung bzw. der Minderung von Schuldgefühlen erfüllt und auch im Rahmen depressiver Störungen auftreten kann [1483].

In wenigstens 90 % der Suizidfälle liegt eine psychische Störung vor, und über 80 % der Suizidenten sind zum Zeitpunkt ihres Todes bezüglich der psychischen Störung unbehandelt [1484], [1485], [1486], [1487]. Das höchste Suizidrisiko überhaupt haben ältere Männer, wobei die Suizidrate bei Männern über ca. 70 Jahren exponentiell ansteigt (vgl. Kapitel 1.2.5 "Folgewirkungen depressiver Störungen"). Depressive Störungen stellen die häufigste psychische Ursache für Suizide dar; ihre Prävalenz unter den Suizidenten wird, abhängig von der Form und dem Instrument der Erhebung und vom Alter, auf zwischen 30 % und 90 % geschätzt [1484], [1485]. Deshalb besitzt die Beachtung von Suizidalität im Rahmen der Depressionstherapie höchsten Stellenwert.

Nur eine direkte Thematisierung ermöglicht eine valide Abschätzung gegenwärtiger Suizidalität. Dabei soll der Behandelnde aktiv sehr präzise und detailliert die Art der Suizidgedanken, den Planungsstand suizidaler Handlungen und die vorbereitenden Maßnahmen zu erfragen. Die akute Suizidgefahr wird dabei nicht auch zuletzt vor dem Hintergrund vorhandener Ressourcen (soziales Netzwerk, Familie, Arbeitsplatz) beurteilt [1481]. Die Einschätzung von Suizidalität erfolgt dabei unabhängig vom Alter; es gibt keinen Grund, bei älteren Menschen von einer permissiveren oder liberaleren Beurteilung auszugehen. Nahrungsverweigerung, erschöpfte Ressourcen, Tendenzen zur Bilanzierung, der Wunsch nach Sterbehilfe oder mangelnde Mitarbeit können bei älteren Patienten Anzeichen für Suizidalität sein. Folgende Faktoren sprechen allgemein für ein erhöhtes Suizidrisiko (nach [222], [226], [1481]):

Tabelle 25: Risikofaktoren für Suizidalität

Suizidintention

Frühere Suizidversuche (wichtigster Risikofaktor!)

Drängende Suizidgedanken, konkrete Suizidpläne oder Vorbereitung suizidaler Handlungen

"Harte" Methode

Keine Distanzierung von Suizidideen/Suizidversuch nach längerem Gespräch

Abschiedsvorbereitungen

Suizidarrangement

Aktuelle klinische Symptomatik

Gefühle von großer Hoffnungslosigkeit, Hilflosigkeit, Wertlosigkeit und Schuld

Keine Zukunftsvorstellungen

Starke Eingeengtheit auf den Suizid (präsuizidales Syndrom), starker Handlungsdruck

Zunehmender sozialer Rückzug, Verabschiedung von Menschen, Verschenken von Wertgegenständen, Regelung letzter Dinge (Testament, Versicherungen, Papiere)

Offene und verdeckte Ankündigungen von Suizid

Patient reagiert gereizt, aggressiv, agitiert, ängstlich oder panisch

Altruistische (pseudoaltruistische) Suizidideen

Selbstopferungsideen

Ideen erweiterter Suizidalität (Einbeziehung z. B. der Partner oder Kinder)

Depressiver Wahn oder anderweitig psychotische Depression (Gefahr des raptusartigen Suizids)

Persistierende Schlafstörung, Anhedonie, Gewichtsverlust und schlechte Konzentrationsfähigkeit

Substanzabusus bzw. –abhängigkeit

Allgemeine Faktoren

Männliches Geschlecht, höheres Alter (v. a. Männer > 70 Jahre)

Familiengeschichte mit suizidalem Verhalten

Lebenssituation: alleinstehend, arbeitslos, chronische körperliche Erkrankung, mehrfache tatsächliche aktuelle Belastungen oder Kränkungen

Aktuell Suizide in der Umgebung

Keine religiöse o. ä. Bindung

Obwohl diese Risikofaktoren gut belegt sind (vgl. [1485], [1488], [1489]), ist die Prädiktion von Suizidversuchen oder vollendetem Suizid bei einem gegebenen Patienten extrem schwer. Die Erhebung dieser Faktoren liefert lediglich eine Entscheidungshilfe zur Einschätzung des Suizidrisikos; sie stellt keine Checkliste zur validen Diagnose von Suizidalität dar.

Empfehlung/Statement

Empfehlungsgrad

3-112

Suizidalität sollte bei depressiven Patienten immer direkt thematisiert, präzise und detailliert erfragt und vor dem Hintergrund vorhandener Ressourcen beurteilt werden.

Expertenkonsens basierend auf Referenzleitlinie [222], [226], [1481]

KKP

3.10.2 Suizidprävention und Notfallinterventionen bei Suizidalität

Suizidprävention bei depressiven Patienten (aber auch bei anderen psychisch kranken Menschen oder Menschen in suizidalen Krisen) umfasst vier Hauptaspekte [226]:

Tabelle 26: Hauptaspekte der Suizidprävention

  • Gesprächs- und Beziehungsangebot;
  • Diagnostik von Suizidalität einschließlich Risikofaktoren (vgl. Kapitel 2.3.2 "Suizidalität");
  • Klärung und Regelung der aktuellen Situation;
  • Therapieplanung unter Berücksichtigung der Suizidgefahr.

3.10.2.1 Gesprächs- und Beziehungsangebot

Wesentliche Merkmale des Gesprächs- und Beziehungsangebots an suizidale Patienten sind [226], [1490]:

  • Raum und Zeit zur Verfügung stellen (Zuwendungsangebot);
  • Sicherung eines emotionalen Zugangs und einer entsprechenden emotionalen Reaktion des Patienten;
  • beruhigende Versicherung, dass Hilfe möglich ist;
  • offenes, direktes, ernst nehmendes Ansprechen von Suizidalität;
  • Entdramatisierung sowie Vermeidung von Bagatellisierung;
  • Fragen nach bindenden, d. h. am Suizid hindernden äußeren (z. B. Familie, Kinder, religiöse Bindung usw.) und inneren Faktoren (z. B. Hoffnung auf Hilfe, frühere Erfahrungen, Vertrauen); je mehr bindende Faktoren genannt werden können, je mehr Gründe Patienten finden, die für das Leben sprechen, desto unwahrscheinlicher ist es, dass sie ihren Suizidgedanken entsprechend handeln [1491];
  • Vermittlung von Hoffnung, Hilfe und Chancen auf Veränderung (Zukunftsorientierung) sowie ein Angebot für weitere Therapie (selbst oder Vermittlung) und eine entsprechende Planung;
  • konkrete Vereinbarung über regelmäßigen zusätzlichen Kontakt (direkt oder telefonisch, mit Uhrzeit und Ort) und Klärung des Behandlungssettings (ambulant/stationär).

Empfehlung/Statement

Empfehlungsgrad

3-113

Suizidale Patienten müssen eine besondere Beachtung und Betreuung im Sinne einer Intensivierung des zeitlichen Engagements und der therapeutischen Bindung erhalten. Das konkrete Betreuungsangebot richtet sich nach den individuellen Risikofaktoren, der Absprachefähigkeit des Patienten und Umgebungsfaktoren.

Expertenkonsens

KKP

3.10.2.2 Diagnostik von Suizidalität

Die Diagnostik bei suizidalen Patienten umfasst zunächst die Frage, welche Form von Suizidalität vorliegt (Todes- oder Ruhewünsche, Suizidideen, sich aufdrängende Suizidideen, konkrete Suizidabsicht, Zustand nach Suizidversuch, frühere Suizidversuche, frühere Bewältigung von suizidalen Krisen; vgl. [226] und Tabelle 5). Im nächsten Schritt geht es um eine Abschätzung des aktuellen Handlungsdrucks, d. h. um die Frage, ob der Druck zur Umsetzung der Suizididee in eine Handlung gerade jetzt – eventuell trotz einer Therapie – hoch ist. Hierbei ist auch relevant, ob der Patient glaubhaft eine weitere Suizidabsicht verneint, inwieweit eine impulshafte Suizidalität vorliegt oder die Suizidalität im Kontext spezifischer psychopathologischer Symptome (z. B. Wahn, Hoffnungslosigkeit, drohender Kontrollverlust, Panikstörung) zu sehen ist [226].

Empfehlung/Statement

Empfehlungsgrad

3-114_mod_2015

Die Diagnostik bei suizidalen Patienten schließt die Erfassung der graduellen Ausprägung der Suizidalität und die Abschätzung des aktuellen Handlungsdrucks bzw. die aktuelle Distanzierung von Suizidalität ein.

LoE IV: Expertenkonsens basierend auf Referenzleitlinie [226]

Statement

3.10.2.3 Krisenmanagement

Die Klärung und Regelung der aktuellen Krisensituation umfasst:

  • Herstellung einer tragfähigen Beziehung, Klärung des aktuellen Anlasses und der Notwendigkeit akuter psychopharmakotherapeutischer Maßnahmen (siehe Kapitel 3.10.5 "Krisenintervention und spezifische Psychotherapien");
  • Zulassen von Trauer, Wut und Angst;
  • Erkennen von Suizidalität, z. B. bei einem aktuell bestehenden Konflikt (z. B. schwere Partnerschaftsproblematik) bzw. in psychopathologischem Kontext (tiefe depressive Herabgestimmtheit, Wahnsymptomatik, schwere Hoffnungslosigkeit);
  • Klärung der "sichernden Fürsorge": Vermeiden von Alleinsein, Einbeziehung positiv erlebter Bezugspersonen und Beziehungspflege als konstante Begleiter durch die aktuelle Krise im Sinne von "Kommunikationen und Kontrolle", ggf. Zusammenarbeit mit den entsprechenden Krisendiensten für suizidale Menschen;
  • Klärung des adäquaten Behandlungssettings (ambulante, ggf. unter Einbezug ambulanter psychiatrischer Pflege (APP), teilstationäre oder stationäre Behandlung; Einweisung freiwillig/nach Unterbringungsgesetz in stationäre Behandlung; Veranlassung indizierter medizinischer Versorgung);
  • nach internistischer/chirurgischer Erstversorgung bei Suizidversuch konsiliarische Abklärung durch einen entsprechend qualifizierten Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie;
  • weitere Hilfsmöglichkeiten aktiv klären und planen;
  • psychotherapeutisch orientierte Krisenintervention: Beginn sofort (Gespräch/Beziehung), Erkennen des Anlasses/Auslösers;
  • Verbündung mit dem Patienten gegen Existenzangst, Verlustangst, Hilflosigkeitsgefühle, usw.

3.10.2.4 Therapieplanung nach der Akutsituation

Zur konkreten Therapieplanung auf der Basis der depressiven Störung und unter Umständen vorliegender komorbider psychischer Störungen unter Berücksichtigung der Suizidalität gehören folgende Punkte [226]:

  • Klärung und Besprechung der weiteren Therapie (ambulant oder stationär);
  • Behandlung der Grundstörung (psychische Störung/Krise; hier depressive Störung) nach den entsprechenden Regeln von Psychopharmakotherapie (siehe Kapitel 3.4 und Kapitel 3.10.4), Psychotherapie (siehe Kapitel 3.5 und Kapitel 3.10.5) und psychotherapeutischer Basisbehandlung (siehe Kapitel 3.5 "Psychotherapie")
  • Planung und Beginn von Psychopharmakotherapie und/oder Psychotherapie unter Berücksichtigung von Suizidalität.

3.10.3 Indikationen für eine stationäre Therapie

Zur Entscheidung, einen suizidalen Patienten ambulant behandeln zu können oder eine Klinikeinweisung (freiwillig oder nach dem jeweiligen Unterbringungsgesetz des betreffenden Bundeslandes bzw. nach dem Betreuungsgesetz) vornehmen zu müssen, gibt es bislang nur wenig empirische Daten. Die Indikationsstellung für eine ambulante oder stationäre Therapie stützt sich auf eine klinische Entscheidung, wobei die Sicherheit des Patienten im Vordergrund steht [1492], [1493], [1494], [1495], [1496], [1497], [1498]. Faktoren, die stark nahe legen, dass eine Klinikaufnahme notwendig ist, sind:

  • die Notwendigkeit einer medizinischen Versorgung nach einem Suizidversuch;
  • die Notwendigkeit eines intensiven psychiatrischen Managements (z. B. bei Vorliegen psychotischer Symptome oder einer therapieresistenten Depression);
  • mangelnde Absprachefähigkeit;
  • die Etablierung einer tragfähigen therapeutischen Beziehung und eine Krisenintervention gelingen nicht und die betroffene Person bleibt trotz initialer Intervention suizidal;
  • die betroffene Person verfügt über ungenügende psychosoziale Unterstützung für eine ambulante Behandlung.

Eine Studie von van der Sande et al. [1499] hat gezeigt, dass kurze stationäre Aufenthalte (ein- bis vier Tage) das Suizidrisiko eines Patienten nicht reduzieren. Ob dies zu generalisieren ist, bleibt offen. Auch wenn kurzzeitige Therapien bzw. Aufenthalte nicht ausreichend sind, um die der Suizidalität zugrunde liegende psychische Störung zu behandeln, sind sie Bestandteil eines weiter gehenden Risikomanagementplans für eine chronisch suizidale Person im Sinne einer Krisenintervention.

Empfehlung/Statement

Empfehlungsgrad

3-115_mod_2015

Eine stationäre Einweisung sollte für suizidale Patienten unbedingt erwogen werden,

  • die akut suizidgefährdet sind;
  • die nach einem Suizidversuch medizinischer Versorgung bedürfen;
  • die wegen der zugrundeliegenden depressiven Störung einer intensiven psychiatrischen bzw. psychotherapeutischen Behandlung bedürfen;
  • wenn eine hinreichend zuverlässige Einschätzung des Weiterbestehens der Suizidalität anders nicht möglich ist, oder
  • wenn die Etablierung einer tragfähigen therapeutischen Beziehung nicht gelingt und die Person trotz initialer Behandlung akut suizidal bleibt.

LoE Ib: RCTs [1492], [1493], [1494], [1495], [1496], [1497], [1498], [1499]

B

Bei Suizidgefahr und fehlender Behandlungsbereitschaft muss die Krankenhauseinweisung gegen den Willen des Patienten erwogen werden. Diese ist in den Unterbringungsgesetzen oder Psychisch-Kranken-Gesetzen (PsychKGs) der einzelnen Bundesländer bzw. im Betreuungsgesetz geregelt. Maßnahmen nach einem Unterbringungsgesetz können dann ergriffen werden, wenn eine Person psychisch krank, geistig behindert oder suchtkrank ist, wenn im Rahmen der Krankheit die Gefahr besteht, dass sie sich selbst oder anderen Schaden zufügt und wenn diese Gefahr nicht auf andere Weise abzuwenden ist. Bei akuter schwerer Suizidalität und fehlender Behandlungsbereitschaft ist in der Regel Eile geboten.

Am wenigsten eingreifend ist es für alle Beteiligten, wenn Angehörige oder Freunde den Patienten selbst in das zuständige psychiatrische Krankenhaus bringen. Dies kann aber auch mit Gefahren verbunden sein. Zu empfehlen ist grundsätzlich eine professionelle Hilfe und Begleitung, die über die Polizei, die Feuerwehr oder das Ordnungsamt der jeweiligen Gemeinde angefordert werden kann.

Das Unterbringungsverfahren ist in den einzelnen Bundesländern relativ ähnlich. In der Regel muss ein Arzt die Notwendigkeit der Behandlung gegen den Willen bestätigen. Die Polizei entscheidet unter Berücksichtigung des ärztliches Zeugnisses, ob die Einweisung in eine zur Behandlung autorisierte Einrichtung erforderlich ist. Üblicherweise muss hierzu ein auf dem Gebiet der Psychiatrie erfahrener Arzt ein ärztliches Gutachten anfertigen. Nach einer Frist von 24 bis 36 Stunden – dies ist in den einzelnen Bundesländern verschieden – muss ein Richter den Patienten persönlich anhören. Der Richter trifft aufgrund einer persönlichen Anhörung und aufgrund des ärztlichen Gutachtens eine Entscheidung über die Unterbringung. Falls der Richter die Auffassung vertritt, dass eine Unterbringung nicht erforderlich ist, ist der Patient zu entlassen [1500].

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3.10.4 Pharmakotherapie

3.10.4.1 Antidepressiva

Kontrovers wurde der Einfluss von Antidepressiva auf Suizidalität, Suizidversuche und Suizide diskutiert. Sowohl protektive als auch verstärkende Wirkungen wurden postuliert. Da umfangreiche und methodisch hochwertige Daten vorliegen, sind auf die meisten Fragen in diesem Zusammenhang evidenzbasierte Antworten möglich. Verwirrung entstand vor allem, da folgende Aspekte nicht sorgfältig differenziert wurden:

a) Erkenntnis aus randomisierten kontrollierten Studien (RCTs) versus Beobachtungsstudien (vorher-nachher oder nicht-randomisierte Zuteilung);

b) Einfluss von Antidepressiva auf vollendete Suizide und Suizidversuche einerseits ("harte Fakten") und auf "Suizidalität" (gesamtes Spektrum einschließlich Lebensüberdruss, suizidale Gedanken, Suizidpläne) andererseits;

c) Alterseffekte;

d) Unterschiede zwischen den verschiedenen Antidepressivaklassen.

ad a)

Bei der Frage nach dem Einfluss von Antidepressiva auf Suizidalität handelt es sich um die klassische Frage nach einem Medikamenteneffekt, die mit den gleichen wissenschaftlichen Instrumenten zu beantworten ist, wie bei anderen Medikamenteneffekten. Hierbei ist es aus methodischer Sicht unerheblich, ob erwünschte oder unerwünschte Effekte untersucht werden (hier protektiver oder fördernder Effekt auf Suizidalität). Dies bedeutet, dass die Frage, sofern möglich, auf Evidenzgrad Ia (mehrere RCTs oder hieraus generierte Metaanalysen) beantwortet werden sollte. Ferner sollten, soweit möglich, harte (d. h. eindeutig messbare) und patientenrelevante Zielparameter gemessen werden. Dies sind bei der genannten Fragestellung Suizidversuche und vollendete Suizide.

Es liegen mindestens sechs große Metaanalysen von RCTs zum harten Zielparameter Suizidversuche und Suizide vor, die jeweils zwischen gut 19.000 und knapp 90.000 Patienten eingeschlossen haben [453], [626], [627], [628], [629], [630]. Hierunter befinden sich drei Arbeiten [453], [626], [627], die die Daten aus den bei der US-amerikanischen Zulassungsbehörde FDA eingereichten Zulassungsstudien analysierten. Keine dieser sechs Metaanalysen ergab, dass Patienten, die einer Antidepressivabehandlung zugelost waren, weniger Suizide oder Suizidversuche verübten, als Patienten, die einer Placebobehandlung zugelost waren. Die größte dieser Metaanalysen [628] ergab sogar eine signifikant erhöhte Rate an Suizidversuchen und Suiziden unter Antidepressiva (untersucht wurden nur SSRI) im Vergleich zu Placebo. Die Schlussfolgerung ist, dass Antidepressiva Suizidversuche und Suizide nicht verhindern. Allerdings liefern die Daten auch keinen eindeutigen Beleg dafür, dass Antidepressiva (über alle Altersgruppen) die Zahl von Suizidversuchen oder Suiziden erhöhen. Diese Erkenntnisse (Evidenz Ia) beruhen überwiegend auf RCTs von bis zu acht Wochen Dauer. Für längere Zeiträume ist die Erkenntnislage dünner, jedoch ergibt sich aus der verfügbaren Evidenz auch hier kein Hinweis darauf, dass sich nach längerer Antidepressiva-Einnahme bezüglich der Suizid- oder Suizidversuchsrate ein Vorteil gegenüber Placebo ergäbe [1501].

In Studien von geringerer methodischer Qualität ergibt sich zum Teil ein anderes Ergebnis, insbesondere in Beobachtungsstudien mit Vorher-Nachher-Vergleich oder mit dem Vergleich von Patientengruppen, die aus klinischer Entscheidung (keine Randomisierung) mit oder ohne Antidepressivum behandelt wurden. Hier zeigten sich zum Teil unter Antidepressivabehandlung weniger Suizidversuche und Suizide [1502], [1503]. Bei den Vorher-Nachher-Vergleichen ist die Aussagekraft aber reduziert, da häufig ein Suizidversuch zur psychiatrischen Behandlung führt, so dass die Zahl der Suizidversuche im Vorher-Zeitraum überrepräsentiert ist. Ferner bedeutet der Beginn einer psychiatrischen Behandlung nicht nur den Beginn einer Medikation, sondern auch den einer ärztlichen Zuwendung, Diagnosestellung und weiterer mutmaßlich suizidprotektiver Maßnahmen. Erfolgt die Aufteilung auf eine Behandlung mit oder ohne Antidepressivum nicht per Zufall sondern nach klinischer Entscheidung, kann nicht davon ausgegangen werden, dass die beiden Gruppen bezüglich weiterer Variablen, die Einfluss auf das Suizidrisiko haben können, vergleichbar sind. So könnte Nicht-Medikation zum Beispiel auf Ablehnung durch den Patienten als Ausdruck einer generell geringeren Mitarbeit bei der Behandlung zurückzuführen sein. Eine Analyse der OECD-Gesundheitsdaten über 13 Jahre zeigte [1504], dass eine höhere Antidepressiva-Verschreibungsrate signifikant mit höheren Suizidraten korreliert war. Auch mit dieser rein korrelativen Betrachtung sind keine Aussagen über die Kausalität möglich.

ad b)

Suizidalität in einem weiteren Sinne scheint zum Teil anderen Einflussgrößen zu unterliegen als suizidale Handlungen (Suizidversuche und Suizide) und mit diesen nur teilweise verknüpft. Während Antidepressiva keinen protektiven Einfluss auf die Zahl von Suizidversuchen und Suiziden haben (siehe oben), zeigte sich in Studien, in denen "Suizidalität" vorrangig als Ausdruck von Lebensüberdruss, Todeswünschen oder Suizidideen untersucht wurde, zum Teil eine Verringerung unter Antidepressiva. Gibbons et al. [446] verglichen bei gut 9.000 Patienten die Ausprägung von Item 3 der Hamilton-Depressionsskala (Suizidalität einschließlich Lebensüberdruss, Todeswunsch, Suizidgedanken) unter Venlafaxin und Fluoxetin einerseits mit Placebo andererseits und konnten ein signifikant geringeres Ausmaß an Suizidalität in der Antidepressiva-Gruppe feststellen. Methodenkritisch anzumerken ist, dass die Hamilton-Depressionsskala nicht für eine Einzelitem-Analyse konstruiert oder validiert ist. Auch die Metaanalyse von Stone et al. 2009 fand bei älteren Patienten ein geringeres Ausmaß von Suizidalität (beginnend bei Lebensüberdruss und Suizidgedanken) unter Antidepressiva als unter Placebo. Bei der Analyse lediglich von Suizidversuchen und Suiziden hingegen fand sich kein signifikanter Unterschied zwischen Antidepressiva und Placebo.

ad c)

Die FDA forderte 2004 alle Hersteller auf, sämtliche Daten aller bisher durchgeführten Studien einzureichen, auch der nicht publizierten. Zusammengekommen sind 372 Studien mit fast 100.000 Teilnehmern, deren Auswertung die FDA im Dezember 2006 auf ihrer Webseite publiziert hat (http://www.fda.gov/ohrms/dockets/ac/06/briefing/
2006-4272b1-01-FDA.pdf
). Danach hängt das Risiko eines suizidalen Verhaltens oder der Suizidalität nach Einnahme von Antidepressiva vom Alter der Patienten ab. Bei den jüngsten Patienten, Kindern und jungen Teenagern ist das Risiko zwei- bis dreifach erhöht. Die Schnittpunkte mit der Nulllinie (Odds Ratio = 1) liegen nach dieser Abbildung etwa im Alter von 40 Jahren. Die FDA hat die Daten nach den einzelnen Medikamenten aufgeschlüsselt. Auffällig ist in der Gruppe der unter 25-Jährigen ein höheres Suizidalitäts-Risiko von selektiven Serotonin- und Noradrenalin-Reuptake-Inhibitoren (SSNRI) wie Duloxetin und Venlafaxin (Odds Ratio der Gruppe = 5,13; 95-%-Konfidenzintervall 1,80-14,6), während die selektiven Serotonin-Reuptake-Inhibitoren (SSRI) als Gruppe besser abschnitten (Odds Ratio 1,73; 1,19-2,52). Diese Gruppe ist allerdings sehr heterogen und nur für Paroxetin wurde hier ein signifikant erhöhtes Risiko (Odds Ratio 2,3; 1,10-4,96) gefunden.

Auch die Metaanalyse von Stone et al. bestätigte einen altersabhängigen Effekt: Suizidgedanken und andere Ausprägungen von Suizidalität waren bei den unter 25-Jährigen nicht signifikant häufiger unter Antidepressiva als unter Placebo (OR: 1,62, 95% CI: 0,97 bis 2,71), bei allen älteren Studienteilnehmern seltener, bei den über 75-Jährigen auch signifikant seltener. Bei Betrachtung lediglich des harten und patientenrelevanten Parameters "Suizidversuche und Suizide" zeigte sich, dass diese bei unter 25-Jährigen signifikant häufiger unter Antidepressiva auftraten als unter Placebo (OR: 2,30, 95% CI: 1,04 bis 5,09, p: 0,04), während es bei über 25-Jährigen keinen Effekt gab (=R: 0,87, 95% CI: 0,58 bis 1,29, p: 0,48).

ad d)

Nicht eindeutig lässt sich beantworten, ob es zwischen den Antidepressiva-Klassen relevante Unterschiede bezüglich ihres Effektes auf Suizidversuche und Suizide gibt [1505]. SSRI als Klasse sind diesbezüglich besonders gut untersucht. Bezüglich der SSRI wird kontrovers diskutiert, ob es aufgrund von exzitatorischen Nebenwirkungen wie Agitiertheit oder Akathisie zum Auftreten von akuter Suizidalität kommen kann [241], [478], [1505]. Einige Metaanalysen fanden keine Erhöhung oder Verringerung der Rate an Suizidversuchen und Suiziden unter SSRI im Vergleich zu Placebo [627], [629], andere hingegen fanden eine erhöhte Rate [628], [1506] (nur Paroxetin). Epidemiologische Studien fanden ein erhöhtes Risiko von SSRI im Vergleich zu TZA [1507], [1508]. Das englische Committee on Safety of Medicines führt jedoch in seinem Report zur Sicherheit von SSRI aus, dass es bislang keine ausreichende Evidenz für deutliche Unterschiede innerhalb der Gruppe der SSRI oder zu anderen Antidepressiva, insbesondere auch den TZA gibt [628], [629], [1509], [1510]. Für einen Einsatz von SSRI bei suizidgefährdeten Patienten kann allerdings ihre erheblich größere Sicherheit auch bei Überdosierung im Vergleich zu TZA und MAO-Hemmern sprechen [1511], [1512], [1513], [1514].

Empfehlung/Statement

Empfehlungsgrad

3-116

Zur speziellen akuten Behandlung der Suizidalität sollten Antidepressiva nicht eingesetzt werden.

LoE Ib: Metaanalysen [453], [626], [627], [628], [629], [630]

B

3-117

Antidepressiva können jedoch bei suizidalen depressiven Patienten zur Depressionsbehandlung im Rahmen der allgemeinen Empfehlungen eingesetzt werden.

LoE Ib: Metaanalysen [627], [628], [629], [1506], Beobachtungsstudien [1502], [1503], [1507], [1508]

0

3-118

Bei einem suizidalen Patienten soll die Auswahl von Antidepressiva hinsichtlich ihres Nutzen-Risiko-Verhältnisses (Pharmaka mit Letalität in hoher Dosis, Agitationssteigerung in der Frühphase) abgewogen werden.

Expertenkonsens

KKP

3.10.4.2 Stimmungsstabilisierer

Konsistent zeigen Metaanalysen [520], [533], [534] und große Vergleichsuntersuchungen [531], dass Lithium zu einer signifikanten Senkung der Rate von Suiziden und Suizidversuchen führt. Die größte Metaanalyse [520] fasste Daten von 34 Studien mit insgesamt mehr als 16.000 unipolar depressiv oder bipolar erkrankten Patienten zusammen und zeigte, dass die Rate an suizidalen Handlungen (Suizidversuche und Suizide) bei den nicht mit Lithium behandelten Patienten 3,1 pro 100 Personenjahre betrug, wohingegen sie bei den mit Lithium behandelten Patienten mit 0,21 sogar niedriger lag als in der Allgemeinbevölkerung (0,32). Für die Subgruppe der unipolar depressiv erkrankten Patienten war der Effekt gleich stark ausgeprägt und ebenfalls hoch signifikant.

Guzzetta et al. [534] errechneten in ihrer Metaanalyse von acht Studien mit unipolar depressiv erkrankten Patienten wiederum eine signifikante Reduktion suizidaler Handlungen durch eine Lithiumbehandlung (zwei von 252 mit Lithium behandelten Patienten begingen innerhalb eines Jahres Suizid oder einen Suizidversuch, während es 19 von 205 nicht mit Lithium behandelten Patienten waren). Dies entspricht einer Rate an suizidalen Handlungen von 0,17 bei den mit Lithium behandelten und von 1,48 bei den nicht mit Lithium behandelten Patienten.

Für andere Stimmungsstabilisierer liegen keine vergleichbaren Erkenntnisse vor. Goodwin und Mitarbeiter [1515] verglichen den suizidalitätsreduzierenden Effekt von Lithium und Valproinsäure bei bipolar affektiv erkrankten Patienten (insgesamt 20.638 Patienten) direkt und zeigten einen signifikant größeren Effekt von Lithium auf die Vermeidung von Suiziden und Suizidversuchen.

Empfehlung/Statement

Empfehlungsgrad

3-119

In der Rezidivprophylaxe bei suizidgefährdeten Patienten soll zur Reduzierung suizidaler Handlungen (Suizidversuche und Suizide) eine Medikation mit Lithium in Betracht gezogen werden.

LoE Ia: Metaanalysen [520], [533], [534]

A

3.10.4.3 Andere Substanzen

Da eine eventuell suizidalitätsfördernde Wirkung von Antidepressiva (insbesondere SSRIs) in erster Linie auf vermehrte Unruhe, Akathisie und exzitatorische Wirkungen zurückgeht [1516], wird häufig eine Kombination mit einem Anxiolytikum und Hypnotikum zumindest in der akuten Phase bis zum Eintritt des antidepressiven Effekts empfohlen [1481], [1514], [1516]. Benzodiazepine wirken dabei kurzfristig entspannend, beruhigend, angstlösend, schlafinduzierend und emotional distanzierend und führen zu einer Dämpfung depressiven oder psychotischen Erlebens. Eine Metaanalyse von Furukawa [1517] zeigte, dass eine Kombinationsbehandlung aus Antidepressivum und Benzodiazepin im Hinblick auf ihren antidepressiven Effekt einer antidepressiven Monotherapie überlegen ist, auch hinsichtlich der Suizidprävention. Benzodiazepine sollten jedoch wegen ihres Abhängigkeitspotenzials nicht länger als zwei Wochen gegeben werden. Bei Vorliegen von Suizidalität im Rahmen psychotischer Symptome ist auch eine Kombination des Antidepressivums mit einem Antipsychotikum möglich [1516]. Antipsychotika bewirken kurz- und längerfristig eine Besserung von Wahn und Halluzinationen sowie eine Angstlösung, Dämpfung von Unruhe, und Verbesserung von Schlafstörungen.

Empfehlung/Statement

Empfehlungsgrad

3-120

Eine Akutbehandlung (möglichst < 14 Tage) mit einem Benzodiazepin kann bei suizidgefährdeten Patienten in Betracht gezogen werden.

LoE Ib: Metaanalyse [1517]

0

3-121

Bei suizidgefährdeten Patienten mit einer depressiven Episode mit psychotischen Merkmalen sollte die antidepressive Medikation mit einem Antipsychotikum ergänzt werden.

LoE IV: Expertenkonsens basierend auf [1516]

B

3.10.5 Krisenintervention und spezifische Psychotherapien

In der Regel besteht die Hauptstrategie bei akuter Suizidalität darin, zuerst stützend und entlastend vorzugehen, bis die akute Selbstgefährdung abklingt, um dann anschließend eine weitere, mehr ursachenbezogene Behandlung einzuleiten [1518]. Suizidale Menschen haben häufiger sämtliche zwischenmenschlichen Beziehungen bereits abgebrochen und sind mit dem Wunsch zu sterben allein. Gerade Beziehungslosigkeit und Einsamkeit verschärfen den Entschluss, sich das Leben zu nehmen. Deswegen kommt beim Umgang mit suizidalen Menschen dem initialen Beziehungsaufbau zentrale Bedeutung zu [1481], [1518]. Suizidalität erfordert eine zugewandte, empathische und direkte Haltung des Behandelnden und die Bereitschaft, sich möglichst frei von Zeitdruck auf den Patienten einzulassen. Gelingt es, dass sich die betroffene Person mit ihrer Suizidalität und den damit verbundenen Begleitumständen ernst genommen und verstanden fühlt, kann die daraus resultierende Beziehung zwischen Betroffenem und Helfer bereits per se suizidpräventiv sein [1481], [1519]. Besonders Formulierungshilfen für intensiv wahrgenommene Gefühle wie Trauer, Schmerz, Kränkung und Wut können zu einer Erleichterung auf Seiten des Patienten führen. Wichtige Funktion hat hierbei auch der Ausdruck stellvertretender Hoffnung, ohne damit den gegenwärtigen Leidensdruck des Patienten in Frage zu stellen [1481], [1519]. Für einen Teil der Patienten ist die Bearbeitung eines kränkenden Auslösers für die Suizidalität Ausgangspunkt der Krisenintervention. Dabei ist die Möglichkeit in Betracht zu ziehen, dass die momentane Problemsituation auf einer länger bestehenden, eventuell nicht bewussten Konfliktthematik im Sinne einer ausgeprägten Selbstwertproblematik basiert [1481], [1520].

Insgesamt ist die Studienlage zu suizidpräventiven psychotherapeutischen Strategien unzureichend. Die Forschung hierzu ist methodisch stark eingeschränkt, da ein experimentelles Vorgehen, bei dem einer Gruppe gefährdeter Menschen Krisenintervention bzw. Psychotherapie vorenthalten würde, ethisch nicht möglich ist. Zum anderen beziehen sich viele Untersuchungen zur Wirksamkeit psychologischer Interventionen auf selbstverletzendes Verhalten ("deliberate self-harm"), wobei Suizidversuche nicht immer diagnostisch klar von Selbstverletzungen abgegrenzt werden. Häufig wird auch die Motiviertheit der Selbstverletzungen (habituell oder akut?) zu wenig beachtet (vgl. [1518]).

Studien, die explizit versucht haben, die suizidpräventive Wirksamkeit spezifischer psychotherapeutischer Ansätze zu evaluieren, sind selten [1521]. Mann et al. [1522] kommen in ihrem systematischen Review zu suizidpräventiven Strategien zum Schluss, dass positive Ergebnisse bezüglich der Reduzierung sich wiederholenden suizidalen Verhaltens für die Kognitive Verhaltenstherapie [1523], Problemlösetherapie [1493], [1524], [1525], [1526], [1527], psychodynamische Kurzzeittherapie [1528] sowie intensive Nachbetreuung mit regelmäßigem Kontakt [1529] vorliegen, verglichen mit der jeweils üblichen Behandlung. Gemeinsam ist diesen suizidpräventiv wirksamen Ansätzen, dass sie spezifische, auf die Suizidalität gerichtete problemlösende und einsichtsorientierte Strategien beinhalten (vgl. [1522], [1529]). In einer systematischen Übersichtsarbeit und Metaanalyse [1530] zeigten sich Hinweise, dass psychotherapeutische Interventionen zu einer signifikanten Reduktion von Suizidversuchen im Vergleich zur Routinebehandlung führen.

Sowohl im ambulanten wie im stationären Bereich wird bei Vorliegen von Suizidalität häufig ein "Non-Suizid-Vertrag" zwischen dem Therapeuten und dem Patienten geschlossen. Auch wenn keine empirischen Daten vorliegen, die den präventiven Nutzen dieses Vorgehens belegen könnten, sind manche Praktiker der Ansicht, dass ein Non-Suizid-Vertrag sinnvoll ist und dazu beitragen kann, die Risikoabschätzung transparenter zu gestalten [1481]. Der Patient verspricht, bis zu einem genau festgelegten Zeitpunkt (meist bis zur nächsten Sitzung, die spätestens eine Woche später stattfinden soll) keinen Suizidversuch zu unternehmen. Sinnvoll ist dabei auch, genau zu vereinbaren, wohin sich der Patient bei einer Zuspitzung seines Zustandes und beim Ansteigen akuter Suizidgefahr konkret wenden kann. Oft wird diese Vereinbarung auch schriftlich geschlossen. Ein derartiges Abkommen sollte als Maßnahme zur Stärkung des therapeutischen Bündnisses gesehen werden und dazu beitragen, Selbstkontrolle und Erleben von Selbstwirksamkeit beim Patienten zu stärken [1481]. Der Nutzen von Non-Suizid-Verträgen wird indes auch kritisch diskutiert: Sie sollten den Therapeuten nicht in Sicherheit wiegen, d. h. Suizide kommen trotz Non-Suizid-Vertrag vor. Althaus und Hegerl [1481] schlagen vor, stets im Einzelfall zu prüfen, inwieweit ein Non-Suizid-Vertrag sinnvoll sein kann; eine grundsätzlich vorhandene Bündnis- und Beziehungsfähigkeit ist dafür Voraussetzung. Ist diese nicht gegeben, ist in der Regel eine stationäre Einweisung in eine psychiatrisch-psychotherapeutische Klinik indiziert.

Empfehlung/Statement

Empfehlungsgrad

3-122_mod_2015

Als kurzfristiges Ziel von Kriseninterventionen oder Psychotherapie bei akuter Suizidalität soll eine intensive Kontaktgestaltung und eine aktive unmittelbare Unterstützung und Entlastung des Patienten bis zum Abklingen der Krise angestrebt werden. Eine tragfähige therapeutische Beziehung kann bei suizidgefährdeten Patienten per se suizidpräventiv wirken.

Expertenkonsens basierend auf [1481], [1518], [1519]

KKP

3-123_mod_2015

Bei suizidgefährdeten Patienten mit einer depressiven Episode sollte eine Psychotherapie angeboten werden, die zunächst auf die Suizidalität fokussiert.

LoE Ia: Metaanalysen [1522], [1529], [1530]

B

3.10.6 Suizidprävention durch Nachsorge und Kontaktangebote

Zur Suizidprävention durch Nachsorge und Kontaktangebote liegen bislang nur wenige Studien vor: Motto [1531] und Motto et al. [1532] zeigten in einer randomisierten Studie, dass Patienten nach Suizidversuch seltener zu erneuten suizidalen Handlungen neigen, wenn sie in der Zeit nach einem Suizidversuch regelmäßig von der Klinik kontaktiert werden. In einer anderen Studie [1533] wurden ältere Patienten mit einem telefonischen Unterstützungssystem ("Telehelp-Telecheck") ausgestattet. Damit konnten sie notfalls Hilfe rufen; gleichzeitig wurden sie darüber regelmäßig telefonisch kontaktiert. Dies führte im Untersuchungszeitraum zu einer signifikant geringeren Suizidhäufigkeit.

Morgan et al. [1534] randomisierten 212 Patienten nach einem Suizidversuch auf zwei Gruppen: Die Experimentalgruppe erhielt eine Notfallkarte, auf der eine Telefonnummer vermerkt war, wo sie im Fall einer erneuten suizidalen Krise jederzeit anrufen konnten. Die Kontrollgruppe erhielt eine Routinebehandlung (z. B. stationäre Wiederaufnahme). Die mit der Notfallkarte ausgestatteten Patienten wiesen im Trend weniger suizidale Handlungen als jene der Kontrollgruppe auf. Eine Replikation mit einer kleineren Stichprobe zeigte allerdings keine Gruppenunterschiede mehr [1527].

Die ersten Tage und Wochen nach der Entlassung aus einer stationären Behandlung sind mit einem erhöhten Suizidrisiko verbunden. Dies betrifft in besonderem Maße Patienten mit einer depressiven Störung, die nach einem Suizidversuch aufgenommen worden sind oder die weiterhin Suizidgedanken haben [1497], [1535]. Zudem gibt es Hinweise, dass wegen Suizidalität aufgenommene Patienten, die unmittelbar nach der Entlassung keine Behandlung wahrnehmen, auch signifikant seltener später irgendeine Behandlung in Anspruch nehmen [1536], [1537]. Entsprechend wichtig ist die Regelung der Nachbetreuung nach einer stationären Behandlung. Folgende Schritte im Umgang mit Patienten, die (a) wegen Suizidalität stationär aufgenommen worden sind und entlassen werden sollen bzw. (b) die nicht stationär aufgenommen werden, obwohl sie suizidales Verhalten zeigen oder ein erhöhtes Risiko für suizidales Verhalten aufweisen, werden als sinnvoll erachtet (mod. nach [1538]):

  • Vereinbarung fester persönlicher oder zumindest telefonischer Termine für die ersten Tage nach Entlassung;
  • Einbezug der Angehörigen oder anderer unterstützender Personen in die Entlassplanung;
  • Einbezug derjenigen Personen in die Entlassplanung, die professionell die weitere Behandlung übernehmen, vor der Entlassung zumindest mündlicher Bericht an sie;
  • vollständiger Bericht an den weiterbehandelnden Haus- und/oder Facharzt unmittelbar nach Entlassung (Diagnostik, bisherige Therapie und die Entlassplanung);
  • bei Verzicht auf eine stationäre Aufnahme trotz erhöhtem Risiko für suizidales Verhalten: Detaillierte schriftliche Aufzeichnungen, weshalb auf eine Aufnahme verzichtet wurde und welche Vereinbarungen über eine weitere Betreuung getroffen wurden.

Empfehlung/Statement

Empfehlungsgrad

3-124

Eine Nachuntersuchung von Patienten, die wegen Suizidalität stationär aufgenommen wurden, soll kurzfristig, maximal eine Woche nach Entlassung, geplant werden, da in der Zeit nach der Entlassung das Risiko für weitere suizidale Handlungen am höchsten ist.

LoE III: Beobachtungsstudie [1535]

A

3-125_mod_2015

Patienten, die wegen Suizidalität stationär behandelt wurden und einen Termin zur Nachuntersuchung nach Entlassung nicht wahrnehmen, sollen unmittelbar kontaktiert werden, um das Risiko für einen Suizid oder Selbstverletzungen abzuschwächen und abzuschätzen.

LoE Ib: RCTs [1497], [1527], [1531], [1532], [1533], [1534], [1535]

A


7 Derzeit ist bei den Selbstmanagementstrategien, z. B. mittels e-Health, in Deutschland noch nicht ausreichend geklärt, ob und wie diese im GKV-System eingesetzt und finanziert werden.
8 Die Metaanalyse bezieht sich auf medizinische Entscheidungshilfen.
9 Cytochrome P450 (CYP) sind die Superfamilie von Hämoproteinen mit enzymatischer Aktivität (Oxidase). Diese Enzyme sind u.a. an der Biosynthese von Steroiden, Prostaglandinen und Retinoiden beteiligt. Besondere Bedeutung besitzen sie auch für den Abbau (Metabolismus) von Fremdstoffen (Pharmaka, Xenobiotika). Es gibt zahlreiche Untertypen von Cytochrom P450. Wichtigste Vertreter im menschlichen Organismus sind: CYP 1A2, CYP 2C9, CYP 2D6, CYP 3A4, CYP 2C19.
10 Relative Ratio (RR): Wahrscheinlichkeit, mit der in einer Behandlungsbedingung ein besseres Ergebnis (hier: unter Lithiummedikation kein Suizid) gegenüber einer anderen Behandlungsbedingung erzielt wird.

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zuletzt verändert: 15.06.2017 12:42