NVL Chronische Herzinsuffizienz, 3. Auflage – Kurzfassung

5 Nicht-medikamentöse Therapie

Kommunikation, Motivation und Steigerung der Adhärenz

Empfehlungen/Statements

Empfehlungsgrad

5-1 [Hintergrund und Evidenz]

Alle Patienten mit chronischer Herzinsuffizienz und bei Einverständnis deren Angehörige sollen nach Diagnosestellung sowie wiederholt im Krankheitsverlauf zu aktiver Mitwirkung motiviert werden.

Starke Empfehlung

5-2 [Hintergrund und Evidenz]

Der Arzt-Patienten-Kontakt soll den Prinzipien einer patientenzentrierten Kommunikation folgen.

Starke Empfehlung

5-3 [Hintergrund und Evidenz]

Bei der Information und Schulung von Patienten mit chronischer Herzinsuffizienz sollen kognitive Einschränkungen und möglicherweise vorliegende psychische Probleme berücksichtigt und ggf. Angehörige einbezogen werden.

Starke Empfehlung

Strukturierte Schulungen

Empfehlungen/Statements

Empfehlungsgrad

5-4 [Hintergrund und Evidenz]

Patienten mit Herzinsuffizienz sollen nach Diagnosestellung und wiederholt im Krankheitsverlauf strukturierte Schulungen zu Schlüsselthemen und Selbsthilfekompetenzen empfohlen und vermittelt werden.

Starke Empfehlung

5-5 [Hintergrund und Evidenz]

Nach Meinung der Leitliniengruppe ist es notwendig, Voraussetzungen zu schaffen, um strukturierte Schulungsprogramme flächendeckend zur Verfügung stellen, implementieren und evaluieren zu können.

Statement

 Tabelle Tabelle 13: Inhalte strukturierter Schulungen für Patienten mit Herzinsuffizienz

Themenbereich

Wichtige Inhalte

Wissen über die Erkrankung

  • Ursachen, Symptome, typischer Verlauf, Prognose
  • Auswirkungen auf die Lebensqualität (Symptomatik, Belastungsintoleranz, Depression, reduziertes Sexualleben)
  • wichtige Untersuchungsmethoden
  • Überblick über die Behandlungsmöglichkeiten
  • häufige Begleit- und Folgeerkrankungen der Herzinsuffizienz

Nicht-medikamentöse Therapie und Lebensstil

  • Bedeutung eines gesunden Lebensstils für den Therapieerfolg
  • Bedeutung regelmäßiger körperlicher Aktivität im Alltag
  • Anregung zur Teilnahme an einem Trainingsprogramm (z. B. Herzsport­gruppe)
  • Empfehlungen zum Salz- und Flüssigkeitskonsum
  • Motivation zum Rauchverzicht, ggf. Verweis auf Hilfsangebote
  • Empfehlungen zum Alkoholkonsum
  • bei starkem Übergewicht: Motivation zur Gewichtsreduktion, ggf. Verweis auf Hilfsangebote
  • ggf. konkrete Zielvereinbarungen für Änderung des Lebensstils

Medikamentöse Therapie

  • Effekte und Ziele der medikamentösen Therapie
  • Therapiemöglichkeiten (Optionen, Dosierung, Nebenwirkungen)
  • Bedeutung der Therapietreue
  • Nutzen und Risiken von Selbstmedikation (OTC- sowie komplementäre/alternative Medikamente)
  • Impfempfehlungen

Invasive Therapie

  • wenn indiziert: CRT/Defibrillatoren/Herzunterstützungssysteme:
    • Indikationen, zu erwartende Effekte und mögliche Komplikationen
    • Notwendigkeit von Aggregatwechseln aufgrund Batterieerschöpfung
    • Möglichkeit des Abschaltens der Geräte am Lebensende
    • Berücksichtigung in Patientenverfügung
  • wenn indiziert: Erläuterung operativer oder interventioneller Therapieverfahren (z. B. Revaskularisierung, Operation von Klappenvitien)

Selbstmanagement

  • regelmäßige Kontrolle und Dokumentation von Gewicht, Puls und Blutdruck
  • wichtige Symptome für die Selbstbeobachtung
  • Warnzeichen, bei denen ein Arzt kontaktiert werden sollte ggf. eigenständige Dosierung von Diuretika

Sexuelle Aktivität

  • Möglichkeiten sexueller Aktivität/Belastungsgrenzen bei Herzinsuffizienz
  • Aufklärung zur Anwendung potenzfördernder Mittel
  • erektile Dysfunktion als Folge der Herzinsuffizienz und als mögliche Nebenwirkung von Medikamenten (insbesondere Betarezeptorenblocker)
  • Warnung vor eigenmächtigem Absetzen der Medikation

Psychosoziale Aspekte

  • Umgang mit der Herzinsuffizienz im Alltag
  • Zusammenhang von Herzinsuffizienz und depressiven Verstimmungen oder Angststörungen sowie kognitiver Dysfunktion
  • Auswirkungen auf die Adhärenz und prognostische Relevanz
  • Strategien zum Umgang mit Veränderungen und emotionalen Auswirkungen im familiären, beruflichen und sozialen Umfeld

Spezielle Versorgungsformen

  • Möglichkeiten strukturierter Versorgung (z. B. DMP, Herzinsuffizienz-Netzwerke, -Zentren oder -Ambulanzen; Telemonitoring)
  • Angebote der medizinischen Rehabilitation

Hilfsangebote

  • Hilfsmittel, z. B. Einnahmehilfen, Erinnerungssysteme, Notrufsysteme
  • Informations- und Unterstützungsangebote, z. B. Patientenmaterialien, Selbsthilfegruppen

Führen von Kraftfahrzeu­gen und Reisen

  • Fahrtauglichkeit
  • Mitnahme eines aktuellen Medikationsplans auf Reisen
  • Flugreisen: Medikation im Handgepäck; Risiken (Dehydratation, Ödeme, Thrombosen) und Kontraindikationen (z. B. Ruhedyspnoe)
  • Risiken bei Reisen in große Höhenlagen oder Gebiete mit hoher Luftfeuchtigkeit
  • Patienten mit Schrittmachern/ICD: besondere Hinweise, z. B. zu Sicherheitskontrollen auf Flughäfen und abweichenden Regelungen zur Fahreignung

Palliativversorgung

  • Möglichkeiten der palliativmedizinischen Betreuung (AAPV, SAPV)
  • Patientenverfügung, ggf. mit speziellen Regelungen zu ICD

Körperliche Aktivität und Training

Empfehlungen/Statements

Empfehlungsgrad

5-6 [Hintergrund und Evidenz]

Patienten mit chronischer Herzinsuffizienz soll empfohlen werden, körperlich aktiv zu sein.

Starke Empfehlung

5-7 [Hintergrund und Evidenz]

Patienten mit chronischer Herzinsuffizienz soll eine langfristige strukturierte Trainingsintervention empfohlen und ggf. vermittelt werden.

Starke Empfehlung

5-8 [Hintergrund und Evidenz]

Nach Meinung der Leitliniengruppe ist es notwendig, Voraussetzungen zu schaffen, um strukturierte Trainingsprogramme speziell für Patienten mit Herzinsuffizienz (in Herzinsuffizienz-Gruppen) flächendeckend zu implementieren.

Statement

5-9 [Hintergrund und Evidenz]

Das Trainingsprogramm bei Patienten mit Herzinsuffizienz soll auf einem Ausdauertraining basieren, das um ein dynamisches Krafttraining ergänzt werden kann.

Starke Empfehlung

5-10 [Hintergrund und Evidenz]

Die individuelle Intensität eines strukturierten Ausdauertrainings von Patienten mit Herzinsuffizienz sollte pulsfrequenzgesteuert nach den Ergebnissen einer (Spiro-) Ergometrie festgelegt werden.

Abgeschwächte Empfehlung

 Algorithmus Abbildung 5: Beispieltrainingsplan

Phase I

Woche 1-2

"Start low"

Kontinuierliches Ausdauertraining:

  • Umfang: 5-10min (langsam steigern)
  • Häufigkeit: täglich, auch mehrmals täglich
  • Intensität: 40-50% VO2peak

Phase II

Woche 3-4

"Go slow"

Kontinuierliches Ausdauertraining:

  • Umfang: 10-15min (langsam steigern)
  • Häufigkeit: täglich, auch 2-mal täglich
  • Intensität: 50-60% VO2peak

Phase III

Woche 5-7

Kontinuierliches Ausdauertraining:

  • Umfang: 15-20min (langsam steigern)
  • Häufigkeit: täglich
  • Intensität: 50-60% VO2peak
  • ergänzend: dynamisches Krafttraining 2-mal pro Woche

Phase IV

Woche 8-12

Kontinuierliches Ausdauertraining:

  • Umfang: 20-30min (langsam steigern)
  • Häufigkeit: 3-4 mal pro Woche
  • Intensität: 50-60% VO2peak
  • ergänzend: dynamisches Krafttraining 2-mal pro Woche

Alternativ: Kombination von kontinuierlichem und Intervalltraining:

  • kontinuierliches Ausdauertraining 3-mal pro Woche, 20-30 min, 50-60% VO2peak
  • Intervalltraining 1- bis 2-mal pro Woche, 20 min, 60-80% VO2peak
  • 1 Tage Pause nach Intervalltraining
 Tabelle Tabelle 14: Trainingsintensität nach maximaler Sauerstoffaufnahme und Herzfrequenzreserve (nach 28515)

Trainingsintensität

% VO2peak*

Faktor für Karvonenformel**

moderat

< 60

0,6-0,7

moderat-intensiv

60-84

0,7-0,8

intensiv

85-89

0,8-0,9

hoch intensiv

≥ 90

> 0,9

* VO2peak ermittelt in Spiroergometrie

** Karvonenformel: Trainingsherzfrequenz = (Maximale Herzfrequenz−Ruheherzfrequenz) x Faktor + Ruheherzfrequenz

 Tabelle Tabelle 15: Beispiele für die Intensität körperlicher Aktivität (modifiziert nach 25642)

Intensität

Körperliche Aktivität

MET

Borg-Skala

Talk Test

% HFmax

leicht

Gehen/Spazieren < 4,7 km/h, leichte Hausarbeit

1,1-2,9

10-11

 

35-54

moderat

schnelles Gehen (4,8-6,5 km/h), langsames Radfahren (15 km/h in der Ebene), Streichen/Dekorieren, Staubsaugen, Rasenmähen), Aquagymnastik, Tanzen

3-5,9

12-13

beschleunigte Atmung; Unterhaltung in ganzen Sätzen möglich

55-69

schwer

Joggen/Laufen, Fahrradfahren >15 km/h, Ausdauer-Schwimmen, schwere Gartenarbeit (Umgraben, Hacken)

≥ 6

14-16

sehr schwere Atmung; entspannte Unterhaltung unmöglich

70-89

MET: Metabolisches Äquivalent. Borg-Skala: individuelles Beanspruchungsempfinden bei körperlichen Belastungen. Einordnung der subjektiv empfundenen Intensität der Belastung auf einer Skala von 6 bis 20 Punkten 25860; Talk-Test: Sprechtest; HFmax: Maximale Herzfrequenz

Ernährung und Gewicht

Empfehlungen/Statements

Empfehlungsgrad

5-11 [Hintergrund und Evidenz]

Bei Patienten mit stabiler chronischer Herzinsuffizienz soll sich die Flüssigkeitszufuhr an kurzfristigen Veränderungen des Gewichts im Verlauf sowie der Nierenfunktion orientieren.

Starke Empfehlung

5-12 [Hintergrund und Evidenz]

Patienten mit chronischer Herzinsuffizienz sollte eine Salzrestriktion < 6 g pro Tag nicht empfohlen werden.

Abgeschwächte Negativ-Empfehlung

5-13 [Hintergrund und Evidenz]

Eine diätetische Behandlung mit dem Ziel einer Gewichtsreduktion sollte Patienten mit chronischer Herzinsuffizienz nicht regelhaft empfohlen werden.

Abgeschwächte Negativ-Empfehlung

Tabak- und Alkoholkonsum

Empfehlungen/Statements

Empfehlungsgrad

5-14 [Hintergrund und Evidenz]

Rauchenden Patienten mit chronischer Herzinsuffizienz soll Tabakabstinenz empfohlen werden. Unterstützende Maßnahmen zur Tabakentwöhnung sollen vermittelt werden.

Starke Empfehlung

5-15 [Hintergrund und Evidenz]

Patienten mit alkoholtoxischer Kardiomyopathie soll strikte Alkoholkarenz empfohlen und ihnen soll Unterstützung zur Abstinenz angeboten werden.

Starke Empfehlung

5-16 [Hintergrund und Evidenz]

Patienten mit chronischer Herzinsuffizienz, die nicht auf einer alkoholtoxischen Kardiomyopathie beruht, sollte empfohlen werden, Alkohol allenfalls in den allgemein empfohlenen Mengen zu konsumieren.

Abgeschwächte Empfehlung

Selbstmanagement

Empfehlungen/Statements

Empfehlungsgrad

5-17 [Hintergrund und Evidenz]

Patienten mit chronischer Herzinsuffizienz soll empfohlen werden, ihr Gewicht täglich zu messen, zu dokumentieren und bei einem unüblichen, kurzfristigen Gewichtsanstieg den behandelnden Arzt zu benachrichtigen.

Starke Empfehlung

5-18 [Hintergrund und Evidenz]

Bei symptomatischen Patienten mit chronischer Herzinsuffizienz soll geprüft werden, ob sie auf Grundlage des Gewichtsprotokolls ihre Diuretikadosis selbstständig anpassen können.

Starke Empfehlung

NVL Chronische Herzinsuffizienz, 3. Auflage, 2019. Version 3 – Kurzfassung
Wird geladen