8 Prävention

NVL Nicht-spezifischer Kreuzschmerz

2. Auflage, 2017. Version 1 – Druckversion (PDF ) | Kapitelübersicht | weitere Informationen

Präventiven Bestrebungen zur Verhinderung von nicht-spezifischen Kreuzschmerzen und deren Chronifizierung kommt – angesichts der beträchtlichen gesundheitspolitischen und -ökonomischen Relevanz – ein großer Stellenwert zu. Dabei gilt es, die multifaktorielle Genese von Kreuzschmerzen zu berücksichtigen und das Bewusstsein der Gesellschaft und der Betroffenen zu schärfen.

Ziel dieses Kapitels ist es, einen Überblick über die aktuelle Evidenz und konkrete Empfehlungen zu präventiven Maßnahmen der Kreuzschmerzen zu geben. Maßnahmen zur Sekundär- und Tertiärprävention (siehe Glossar) werden darüber hinaus auch in den Kapiteln Diagnostik, Therapieplanung, nicht-medikamentöse Therapie und multimodale Behandlungskonzepte beschrieben und empfohlen.

Die Evidenzlage bezüglich primär-präventiver Maßnahmen (siehe Glossar) ist schwach, v. a. was die Nachhaltigkeit präventiver Maßnahmen angeht. Evidenzbasierte Empfehlungen für die Primärprävention zu formulieren ist kaum möglich, da aufgrund der hohen Lebenszeitprävalenz [323] die Studien meist über den primärpräventiven Aspekt hinausgehen.

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8.1 Körperliche Aktivität und Bewegung

Empfehlungen/Statements

Empfehlungsgrad

8-1

Körperliche Bewegung soll den Betroffenen zur Vermeidung oder Verkürzung von Kreuzschmerzepisoden und Arbeitsunfähigkeit empfohlen werden.

Literatur [324], [325], [143], [165]

"soll": Empfehlungsgrad A; starke Empfehlung

8-2

Die Form der Bewegung soll sich nach den individuellen Präferenzen und Voraussetzungen der Betroffenen richten.

Literatur [168]

"soll": Empfehlungsgrad A; starke Empfehlung

Für den positiven Einfluss körperlicher Bewegung im Hinblick auf die Prävention erneuter Schmerzepisoden und die Vorbeugung von Arbeitsunfähigkeit bedingt durch Kreuzschmerzen gibt es in der Literatur gute Hinweise [324], [325], [143], [165]. Die Effekte in Bezug auf die Reduktion der Krankheitstage sind jedoch sehr gering [143]. Es wurden keine Hinweise gefunden für besonders wirksame Aktivitätsformen oder Übungen (spezielle oder allgemeine Trainingsübungen) bzw. zu Häufigkeit und Intensität.

Grundsätzlich fördert körperliche Bewegung die allgemeine Gesundheit und Fitness. Dabei kommt es vielmehr auf die Regelmäßigkeit der Bewegung als auf bestimmte Bewegungsformen an. Allerdings zeigt die Erfahrung, dass Personen, die nicht erkrankt sind, mitunter nur schwer zu motivieren sind, regelmäßig präventive Aktivitäten zu absolvieren. Personen mit überwiegend körperlich aktiver Tätigkeit am Arbeitsplatz sind zwar bereits in Bewegung, können aber durch die Einseitigkeit ihrer Tätigkeiten besonders gefährdet sein [326]. Hier kann eine ausgleichende Aktivität im Freizeitbereich risikomindernd wirken. Sinnvollerweise entscheiden Patient und Arzt gemeinsam, welche Form und welches Ausmaß der körperlichen Aktivität geeignet ist, beruhend auf den Präferenzen des Betroffenen, seiner Alltagsumstände und seiner Fitness [168].

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8.2 Edukation (Information/Schulung)

Empfehlungen/Statements

Empfehlungsgrad

8-3

Information und Schulung – basierend auf einem biopsychosozialen Krankheitsmodell über die Entstehung und den Verlauf von Kreuzschmerzen – sollten in die Prävention einbezogen werden.

Literatur [324], [327], [328], [122], [123], [118]

sollte

Mehrere systematische Übersichtsarbeiten [324], [327], [328], [122] finden keine hinreichenden Belege dafür, dass Edukation als alleinige Maßnahme zur Primär- und Sekundärprävention von Kreuzschmerzen den gewünschten Effekt (Vermeidung (weiterer) Schmerzepisoden und/oder AU-Tage) liefert. Auch im Bereich der Tertiärprävention zeigen sich positive Effekte nur in Verbindung von Informationsmaterialien mit aktivierenden Maßnahmen [123], [118]. Die Leitlinienautoren sehen dennoch gerade für Patienten mit erhöhtem Chronifizierungsrisiko und niedrigerem sozioökonomischem Status einen Bedarf für die Informationsvermittlung.

Die Inhalte reichen von der reinen Wissensvermittlung (Informationen über die Erkrankung in Form von Broschüren, Büchern, Vorträgen und Schulungen) bis hin zu Techniken zur Verhaltensänderung. Gute Konzepte für Patientenschulungen verbinden verschiedene Methoden zur Erreichung von Wissenserwerb, Training von individuellen Fertigkeiten, Motivation zu gesundheitsgerechtem Lebensstil, Krankheitsbewältigung und Training krankheitsspezifischer sozialer Kompetenz. Zu den wichtigsten Zielen der präventiven Edukation zählen die dauerhafte Motivation zur regelmäßigen körperlichen Aktivität, die Stärkung der Eigeninitiative der Patienten und der Abbau von Ängsten (Fear-Avoidance-Beliefs).

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8.3 Maßnahmen am Arbeitsplatz

Empfehlungen/Statements

Empfehlungsgrad

8-4

Maßnahmen am Arbeitsplatz (ergonomische Gestaltung, Verhaltensprävention, Förderung der Arbeitsplatzzufriedenheit) sollten zur Prävention von Kreuzschmerzen eingesetzt werden.

Literatur [329], [330], [331], [332]

sollte

Der primär-präventive Einsatz verschiedener ergonomischer Stühle und Fahrzeugsitze als auch der Einsatz mechanischer Hilfsmittel hatten keinen Einfluss auf die Inzidenz von Kreuzschmerzen verglichen mit Standardmöbeln bzw. keinen Hilfsmitteln [329], [330]. Auch Maßnahmen der Verhaltensprävention (siehe Glossar) wie das theoretische und praktische Training von Handling- und Hebetechniken erbrachte keine Effekte bezüglich der Prävention von Kreuzschmerzen [330], [331]. Zudem wurden die während der Ausbildung erlernten Prinzipien nicht konsequent in der Arbeitsumgebung umgesetzt [331]. Im Rahmen der Tertiärprävention führten physikalisch-ergonomische Interventionen nicht zu einer Reduktion der Prävalenz von Kreuzschmerzen (RR 1,03 (95% KI 0,86; 1,22)) [332]. Die betrachteten Studien wiesen eine starke Heterogenität auf und die Beobachtungszeiträume waren zum Teil sehr kurz.

Zu den Maßnahmen am Arbeitsplatz gehören auch Maßnahmen zur Förderung der Arbeitsplatzzufriedenheit (z. B. Anerkennung, Pausenregelungen, Team Building etc.), Übersichtsarbeiten zu diesem Thema konnten jedoch nicht gefunden werden. Trotz der widersprüchlichen Evidenzlage sprechen sich die Autoren der Leitlinie für den Einsatz präventiver Maßnahmen im Sinne des Arbeitsschutzes aus. Ziel ist es, die Aufmerksamkeit der Arbeitnehmer für ein rückenschonendes Verhalten zu schärfen bzw. bei aufgetretenen Kreuzschmerzen frühzeitig zu intervenieren.

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zuletzt verändert: 15.06.2017 13:47