7. Deutsches Gesundheitswesen

Die DELBI-Domäne 7 "Anwendbarkeit im deutschen Gesundheitssystem" (Kriterien 24-29) beschreibt zusätzliche Qualitätskriterien einer Leitlinie, die im deutschen Gesundheitswesen zur Anwendung kommen soll.

24. Es liegen Empfehlungen zu präventiven, diagnostischen, therapeutischen und rehabilitativen Maßnahmen in den verschiedenen Versorgungsbereichen vor.

Trifft überhaupt nicht zu

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Trifft uneingeschränkt zu

Eine Leitlinie kann – je nach dem Bereich und den Zielen, für die sie erstellt wurde – Empfehlungen für unterschiedliche Behandlungsebenen oder -zusammenhänge beinhalten. Diese können unmittelbar adressiert sein, d. h., der adressierte Bereich ist von den Zielen und Definitionen der Leitlinie erfasst und vollinhaltlich Gegenstand der Leitlinie, oder sie sind nur mittelbar als Schnittstellen adressiert. Im Wesentlichen geht es dabei um die Versorgungsbereiche Diagnostik, Prävention und Gesundheitsförderung, hausärztliche oder fachärztliche ambulante Krankenversorgung, Krankenhausversorgung, ambulante oder stationäre Rehabilitation.

  • Das Statement muss mit "Trifft überhaupt nicht zu" "1" beantwortet werden, wenn die Leitlinie keine Empfehlungen zur Entscheidung hinsichtlich verschiedener Versorgungsbereiche enthält.
  • Für eine Beantwortung mit "2" ist es erforderlich, dass die Leitlinie grundsätzliche Empfehlungen zur Entscheidung enthält, die klar zwischen ambulant noch möglichen oder stationär schon benötigten Behandlungsmöglichkeiten unterscheiden.
  • Für eine Beantwortung mit "3" ist es erforderlich, dass die Leitlinie für die wesentlichen Empfehlungen klare Angaben zur Entscheidung enthält, ob die Leistung "ambulant möglich" oder "stationär notwendig" ist. Diese umfassen, wenn indiziert, auch den Bereich der Rehabilitation.
  • Für eine Antwort mit "Trifft uneingeschränkt zu" "4" ist es erforderlich, dass die Leitlinie möglichst durchgängig Empfehlungen zur Entscheidung hinsichtlich der Versorgungsbereiche enthält. Diese umfassen alle in Frage kommenden Bereiche und sind nach Möglichkeit mit Studienergebnissen belegt. Darüber hinaus sind ggf. auch mittelbare Schnittstellen adressiert. Aus den Angaben sollte insgesamt klar werden, in welchem Krankheitsstadium oder mit welcher Problemkonstellation ein Patient primär in welchem Versorgungsbereich verbleiben muss (z. B. Führung eines Patienten mit Z. n. Herztransplantation an der Krankenhausambulanz oder beim niedergelassenen Kardiologen, Führung des Patienten mit leichtem Asthma beim Hausarzt, mit schwerem Asthma oder Sonderformen beim Pneumologen, Indikation zu ambulanten oder stationären Rehabilitationsmaßnahmen).

25. Es existieren Angaben, welche Maßnahmen unzweckmäßig, überflüssig oder obsolet erscheinen.

Trifft überhaupt nicht zu

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Trifft uneingeschränkt zu

Evidenzbasierte Leitlinien zeigen in ihren Empfehlungen, basiert auf aktuellen Daten zu Diagnostik, Therapie u. a. m., notwendige und sinnvolle Maßnahmen auf. Anhand der Bewertung von Studien und weiteren Quellen können so auch in Bezug auf die Ziele der Leitlinie unzweckmäßige, überflüssige oder obsolete Maßnahmen adressiert werden. Eine Leitlinie sollte nach Möglichkeit neben den umzusetzenden Empfehlungen auch auf nicht mehr umzusetzende Empfehlungen hinweisen. Um den Umfang einer Leitlinie jedoch nicht ausufern zu lassen, sollten nur die wichtigsten (z. B. klar obsolete Maßnahmen) in der Leitlinie selbst aufgezeigt werden, weitergehende Angaben können ggf. in einem Leitlinien-Report dargestellt werden.

  • Das Statement muss mit "Trifft überhaupt nicht zu" "1" beantwortet werden, wenn die Leitlinie keine Angaben zu unzweckmäßigen, überflüssigen oder obsoleten Maßnahmen enthält.
  • Für eine Beantwortung mit "2" ist es erforderlich, dass die Leitlinie Angaben zu unzweckmäßigen, überflüssigen und obsoleten Maßnahmen enthält.
  • Für eine Beantwortung mit "3" ist es erforderlich, daß die Leitlinie Angaben zu unzweckmäßigen, überflüssigen und obsoleten Maßnahmen einschließlich Angaben zu den jeweiligen Empfehlungsgraden ("Grade of Recommendation") enthält.
  • Für eine Antwort mit "Trifft uneingeschränkt zu" "4" ist es ergänzend dazu erforderlich, dass die dazu durchgeführte systematische Literaturrecherche und Bewertung dargelegt ist. Dies kann in der Leitlinie selbst oder in einem Leitlinien-Report (siehe Kriterium 29) erfolgen, wobei die Existenz eines Leitlinien-Reports klar aus der Leitlinie hervorgehen muss.

26. Die klinische Information der Leitlinie ist so organisiert, dass der Ablauf des medizinischen Entscheidungsprozesses systematisch nachvollzogen wird und schnell erfassbar ist.

Trifft überhaupt nicht zu

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Trifft uneingeschränkt zu

Leitlinien sollten den Ablauf eines medizinischen Entscheidungsprozesses in der Versorgung abbilden. Die Präsentation sollte mit einem klar formulierten Problem beginnen, und zwar so, dass eine eindeutige Fragestellung für eine spezifische klinische Situation in der Leitlinie beantwortet wird. Es sollten die Entscheidungssituationen und Handlungsempfehlungen, die zur definitiven Lösung (dem erwünschten Gesamtergebnis) führen, unter Verwendung einer konditionalen (wenn-dann) Logik dargelegt werden (sog. "klinischer Algorithmus").

  • Das Statement muss mit "Trifft überhaupt nicht zu" "1" beantwortet werden, wenn die Leitlinie die Informationen so bereitstellt, dass ein medizinischer Entscheidungsprozess nicht logisch abgebildet wird und nicht schnell nachvollziehbar ist.
  • Für eine Beantwortung mit "2" ist es erforderlich, dass die Leitlinie die klinische Information so enthält, dass ein nachvollziehbarer Ablauf beschrieben wird.
  • Für eine Beantwortung mit "3" ist es ergänzend erforderlich, dass die Nachvollziehbarkeit durch tabellarische oder grafische (Flussdiagramme) Aufarbeitung unterstützt wird.
  • Für eine Antwort mit "Trifft uneingeschränkt zu" "4" ist es darüber hinaus erforderlich, dass wichtige Entscheidungssituationen, in denen vom regulären Ablauf abgewichen werden muss (Verzweigungspunkte, z. B. Eintreten einer Notfallsituation) und alternative Versorgungsabläufe (z. B. für Notfälle oder für die verschiedenen Versorgungsbereiche) dargestellt werden.

27. Es ist eine Strategie / ein Konzept für die einfache Zugänglichkeit und für die Verbreitung der Leitlinie dargelegt.

Trifft überhaupt nicht zu

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Trifft uneingeschränkt zu

Da eine alleinige Verbreitung der Leitlinie (z. B. über Fachzeitschriften) nur einen Teil der Anwender erreicht, ist eine Verbreitung über verschiedene Wege sinnvoll, so dass ein breiter Zugang zur Leitlinie gesichert ist. Die Zugänglichkeit einer Leitlinie kann beispielsweise durch kostenlose Verfügbarkeit im Internet (inklusive Einstellung in die wesentlichen Leitlinien-Datenbanken) oder Beilage zu offiziellen Publikationsorganen der Anwendergruppen befördert werden. Auf die Existenz der Leitlinie sollte bei der Veröffentlichung möglichst breit hingewiesen werden. Die Leitlinie sollte Bezugshinweise auf alle verfügbaren Versionen enthalten, so dass der Anwender direkt auf weiteres Material hingewiesen wird.

  • Das Statement muss mit "Trifft überhaupt nicht zu" "1" beantwortet werden, wenn die Leitlinie kein Konzept für die einfache Zugänglichkeit / die Verbreitung der Leitlinie formuliert hat.
  • Für eine Beantwortung mit "2" ist es erforderlich, dass die Leitlinie selber einfach zugänglich ist, d. h. sie zugänglich veröffentlicht ist (z. B. Publikation in den Druckmedien).
  • Für eine Beantwortung mit "3" ist es erforderlich, dass die Leitlinie mit ergänzenden Materialien außer in der gedruckten Form mindestens in einer möglichst überall verfügbaren und schnell zu beschaffenden Version existiert. Dies kann z. B. eine PDF-Version der gedruckten Fassung sein, die nach Möglichkeit kostenlos erhältlich sein sollte.
  • Für eine Antwort mit "Trifft uneingeschränkt zu" "4" ist es erforderlich, dass die Leitlinie mit ergänzenden Materialien in einem offenen, übergreifenden Forum veröffentlicht wurde. In ihr sind Hinweise auf alle verfügbaren Versionen und Informationsquellen enthalten.

28. Ein Konzept zur Implementierung der Leitlinie wird beschrieben.

Trifft überhaupt nicht zu

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Trifft uneingeschränkt zu

Unter der Implementierung versteht man den Transfer von Handlungsempfehlungen in individuelles Handeln bzw. Verhalten von Ärzten und anderen Leistungserbringern, von Patienten und anderen Betroffenen [25]. Um diesen Transfer erfolgreich zu gestalten, müssen im Allgemeinen verschiedene, sich ergänzende Maßnahmen im Sinne eines komplexeren Konzeptes umgesetzt werden.
Dazu zählen u. a. Überlegungen, wie die Empfehlungen an bereits etablierte Institutionen und Gruppen gelangen können, wie z. B. Qualitätszirkel und Selbsthilfegruppen, und wie sie Bestandteil von Praxis- oder Klinikinformationssystemen werden können, um eine direkte Verfügbarkeit beim Patientenkontakt sicher zu stellen. Ein weiteres Element des Implementierungskonzeptes ist die Einbringung der Leitlinien in die Aus-,Weiter- und Fortbildung von Ärzten und anderen Gesundheitsberufen.

  • Das Statement muss mit "Trifft überhaupt nicht zu" "1" beantwortet werden, wenn die Leitlinie kein Konzept zur Implementierung vorschlägt / aufzeigt.
  • Für eine Beantwortung mit "2" ist es erforderlich, dass die Leitlinie einen allgemeinen Plan für die Implementierung aufzeigt.
  • Für eine Beantwortung mit "3" ist es erforderlich, dass die Leitlinie durch einen detaillierten Implementierungsplan die Einbeziehung der relevanten Nutzer gewährleistet, z. B. Arztgruppen, die regelmäßig Patienten der Leitlinie behandeln oder mitbehandeln.
  • Für eine Antwort mit "Trifft uneingeschränkt zu" "4" ist es erforderlich, dass darüber hinaus dargelegt ist, wie die Leitlinie Eingang in die Aus-, Weiter- und Fortbildung finden soll. Ergänzend ist für das Konzept der Implementierung ein Rückkoppelungsmechanismus vorgesehen, mit dessen Hilfe die Implementierung überwacht und Verbesserungspotenziale identifiziert werden können.

29. Der Leitlinie ist eine Beschreibung zum methodischen Vorgehen (Leitlinien-Report) hinterlegt.

Trifft überhaupt nicht zu

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Trifft uneingeschränkt zu

Die methodische und inhaltliche Arbeit von Leitlinien-Autoren / -Erstellern ist sehr umfangreich und verläuft u. U. in verschiedenen Gruppen in mehrmaligen Beratungs- und Entscheidungsprozessen.
An allen Entscheidungspunkten sind dem späteren Anwender gegenüber Darlegungen erforderlich, um die getroffenen Entscheidungen nachvollziehbar und die Leitlinie letztlich anwendbar zu machen. Insbesondere bei den Entscheidungen, die zur Aufnahme oder Ablehnung von Empfehlungen führen, ist diese Darlegung von ganz besonderer Bedeutung.

  • Das Statement muss mit "Trifft überhaupt nicht zu" "1" beantwortet werden, wenn die Leitlinie keinerlei Angaben zum methodischen Vorgehen bei der Erstellung benennt.
  • Für eine Beantwortung mit "2" ist es erforderlich, das die Leitlinie die geleistete methodische Arbeit zusammenfassend so beschreibt, dass ein Nachvollziehen der Arbeits- und Entscheidungsschritte möglich wird.
  • Für eine Beantwortung mit "3" ist es erforderlich, dass die geleistete methodische Arbeit so dargelegt ist, dass für die wesentlichen Empfehlungen alle Arbeits- und Entscheidungsschritte nachvollziehbar sind.
  • Für eine Antwort mit "Trifft uneingeschränkt zu" ("4") ist es erforderlich, dass ein ausführlicher Leitlinien-Report mit vollständiger Darlegung der Entscheidungsbasis und aller Entscheidungsschritte und auch der Darlegung der ausgeschlossenen Empfehlungen vorliegt. Dazu zählt u. a. eine Darlegung des Inhaltes, der Anwesenden und der Abstimmungs- oder Beschlussergebnisse aus den Leitlinien-Sitzungen.
zuletzt verändert: 23.09.2016 00:05